"In offering alternative geographies the postcards puncture the singular narrative of a controlling cartographic governmentality"
Das und die damit verbundene Idee von postcards-as-cartography nehme ich aus dem sehr lesenswerten Aufsatz "Representing Freetown: Photographs, maps and postcards in the urban cartography of colonial Sierra Leone" von Milo Gough mit. (In: Journal of Historical Geography, Volume 81, July 2023, Pages 3-15 https://doi.org/10.1016/j.jhg.2023.04.001)
Ein bildanalytisches Suchen nach einer alternativen Raumerfahrung über Ansichtskarten scheint mir jedenfalls ein sehr lohnenswertes Unterfangen für die Weiterentwicklung einer deltiologischen Methode zu sein.
Sehr offensichtlich gibt es erhebliche Unterschiede zwischen der Ansichtskartenfotografie von Alphonso Lisk-Carew (1883-1969) und den in meiner Sammlung befindlichen Karten vor allem aus der DDR. Eine Gemeinsamkeit scheint mir aber darin zu legen, dass in beiden Fällen oft nicht das klassische pittoreske Bild sondern die Abbildung der sich an einem Ort bündelnden Komplexität im Spannungsverhältnis mit bestimmten Tropen markant hervortritt, zumindest bei den die Entwicklung der sozialistischen Urbanität und damit verbundener modernisierter Lebenswelten in der DDR zeigenden Ansichten. "[I]mages that were highly ambivalent, both depicting the complexities of place and shaped by the flattening effects of colonial tropes" erkennt Milo Gough in Bezug auf Alphonso Lisk-Carew. Die Tropen der DDR-Philokartie und insbesondere der, wenn man sie so nennen will, Ostmoderne-Philokartie wären allerdings keine klassisch kolonialen sondern ebenfalls im Fluss befindliche Vorstellungsbilder einer sozialistischen Moderne.
Ein sofort sichtbarer Unterschied: Die Menschen bei Alphonso Lisk-Carew erschienen in hochverdichteten und eng bevölkerten Stadträumen wohingegen die Ansichtskartenfotograf*innen der DDR bisweilen das Problem hatten, überhaupt Personen in den neuen Wohngebieten anzutreffen.
Gerade das aber macht die Analyse so reizvoll: der Mensch im Raum im Bild. Neben der Logik oder dem Eigensinn des gezeigten Ortes, im Fall von Neubaugebieten oder auch neugestalteten sozialistischen Stadtzentren mit aus dem Blick gebauter oder noch gar nicht vorhandenen Eigengeschichtlichkeit, und der sozialistischen städtebaulichen und architektonischen Gestaltungen, Ikonografien und, was zu untersuchen wäre, vielleicht auch bildkompositorischen Spezifika (= die Tropen), wären die konkret gezeigten Menschen in ihrer Positur, Bewegung und Beziehungen eine dritte zentrale Größe für das Close Reading der Ansichtskartenbilder.
Mehr oder weniger intuitiv nähere ich mich dem bereits über die Bildausschnitte an. Der nächste methodische Schritt wäre der Versuch, das weiter zu systematisieren. Und dies würde dann erwartungsgemäß auch genau die Aspekte herausheben, die Bestätigungen und Diskrepanzen zwischen Tropus und lebensweltlichen Raumerfahrung aufzeigen, eventuell auch fotografische Lapsus, die aus der Hektik und Unkonzentriertheit der Aufnahmesituation entstanden und so das eigentlich gewünschte Narrativ des Bildes beiläufig, nun, punktieren.













