Ich will einfach nur hier sitzen
Pandemiebedingt war ich lange nicht mehr in Berlin. Heute will ich mit dem Bus zum Berliner Hauptbahnhof fahren. Die passenden MĂŒnzen habe ich deswegen in der Tasche. Wie ich weiĂ, gibt es keinen Ticketautomaten an meiner Starthaltestelle. Neu ist mir jedoch das Schild am FahrerhĂ€uschen des Busses: Dort kann man nicht mehr mit Bargeld ein Ticket kaufen. Mir lĂ€uft die Zeit davon, ich steige daher trotzdem ein und verbringe die gesamte Fahrzeit mit der BVG-App. Einen PayPal-Account habe ich nicht, aber 20 Sekunden vor meinem Halt gelingt es mir, die Kreditkartendaten einzugeben und abzusenden.
Ob eine vorher zugestiegene Kontrollperson des BVG diese trĂ€nenreiche Geschichte interessiert hĂ€tte? Egal, darum soll es heute nicht gehen, sondern um die anschlieĂende Zugfahrt:
Ich habe einen Super-Sparpreis in der 1. Klasse eines ICs. Den Wagen mit meiner Reservierung gibt es nicht, aber genug SitzplĂ€tze in den Abteilen des nĂ€chsten. Ich setze mich, stelle fest, dass die KopfstĂŒtze zu niedrig ist, stehe wieder auf, um sie hochzuschieben, und setze mich dann erneut.
Sie ist immer noch zu niedrig. Konkret heiĂt das: Aufrecht könnte ich nur sitzen, wenn ich nach vorn rutsche. Damit kĂ€me ich der Mitreisenden gegenĂŒber ins Gehege. Mich wie geplant mit dem RĂŒcken anzulehnen ist gar nicht möglich: Links und rechts ragen feste âOhrenâ im 90°-Winkel ca. 20 cm weit aus der Lehne heraus, an die man bei Bedarf wohl den Kopf legen können soll. Ich habe nichts dabei, womit ich den Abstand dazwischen messen könnte, aber er ist deutlich schmaler als meine Schultern, etwa so breit wie mein Unterarm nebst Faust Es liegt auch kein Bedienfehler meinerseits vor. Der Schaffner ist erst von meiner Frage ĂŒberrascht, bestĂ€tigt dann aber, dass die KopfstĂŒtze nicht höher geschoben werden kann als bis zu ihrer jetzigen Position.
Ich weiĂ, dass sich Unternehmen herausnehmen, KörpermaĂe als Norm zu bestimmen, die allenfalls statistische HĂ€ufungen sind. Menschen mit bestimmten Körperformen haben deswegen hĂ€ufig Probleme mit SitzplĂ€tzen. Hier scheint mir der Fall anders zu liegen, denn in Sachen KörpergröĂe von Erwachsenen liege ich nur ein paar Zentimeter ĂŒber dem Median â betrachtet man nur MĂ€nner, sogar noch weniger â und bin auch in der Schulterbreite eher unauffĂ€llig. Mein Eindruck ist, dass selbst jemand mit KörpermaĂen genau im Median in diesem Sitz nicht aufrecht und angelehnt sitzen könnte.
Ăber den KopfstĂŒtzen ist ein Spiegel. Ich weiĂ nicht, ob er der technische Grund ist, warum die KopfstĂŒtzen nicht höher geschoben werden können. Jedenfalls kann ich mir nicht vorstellen, dass der Spiegel mehr zur FunktionalitĂ€t des Abteils beitrĂ€gt als die KopfstĂŒtzenhöhe ihr schadet.
Das lĂ€sst mich in den nĂ€chsten Minuten nicht los und ich bin mir ziemlich sicher, dass die verschiedenen in Betrieb befindlichen Baureihen von Zugabteilen irgendwo im Internet minutiös dokumentiert sind. Aber das Internet im Zug reicht nicht einmal fĂŒr eine Suchmaschinen-Abfrage. Also gebe ich auf und verfasse stattdessen einen Techniktagebuch-Beitrag, um ihn spĂ€ter aus einem anderen Zug zu posten.
(Damit ist das 1.-Klasse-Abteil in ICs einer bestimmten Bauart bereits der zweite zum Sitzen bestimmte Ort in FernzĂŒgen, an denen ich aus anatomischen GrĂŒnden nicht ohne weiteres sitzen kann. Der andere ist jedoch ein fĂŒrs Techniktagebuch in den Details zu unappetitliches Thema.)