Oren Movermans Wettbewerbs-Beitrag âThe Dinnerâ nimmt den Mund zu voll.
Dieter Kosslick hat es sich verkniffen, das diesjĂ€hrige Programm der Berlinale zum groĂen Politikum aufzubauschen, wie er das in den letzten Jahren oft und gerne getan hat. Stattdessen beschrĂ€nkte er sich darauf, den 2017er-Jahrgang als ĂŒberaus optimistisch zu lobpreisen, ein Hoffnungsschimmer in Zeiten von globalem Tumult. Eins steht fest: Den US-amerikanischen Wettbewerbs-Beitrag des gebĂŒrtigen Israeli Oren Moverman (âThe Messengerâ, âTime Out Of Mindâ) kann er damit nicht gemeint haben, denn nicht nur legt das hochkarĂ€tig besetzte, Kammerspiel-artige Thrillerdrama einen galligen Pessimismus an den Tag, sondern wagt sich auch an eine ganze FĂŒlle politischer Brandherde heran â ein Unterfangen, mit dem sich der Film klar ĂŒbernimmt. Noch bedauerlicher: Statt sich auf sein gutes GespĂŒr fĂŒr Setting und die kraftvollen Performances seiner vier Weltklasse-DarsterllerInnen zu verlassen, flĂŒchtet sich Moverman zu hĂ€ufig in selbstverliebte StilblĂŒten.
Eigentlich sollte Stan Loman (Richard Gere) alle HĂ€nde voll zu tun haben: Der hochrangige Kongressabgeordnete befindet sich mitten in einem Gouverneurs-Wahlkampf und in wenigen Stunden findet eine wichtige Abstimmung zu einem seiner GesetzesentwĂŒrfe statt, die ĂŒber die Zukunft seiner politischen Karriere entscheidet. Dennoch blĂ€st Loman ĂŒberraschend alle Termine ab. Stattdessen laden er und seine Gattin Kate (Rebecca Hall) seinen Bruder Paul (Steve Coogan), und dessen Frau Claire (Laura Linney) zum Dinner in ein ĂŒberaus angesehenes Restaurant ein (die absurd dekadente PrĂ€sentation der Speisen erntete regelmĂ€Ăigen Szenenapplaus). Nicht nur blicken die vier Anwesenden auf eine komplizierte Familiengeschichte zurĂŒck, die beiden Teenagersöhne der Familien hĂŒten auch noch ein finsteres Geheimnis. Schon bald mĂŒssen die beiden Paare eine unmögliche Entscheidung treffen. Â
âThe Dinnerâ basiert auf dem gleichnamigen Bestseller des NiederlĂ€nders Herman Koch und die literarischen Wurzeln des Stoffes werden schnell offensichtlich. Der Film deckt eine gewaltige Bandbreite an Themen ab und fĂŒhlt sich hĂ€ufig an, als wolle er vier verschiedene Geschichten gleichzeitig erzĂ€hlen: Eine schwarzhumorige Sozialsatire, ein dunkler Polit- und Moralthriller, ein bitteres Familiendrama sowie eine eher experimentelle Abhandlung ĂŒber die Auswirkungen psychischer Krankheiten. Politisch bedient sich âThe Dinnerâ bei Themen wie den moralischen Grauzonen der Politik, den Privilegien der Gutsituierten, der amerikanischen Rassenthematik, dem US-Schulsystem, dem VermĂ€chtnis des BĂŒrgerkriegs, der gesellschaftlichen Stigmatisierung von Depressionen und den Fallstricken des Internets. Eine solch ausufernde Themenvielfalt ist umsetzbar in einem Roman, doch ein Film benötigt mehr Fokus. Mit seiner begrenzten Spielzeit kann âThe Dinnerâ all diese Baustellen nur unzureichend bedienen und verwĂ€ssert seine Aussagen mit stĂ€ndigen Stimmungswechseln.
Moverman platziert seine Adaption fest im âWho's Afraid Of Virginia Woolf?â-Subgenre. Die Formel ist bekannt: Ein privilegiertes GrĂŒppchen findet sich zu einem geselligen Abend zusammen und nach und nach werden dunkle Geheimnisse und das wahre, psychisch gebeutelte Ich der Protagonisten hinter den zivilisierten Fassaden entblöĂt. Das mĂŒndet hĂ€ufig in simplistische Moralpredigten, die dem Zuschauer weiĂ machen wollen, dass letztendlich doch jeder ein selbstsĂŒchtiges Schwein ist â wie etwa zuletzt in Roman Polanskis âCarnageâ -, doch Moverman hat zum GlĂŒck anderes im Sinn und geht, was seine Figuren betrifft, mit nuanciertem FeingefĂŒhl zu Werke. Diese Familie hat einen vertrackten, lebendigen Werdegang hinter sich, der sie schnell von Klischee-GewĂ€ssern weg und hin zu spannender Dynamik fĂŒhrt, die auf stimmige Weise ĂŒberraschende Facetten der Figuren offen legt. Die Figur, mit der wir als Zuschauer in das Geschehen einsteigen (Coogan's Paul in einer beeindruckenden Performance),  wandelt sich etwa zunehmend vom amĂŒsant direkten Misanthropen zum unzuverlĂ€ssigen ErzĂ€hler, dessen Urteil von einer lange bestehenden geistigen Erkrankung getrĂŒbt wird. Diesem Beispiel folgend werden auch die restlichen Figuren im Laufe des Films gekonnt auf den Kopf gestellt, ohne jemals in simple Schwarz-WeiĂ-Schemata zu verfallen. âThe Dinnerâ zeichnet entschieden und gekonnt in Grautönen.
HĂ€tte sich Moverman doch nur auf diese Tugenden verlassen und es seinen DarstellerInnen erlaubt, die Ecken und Kanten des Films selbst aufzuzeigen und im komprimiertem Rahmen auszufechten. Stattdessen flĂŒchtet sich die Geschichte immer hĂ€ufiger in vertrackte, oft halluzinatorische Flashbacks,  die bei aller inszenatorischer Finesse oft in ziellos mĂ€andernde Passagen mĂŒnden, die die Geduld des Zuschauers auf die Probe stellen. Ausgiebig werden diverse schicksalhafte Episoden der Familien ausgebreitet und ersticken aufkommenden Schwung regelmĂ€Ăig im Keim, statt diese Inhalte subtil in die Dialoge im Restaurant einzuflechten. Zu lange wartet der Zuschauer darauf, dass der Film endlich zu seinem vielversprechendsten Setting zurĂŒckkehrt: Der schummrig-bedrohlich ausgeleuchtete Dinnertisch, wo die Konfliktherde verheiĂungsvoll vor sich hin brodeln.
Erst im letzten Akt, wenn sich âThe Dinnerâ endlich fĂŒr einen Modus (den des moralisch zwielichtigen Thrillers) entscheidet, die Flashbacks hinter sich lĂ€sst und sich auf seinen eigentlichen Konflikt (das Geheimnis der Söhne) einlĂ€sst, entfaltet die Geschichte sich zu voller Pracht. Es ist hier, wo die spannenden Untiefen des Stoffs sich vollends offenbaren, auch die anderen Darsteller neben Coogan die Chance bekommen, groĂ aufzuspielen und insbesondere Linney und Hall nutzen sie gehörig. Doch es ist zu wenig und zu spĂ€t â der Duft der verpassten Chance liegt lĂ€ngst in der Luft und auch das Ă€tzende, doppelbödige Ende will nicht so recht beschwichtigen. Ăhnlich wie bei den hochtrabenden Speisen, die den Protagonisten kredenzt werden, befindet sich zu viel Leerraum auf diesem Teller. Â
Autor: Kevin Huber, Drehbuch16