Tag 523 / B vor A
Erst habe ich den Berliner Krisendienst angerufen. "Sie trinken jetzt aber nicht, oder?" Natürlich verneine ich sowas. Und dennoch weise ich auf die Möglichkeit einer Affekthandlung hin. Und die bietet sich keine zehn Minuten später, als ich an einem Restaurant vorbeigehe. Reinsetzen und einfach volllaufen lassen. Das denke ich. Denkt mein Kopf. Und ich pikse mir mit den Fingernägeln beim Faustmachen in die Hand. Und ich gehe zwei, drei Schritte weiter und noch während die Gaststätte mit einem bestimmt reichhaltigen Rückfallangebot rechts von mir verlockt, sehe ich ein A. A! Das bist du! Agatha! Abstinenz! Alkoholikerin! Für heute hat mich das A von Aldi gerettet. Für Tag 381 haben mich die Posts gerettet. Für Tag 447 war es Philipp Poisel und der Kuchen vom Israeli. Für Tag 481 war es die eiskalte Cola.
Bei allem, was ich über Sucht weiß, erscheint es mir unrealistisch, dass mich immer etwas retten wird. Irgendwann trinke ich wieder. Vielleicht nur ein Mal. Vielleicht mehrere Tage oder Wochen oder Monate hintereinander. Heute habe ich angefangen, mir ein fiktives Gespräch mit einer fiktiven Person zur Rückfallaufarbeitung auszudenken. Eigentlich so als abwechslungsreiche Onlineabstinenztagebuchveröffentlichung. Doch ich weiß, dass da auch was dran ist, dass ich dieses Gespräch möglicherweise sogar führen möchte oder ahne, es führen zu müssen. Ich bin wirklich sehr, sehr müde. An Tag 496 habe ich einen Text geschrieben, der "Ich bin müde vom Weinen" hieß. Gepostet habe ich den nicht. Eigentlich wollte ich ein Lied daraus machen. Dieses Programm GarageBand auf meinem Computer ist aber viel zu kompliziert für meine Ungeduld. Ich bin müde vom Kämpfen. Ich bin müde vom Zusammenreißen. Müde vom Verzweifeln, vom Grübeln und sehr, sehr müde vom Erklären. Ich bin auch immer mal wieder echt müde vom Bloggen. Mich kotzen meine immer gleichen Spannungsbögen an - Problem, Empörung, Lösung: Abstinenz. Ich denke zu kompliziert, hat mein Ex-Chef zu mir gesagt. Ja, ich denke alles irgendwie anders gerade, kompliziert, zum Teil aber auch resigniert. Es ist wohl eine zu große, fiktive Person, die ich mir da erschaffen habe: Agatha Abstinent gegen den Rest der Welt. Noch nicht mal den Film auf arte kann ich weitergucken, weil der soeben zum Witwer gewordene Vater permanent eine Flasche in der Hand hat. "Zurück ins Leben" heißt der Film. Alkoholismus wird da nicht thematisiert, zumindest soweit ich's gesehen habe. Alkohol ist so verdammt normal in verdammt noch mal jeder winzigsten Facette des Lebens: Vater kommt nach Hause, alle grillen, es gibt Alkohol. Mutter stirbt, Beerdigung, es gibt Alkohol. Vater verreist mit Sohn, Sohn springt in den Pool, Vater trinkt Alkohol. Ein "Zurück ins Leben" scheint es für mich gar nicht zu geben. In dieses Alkoholstrom-Bagatellisierung-Disrespect-Leben will ich nicht zurück, kann ich nicht, ich bin müde, ich habe keine Kraft mehr. Ja, ich gebe auf, bevor der öffentliche, dialogische Kampf erst richtig begonnen hat. Aber ich kann mich auch nicht permanent von einer Krisensituation in die nächste hangeln.
Eben entstanden zum ersten Mal seit ich all dies Saufen-Aufhörenwollen-Aufhörenkönnen-Ding mache in mir Geburtswehen für eine neue Zukunftsperspektive, für einen Gedankenstrang, der mich mehr aus dem Leben rausnimmt, das ich nicht aushalte und trotzdem mir einen neuen Lebensraum, eine neue Lebensart schafft: Rente. Vielleicht gäbe es doch etwas Gutes an einer Frühberentung, an einer befristeten oder unbefristeten Berentung. Ich habe meine Katze angesehen wie sie da so auf dem mit einem frischen Laken verhüllten, gemütlichen, in der Abstinenzzeit erworbenen Möbelstück liegt, wie sie sich im (Halb-)Schlaf mit einer Pfote durch ihr Gesicht fährt. Und ich habe zum ersten Mal gedacht, dass es uns beiden doch ganz gut gehen könnte, wenn wir weiterhin so viel zusammen sind wie jetzt, wenn wir uns ganz den schönen Dingen - Schlafen, Essen, Dösen, Malen, Schreiben, Lesen, Kuscheln, Baden, Musikhören, Nähen und vielem dergleichen mehr - widmen könnten. Warum sollte ich, Agatha, es versuchen wollen in dieser Arbeitswelt? Wozu? Um ein, zwei, zehn Kollegen zu sagen, ich sei trockene Alkoholikerin und käme deshalb nicht zur Weihnachtsfeier? Um mir nach Ablauf von Einarbeitungs- und Schonfristen anhören zu müssen, dem Leistungsprofil nicht zu entsprechen? Ich bin echt so müde! Dieses LTA-Verfahren, immer ist was, eine neue Hürde, dies, das. Und ich bemühe mich. Ich bemühe mich wirklich nach meinen Kräften. Ich lasse nichts schleifen oder bummele rum, weil mir das gleichgültig wäre.
Aber ich bin eben keine Übermensch-Agatha. Ich bin eine einfache Süchtige. Ich bleibe immer gefährdet. Ich bin emotional-instabil. Diese Grenzlinie-Diagnose-Symptome lassen sich mit keiner Tablette der Welt auf Null drücken. Gerade habe ich mir echt gedacht: Dann kack ich da eben ab in der Klinik. Dann wissen die eben, dass es sich nicht lohnt, weiter in mich zu investieren. Dann ist eben auch mal endlich Ruhe mit all den Gedankenspielen. "I want to retire!"
Kaiser Chiefs Retirement https://www.youtube.com/watch?v=y_JlIHKKeUk








