2005
Von generierten Formularen zur Kommandozeile
In meinem vorigen Artikel schrieb ich von mstart.de, einem der mehreren Vorläufer des (2024, zum Aufschreibezeitpunkt) heutigen trovu.net, das zuvor Kilian aus seiner Nutzersicht beschrieb. Hier geht die Geschichte nun weiter: wie aus dem Startseitengenerator eine Kommandozeile fßrs Web wird.
Mit mstart habe ich also alle meine häufigen Suchformulare auf einer (lokal heruntergeladenen) Webseite zusammengefasst. Fßr eine Google-Suche muss ich nur ins entsprechende Feld klicken; Infoseek und Aktiensuchen sind ebenfalls leicht zugänglich. Trotzdem benÜtige ich mehrere Klicks oder Tastenanschläge, und aufgrund des Platzbedarfs ist nur eine begrenzte Anzahl an Diensten verfßgbar.
Zeitgleich kenne ich vom Browser Opera eine tolle Funktion: KĂźrzel fĂźr bestimmte Websuchen festzulegen. So kann ich âgâ fĂźr Google einstellen und einfach âg berlinâ eingeben, um das Google-Suchergebnis fĂźr âberlinâ zu sehen.
Was leider nicht geht: ein KĂźrzel mit mehreren Argumenten definieren, also dass zB âdb Berlin, Hamburgâ die Bahn-Verbindungssuche aufrufen wĂźrde. Auch geht es nicht, die eigenen KĂźrzel schnell auf einem anderen Rechner nutzbar zu machen (dazu muss ich die Browser-Konfiguration migrieren), oder auf die KĂźrzel und deren Wartung anderer Nutzer zugreifen. Und genau dafĂźr entwickele ich 2005 Serchilo: Es gibt nur noch ein Eingabefeld, und dort kann ich wie bei Opera âg berlinâ eingeben, aber auch âdb berlin hamburgâ â und kommt direkt zu den entsprechenden Ergebnisseiten. Die KĂźrzel-Datenbank ist dabei online gespeichert: alle KĂźrzel sind also an jedem neuen Rechner verfĂźgbar, ich brauche nur serchilo.net aufzurufen (oder als Standardsuche des Browsers einzustellen).Der Name kommt Ăźbrigens aus dem Esperanto (bedeutet âSuchwerkzeugâ) und liegt an meiner damaligen (und heutigen) Begeisterung fĂźr die Sprache: sie zu lernen, nach Englisch und FranzĂśsisch in der Schule, ist vergleichbar mit auf Python zu stoĂen, wenn man bislang nur C++ kannte. Ich bin auch nicht der einzige mit der Kommandozeilen-Idee: Alternativen heiĂen YubNub, Yeah Way, Yahoo Open shortcuts, Sugarcodes, Dozomo und DuckDuckGo Bangs.
Als Datenbank und Oberfläche fßr die Pflege der Kßrzel nutze ich MediaWiki (womit auch die zu diesem Zeitpunkt neue Wikipedia läuft): da sind bereits Nutzermanagement und Versionskontrolle drin. Dennoch ist das Anlegen eines neuen Kßrzels recht kompliziert: Fßr jedes muss man eine eigene Wiki-Seite anlegen, und anfangs sogar Reguläre Ausdrßcke kennen. So sah zB. das Google-Kommando aus:
query: /^g([\w]{2})? (.*)$/url: http://wwwââ.googleâ.com/search?hl=$subdomain&lr=lang_$1&q=$2&ie=utf-8
Das ist vermutlich anfangs vor allem ein Flaschenhals, durch den es nur Programmierer schaffen, aber die Serchilo-Art zu suchen ist ja eh deren Stil.
Ăber die nächsten fast 20 Jahre entwickele ich dann immer wieder daran weiter, es wird zu meinem Haupt-Hobbyprojekt: Das Anlegen neuer KĂźrzel wird einfacher, nutzerspezifische Kommandos werden mĂśglich, es kommt Internationalisierung hinzu (ein deutscher Nutzer will ja eine andere Wikipedia aufrufen als ein franzĂśsischer), und später auch Firefox-Erweiterung und Android-App.
Serchilo wird meine Spielwiese zum Ausprobieren neuer Technologien:
nach Mediawiki implementiere ich es 2011 in Ruby on Rails (ohne je damit live zu gehen, weil es mir dann doch nicht gefällt)
2012 in Drupal, weil damit meine Freunde freelancen, was ich auch will
2014 nochmal in Drupal, aber besser, mit all meinen gelernten Erfahrungen, und dann quelloffen
2015 ändere ich auch den Namen FindFind.it, um etwas leichter Schreib- und Merkbares zu haben â aber so richtig gefallen wird mir der nie.
RĂźckblickend war da viel Shiny-Object-Syndrome und leider weniger Nutzer-Kommunikation: So manche Umstellung stĂśĂt manche vor den Kopf, Nutzerzahlen stagnieren, und erst später gewĂśhne ich mir an, auf Anfragen schnell zu reagieren.
Und es kommt auch ein VerantwortungsgefĂźhl auf: FĂźr viele Nutzer, so berichten sie mir, wird es zur essentiellen Browserkonfiguration: Ohne Serchilo kĂśnnen sie das Internet nicht mehr bedienen. Insofern kommt Abschalten fĂźr mich nie in Frage, die Quelloffenlegung ist auch damit motiviert, dass es ohne mich Ăźberleben kann.
Eine Umstellung muss es dann aber doch geben: Dass alle Suchanfragen aller Nutzer Ăźber meinen Server gehen â das finde ich sicherheitstechnisch irgendwann nicht mehr akzeptabel. Spannenderweise erfahre ich 2018 davon, dass man Parameter an eine URL auch hinter dem Hash senden kann (example.com/#query=Suche) â und diese nur lokal verarbeitet werden. Und so entsteht die Idee zum heutigen trovu.net, um das es im nächsten und letzten Artikel gehen soll.
(Georg Jähnig)














