12. November 2021
Ein Tag an der Schnittstelle zwischen Papier und nicht mehr ganz so viel Papier
Im März habe ich einen Nachsendeantrag gestellt. Ich ziehe zwar nicht um, aber ich bin zu selten zu Hause und möchte Probleme vermeiden, die aus ungeöffneter Post resultieren können. Meine Post soll an eine Person geschickt werden, die öfter zu Hause ist als ich.
Den Sommer über wird der Briefkasten gelegentlich geleert, einmal von mir und ein paarmal von Freundinnen und Freunden. Zwischen September und Mitte November sammeln sich dann knapp 40 Sendungen darin an. Ich weiß nicht, ob es theoretisch noch mehr gewesen wären und am Ende nur einfach nichts mehr reinpasste. Unter den nicht nachgesendeten Briefen sind auch welche vom Finanzamt, ein “Einwurf-Einschreiben” (zum Glück nichts Wichtiges) und ein Brief von Anfang Oktober, in dem wieder mal mit Kontopfändung gedroht wird, zur Abwechslung wegen eines unbezahlten Rundfunkbeitrages.
Ich wundere mich öffentlich und werde daran erinnert, dass es ja seit einiger Zeit mehr Versandunternehmen gibt als nur die Post. Sendungen von Behörden werden offenbar meistens mit der PIN AG verschickt, und es sieht nicht so aus, als würden die vom Nachsendeantrag mit erfasst. Das Problem scheint auch anderen bekannt zu sein.
Ich versuche, den Poststapel so zu bearbeiten, dass aus diesen Quellen möglichst in Zukunft keine Papierpost mehr bei mir ankommt.
1. Der Rundfunkbeitrag
Für den Rundfunkbeitrag stelle ich ein SEPA-Lastschriftmandat aus. Das hätte ich schon lange tun sollen, ich habe nur seit der Umstellung 2013 “unter Vorbehalt” überwiesen, weil ich weder Radio noch Fernseher habe und nicht damit einverstanden war, dass ich trotzdem bezahlen soll. Inzwischen habe ich aber gemerkt, dass ich doch gar nicht so wenig Öffentlich-Rechtliches nutze, nur eben in Textform und im Netz. Außerdem ist die AfD gegen alles Öffentlich-Rechtliche, also bin ich jetzt dafür.
Ein handschriftlich auszufĂĽllendes Lastschriftmandat liegt den Mahnungen bei. Ich fĂĽlle aber stattdessen eines im Netz aus, weil mir das schneller und einfacher vorkommt. Als ich es ganz ausgefĂĽllt und abgeschickt habe, erfahre ich, dass das nichts nutzt, wenn man das Lastschriftmandat zum ersten Mal ausstellt. Dann ist eine Unterschrift erforderlich, und zu diesem Zweck wird man mir das online ausgefĂĽllte Dokument per Post zusenden, so dass ich es unterschreiben und im beigefĂĽgten Antwortumschlag zurĂĽcksenden kann. Jetzt fĂĽlle ich doch das vorhandene Papier aus, stecke es in einen Umschlag und kaufe mit der Post-App am Handy eine Mobile Briefmarke, die ich mit PayPal bezahle.
Ich bekomme mehrere Fehlermeldungen und keinen Briefmarkencode. Ich fülle alles noch mal aus und bezahle diesmal mit Kreditkarte. Ich beschrifte den Umschlag, stelle fest, dass ich es falsch gemacht habe (der Briefmarkencode muss zweizeilig aufgeschrieben werden), reiße den Umschlag wieder auf und denke ganz kurz “blöd, eine Briefmarke verschwendet”, bis mir wieder einfällt, dass das ja nur früher so war und ich den Code einfach neu abschreiben kann. Ich hole einen neuen Umschlag, klebe ihn wieder zu, beschrifte ihn neu und bringe den Briefmarkencode diesmal richtig an. Inzwischen ist die Mobile Briefmarke aus dem PayPal-Versuch doch noch angekommen. Jetzt habe ich eine übrig. Sie ist noch 14 Tage lang gültig.
2. Die Zahn-Zusatzversicherung
Sie hat mir in diesem Zeitraum oft geschrieben. Größtenteils ist es nur Werbung für weitere Versicherungen, die ich nicht brauche. Aber auch ein erfreulicher Brief ist dabei: “Wir machen Schluss mit dem Papierkram. Unser Ziel ist, dass alle Kunden ab dem 1.10.2021 ihre Post ausschließlich digital übers Kundenportal bekommen.” Das ist auch mein Ziel! Ich suche den zweiten Brief, in dem das separat verschickte Passwort steht, und trage beides unter der im Brief genannten Adresse ein.
Leider hätte ich das bereits im August tun müssen. Aus Sicherheitsgründen gelten die Zugangsdaten inzwischen nicht mehr. Ich soll das Versicherungsunternehmen anrufen.
Ich suche auf der Website nach der Stelle, an der man sich auch ohne Anruf registrieren kann. Nachdem ich meine Versicherungsnummer herausgefunden und sie zusammen mit einigen anderen Daten eingegeben habe, eröffnet man mir zwei Möglichkeiten: Ich kann jetzt abwarten, bis ich neue Zugangsbriefe per Post bekomme. Oder ich kann mich mit Hilfe einer App namens IDnow identifizieren lassen. Damit geht es sofort.
Es eilt nicht, Post würde reichen, aber aus Techniktagebuchgründen will ich das IDnow-Verfahren ausprobieren. Ich installiere die App, gebe einen Code ein, den mir die Versicherungsseite mitteilt, fotografiere die Vorderseite meines Ausweises, fotografiere die Rückseite meines Ausweises, kippe den Ausweis unter der Handykamera auf und ab, so dass das Hologramm sichtbar wird, mache ein “Selfie-Video” von mir, das im zweiten Versuch auch akzeptiert wird, erhalte per Mail einen Code, den ich auf der Website eingebe und werde gebeten, auf eine weitere Mail zu warten.
In dieser Mail steht: “Ihre Identifizierung hat leider nicht funktioniert. In den nächsten Tagen erhalten Sie Informationen zu den weiteren Schritten.“
3. Die Deutsche Nationalbibliothek
Dort hat man vor ein paar Monaten herausgefunden, dass ich aus meinen Kolumnen des Jahres 2019 bei Amazon ein Papierbuch gemacht habe. Das Buch gibt es auch als E-Book, man kann es kaufen oder gratis herunterladen, bei Amazon, bei mir oder bei Library Genesis.
Ich habe damals einen Brief mit dem Betreff “Mahnung: Pflichtablieferung von Medienwerken” bekommen. Darin war viel von Gesetzen und Paragraphen die Rede. Ich soll zwei Exemplare des gedruckten Buchs abliefern, “für eine regelmäßige Zusendung künftiger Medienwerke bitten wir zu sorgen”. Ich finde gut, dass es so ein Archiv gibt, und war auch im Prinzip bereit, zwei Bücher hinzuschicken, aber vielleicht sind ja noch Fehler in den Papierausgaben, die vorher behoben werden sollten, und überhaupt wirkte es nicht so dringend.
Das zweite Schreiben ist noch schroffer als das erste. “Androhung des Zwangsmittels der Ersatzvornahme” lautet der Betreff jetzt. Was die Ersatzvornahme ist, steht nicht im Brief, ich muss es erst googeln. Offenbar bedeutet es, dass die Nationalbibliothek sich die Bücher selbst kaufen und mir eine Rechnung schicken wird. Die gesetzte Frist von einer Woche ist im September abgelaufen.
Ich habe also eine Kolumne geschrieben (in einem Google Doc), die daraufhin in einer Zeitung erschienen ist (auf Papier und in der digitalen Zeitungsversion, jedoch nicht im Internet) und aus der ich am Ende des Jahres ein E-Book und ein Papierbuch gemacht habe. Über das Nichtvorhandensein dieses Papierbuchs in ihrem Archiv beschwert sich die Deutsche Nationalbibliothek bei mir auf Papier, wovon ich Monate später erfahre, weil ich nicht an dem Ort war, an dem das Papier angekommen ist.
4. Das Finanzamt und andere Behörden
Tatsächlich hat die PIN AG ein eigenes Nachsendeantragsformular. Genau wie bei der Post kann ich dort ohne Angabe von Gründen (”Sonstiges”) meine Post für zwei Jahre an eine andere Adresse weiterleiten lassen, der Preis ist auch ähnlich (um die 30 Euro). Inklusive Lastschriftmandatserteilung dauert der Vorgang keine fünf Minuten. Es wäre aber schon hilfreich, wenn die Post auf ihrer Nachsendeantragsseite darauf hinweisen würde, dass man unbedingt auch noch ganz woanders einen Antrag stellen muss. Oder vielleicht sogar mehrere Anträge, wer weiß, was es sonst noch so für Zustellunternehmen gibt. Das werde ich dann im Laufe des nächsten Jahres herausfinden.
5. Der Rest
Bei einer Versicherung gelingt es mir im siebten Versuch, mich ins Serviceportal einzuloggen, dort gibt es aber keine Möglichkeit, das sehr langweilige Kundenmagazin abzubestellen. Ich fülle ein Supportformular aus.
Der ADFC hat ein Mitgliederportal, in das man sich ohne vorherige Registrierung nur mit Mitgliedsnummer und Postleitzahl einloggen kann, und dort gibt es die Möglichkeit, das “Radwelt”-Magazin auf Papier abzubestellen und stattdessen die digitale Version anzufordern. Das war so einfach und bequem wie sonst gar nichts an diesem Tag, danke, ADFC!
Abschließend schreibe ich sechs Mails an zwei spendenfinanzierte Organisationen, einen Buchverlag und drei Kulturinstitutionen, in denen ich darum bitte, möglichst keine Papierpost mehr zu schicken. Den Spendenorganisationen versichere ich, dass ich sowieso schon Daueraufträge eingerichtet habe und deshalb nicht weniger spenden werde, nur weil ich nicht ständig durch Papierpost an die Existenz der jeweiligen Organisation erinnert werde.
Das alles hätte ich schon vor Jahren machen sollen, denn 90 Prozent der genannten Papiersendungen habe ich schon immer ungelesen zum Altpapier gegeben. Ich war nur nicht genervt genug von der Lage. Erst der nicht-nachsendende Nachsendeantrag hat aus den vielen kleinen Problemen ein gemeinsames von ausreichender Größe gemacht.Â
(Kathrin Passig)











