Um 1990
Die Postleitzahlen waren noch vierstellig und ich brauchte das Geld
Als Student habe ich um 1990 herum einige Male Jobs über die studentische Arbeitsvermittlung der TU-Berlin ergattert. An das Vergabeverfahren der TUSMA (für TU-Studenten Machen Alles) erinnere ich mich wie folgt: Das Büro neben der Mensa in der Hardenbergstraße öffnet früh um 7. Schon ab 6 bildet sich in einem Vorraum im Erdgeschoss eine lange Warteschlange. Beim Öffnen des Büros bekommt jedeR eine Losummer. Ob diese Nummern drei- oder vierstellig waren, weiß ich zum Zeitpunkt des Aufschreibens (2019) nicht mehr.
Das Büro selbst liegt im 1. Stock und sieht ein bisschen wie irgendein Amt aus – gläserne Schalter, Wände voller Aushänge, Bänke für die Wartenden. Nur dass sowohl vor als auch hinter den Schaltern zerzauste Studenten herumhängen.
Die Nummern gelten für die Jobverlosung des jeweiligen Tages. Die Jobs werden ausgerufen und der- oder diejenige mit der niedrigsten Losnummer bekommt den Zuschlag in Form eines Vermittlungsscheins, den man dem Arbeitgeber vorlegen muss und über den später auch abgerechnet wird.
Manche Jobs, die spezielle Qualifikationen wie Computerkenntnisse, einen LKW-Führerschein oder ein Gesundheitszeugnis erfordern, und solche, die besonders unangenehm oder schlecht bezahlt sind, können im ersten Anlauf nicht vergeben werden und werden dann ausgehängt.
Ob und wie verhindert wird, dass eine Person zwei Nummern zieht oder dass Nummern weitergereicht werden weiß ich nicht mehr. Um an der Verlosung teilzunehmen, muss man TUSMA-Mitglied mit entsprechendem Ausweis sein. Vielleicht werden irgendwo Ausweisnummern und Losnummern notiert.
Aus dem System ergeben sich jedenfalls einige spieltheoretische Überlegungen. Unter anderem meine ich, die Nummern wären nicht fortlaufend vergeben worden. Wenn man also z.B. bei geschätzt 150 Kandidaten die Losnummer 14 von 999 hatte, war unklar, wie viele bessere Nummern im Rennen waren oder ob das vielleicht sogar das beste Los des Tages war. Dann waren die angebotenen Jobs natürlich von unterschiedlicher Dauer und nicht gleich angenehm und gut bezahlt. Und sie wurden nicht gleichzeitig ausgerufen. Es konnte gut sein, dass um 9 Uhr noch interessante Angebote hereinkamen, wenn der erste Ansturm längst abgeflaut war.
Selbst mit einer guten Nummer steht man also vor der Wahl, ob man lieber bei zwei Tagen Aushilfe in der Fabrik zuschlagen soll oder auf so etwas luxuriöses wie einen Komparsenjob oder das Überführen irgendwelcher Limousinen warten. Und bei der Warterei riskieren, dass am Ende doch noch jemand eine niedrigere Nummer hat. Je nach Vertrauen in ihre Chancen gehen die Leute auch irgendwann einfach und manche kommen nach einer Weile mit einem Kaffee zurück.
Einer der Jobs, an die ich auf diese Weise gelange, ist das Sortieren von Post in einem Postamt an der Möckernstraße. Man bekommt einen Sack Post, vermutlich direkt aus einem Briefkasten, und muss die Briefe und Karten entsprechend der ersten zwei Stellen der maximal vierstelligen Postleitzahl in Fächer sortieren. Die Wand vor mir sieht aus wie ein überdimensionaler Setzkasten und hat Fächer für alle bundesrepublikanischen Postleizahlgebiete, also "53" für Bonn, "46" für Dortmund, usw.
Die Berliner Briefkästen verfügen schon über zwei Einwurfschächte – je einen für Berlin (West) und den Rest der Welt. Gibt es in meiner Wand ein Berliner Fach oder sogar mehrere mit den Nummern der Zustellbezirke, z.B. "1000 Berlin 44" für Neukölln? Ich weiß es nicht mehr. Da diese Tätigkeit vor der Wende stattfindet, gibt es auch keine Fächer mit ostdeutschen Postleitzahlen.
Sendungen, die unvollständig, unleserlich oder erkennbar falsch adressiert sind, werden aussortiert und irgendwie gesondert weiterverarbeitet. Die sortierten Sendungen werden auf der Rückseite der Fächerwände von anderen Mitarbeitern eingesammelt und dann vermutlich für den weiteren Transport separat in einen Bonner, einen Dortmunder usw. Postsack gesteckt.
Manchmal kommt die Post auch nicht in Säcken, sondern säuberlich gestapelt in Kartons. Das sind dann Werbesendungen oder anderer Postausgang von Firmen. Diese Stapel nimmt man natürlich gern, weil die Briefe einerseits einheitlich groß und bereits sauber hintereinander gepackt sind und andererseits schon maschinell mit gut leserlichen Postleitzahlen bedruckt.
Ich mache diesen Job nur etwa drei Tage. Er unterscheidet sich deutlich von den Produktions- und Bauhelferarbeiten, die ich sonst in der Zeit so übernehme. Man ist drinnen, es ist leise und sauber, niemand gibt einem Anweisungen, es gibt keine Erfolgskontrolle. Die Arbeit findet zwar im Stehen statt, ist aber ansonsten nicht anstrengend und angenehm einförmig. Ganz in Tagträume abdriften darf man aber auch nicht, denn das stetige Entziffern der Zahlen erfordert so eine Art halber Konzentration.
Ob man diese Tätigkeit irgendwann so weit internalisiert bekommt, wie z.B. das Autofahren, und sich dann dabei unterhalten kann, finde ich nie heraus. Ich brauche nach Feierabend eine Weile, um abzuschalten und nicht instinktiv auf die Ziffern von Hausnummern und Nummernschildern zu fokussieren und keine Postadressen mehr zu sehen, sobald ich die Augen schließe.
(Virtualista)












