Gretchenfrage und GrÀtschenfrage
Die schönste GrÀtschenfrage seit eh und je: Wie hÀlst du es mit dem Kontrollverlust?
GrĂ€tschenfragen sind Gretchenfragen, das sind Fragen nach dem Glauben. Die Frage nach dem Glauben kann eine religiöse Frage sein, muss aber keine religiöse Frage sein. Es kann eine Frage nach der mantis religiosa, nach den Insekten, dem Fangschrecken und dem Schreckenfang sein. Die Frage nach dem Glauben kann auch eine Frage nach dem Bestand des Wissens in Anbetracht des Fangens und Schreckens sein. Die Frage nach dem Glauben kann die Frage nach Gregor Samsa und nach seinem Befinden sei. Die Frage nach dem Glauben, die Gretchenfrage, ist und bleibt auch dann die Frage, ob man der festen Ăberzeugung von etwas ist. Dann ist die Gretchenfrage auch Frage nach dem Dogma und nach dem Recht, danach ob man vom Recht ĂŒberzeugt sei. Wenn dann diese Frage nach dem Bestand des Wissens eine nach dem Dogma und eine nach dem Recht ist, dann kann das eine sĂ€kularisierte Frage sein.
Die Gretchenfrage ist eine GrĂ€tschenfrage, wenn die Frage nach dem Bestand des Wissens auch eine nach dem Kontrollverlust und nach den Kreuzungen ist, nach den Kontrafakturen und den klammen Stellen, an denen der Bestand des Wissens etwas trennt, etwas assoziiert und etwas austauschbar hĂ€lt und dort zum Beispiel etwas am Bestand wechselt. Das GrĂ€tschen, so sagen die GebrĂŒder Grimm sei ein Kreuzen oder Kreten. Das muss eines von dem Scratchen sein, von dem man erstens in Discotheken zu hören bekommt (nĂ€mlich wenn die Platten in der Spielrichtung verkehrt werden und der Reigen trotzdem taktvoll weitergeht) und von dem man zweitens bei Cornelia Vismann zu hören bekommt, nĂ€mlich in dem Aufsatz starting from a scratch.
Vismann und Steinhauer sind Dark Ladeurs, Dark Vestings, Dark Augsbergs, Dark Fans von Yan Thomas und Marta Madero. In ihrem Schatten arbeiten sie zu der Selbstorganisation des Rechts und zu dem Kontrollverlust, so schattig, dass die Schattenspender noch Distanz dazu halten, immer wieder mit Distanzgesten sagen, die wollten nicht tun, was wir tun. Vesting sagt es immer wieder brav, Augsberg noch einmal in seinem Buch zum Kassiber, Ladeur singt es wie Kafkas Sirenen. Kontrollverlust ja, auch limiert, Fiktion ja (...). FĂŒr die Disneygucker unter den Kindern der Staatsrechtslehre: WĂ€hrend Ladeur, Vesting und Augsberg die zitierbaren Yediritter sind, sind Vismann und Steinhauer die unzitierbaren Sithlords of the Staatsrechtslehrerversum. Man muss dazu wissen, dass manchen Kollegen schon schwindelig wird, wenn sie nur die Namen Ladeur, Vesting oder Augsberg hören, bei denen im Schatten erleben sie vermutlich ein QuĂ€ntchen Kontrollverlust zu viel.
Der Unterschied, einer der GrĂŒnde, warum Ladeur, Vesting und Augsberg die dunkle Seite dunkel lassen und warum dem Ladeur plötzlich der Islam als Problem einfĂ€llt, nicht aber die Vereinigung der deutschen Staatsrechtslehrer, der liegt daran, woran vieles liegt: an der Stelle, der er aufsitzt und an dem achronologisch geschichteten Material, dem Ladeur triebhaft verflochten ist.
Jeder hĂ€lt sich im Symbolischen und ImaginĂ€ren auf, im Realen. Jeder lebt in seiner NormalitĂ€t. Dem Ladeur fĂ€llt es einfach, zu glauben, er sei kein Muslim und er wĂŒrde nicht an den Islam glauben - andere tĂ€ten das. Das ist wohl nicht völlig falsch, aber richtig ist es auch nicht. Einen Sinn dafĂŒr, was es ist (unter anderem: schwer zu sagen), den haben die Melancholiker, den hat der liebe Gott (der immer lacht, wenn der Mensch tracht), den hat der Aby Warburg, dem es nach langem Training leicht fallen könnte, in Ladeur auch eine Kontrafaktur zu erkennen, sogar die Kontrafaktur einer Muslima oder eines Muslims oder eines Muftis. Ladeur, der einen Sinn fĂŒr l'odeur des fauves hat, der hat auch einen melacholischen Sinn, sagt es aber nicht immer, der kann auch im iranischen Muftis die Kontrafaktur Ladeurs erkennen. Sagen wir so: Es ist eine These, nur eine These. Die Tracht des Rechts, das fair messende Ăbertragen/Vesting, das musternde Ăbertragen, die geschickten Kassiber, die gebogenen Gassen: ihr Treiben ist unstillbar.
Man soll den Kontrollverlust akzeptieren, limitiert akzeptieren. Wie limitiert Ladeur den Kontrollverlust akzeptiert, das ist hier die Gretchenfrage und die GrĂ€tschenfrage. An welche Quellen er sich traut, wen er sich noch traut zu zitieren, wenn es um den Rechts- und Regenwald der Theorie und Geschichte zu zitieren, das ist Gretchen- und GrĂ€tschenftrage. Traut er sich den Yan Thomas zu zitieren, wenn es um Fiktionen geht? Traut er sich, den Steinhauer zu zitieren, wenn es um Fiktionen geht? Traut er sich, den Kelsen zu zitieren? Welche Quellen lassen den Ladeur zitieren, welche lassen ihnstandhaft ĂŒberzeugt sein? Traut er sich, Atlan oder Möllers zu zitieren? Traut ihm, wenn er sich traut - und wenn er sich nicht traut, dann traut ihm auch nicht. Ils sont sensible, s'ils sont sensible. Traut sich Ladeur, die islamische Literatur zu Fiktion zu zietieren, zum Beispiel die irrtierenden Diagramme aus der Bodleian Library zu den MondhĂ€usern, deren Entstehung man auf das 14. und 15 Jahrhundert datiert und von denen es heiĂt, dass sie in Baghdad entstanden seien - und die doch den standhaften Ăberzeugungen von der Erkennbarkeit des Religiösen, des Westlichen, des Ăstlichen, des Rechtlichen, des Eigenen und des Anderen leichten Kontrollverlust bescheren könnten? Traut sich Ladeur Warburg zu zitieren?
Der Westen, so Ladeur, kann sich selbst irritieren, aber nur limitiert - und er kann dabei nicht nur sich selbst irritieren und ist nicht nur von sich selbst irritiert. Die Westen, die Trachten, das Trachten jeder NormativitĂ€t kann sich selbst limitiert irritieren. Im Schatten Ladeurs arbeitet es sich gut, im Schatten Ladeurs arbeitete Vismann auf eine, so sage ich mal, wildere Weise an den gleichen Themen wie Ladeur. Mit Warburg gesprochen war Vismann die Nymphe und Ladeur ist und bleibt ein Flussgott. Wie limitiert der Kontrollverlust bleibt, wie limitiert die Irritation bleibt, wie sehr man trotzdem Ladeur trauen kann, obschon er so irritierend und mit Kontrollverlust schreibt, sieht man schon daran, dass er die wirklich schlimmen Quellen des Denkens nicht zitiert, sondern auch einen sorgfĂ€ltig gepflegten Zitiergarten pflegt, der wie jeder Garten, sogar wir prds, ein Troja, ein TrĂŒmmerberg und ein satyrischer Haufen ist.
Gute Rechtstheorie erkennt man daran, dass sie komisch ist und einen damit wĂŒten und Witze machen lĂ€sst. Ladeurs Rechtstheorie ist so mit das Komischste, was ich aus der Staatsrechtslehre zu lesen bekomme, jede Seite lĂ€sst mich wĂŒten und Witze machen. Der Kommissar Schneider ist gut. Der Rechtstheoretiker Ladeur ist gut.
Auch die GrÀtschenfrage ist die Frage nach dem Vertrauen, sie ist die schönste Frage nach dem Vertrauen, nÀmlich die kasuistische Fassung dieser Frage: Sie fragt nach dem Vertrauen im Fall.