März 2020
If you wish to make an apple pie from scratch, you must first invent the universe
Um im März 2020 einen Kuchen zu backen, verwende ich folgende Technik:
Das Rezept, das ich verwenden möchte, kommt von einem angeheirateten Familienmitglied. Ich suche zuerst in meinem Googlemail-Posteingang nach dem Stichwort "rezept", finde dort auch viele leckere Rezepte, aber nicht das, das ich suche. Auch im Whatsapp-Verlauf führt die Stichwortsuche nicht zum gewünschten Ergebnis.
Ich frage R. und erfahre, dass das Rezept auf unserem NAS zuhause abgelegt ist. Alles klar! R. started vom Handy aus das NAS (es steht zwei Räume weiter, wir sitzen gemütlich auf dem Sofa, wozu hat man schließlich Wake-on-LAN eingerichtet). Als das NAS bereit ist, verbinde ich mich von meinem Laptop mit Linuxbetriebssystem auf den Server und lade mir das Rezept (eine einzelne jpg-Datei) herunter. Ich lege es in den "Downloads"-Ordner.
Mein Laptop ist groß, sperrig und vermutlich empfindlich gegen Kuchenteigspritzer, deshalb möchte ich ihn nicht mit in die Küche nehmen. Unseren Drucker haben wir kürzlich abgeschafft. Ich habe keine Lust, das Rezept auf Papier abzuschreiben. Deshalb entscheide ich am nächsten Tag (das NAS ist jetzt schon wieder aus), mit meinem Handy ein Foto vom am Laptop geöffneten jpg zu machen.
Mit dem Handy stehe ich in der Küche und befolge das Rezept Schritt für Schritt. Während des Backens mache ich ein kurzes Video, das ich in den Familienchat poste. Mein Handrührgerät funktioniert gut, aber es ist trotzdem mühsam, den Teig zu rühren, weil ich mir die doppelte Menge vom ursprünglichen Rezept vorgenommen habe. Ich überlege kurz, mit der Waage immer erst die vorgesehene Menge abzuwiegen, dann den Tara-Knopf zu drücken und dann noch einmal die gleiche Menge der aktuellen Zutat hinzuzufügen... Aber dann stelle ich fest, dass die Zahlen sehr einfach zu verdoppeln sind, und rechne die Mengen direkt im Kopf aus.
FĂĽr die Backzeit stelle ich mir einen Timer am Handy, der piepst, wenn die Zeit abgelaufen ist. Ob der Kuchen im Ofen (Ober- und Unterhitze) schon durchgebacken ist, prĂĽfe ich ganz technikfrei mit einem HolzspieĂźchen.
Zum Schluss möchte ich den Kuchen noch verzieren. R. und ich hatten uns vor einigen Wochen endlich entschieden, ein Klavier zu kaufen, was jetzt aber auf unbestimmte Zeit verschoben ist. Als Ersatz soll mein Kuchen ein Klavier-Design bekommen. Dafür fotografiere ich mit dem Handy unser vorhandenes Klavier und schneide das Bild so zurecht, dass die Tasten zu sehen sind, die später auch auf dem Kuchen zu sehen sein sollen (R.s Lieblingstonart ist D-Dur).
Mit dieser Vorlage dekoriere ich den Kuchen mit heller KuvertĂĽre und dunklen Schokoriegeln. Den fertigen Kuchen fotografiere ich wieder mit dem Handy, um im Familienchat und anderswo damit anzugeben.
Da wir keine Freunde oder Verwandten einladen können, ist das viel zu viel Kuchen für uns zwei. Die Reste friere ich ein, um sie später wieder auftauen zu können.
(Esther Seyffarth)














