Adventskalendergeschichte
1. Dezember ------------------------------------- .:: Euer Wahnsinn in mir ::. -------------------------------------
„Ich bin ein Fuchs, ein vermeintlich elternloses Kind. Geboren wurde ich in die Kälte meines Gefängnisses. Ihr glaubt vermutlich, dass ich nicht wissen kann, dass ich gefangen bin, weil ich die Freiheit nicht kenne, aber ihr kennt auch Dinge nicht und könnt sie trotzdem vermissen! Meine Hölle ist so klein, dass ich mich nicht strecken kann. Ich kann mich um mich selbst drehen, wie ein Irrer, aber ich muss mich dazu biegen und verdrehen. Ich kenne keinen Fuchs, dem es anders geht. Unter mir, neben mir, über mir, hinter mir... Allen ergeht es gleich. Ich höre sie schreien, mal stumm und mal laut. Sie schrien ihre Verzweiflung in die Welt, aber niemand hört zu.
Manchmal gehen die Pelzlosen vorbei, wenn sie uns unsere Mahlzeiten bringen. Manchmal holen sie uns ab, für die Reise ohne Wiederkehr. Dort wo meine Hölle sich befindet, kann ich nicht sehen, was passiert, aber wir wissen es alle. Wir sind weder taub, noch blind. Die anderen Füchse erzählen, wie die Pelzlosen uns mit Knüppeln halb tot schlagen. Sie jagen den Schmerz unserer Existenz noch tiefer in all unsere Glieder. Sie rauben uns den Atem, manchmal erlösen sie uns, aber oft genug, tun sie das nicht. Wir sterben wie wir gelebt haben: In namenloser Qual.
Wir alle teilen dieselbe Geschichte. Dasselbe Schicksal. Mein Nachbarfuchs ist in seinem Wahnsinn bereits untergegangen. Er liegt nur noch da und wartet auf das Ende. Er schreit nicht mehr nach außen und ruft nicht mehr um Hilfe. Manchmal isst er nicht mehr, manchmal glaube ich, dass er nicht einmal mehr atmet. Die Augen öffnen sich selten und wenn sich die Lider heben, sieht er trotzdem nichts. Er blickt in die Leere seiner Existenz, blickt direkt durch mich hindurch, als gäbe es mich nicht. Wahrscheinlich werden sie ihn bald holen.
Es ist nicht gut, nicht mehr zu essen. Es ist auch nicht gut, krank zu sein. Wenn sie es merken, ist es vorbei. Vielleicht will mein Nachbarfuchs das, aber ich will es nicht. Ich bin Opfer meiner unsinnigen, kranken Hoffnung. Ich schreie noch, schreie oft so laut ich kann. Mein Körper schmerzt. Ein Schmerz, der nie aufhört. Ich muss mich bewegen, aber mein Gefängnis ist zu klein. In meinen Gliedern sitzt der Drang zu rennen und zu springen. Es macht mich wahnsinnig. Immer weiter drehe ich mich im Kreis und dann schreie ich wieder. Die Echos hallen endlos wider, denn viele schreien mit mir. Manchmal sind wir auch alle müde von dem von euch gemachten Wahnsinn in uns. Fast so müde wie mein Nachbarfuchs. Andere Füchse verlieren den Verstand und beißen sich in die Pfoten, die so sehr nach Bewegung gieren und so wund sind, von den Gittern. Ich wollte den Drang auch schon oft aus ihnen hinaus beißen. Die Wahrheit ist wohl, dass ich sie nie benutzen werde, aber ich bin ewiger Leugner der Realität. Vielleicht ist es euer Wahnsinn in mir, der mich zum Betrüger meiner Selbst verdammt...
Und dann kommt dieser eine, seltsame Tag, an dem komische Pelzlose um unsere Gefängnisse schleichen. Ich rieche ihre Angst und ihre tiefe Traurigkeit. Ich bin es gewohnt, Wut zu riechen und Hass, deshalb bin ich so verwundert. Ich beobachte sie und drehe dabei meine Kreise um mich selbst. Sie kommen zu mir und ich will nicht sterben. Ich hätte so gerne einen einzigen Tag ohne Schmerzen an einem Ort jenseits der Hölle verbracht. Ich will nicht weggebracht werden, ohne Wiederkehr. Ich will nicht erschlagen werden. Ich wehre mich vergeblich.
Eine sehr anstrengende Nacht beginnt für mich. Ich bin hin und her gerissen, zwischen leben und sterben wollen. Mein Nachbarfuchs kommt mit mir. Vielleicht müssen wir beide wegen ihm sterben? Er scheint nur darauf zu warten. Kein einziges Mal hebt er den Kopf. Wir passieren seltsame Räume, begegnen komisch riechenden Pelzlosen und manchmal tun sie uns weh. Nicht so sehr. Wir sind schlimmere Schmerzen gewohnt. Als ich aufwache, liege ich das erste Mal in meinem Leben bequem. Erst bin ich verwirrt, ehe mir klar wird, dass ich nicht auf Gittern liege. Ich liege auf irgendeinem gemütlichen, warmen Material und als ich mich umsehe, kann ich zunächst keine Gitter erkennen. Noch ein bisschen wackelig erhebe ich mich und gehe ein paar vorsichtige Schritte. Meine Pfoten sind es nicht gewohnt, nicht auf Gittern zu gehen. Sie schmerzen, obwohl der Boden angenehm ist. Es ist so leise um mich herum, ganz friedlich. Niemand schreit. Die frische Luft ist herrlich. Es riecht nicht nach den Ausscheidungen die in der Nase beißen, weil es so viele sind. Es riecht alles sauber und da sind Gerüche, die ich noch nie in meinem Leben gewittert habe. Ich schüttle meinen Pelz und gehe misstrauisch weiter. Aufmerksam sehe ich mich um, will vorsichtig sein, als könnte ich dieses Wunder mit einem falschen Schritt zerstören. Vielleicht träume ich und ich will lieber nicht mehr aufwachen. Als es mir mehr und mehr unmöglich scheint, zu träumen, kennen meine Pfoten kein Halten mehr. Egal wie sehr sie Schmerzen und egal wie verdreht und krumm meine Haltung ist, ich renne! Ich renne das erste Mal in meinem ganzen Leben und höre so schnell nicht mehr damit auf. Ich springe und laufe und drehe mich in immer größeren Kreisen. Ich rufe vergnügt, aber ich schreie nicht mehr.
Dort wo ich heute lebe, ist keine Hölle mehr. Es gibt Gitter, aber ich fühle mich Zuhause. Ich lebe jetzt wirklich und es hat zwar eine ganze Weile gedauert, aber heute kenne ich Freiheit. Ich bin frei von Schmerzen und frei von Angst. Ich kenne jetzt andere Pelzlose. Pelzlose die sich kümmern... Mein früherer Nachbarfuchs ist auch jetzt wieder ein Nachbarfuchs. Es hat lange gedauert, bis er wieder gesund war. Körperlich. In seinem Inneren ist mehr kaputt, als in mir, aber er kann wieder essen und sich bewegen. Auch in mir ist noch ein bisschen Wahnsinn geblieben. Manchmal träume ich, ich wäre zurück in der von euch gemachten Hölle. Dann schreie ich in mir, bis ich aufwache. Ich liebe es, aufzuwachen. Es ist jedes Mal wie ein Wunder.
Ihr glaubt vielleicht, ich könnte mich nicht ewig an das erinnern, was ich erlebt habe, aber ihr irrt euch. Ich werde es nie vergessen können, obwohl ich das gerne würde. Ich kann mich an die Vergangenheit erinnern, so wie ihr auch.“
Bitte unterstützt Lebenshöfe wie:
https://www.gut-weidensee.org/fuechse
(kleine Verspätung :) )












