Quid est homo? Pomo similis.
1.
In den Sammelhandschriften, mit denen das Aktenmaterial der römischen Kanzleikultur überliefert wurde, das unter dem Namen notitia dignitatum Berühmtheit erlangte, findet sich auch jene altercatio, die in der Literatur zu Bild- und Rechtswissenschaften populär wurde: Quid est pictura? Veritas falsa. Eine andere Passage aus dieser altercatio stellt die Frage nach dem Menschen, und stellt fest, dass der Mensch dem Menschen ein Apfel ist.
Quid est homo? Pomo similis heißt es dort. Weil der Apfel eine von mehreren verbotene Früchten und Speisen ist, sollte man sich nicht am Apfel festbeißen. Es könnte auch heißen: Der Mensch ist dem Menschen Wurst.
2.
Zu Warburgs Phagien gibt es neben dem oben abgebildeten Zettel aus Zettelkasten 117 (vom August 1918) auch einen berühmten Text, der mit zwei Zeilen überschrieben ist: Tragödie der Verleibung sowie daneben eingefügt Phaenomenologie / fließende Grenzen der Persönlichkeit. Der Text, der in einer späteren Phase in Kreuzlingen geschrieben wurde, lautet:
Der Ausgangspunkt ist der, dass ich den Mensch als hantierendes Tier ansehe, dessen Betätigung in Verknüpfen und Trennen besteht. Dabei verliert er sein Ich-Organgefühl, weil nämlich die Hand ihm erlaubt, reale Dinge an sich zu nehmen, in denen der nervöse Apparat fehlt, weil sie anorganisch sind, trotzdem aber sein Ich unorganisch erweitern. Das ist die Tragik des sich durch Hantierung über seinen organischen Umfang heraussteigernden Menschen.
Der Sündenfall Adams bestand gewiss einmal in der Einverleibung des Apfels, die ihm sein Inneres einen Fremdkörper hineinbrachte von unberechenbarer Wirkung; zweitens - und gewiss ebensosehr - darin, dass er durch die Hacke, mit der er die Erde bearbeiten mußte, eine tragische, weil nicht wesenhaft mit ihm zusammengehörige, Erweiterung durch das Gerät empfing. Die Tragik des essenden und hantierenden Menschen ist ein Kapitel aus der Tragödie der Menschheit.
Treml, Weigel und Ladwig haben diesen Text in ihrer Edition von Werken Warburgs mit einem Text zusammengestellt, den Warburg über Indianderbücher, Wurst und Kindheitsmnemosyne geschrieben hat:
Im Jahre 1875 lag meine Mutter in Ischl darnieder. Wir mussten sie in der schwersten Krisis verlassen, in einem Postwagen, der von einem roten Postillon gezogen wurde, in der Pflege unserer treuen Franziska Jahns, die sie wirklich im Spätherbst des Jahres heil und gesund nachhause brachte - trotzdem[sic! FS] drei Wiener Autoritäten [...] sie behahndelt und katholische Schwestern, deren Geruch ich heute noch in der Nase habe, gepflegt hatten.
Ich witterte die schwere Erkrankung meiner Mutter wie ein Tier. Denn sie war mir in ihrem ungewohnten Schwächezustand [...] ungewohnt und besonders unheimlich, als sie in einer Sänfte den Calvarienberg bei Ischl, den wir besehen sollten, heraufgetragen wurde, bei welcher Gelegenheit ich zum ersten Mal in ganz entarteten Bauernbildern die tragische, unverhüllte Wucht der Passions-Szenen aus dem Leben Christi vor Augen sah und Dumpf empfand. [....] Als Reaktion gegen diese unbegreiflichen Erschütterungen gab es zweierlei: einen Delikatessenladen unten, wir wir zum ersten mal unvorschriftsmäßig Wurst zu essen bekamen, und eine Leihbibliothek, die voll war von Indianerromanen.
Johann Ladners Figurengruppe von 1763 auf dem Kreuzberg, die Mutter in der Sänfte, Katholikengeruch, Wurst und die illustrierten Indianerbücher: Warburg schildert die Szene, und mit ihr einen Haufen von Eindrücken, nicht als Amalgam, nicht verschmolzen, eher gehäuft, gestapelt und zusammengebracht, wie es auch Dinge in den Archiven sind. Wenn diese Szene eine Gründungsszene für das ist, was Warburg beschäftigt, dann ist das eine von mehrern Gründungsszenen (in anderen Texten erwähnt er zum Beispiel die Schullektüre von Lessings Laokoon). In dieser Szene verleibt sich Warburg, auch in Abwehr einer Phobie, Wurst und Bücher ein, er assoziiert auch den einen Vorgang mit dem anderen, später immer wieder. Distanzschaffen bleibt ein symbolischer Vorgan, der in beiden Fällen etwas verschlingt, in beiden Fällen sogar sowohl im metaphorischen als auch im wörtlichen Sinne. Das Verschlingen ist in beiden Fällen ein Distanzschaffen, keine Abstandnahmen. Es absolviert keine Entfernung, sondern involviert Entfernungen. Vor allem geht es mit Austauschmanövern einher, die durch Verkehr(ung) effektiv werden.
3.
Wenn Anthropologie mit ihren Erweiterungen, ihren Geräten und Apparaten, den Speisen, Bildern und Büchern, vor allem aber durch ein heterogenen Apparat hindurch eine Tragödie ist, dann ist sie steigerbar, aber auch skalierbar, also auch verkleinbar und abschwächbar.
Der Kalauer kann außen vorbleiben, wenn man Warburgs Überlegung zum Apfel auch auf den Reichsapfel und auf Routinen wie das pomerium bezieht, also Anthropologie in einer kulturtechnischen Hinsicht betreibt, die Polobjekte und Phagien und darum auch den römischen polos umfasst.













