Januar 2023
Von der Rentnerinnendisco zum ElefantenfuĂ: Verschiedene Arten der Luftbefeuchtung
Abends brennen der Mutter und mir oft die Augen. Vielleicht ist die Luft zu trocken. Ich schalte das COâ-MessgerĂ€t ein, das nebenbei die Luftfeuchtigkeit misst, und finde heraus, dass sie sich im Mutterhaushalt zwischen 30 und 35% bewegt. Nicht wĂŒstenartig, aber auch nicht im empfohlenen Bereich.
Auf dem Kachelofen steht deshalb schon seit ein paar Jahren ein Backblech voll Wasser. Das hat verschiedene Nachteile: Erstens ist das Backblech komplett verrostet, was hĂ€sslich aussieht. Zweitens trĂ€gt das Backblech nur zur Luftbefeuchtung bei, wenn der Kachelofen beheizt wird, tagsĂŒber also gar nicht. Und drittens kann es, wie ich jetzt mit dem MessgerĂ€t herausfinde, auch abends die Luftfeuchtigkeit nicht ĂŒber 35% stemmen.
Die Mutter ist der Meinung, dass es reichen mĂŒsste, mehr VerdunstungsgefĂ€Ăe fĂŒr die Heizkörper zu kaufen. Um das vor dem Neukauf auszuprobieren, stellen wir groĂe provisorische WassergefĂ€Ăe auf zwei Heizkörpern auf. Es bringt gar nichts. Die Heizkörper werden nicht warm genug, um nennenswerte Mengen Wasser zum Verdunsten zu bewegen. Auch das AufhĂ€ngen einer Waschmaschinenladung fĂŒhrt nicht zu einer messbaren Erhöhung der Luftfeuchtigkeit.
In Abwesenheit der Mutter verdampfe ich zu Forschungszwecken heimlich einen Wasserkocher voll Wasser im Wohnzimmer, woraufhin die Luftfeuchtigkeit in drei Metern Entfernung vom Wasserkocher kurz auf 38% steigt und dann wieder auf den vorigen Wert sinkt. Eine Lösung ist das nicht, ich habe aber jetzt einen ungefÀhren Eindruck, wie viel Wasser man braucht, bis sich an der Anzeige des MessgerÀts was Àndert. Es geht wohl doch nicht ohne einen richtigen Luftbefeuchter.
Ich erkundige mich in der Techniktagebuch-Redaktion, ob jemand Erfahrung damit hat. Google ist keine groĂe Hilfe, dort ist alles voll mit unseriösen âEmpfehlungs-â und "Test"-Seiten. In der Redaktion weiĂ auch niemand was Genaueres, aber Virtualista schreibt:
âHier steht so ein kaum benutzter Luftbefeuchter im Schrank, den meine Frau mal spĂ€tabends auf Amazon geklickt hatte. Kommt momentan nicht zu Einsatz, weil hier quasi immer ein WĂ€schestĂ€nder rumsteht. Ich kann dir den gern als zeitlich unbefristete Dauerleihgabe zukommen lassen.â
Mittlerweile weiĂ ich, welche verschiedenen Arten von Luftbefeuchtern es gibt: Ultraschall-Vernebler, Verdampfer und Verdunster. Das GerĂ€t von Virtualista, das wenige Tage spĂ€ter ankommt, ist ein Ultraschall-Vernebler. Er leuchtet nicht nur wunderschön in allen Farben, sondern stöĂt auch einen beeindruckenden Nebel aus, von dem man sich schon durchs Anschauen besser befeuchtet fĂŒhlt:
Das Video zeigt einen kompletten Farbwechselzyklus des Luftbefeuchters, der etwa 70 Sekunden dauert. AuĂerdem kann man erahnen, dass oben viel Nebel aus dem GerĂ€t gepumpt wird.
Im Inneren dieser Rentnerinnendisco wird das Wasser so gerĂŒttelt, dass es sich in feine Tröpfchen auflöst. Man kann das bei abgenommenem WasserbehĂ€lter auch sehen, wenn man einen Magneten auf die Stelle setzt, an der das GerĂ€t den Magneten des WasserbehĂ€lters erwartet (diesen Trick hat mein Bruder zur Erforschung beigesteuert):
Unterteil des Ultraschall-Luftbefeuchters mit abgenommenem WasserbehÀlter und einem Stapel kleiner Neodym-Magneten. Eine Hand schaltet das GerÀt ein, es spritzt ein bisschen und Nebel entsteht.
Tagelang erfreue ich mich an der Rentnerinnendisco. Sie sieht nicht nur schön aus, es gelingt ihr auch, die Luftfeuchtigkeit auf bis zu 45% zu erhöhen. Eine Dauerlösung ist das aber aus mehreren GrĂŒnden nicht: Das GerĂ€t muss auf einer wasserfesten Unterlage stehen, weil es seine Umgebung krĂ€ftig einnebelt. Das Wohnzimmer hat einen Holzboden und der einzige wasserfeste Aufstellungsort ist mitten auf dem Wohnzimmertisch. Die Mutter liebt das auffĂ€llige GerĂ€t weniger als ich und wĂŒrde es nach meiner Abreise vermutlich aus Ă€sthetischen GrĂŒnden verschwinden lassen. Und alle Quellen (auĂer die Hersteller von Ultraschall-Verneblern) raten von Ultraschall-Verneblern aus HygienegrĂŒnden ab, denn das Verfahren ist zwar einfach und energiesparend, aber weil das Wasser eben nicht verdunstet, sondern mechanisch in die Luft gepumpt wird, kommen ziemlich viele Bakterien mit. Ob das wirklich ein Problem ist, steht nirgends, aber die Mutter hat gerade eine LungenentzĂŒndung hinter sich und ich will lieber nichts riskieren.
Ich betrachte viele GerĂ€te und entscheide mich schlieĂlich aus Recherche-Ăberdruss fĂŒr ein halbwegs seriös wirkendes Ding, das angeblich bis zu 45 Quadratmeter groĂe RĂ€ume befeuchten kann (das Elternhaus ist von ungĂŒnstiger offener Bauweise), nicht bunt blinkt und das Wasser auf hygienisch unbedenkliche Weise verdunstet. Die Funktionsweise kann man sich ungefĂ€hr wie eine Kombination aus einem Eimer Wasser, einem nassen Handtuch und einem Ventilator vorstellen. Nur halt in ein GehĂ€use verpackt und mit einem Sensor versehen, der auf das gewĂŒnschte Ergebnis eingestellt wird. Einmal pro Woche muss man den WasserbehĂ€lter reinigen und das aus einer Art antibakteriellem Löschpapier bestehende Verdunstungselement entkalken, falls man kalkhaltiges Wasser hat. Alle sechs Monate muss das Löschpapierding ersetzt werden. Mit weniger Wartungsaufwand geht es nicht, das habe ich inzwischen eingesehen. Ein Luftbefeuchter ist ein stehendes GewĂ€sser, und da bilden sich halt schnell Algen und wahrscheinlich ganze Fische, wenn man nicht aufpasst.
AuĂerdem bestelle ich einen zusĂ€tzlichen Feuchtigkeitssensor mit groĂer, bunter, unmissverstĂ€ndlicher und leicht ablesbarer Anzeige.
Denn wenn der nicht im Regal steht und sagt, dass die Luft schon wieder zu trocken ist, wird die Mutter wahrscheinlich kurz nach meiner Abreise anfangen zu behaupten, es sei auch ganz von allein alles in Ordnung, und den Luftbefeuchter in den Keller tragen. Ich verstehe, dass man ihn schwer lieben kann, denn er sieht aus wie ein riesiger kniehoher Wasserkocher.
Anders als die lautlose Rentnerinnendisco brummt er wegen des Ventilators je nach Einstellung leise bis ziemlich laut. Die Investition in ein GerĂ€t mit eingebautem Hygrometer wĂ€re gar nicht nötig gewesen, denn selbst im Startendes-Passagierflugzeug-Modus des eingebauten LĂŒfters steigt die Luftfeuchtigkeit nicht ĂŒber 50%. Ein ohne Sensor immer laufendes GerĂ€t hĂ€tte also auch gereicht und wĂŒrde die Wohnung langfristig nicht in ein schimmliges Dampfbad verwandeln.
Ich weiĂ nicht, ob diese Kombination aus LĂ€stigkeiten in der Natur der Sache liegt, weil Dauerfeuchtigkeit und technische GerĂ€te sich ungern kombinieren lassen. Vielleicht ist der Luftbefeuchtermarkt noch etwas unterentwickelt. Oder vielleicht ist es auch wie mit Dosenöffnern, und es gab frĂŒher mal gute Luftbefeuchter, die jetzt ausgestorben sind. Im Moment ist es jedenfalls eher mĂŒhsam, einen zu kaufen und zu betreiben. Ob meine Augen wirklich weniger brennen, kann ich noch nicht sagen. Aber die Mutter hat gerade Kaufbeleg und Pflegeanleitung des Wohnzimmerregals wiedergefunden, und darin steht:
âIn der Heizperiode entsteht trockene Luft, die fĂŒr Massivmöbel und Atemwege gleichermaĂen schĂ€dlich ist. Es empfiehlt sich, mit Zimmerpflanzen und Luftbefeuchter auf den Heizkörpern Abhilfe zu schaffen. DafĂŒr werden Ihnen nicht nur Ihre Möbel danken, sondern auch ihre Atemwege.â
Wenigstens den Möbeln geht es jetzt also besser als vorher.
Update Mitte Februar: Kurze Zeit nach dem Aufschreiben dieses Beitrags entfernen wir das wassergefĂŒllte rostige Backblech vom Kachelofen, das Wetter Ă€ndert sich und ich reise mitsamt meinen Lungen ab. Diese Kombination von Faktoren fĂŒhrt dazu, dass die Luftfeuchtigkeit wieder auf 30% sinkt, trotz des teuren neuen GerĂ€ts. Die Mutter kauft ein neues, diesmal hoffentlich rostfreies Backblech, und ich fasse den Plan, im nĂ€chsten Winter den Luftbefeuchter gebraucht zu verkaufen und einen neuen, noch gröĂeren anzuschaffen.
Update Dezember 2023: Das geschah dann auch. Wenn es drauĂen ĂŒber null Grad hat, gelingt es dem neuen, gröĂeren Luftbefeuchter (âStadler Oskar Bigâ) zusammen mit dem Backblech, eine Luftfeuchtigkeit von 45% herzustellen. Er könnte es wohl auch ganz allein, aber dazu mĂŒsste man eine LĂŒft-Stufe einstellen, die nicht mehr unhörbar leise wĂ€re.
(Kathrin Passig)





















