Ca. 1986 bis heute
Meine kleinste Handtasche
Seit meine Tante mir den ersten Erwachsenengeldbeutel (einfarbig, mit Kartenfächern und auch 100-DM-Scheine ungeknickt fassend) geschenkt hat, kaufe ich das gleiche Modell nach, wenn das alte verschlissen oder verlorengegangen ist: 9 x 9 cm groß, mit Inhalt zwischen 2-3 cm dick und fast komplett aus Leder bestehend, sieht die „Wiener Schachtel“ aus wie ein beliebiges Portemonnaie, unterscheidet sich davon aber durch besondere Funktionalität: Das Münzfach kann mit einer Hand so aufgefaltet werden, dass sein kompletter Inhalt wie in einer kleinen Kiste gut sichtbar vor einem liegt.
Im Kartenteil enthält mein Einhandgeldbeutel (so sein zweiter Fachhandelsname): zwei EC-Karten (Privat- und Geschäftskonto), Geldkarte eines praktisch leeren Postsparkontos (Relikt aus Zeiten, in denen dafür mit „gebührenfreier Geldabhebung im Ausland“ geworben wurde), Kundenkarte Deutsche Post (ermöglicht Bezahlung per Abbuchung), Kundenkarte Karstadt (ermöglicht vor allem Werbemailings, gleich wegschmeißen und durch den unterm Küchenregal wiedergefundenen Bibliotheksausweis ersetzen), Mitgliedskarte des Konzertveranstalters meines Vertrauens, Führerschein, Flinkster-Karte, Bahncard, Krankenversicherungskarte. Einen Personalausweis besitze ich nicht, der Reisepass bleibt schön zu Hause.
Im großen, äußeren Geldscheinfach verwandle ich Monat um Monat Geldscheine in wertlose Thermopapierchen; im kleineren bewahre ich ÖPNV-Streifenkarten, eine Mehrfach-Eintrittskarte fürs Schwimmbad aus Papier, die nicht in die Kartenfächer passt und für jeden ihrer 20 Einsätze aus einer Plastikschutzhülle gefummelt wird, verschiedene Visiten- und Stempelrabattkarten sowie ein paar weitere Papierfetzen auf: die auf einem Zettelchen notierten Abmessungen des meiner Meinung nach idealen Handgepäckkoffers, die von meinem Vater aufgeschriebene Typenbezeichnung des Farbbands für seine Triumph-Schreibmaschine sowie den Abholschein für vor ca. zehn Jahren zur Reparatur beim Schuhmacher abgegebene, von diesem verhunzte, nicht mehr in Ordnung gebrachte und schließlich von mir abgeschriebene Schuhe (letzte Erinnerung an diese).
Das Münzfach nutze ich wie eine kleine Handtasche. Neben Kleingeld liegen darin eine Haarklemme, zwei Büroklammern (eine davon zum Aufhebeln von SIM-Karten-Slots aufgebogen), eine Sicherheitsnadel, ein in Papier verpackter Zahnstocher. Ein kleines Seitenfach birgt, neben wiederum im Sammelbeitrag aufgeführten digitalen Datenträgern und ein paar Briefmarken, ein winziges Beutelchen Salz, zwei Zeichnungen eines befreundeten Kindes, eine Glückskeksbotschaft („Alle guten Dinge kommen in kleinen Paketen – so meine ich jedenfalls“) und die Zugangsdaten eines Hotel-WLANs.
In einem kleinen Seitenfach neben den Münzen verstecken sich Briefmarken, eine Prepaid-SIM, eine Micro-SD-Karte und 2 GB USB-Speicher, die ich zum Datentransfer in Copyshops verwende. Als nur 2 Quadratzentimeter großes und 1 mm dickes Stück Plastik war er einst ausklappbar integriert in eine kreditkartengroße Werbekarte einer Druckerei, ist dort aber irgendwann herausgebrochen. Anders als andere USB-Sticks habe ich ihn seit über fünf Jahren nicht verloren.
Möglicherweise wird nach dieser akribischen Bestandsaufnahme ein bisschen entrümpelt, denke ich mir beim Aufschreiben, denn damit ist es ja festgehalten. Aber ich lasse alles genauso, wie es ist.
(Undine Löhfelm)












