Juli 2014 / November 2024
Zukunftsprognose im Realitätscheck
Im Juli 2014 stoße ich auf einen Beitrag des Online-Reisemagazins Travelbook mit dem Titel "Die Zukunft des Reisens: So reisen wir im Jahr 2024". Nicht näher genannte "Experten aus der Reise- und IT-Branche wagten gemeinsam mit Futurologen einen Blick in die Zukunft des Reisens", wird darin versprochen. Ich denke sofort: "Diesen Artikel speichere ich auf meiner Festplatte! Dann kann ich die Vorhersagen in zehn Jahren mit einer echten Reiseerfahrung vergleichen und darüber im Techniktagebuch schreiben."
Im November 2024 steht eine Fernreise an. Davor und danach lese ich den Travelbook-Artikel noch einmal und muss – so viel kann ich vorwegnehmen – die Bilanz ziehen, dass so gut wie nichts von dem Prophezeiten wahr geworden ist. Mit der Veröffentlichung meiner Erkenntnisse im Techniktagebuch möchte ich der Fairness halber aber noch bis Ende des Jahres warten, denn wer weiß, womöglich tritt am 31. Dezember noch die ein oder andere bahnbrechende Neuerung ein.
Der "eher unangenehme Teil eines Urlaubs", nämlich die Anfahrt zum Flughafen sowie das übliche Prozedere darin, werde im Jahr 2024 "weitaus bequemer, stressfreier und einfacher sein – das jedenfalls prognostiziert eine breit angelegte Studie der Reisesuchmaschine Skyscanner". Wir nehmen die S-Bahn zum Flughafen und kein "Hightech-Taxi, ausgestattet mit gesten- und sprachgesteuertem Internetzugang und 3D-Bildschirm", welches es meines Wissens zumindest in Deutschland ohnehin noch nicht gibt. Bemerkenswert diese Passage: "Unterwegs noch schnell per Skype von Freunden und Familie verabschieden, das spart Zeit." Ob das über eine taxi-interne Schnittstelle oder über das eigene Endgerät erfolgen sollte, steht im Artikel ebensowenig wie eine Begründung dafür, dass sich von allen im Jahr 2014 existierenden Chat- und Videocall-Programmen ausgerechnet Skype durchsetzen sollte. (Es existiert 2024 tatsächlich noch, ich habe aber seit mindestens zehn Jahren nicht geskypet.)
Weiter: "Abfertigungsschalter wird es im Jahr 2024 am Flughafen nicht mehr geben, und damit auch keine Warteschlangen." Beides ist falsch. "Dank technologischer Fortschritte kann jeder Passagier seinen Koffer an einem automatisierten Schalter abgeben." Self-Check-ins an Automaten gibt es wirklich bei den meisten Fluggesellschaften. Wir scannen unsere Pässe, bestätigen ein paar Gefahrengut-Belehrungen und entnehmen dem Automaten die Gepäcketiketten – auf Papier; rein digitale Gepäcketiketten, die laut Travelbook "Papieranhänger und gedruckte Bordkarten überflüssig" machen, sind noch nicht Realität geworden. ("Der Fluggast kann somit seinen Koffer jederzeit verfolgen und findet ihn später mühelos auf dem Gepäckband wieder." – Wie? Über eine App?)
Die Warteschlange an der Sicherheitskontrolle ("wird es nicht mehr geben") ist lang, und weder Passagiere noch Gepäckstücke werden mit einem "molekulare(n) Laserscanner durchleuchte(t)". Wir finden dasselbe Instrumentarium vor wie im Jahr 2014: Röntgenscanner mit Fließband, Ganzkörperscanner, Handdetektoren, zusätzlich Abtastung und Schuhkontrolle durch menschliches Personal. Die Aussage "Gesichtserkennung ersetzt den Reisepass" stimmt so halb, denn mein Gesicht wird beim Verlassen und Betreten der EU biometrisch mit einer Kamera abgetastet, nachdem ich meinen – unerlässlichen – elektronischen Pass auf das Dokumentenlesegerät vor der Schleuse gelegt habe.
Wie seit jeher angeraten, haben wir uns mehr als zweieinhalb Stunden vor Abflug am Airport eingefunden. Travelbook 2014: "Wer trotzdem zu früh dran ist, den erwarten auf den Flughäfen der Zukunft diverse Möglichkeiten zum Zeitvertreib – etwa 3D-Kinos, Museen, Open-Air-Parks und Swimmingpools. Außerdem ersetzen digitale Shopping-Wände Duty Free Shops und persönliche Guide-Systeme navigieren die Passagiere durch den Airport." Sowohl im Start- als auch im Zielflughafen gibt es zahlreiche (physische) Duty-Free- und andere Shops, aber bis auf Videospielzonen keine darüber hinausgehenden Beschäftigungsräume.
Auch die Vorhersagen zum Flugzeug selbst erweisen sich als misslungen: "Unbequeme Plätze wird es im Flugzeug nicht mehr geben – jeder Sitz passt sich automatisch dem Körper des Passagiers an und verfügt über eine eigene Klimaanlage. Natürlich hat jeder Fluggast Zugang zu Internet und einem 3D-Multimedia-System mit personalisierten Filmen, Musik und Daten. Über Hologramm-Systeme am Bildschirm sind 3D-Gespräche mit Familie und Geschäftspartnern auch während des Flugs möglich. Der Clou: Mit haptischen Datenhandschuhen kann der Fluggast seine Kinder umarmen oder seinem Geschäftspartner die Hand schütteln – und dabei die Berührungen sogar fühlen. Dank eines im Sitz eingebauten Schallschutzes werden Mitreisende durch die Gespräche nicht gestört." Ob es derlei in der Business Class gibt, kann ich freilich nicht ausschließen. Immerhin: Die Film- und Musikauswahl ist, wenn auch nicht personalisiert, sehr groß, und Internet ist (gegen Aufpreis) verfügbar.
Über technische Innovationen, die am Urlaubsort genutzt werden, wusste Travelbook: "Selbst in Ländern, in denen der Reisende sonst kein einziges Wort verstehen würde, wird er sich in Zukunft mühelos zurechtfinden. Möglich machen soll das ein Gerät, das so klein ist, dass es auf eine Kontaktlinse passt. Der unsichtbare digitale Reisefreund wird unterwegs den Travelguide spielen und Wörter wie Sätze sofort übersetzen." Smarte Kontaktlinsen benutzen wir nicht, aber dank Google Lens und Translator wird die Verständigung in der Tat deutlich einfacher. Gerade Ersteres ist ein Segen bei nur in der Landessprache verfassten Speisekarten.
Mehr oder weniger zutreffend ist die Behauptung, dass "der Reisende sein Ziel schon vorab in der digitalen Welt erkunden und ausprobieren" kann. Über Google Maps "lassen sich bequem von Zuhause aus Sehenswürdigkeiten ansehen und sogar Geräusche anhören", wobei ich Letzteres nicht bestätigen kann. Möglich ist es wahrscheinlich auch, sich "mit Hilfe künstlicher Intelligenz Reiseziele" vorschlagen zu lassen, "die den Vorlieben und Wünschen des Nutzers entsprechen". Schön wäre dies: "Auch die Buchung der Reise übernimmt der digitale Helfer."
Ich möchte mich mit diesem kleinen Faktencheck nicht über false predictions lustig machen. Vielleicht werden wir den Voraussagen in noch mal zehn Jahren ja deutlich näher gekommen sein.
(Torsten Gaitzsch)
















