Wie Helena nach Lummerland kam
I tried to take inspiration from how the storyteller in the audiobook talks, because that's the version of the story I mainly grew up with. Since the intro of the movies (which I'm basing these stories on) has almost the same sentences in its description of Lummerland, I'll assume that the original book was written similarly.
So kam es also, dass Jim auf Lummerland aufwuchs. Aber es sollte nicht lang dauern, bis die kleine Insel mit den zwei Bergen noch einen weiteren Einwohner bekam. Eines Tages, als das Postschiff wieder einmal nach Lummerland kam, stand ein kleines Mädchen an der Reling, kaum drei Jahre alt. Der Postbote setzte die Kleine auf dem Steg ab und stieg dann selbst von Bord. Frau Waas kam schnellen Schrittes auf die beiden zu, Jim im Arm. Jim bekam von alledem nichts mit. Er saugte an seinem kleinen Däumchen und wßrde sich an nichts hiervon erinnern.
âGuten Tag, Herr Briefträgerâ, sagte Frau Waas Ăźberrascht. âWas macht denn das Mädchen hier? Ist das Ihre Tochter?â
âAch was, nicht im Geringstenâ, sagte der Briefträger rasch. âDas arme Ding saĂ ganz allein auf einem Felsen mitten im Meer. Da dachte ich, ich nehme es lieber mal mit.â
Frau Waas sah sich das Mädchen genauer an. Seine Haare und Wimpern waren mit Salz und Meerwasser verklebt. Seine Haut war blass und hatte einen bläulichen Stich. Vielleicht war dem Kind kalt, aber es schien nicht zu frieren. Alles, was es am KĂśrper hatte, war eine Art nasser Lumpen, den es als Kleid umgewickelt trug. Ein runder Ohrring aus abgenutztem Gold hing an seinem rechten Ohr. KĂśnig Alfons und Herr Ărmel kamen auch dazu und musterten das Mädchen verwirrt, wenn nicht sogar verängstigt. Wo kam dieses ungewĂśhnliche Kind nur her?
Da hallte das laute Pfeifen und das Rattern und Schnaufen einer Lokomotive durch den Tunnel links vom Steg. Das Mädchen schreckte zurĂźck. Emma kam aus dem Tunnel. Lukas stand im FĂźhrerhäuschen und pfiff vor sich hin. Als er das Mädchen auf dem Steg sah, weiteten sich seine Augen. Er hielt Emma an und lief rasch zum Steg. Dabei wandte er seinen Blick keine Sekunde lang von dem kleinen Mädchen ab. Er bahnte sich einen Weg zwischen den anderen Einwohnern durch. Wie gebannt hob er den Schirm seiner MĂźtze und kniete sich vor dem Mädchen hin. Er sah es an - und seine eigenen Augen sahen zurĂźck. Da erblickte er den Ohrring. Er schluckte. Sein gewĂśhnliches Charisma schien grĂśĂtenteils verschwunden.
âNa, meine Kleineâ, fragte er, vorsichtig und ermutigend zugleich, âwie heiĂt du?â
Und zum ersten Mal, seit der Postbote es aufgelesen hatte, sprach das Kind.
Lukas lächelte. Er breitete seine ruĂgeschwärzten Arme aus.
â...Papa?â, fragte das Mädchen vorsichtig.
Lukas nickte. Sein Lächeln wuchs. Da fiel Helena ihm in die Arme. Er drßckte sie behutsam an sich.
âLukasâ, sagte KĂśnig Alfons, komplett durch den Wind, âkennst du dieses Mädchen?!â
âHelena ist meine Tochterâ, sagte Lukas entschlossen.
âU-und wo ist ihre Mutter?â, fragte Herr Ărmel entrĂźstet. âGanz allein auf einem Felsen - das arme Kind!â
âDas weiĂ ich nichtâ, meinte Lukas. Ohne es zu merken, wiegte er Helena in seinen Armen hin und her. Vielleicht auch, um sich selbst zu beruhigen. âAber, wenn sie ihr den Ohrring gegeben hat, wollte sie wohl, dass Helena zu mir kommt.â
Die Zeit verging und aus der kleinen Helena wurde ein junges Mädchen. Sie lebte bei Lukas in der kleinen Bahnstation. Je älter sie wurde, desto mehr sah sie ihrem Vater ähnlich - mit einem groĂen Unterschied: Ihre Haut war fast immer makellos rein. MaschinenĂśl und RuĂ blieben ihr fern. Anstatt dass sie jeden Tag mit Lukas um die Insel fuhr und ihm bei Reparatur und Wartung half, richtete sie ihre groĂen blauen Augen lieber auf ein Buch aus KĂśnig Alfons Bibliothek. Die Geschichten ihres Vaters Ăźber ferne Länder und fremde Kulturen hatten sie mehr fasziniert, als Lokomotiven es je hätten tun kĂśnnen. Lukas stĂśrte das nicht. Er liebte seine Tochter und sie liebte ihn. Auch mit Jim verstand sie sich famos. Die beiden waren nicht wie Geschwister - bekanntlich streiten sich Geschwister ja viel - nicht einmal wie Verwandte. Sie waren eher wie zwei Seiten derselben MĂźnze, wie das Spiegelbild des Anderen. Helena liebte BĂźcher, Lesen und Schreiben und das Lernen, wusste von Lokomotiven aber nur das, was sie wissen brauchte, um bei Routineaufgaben auszuhelfen und zu verstehen, wovon Lukas am Esstisch sprach. Jim konnte weder lesen noch schreiben, war aber fasziniert von Lokomotiven. Lukas sah den beiden oft zu, wie sie miteinander spielten. Jedes Mal, wenn er hĂśrte, wie Helena von der Ferne und dem weiten Ozean schwärmte, hĂźllte er sich in dichten Rauch. Er wurde nachdenklich. Tief in seinem Inneren wusste er, dass sie niemals ihr ganzes Leben auf Lummerland bleiben wĂźrde. Es lag in ihrer Natur, in den Genen, die sie geerbt hatte, aufs weite Meer hinaus zu ziehen. Nur hätte er nie gedacht, dass es so bald sein wĂźrde.