12. bis 15. November 2017
Kinder zahlen für ihre Eltern
“Ich wollte ja bloß ...” – so beginnen viele wilde Geschichten. In diesem Fall wollte ich bloß mal Zugriff auf mein Bitcoin Cash Guthaben erhalten, um es vielleicht bei günstiger Gelegenheit gegen etwas anderes eintauschen zu können. Euros zum Beispiel.
Wie bereits berichtet, bin ich durch den Fork vom 1. August 2017 in den Besitz einer gewissen Menge Bitcoin Cash (Kürzel: BCH) gelangt. Ich habe bislang keine Schritte unternommen, auf dieses Guthaben zuzugreifen. Am 13. November, einem Sonntag, schaue ich morgens beiläufig auf die Kurse verschiedener Cryptowährungen und stelle überrascht fest, dass der BCH-Kurs um 300% in die Höhe geschossen ist, seit ich das letzte Mal nachgesehen habe. Damit hat mein Guthaben jetzt einen Wert erreicht, der ein bisschen Aufwand rechtfertigt. Außerdem ist seit dem Fork einige Zeit vergangen, sodass sich die Hinweise, wie man möglichst umstandslos an seine BCH gelangt, konsolidiert haben sollten.
Meine Recherche ergibt Folgendes. Man braucht die Wallet, in der sich zum Zeitpunkt des Forks die Bitcoins befanden. Man exportiert die private Keys dieser Wallet und erzeugt damit dann eine Wallet in einem Client, der nicht mit der traditionellen Bitcoin-Blockchain in Verbindung steht, sondern mit der von BCH. Technisch ist das Exportieren der Keys ein einfacher Vorgang. Er ist aber insofern riskant, als jeder, der dieser Schlüssel habhaft wird, damit Zugriff auf das Guthaben dieses Kontos hat. Ungefähr so, wie bei einem Nummernkonto, wo es genügt, die Nummer zu nennen, um Geld abzuheben.
Daher wird empfohlen, das Guthaben an "traditionellen" Bitcoins (Kürzel: BTC), das sich eventuell noch in dieser Wallet befindet, erstmal in eine neue Wallet zu transferieren, um so das Risiko auszuschließen, durch Verrat der Keys sowohl BTC- als auch BCH-Guthaben zu verlieren. Ursprünglich bestand wohl begründete Sorge, dass nach dem Fork betrügerische Software die allgemeine Verunsicherung zum Abschöpfen von Keys nutzen würde. Momentan erscheint mir diese Vorsicht leicht übertrieben, aber was solls. Eine Wallet einzurichten und dann mal eben die Bitcoins dahin zu transferieren, kostet nur etwas Zeit und eine geringe Transaktionsgebühr.
Mit diesen Erkenntnissen und diesem Entschluss endet mein Sonntag. Am Montag stolpere ich erstmal über diesen Artikel. Der Autor spielt mit ein paar Bitcoins herum, vergisst und verliert dann leider die Zugangsdaten seiner Hardware-Wallet und muss von da an hilflos zusehen, wie der BCH-Kurs schwindelerregende Höhen erreicht. Haha, denke ich, das könnte mir nicht passieren!
Mittlerweile ist der BCH-Kurs zwar wieder deutlich eingebrochen, dennoch will ich meinen Plan jetzt mal durchziehen. Am Dienstagabend starte ich also meinen Bitcoin-Client MultiBit, richte mir eine zweite Wallet ein und gebe dann eine Transaktion in Auftrag, mit der mein gesamtes Guthaben von der alten in die neue Wallet übertragen wird. Ich sehe ein paar Fortschrittsmeldungen, aber die Transaktion bleibt eine ganze Weile "unbestätigt". Da außer mir niemand auf den Transfer wartet, denke ich "was solls?" und lege mich schlafen. Ist halt viel los bei den Bitcoins dieser Tage.
Am Mittwochmorgen stelle ich leicht beunruhigt fest, dass die Transaktion immer noch nicht vollzogen wurde. Ich werde wohl mal nachschauen müssen, was da los ist. Meine wenigen bisherigen Bitcoin-Transfers waren immer in unter einer Stunde erledigt. Nachschauen heißt in diesem Zusammenhang natürlich, passende Suchbegriffe bei Google einzugeben und unter den Ergebnissen hoffentlich etwas zu finden, das einem weiterhilft. Denn so viele Fallstricke das Leben auch bereit hält, so selten ist man doch der Erste oder Einzige mit einem konkreten Problem (quasi die Kombination der Gesetze von Murphy und Ugol).
Später am Tag googele ich also etwas in der Art von "MultiBit incomplete transaction". Die ersten Ergebnisse deuten darauf hin, dass es Fehler in MultiBit gibt, die dazu führen, dass manche Transaktionen nicht richtig abgeschlossen werden. Die Probleme wurde den Entwicklern wiederholt gemeldet, aber sie wurden anscheinend nicht behoben. Nicht gut.
Als nächstes finde ich heraus, dass MultiBit im Juli nicht nur den Besitzer gewechselt hat, sondern dass die Entwicklung des Clients daraufhin eingestellt wurde. Von der weiteren Verwendung wird dringend abgeraten. Waaaah!
Habe ich es jetzt etwa geschafft, mein komplettes Bitcoin-Guthaben mit einer einzigen unbedachten Aktion ins digitale Nirvana zu befördern?
In solchen Situationen hilft die Techniktagebuch-Sozialisation. Erstmal von allem einen Screenshot machen, das beruhigt die Nerven. Dann vielleicht wenigstens jetzt ein Backup der Dateien der MultiBit-Wallet erstellen. Das hätte ich natürlich vorher tun sollen, aber besser spät als nie.
So, und nun? Eine neue Wallet als Ersatz für MultiBit muss definitv her. Außerdem reden wir hier doch von der Blockchain! Da muss doch das Guthaben entweder noch unter der alten Adresse vorhanden sein oder bereits unter der neuen, ganz unabhängig von der Client-Software.
Ich installiere mir also Electrum und transferiere die Keys meiner alten und neuen Wallet dorthin. Und siehe da, die letzte Transaktion wird auch dort als unvollständig angezeigt, aber zusätzlich mit der Meldung "Low Fee". Das ergibt einen neuen Ansatz zum Googeln, und ich lese ein paar weitere Beiträge und beginne zu begreifen, wie es sich wirklich verhält.
Technisch ist mit meiner Transaktion alles in Ordnung. Sie ist im Bitcoin-Netzwerk angekommen und wartet darauf, in einen signierten Block aufgenommen und so als Teil der Blockchain verewigt zu werden. Sie beinhaltet auch eine Transaktionsgebühr in Höhe von 0,0001 BTC, was bei aktuellen Kursen ca. 50 bis 60 Cent sind. Diese Gebühr hat der MultiBit-Client automatisch ausgelobt und derjenige Bitcoin-Miner, der einen Block mit meiner Transaktion signiert, darf sie kassieren.
Und hier liegt die Crux – diese Gebühr ist nach aktuellen Maßstäben viel zu niedrig. Da die Miner frei in der Wahl der Transaktionen sind, die sie in den nächsten Block einfügen, nehmen sie bevorzugt solche mit hohen Transaktionsgebühren. Diese Entwicklung ist noch nicht so alt – lange Zeit wurden sogar Transaktionen ohne Gebühren signiert, einfach um die Belohnung einzustreichen, die das Bitcoin-System grundsätzlich für das Signieren von Blöcken auslobt. Diese Zeiten sind wohl vorbei und mittlerweile herrscht das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Mein veralteter Client hat für mich jetzt quasi ein Überweisungsformular ausgefüllt, das im Posteingang der Bank zu verschimmeln droht. (Und das mir, der ich in Diskussionen stets die mangelnde Skalierbarkeit des Bitcoin-Transaktionssytems betone.)
Aber nochmal – ich kann ja wohl nicht der erste und einzige mit diesem Problem sein! In der Tat gibt es verschiedene Lösungsvorschläge. Sogenannte Transaction Accelarators bieten – teilweise gegen saftige Gebühr – an, dafür zu sorgen, dass eine bestimmte Transaktion doch noch von einem Miner in einen Block aufgenommen wird. Insgesamt klingt das aber sehr nach Snake Oil. Weitere Vorschläge zielen darauf ab, die Transaktion wieder aus dem Netzwerk zurückzuziehen. Die Anweisungen dafür sehen mir aber zu umständlich aus.
Und tatsächlich gibt es eine dritte Lösung mit dem hübschen Namen "Child pays for parent". Sie besteht darin, dass der Empfänger die in der unbestätigten Transaktion erhaltenen Bitcoins noch einmal überweist und dafür eine höhere Gebühr auslobt. Diese höhere Gebühr kann ein Miner aber nur einstreichen, wenn er beide Transaktionen in einen Block aufnimmt. Damit entsteht also nachträglich ein Anreiz, die gammelige erste Transaktion doch noch zu verarbeiten.
Nachteil ist, dass ich nun quasi die doppelte Gebühr zahlen muss. Aber immerhin bin ich Sender und Empfänger all dieser Aktionen und muss mir insofern keine zusätzlichen Gedanken machen. Mein neuer Electrum-Client bietet mir diese Funktion sogar direkt an, schlägt mir allerdings happige 15 Euro als neue Gebühr vor. Seis drum – vor dem Hintergrund des zwischenzeitlich befürchteten Totalverlusts erscheint mir dies als erträgliches Lehrgeld.
Eine Stunde später bin ich wieder im Vollbesitz meines BTC-Guthabens und kann mich jetzt erneut daran machen, auch meine BCH in eine Wallet zu stopfen.
(Virtualista)















