Jedes Wesen ist ein stummer Schrei danach, anders gelesen zu werden.
Simone Weil: “Schwerkraft und Gnade”, S.146

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Jedes Wesen ist ein stummer Schrei danach, anders gelesen zu werden.
Simone Weil: “Schwerkraft und Gnade”, S.146

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Alles kritische Lesen muss von einem unkritisierbaren Glauben ausgehen. Ohne ihn ist nichts kritisierbar, nichts lesbar. Wir haben diesen unkritisierbaren Glauben verloren. Damit haben wir die Fähigkeit zum Kritisieren und zum Lesen überhaupt verloren. Es hat keinen Sinn mehr, Lesen und Schreiben zu lernen. Es gibt nichts mehr zu lesen und a fortiori zu schreiben.
Vilém Flusser, (1920 - 1991), war ein Medienphilosoph und Kommunikationswissenschaftler Zitat aus: Schrift — Hat Schreiben Zukunft? // S. 84
Es zeigt sich immer deutlicher, dass es ein Unsinn ist, zwischen Wissenschaft, Kunst und Politik ein Suchen nach der Wahrheit vor sich geht. Wir werden lernen müssen, in Zukunft die Trennung zwischen wertfreiem Lesen (der Wissenschaft) und interpretierendem Lesen (der Kunst und Politik) aufzugeben. Wir müssen mit Rilke einsehen, daß wir den Fehler machen, zu gut zu unterscheiden. Lernen wir entsprechend, dann haben wir Überraschungen zu erwarten. Wissenschaft, Kunst und Politik werden, wenn einmal miteinander zu einer einheitlichen Lesart verbunden, aus der Welt und aus unserem Inneren bisher Ungeahntes herauslesen können.
Vilém Flusser, (1920 - 1991), war ein Medienphilosoph und Kommunikationswissenschaftler Zitat aus: Schrift — Hat Schreiben Zukunft? // S. 83
Seite 79 — 85
Zusammenfassung, Fragen und Gedanken zum Text
Vilém Flusser Schrift — Hat Schreiben Zukunft? 10. Lesearten
Schreiben geht dem Lesen voraus → Schreiben ist nur eine LeseartÂ
“Lesen” = legere, legein = Herauspicken, klauben
Tätigkeit = Elektion; Fähigkeit = Intelligenz, Resultat = Eleganz u. Elite
Lesende = erste, elegante Intellektuelle
“Intelligenz ist die Fähigkeit, etwas aus einem Haufen herauszupicken”
Methoden zu Lesen 1 → nach Kriterien → Kritik 2 → wahllos → “to read → “raten”
ist etwas zu klein zerhackt, kann es unklaubbar, unleserlich werden
Bsp. Hühner → kriteriös (fressbar/unfressbar)
interpretieren → “pretium” (Preis und/oder Wert)
Mensch hat rätselratendes Lesen gelernt
“Die harte Wissenschaft des Rätselratens ist daran, alles weiche Interpretieren aus der lesenden Welt zu elimineren.” // S. 81
“Wenn nun das rätselratenden Lesen die einzig richtige Leseart ist, und wenn alles interpretierende, wertende Lesen als primitiv, hühnerartig anzusehen ist, dann kann man das Lesen überhaupt den künstlichen Intelligenzen überlassen.” // S.81
kritisches vs. rätselratendes Lesen: kritisches Lesen → nur gute Körner herauspicken rätselratendes Lesen → gibt es keine guten/unguten Körner ABER doch wird in zwei Kategorien unterschieden → dafür benötigt man einen “Maßstab”, welches das Kriterium festlegt wie zB. klein/groß (Masse) oder Preiszettel (Ziffern) → Orientierung am Nullpunkt → rätselratendes Lesen also verkappt kriteriös?
Flusser nennt Nullpunkt “Wahrheit” → bedeutet eine nie zu erreichende, leerstehende Position → unerreichbarer Grenzfall
Rätselratendes Lesen will sich Grenzfall annähern
“Es zeigt sich immer deutlicher, dass es ein Unsinn ist, zwischen Wissenschaft, Kunst und Politik ein Suchen nach der Wahrheit vor sich geht. Wir werden lernen müssen, in Zukunft die Trennung zwischen wertfreiem Lesen (der Wissenschaft) und interpretierendem Lesen (der Kunst und Politik) aufzugeben. Wir müssen mit Rilke einsehen, daß wir den Fehler machen, zu gut zu unterscheiden. Lernen wir entsprechend, dann haben wir Überraschungen zu erwarten. Wissenschaft, Kunst und Politik werden, wenn einmal miteinander zu einer einheitlichen Lesart verbunden, aus der Welt und aus unserem Inneren bisher Ungeahntes herauslesen können.” // S. 83
→ Unterscheidung zwischen fiktiv und nicht-fiktiv wird sich verlieren
“Alles kritische Lesen muss von einem unkritisierbaren Glauben ausgehen. Ohne ihn ist nichts kritisierbar, nichts lesbar. Wir haben diesen unkritisierbaren Glauben verloren. Damit haben wir die Fähigkeit zum Kritisieren und zum Lesen überhaupt verloren. Es hat keinen Sinn mehr, Lesen und Schreiben zu lernen. Es gibt nichts mehr zu lesen und a fortiori zu schreiben.” // S. 84
rätselhaftes Lesen → verkappt kritisch → Erschütterung des Glaubens an die Lesbarkeit (Entzifferung)
Die Welt ist absurd, wir selbst sind absurd
sämtliche Kriterien, Werte und Messungen sind “ideologisch” und hinter dem Lesbaren (den Erscheinungen) steht nichts
“Das völlig aufgeklärte Bewusstsein hat es nicht mehr nötig, “intelligent” zu sein, etwas herauslesen zu wollen. Es kann sich auf schöpferisches Zusammenlesen konzentrieren. Es geht bei diesem Übergang aus den alten Lesarten in die neue um den Sprung aus dem historischen, wertenden, politischen Bewusstsein in ein kybernetisches, sinngebendes, spielerisches Bewusstsein. Mit diesem Bewusstsein wird zukünftig gelesen werden.” // S. 85