"Ich möchte das Geschlechter-Kontinuum entpathologisieren – das ist mein Anliegen."
Anne-Catherine Simon: Die Unmöglichkeit, Geschlecht auf ein Wesentliches zu reduzieren, bedeutet noch nicht, dass es keine Verbindungen zwischen sozialem Geschlecht und Biologie gibt.
Judith Butler: Meine Agenda ist es auch nicht, die Kategorie, die damit verbundene Norm zu negieren, sie abzuschaffen. Ich will sie nur öffnen. Wie gesagt, wir brauchen Normen! Aber Normen können enger oder weiter gefasst sein. Ich will es den Menschen ermöglichen, ein Geschlecht ohne Zwang zu leben, ohne dass sie dabei jemandes Vorstellung entsprechen müssen, was das Wesentliche daran ist. Und wenn jemand in die Kategorie weiblich oder männlich eintreten oder sie verlassen will, zum Beispiel Transsexuelle, dann sollte es Wege dafür geben.
Anne-Catherine Simon: Eine Gender-Forscherin wurde mit Tests an wenige Monate alten Babys konfrontiert, bei denen die weiblichen im Durchschnitt mehr auf Puppen, die männlichen mehr auf Fahrzeuge reagierten. Das beeinflusse ihre Sicht überhaupt nicht, sagte sie, denn Biologie habe keinen Platz in ihrem Konzept. Was hätten Sie gesagt?
Judith Butler: Selbst wenn wir statistische Tendenzen zeigen können: Es wird immer Menschen geben, die nicht in diese Norm hineinpassen, die zur Minderheit gehören. Mir geht es um eine menschliche Frage: Wie kann man Erziehung so organisieren, dass alle Kinder ihre Wünsche als legitim erfahren? Es ist schmerzhaft und schwächend, das Gefühl zu bekommen, das, was andere tun, ist natürlich und richtig, was ich tue, ist unnatürlich, falsch, pathologisch. Ich möchte das Geschlechter-Kontinuum entpathologisieren – das ist mein Anliegen.
In: Die Presse, 06.05.2014