2011 bis 2012
Hausaufgaben automatisieren mit Projekt Gutenberg
Ich studiere Anglistik und Computerlinguistik im Bachelor und muss für ersteres unter anderem Literaturkurse belegen. Den Aufwand dafür versuche ich zu minimieren, aber die Werke, die im Lehrplan stehen, will ich schon kennen, also besser kennen als nur die Zusammenfassung auf Wikipedia gelesen zu haben.
Die Vorlesung “Shakespeares wichtigste Tragödien” (oder so ähnlich) behandelt sechs oder sieben Stücke. Ich finde es ziemlich mühsam, Dramen selbst zu lesen, weil ich immer die Namen der Figuren überlese und dann nicht weiß, wer was sagt. Auf Projekt Gutenberg finde ich Audioversionen der Werke, die ich mir beim Einschlafen anhöre. Das Problem mit den Namen ist damit teilweise gelöst: Die Werke werden zwar jeweils von einer Person gelesen, aber man gibt sich Mühe, den Figuren etwas unterschiedliche Stimmen zu geben.
Um eins der Stücke abends anhören zu können, muss ich folgende Dinge tun:
Den Namen des Stücks auf gutenberg.org eingeben und in den verschiedenen Versionen suchen, ob es eine Audioversion gibt.
Alle dazugehörigen Dateien auf meinen Computer herunterladen. Beim Aufschreiben 2019 bin ich mir unsicher, ob ich ein Archiv herunterlade oder alle 20 bis 30 Dateien einzeln verarbeiten muss. Ich bin auch zu faul, die zwischenzeitlich implementierte Sperrung von gutenberg.org für deutsche IPs zu umgehen, um das zu prüfen.
Meinen Cowon J3 MP3-Player mit der 32-GB-Speicherkarte mit dem proprietären Cowon-USB-Daten-und-Lade-Kabel an den Computer anschließen, um die heruntergeladenen Dateien auf das Gerät zu kopieren. Ich kopiere immer nur wenige Dateien gleichzeitig auf das Gerät und lösche die alten, damit ich auf dem kleinen Gerät nicht so viel scrollen muss. Außerdem kann ich so nachts den Modus “Alle Dateien im Verzeichnis abspielen, dann automatisch das Gerät ausschalten” nutzen.
Das Seminar “Der scharlachrote Buchstabe aus feministischer Perspektive” (oder so ähnlich) behandelt ein einziges Buch, nämlich The Scarlet Letter von Nathaniel Hawthorne. Auch dieses Buch höre ich mir mit der oben beschriebenen Methode an. Zusätzlich habe ich eine Papierausgabe, die ich zwar einmal zum Kurs mitbringe, dann aber nie wieder. Im Unterricht arbeite ich mit meinem Laptop und der Plaintext-Version des Buchs, die ich von gutenberg.org habe. Wenn über bestimmte Textstellen gesprochen wird, muss ich nur einige Wörter zusammen in die Volltextsuche in meinem Texteditor eingeben, um an die richtige Stelle des Buchs zu springen.
Eine Aufgabe im Seminar besteht darin, die handelnden Figuren zu charakterisieren und ihre Beziehungen zueinander zu beschreiben. Ich finde das relativ schwer, weil es eine Menge Leute gibt, die zwar namentlich genannt werden, die ich mir aber einfach nicht merken kann, und ich verwechsele auch dauernd die Dorfbewohner mit anderen Dorfbewohnern.
Ich bin aber auch Computerlinguistin, deswegen fällt mir zum Glück eine Lösung ein. Mit der Plaintext-Version von The Scarlet Letter, die ich mir von gutenberg.org herunterlade, kann ich die Charakterisierungs-Aufgabe automatisieren. Ich schreibe mir ein Skript, das im Text nach Eigennamen sucht, die besonders häufig vorkommen, und mir die typischen Kollokationen dieser Namen ausgibt. Der Namensfilter besteht vermutlich nur daraus, dass ich nach den häufigsten Kombinationen zweier aufeinander folgender großgeschriebener Wörter suche. Das reicht für dieses Werk in englischer Sprache aus.
Das Skript ist sehr simpel, aber es muss für mich ja auch nur eine Erinnerungsstütze sein, weil ich den Inhalt des Buchs kenne. (Zum Aufschreibezeitpunkt 2019 wäre ich vermutlich in der Lage, mir das Selbstlesen ganz zu sparen und meine gesamte Teilnahme am Seminar zu automatisieren.) Übrigens stelle ich fest, dass es bei einigen Dorfbewohnern gute Gründe gibt, sie zu verwechseln, weil sie nämlich sehr viele häufige Kollokationen miteinander teilen.
(Esther Seyffarth)












