Der Wunsch, entfernte Weltteile zu besuchen und die Produkte der Tropenwelt in ihrer Heimat zu sehen, ward erst in mir rege, als ich anfing, mich mit Botanik zu beschĂ€ftigen. Bis in mein 17tes und 18tes Jahr waren all meine WĂŒnsche auf meine Heimat beschrĂ€nkt. So sorgfĂ€ltig auch unsere literarische Erziehung war, so ward doch alles, was auf Naturkunde und Chemie Bezug hatte, in derselben vernachlĂ€ssigt. Kleinlich scheinende UmstĂ€nde haben oft den entschiedensten Einfluss auf ein tĂ€tiges Menschenleben, und so muss man die Spuren wichtiger Ereignisse oft in  diesen UmstĂ€nden suchen. Der Hofrat [Ernst Ludwig] Heim, von dem das Gymnostomum heimii den Namen fĂŒhrt und der mit dem jungen [Friedrich Wilhelm Daniel] Muzel lange in Sir Joseph Banks Freundschaft gelebt, war unser Hausarzt. Er hatte eine groĂe Sammlung von Moosen und gab sich eines Tages die MĂŒhe, meinem Ă€lteren Bruder die LinnĂ©schen Klassen zu erlĂ€utern. Dieser, des Griechischen schon damals kundig, lernte die Namen auswendig, ich klebte Lichen parietinus und Hypna auf Papier, und in wenigen Tagen war uns beiden alle Lust zur Botanik wieder verschwunden. Heim verschaffte unserem Nachbar, dem H[errn Friedrich August] von Burgsdorf, botanischen Ruf, dieser legte dendrologische Sammlungen an. Ich sah dort [Johann Gottlieb] Gleditsch und viele Glieder der Naturforschenden Gesellschaft â krĂŒppelhafte Figuren, deren Bekanntschaft mir ebenfalls mehr Abscheu als Liebe zur Naturkunde einflöĂte. Meine jugendliche Neigung war von jeher der Soldatenstand gewesen. Meine Eltern hielten mich durch Zwang davon zurĂŒck, und man bildete mir ein, dass ich Lust zu dem habe, was man in Deutschland Kameralwissenschaften nennt, eine Weltregierungskunst, die man erst dann versteht, wenn man alles, alles weiĂ. Dies alles sollte ich bei einem Amtmann lernen, und ein Pachtanschlag wĂ€re dann das Maximum meiner Kameral-Kenntnis gewesen. Ein halbverrĂŒckter Gehlehrter, der Prof. [Christian Ernst] WĂŒnsch in Frankfurt an der Oder, las mir ein Privatissimum ĂŒber [Johann] Beckmanns Ăkonomie. Er fing an mit botanischen Vorkenntnissen. Seine eigene Unwissenheit und sein Vortrag waren abermals weit entfernt, mir Lust zur Botanik einzuflöĂen, doch sah ich ein, dass ich ohne Pflanzenkenntnis ein so vortreffliches Buch als Beckmanns Ăkonomie nicht verstehen könne. Wir besaĂen durch Zufall Willdenows Florae Berolinensis prodomus. Es war harter Winter. Ich fing an, Pflanzen zu bestimmen, aber die Jahreszeit und der Mangel an Hilfsmitteln machte alle Fortschritte unmöglich. Wir verlieĂen Frankfurt an der Oder, und ich brachte abermals ein Jahr in Berlin zu, wo mich [Johann Friedrich] Zöllner in der Technologie unterrichtete. Ich fĂŒhlte aufs Neue die Notwendigkeit botanischer Kenntnisse, quĂ€lte mich mit neuem Eifer, Pflanzen nach Willdenows Florae zu bestimmen. Ich legte nun ein förmliches Herbarium an, und da man mir nun zuerst gestattete, allein auszugehen, fasste ich allein den Entschluss, unempfohlen Willdenow selbst aufzusuchen. Von welchen Folgen war dieser Besuch fĂŒr mein ĂŒbriges Leben! Schriebe ich ohne diesen diese Zeilen im Königreich Neu-Granada? Ich fand in Willdenow einen jungen Menschen, der damals unendlich mit meinem Wesen harmonierte [âŠ] Er bestimmte mir Pflanzen, ich bestĂŒrmte ihn mit Besuchen. Ich lernte neue auslĂ€ndische Pflanzen kennen. Er schenkte mir einen Halm Oryza sativa [eine Reispflanze], den [Carl Peter] Thunberg aus Japan mitgebracht. Ich sah zum ersten Mal in meinem Leben die Palmen des botan[ischen] Gartens, ein unendlicher Hang nach dem Anschauen fremder Produkte erwachte in mir. In drei Wochen war ich ein enthusiastischer Botanist. Willdenow trug sich damals mit der Idee, eine Reise auĂerhalb Europas zu machen. Ihn zu begleiten, war der Wunsch, der mich tags und nachts beschĂ€ftigte. Ich durchlief alle Floren beider Indien [Asien und Amerika], kaufte alle Rinden der Apotheken zusammen, verweilte mit unendlichem Wohlgefallen bei einem Reishalm in meinem Herbarium und gewöhnte mich, unbĂ€ndige WĂŒnsche nach weiten und unbekannten Dingen zu hegen.
Alexander von Humboldt 1801 in BogotĂĄ ĂŒber sein erwachendes Interesse fĂŒr Botanik, Carl Ludwig Willdenow und sein Studium


















