Freundinnen im Unglück: Ein Brief der Ehefrau des Politgefangenen Alexej Polihovich
Auf unserer Seite gibt es die Rubrik Tagebuch einer Braut, in der Anna, die Verlobte Alexej Gaskarovs, uns ihre Gedanken bezüglich seiner Verhaftung mitteilt. In einer ähnlichen Lage sind auch andere Angehörige politischer Gefangener in ganz Russland und konkreter, derjenigen, die im Zusammenhang mit den Ereignissen des 6. Mai sitzen. Tatjana, eine andere junge Frau, wartet bereits ein ganzes Jahr auf ihren Mann Alexej Polihovich. Um ihre Solidarität auszudrücken, schickte sie uns einen Brief, in dem sie offenbart, wie schwer es ihr und ihrer Familie fällt, diese Zeit zu überstehen und wie langwierig der Kampf sein wird, bis alle Leute wieder frei sind.
Das Kollektiv von Gaskarov.info unterstützt nachdrücklich die Forderung nach der Freilassung Alexej Polihovichs. Wir werden die Situation der Politgefangenen in Russland auch weiterhin durch Informationsverbreitung und Protestaktionen beleuchten und thematisieren.
Wir würden wahrscheinlich zusammenwohnen, hätten irgendwo eine kleine Mietwohnung, würden arbeiten und uns einen Kater anschaffen (Ljesha vergöttert Katzen), einen Gauner und Rowdy, der die Tapeten zerfetzen würde. Aber wir würden ihn trotzdem unendlich lieben und ihn mit allerhand Leckereien verwöhnen. In diesem Sommer wären wir ans Meer gefahren oder hätten eine kleine Städtereise gemacht, entweder zu zweit oder mit Freunden_innen.
Wir würden fast jeden Morgen nebeneinander aufwachen, uns über verschiedene Kleinigkeiten streiten, hätten hitzige Diskussionen über Nachrichten, Bücher, Zeitungsartikel, Ideen. Wir würden einander widersprechen aber schließlich – das weiß ich genau – immer einen Konsens finden.
Ich denke ständig daran, was wäre, wenn. Und das bringt mich immer zurück in die Realität.
25. Juli 2012: Am Abend haben wir uns an der Metro-Station verabschiedet und abgemacht, dass wir uns am nächsten Morgen oder tagsüber bei einander melden. Ljesha ist nachhause gefahren und ich blieb über Nacht bei einem Freund.
Ein ganz gewöhnlicher Tag. Ein ganz gewöhnlicher Abend. Und dann geschah das, worauf wir absolut nicht vorbereitet waren.
Anrufe seiner Großeltern, Baldrian und Versammlungen, die nächtliche Petrovka und eine Suche. Jemand ruft an, sagt irgendetwas, der Morgen, ein Anwalt, die Eltern und ein ganzer Tag des Hin- und Herfahrens, Journalisten_innen, die Nacht, der Versuch, zu schlafen. Und schon ist es Freitag, der 27. Juli, das Basmann-Gerichtsgebäude, die Verhaftung.
Einatmen, Ausatmen.
Juli 2013: Die Hochzeit von Sasha Duhanina
Ich ziehe es vor, daran zu denken und nicht daran, dass bereits ein ganzes Jahr vergangen ist, dass all unsere Pläne, unsere Träume in unseren Köpfen bleiben mussten und auf dem Papier unserer Briefe.
Ich ziehe es vor, mich für sie und ihren Mann zu freuen und nicht meine ohnehin ausgezehrten Nerven zu strapazieren. Ich möchte dieses Jahr als eine Erfahrung betrachten und nicht als größtmögliche Tragödie.
Ich möchte lieber „Danke“ sagen, an meine Eltern, meine Freunde_innen, an diese robustesten Zinnsoldaten_innen in meinem Leben, und an all die Leute, die gezeigt haben, dass Menschlichkeit möglich und nötig ist, dass Solidarität kein leeres Wort ist. Lieber das, anstatt Worte des Hasses, gerichtet an den Staat und all seine Institutionen, obwohl solche Gefühle von mir Besitz ergreifen.
Immer wenn es scheint, man sei an der Grenze seiner Möglichkeiten angelangt, an einer Art Abhang, von dem man in die Tiefe stürzen könnte, muss man sich daran erinnern, dass wir eine unerschöpfliche Kraftquelle besitzen, dass wir unsere Stärke aus allem ziehen können, selbst aus Kleinigkeiten.
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