Wie viele Embryonen sollte man einsetzen lassen??
Es ist eine Gratwanderung: Wenn man zu viele Embryonen bei einer IVF oder ICSI transferiert, dann ist das Risiko für Mehrlinge erhöht, mit absteigender Anzahl an Embryonen sinkt die Chance auf eine Schwangerschaft. Ist das tatsächlich so: hilft viel auch wirklich viel? Wie viele Embryonen sollte man also einpflanzen?
Inhalt:Die Zahlen aus DeutschlandDie Datenbasis der AnalyseZwei Embryonen verglichen mit wiederholtem Transfer von einem EmbryoEin Zyklus mit zwei Embryonen verglichen mit einem Zyklus mit einem EmbryoUnd was ist mit drei Embryonen?Wie viele Embryonen soll man denn nun zurückgeben?Kumulative Schwangerschaftsrate ist bei Single Embryo Transfer gleich gutDer „Single Embryo Transfer“ ist kostenneutralBelgien unterstützt den SET und spart dabei
Die Zahlen aus Deutschland
Aus den Daten des Deutschen IVF-Registers lässt sich grundsätzlich erkennen, dass die Schwangerschaftswahrscheinlichkeit steigt, wenn mehr als ein Embryo transferiert wird. Erkennbar ist aber auch, dass bei sehr jungen Patientinnen die Erfolgsrate kaum ansteigt, wenn sie zwei Embryonen erhalten. Erst wenn die 40 deutlich überschritten ist, scheint der dritte Embryo einen nennenswerten Effekt zu haben.
In diesem Diagramm findet man die Prozentzahl von Embryotransfers, die zu einer klinischen Schwangerschaft führten. Die Prozentzahlen geben also nicht die Geburtenrate an.
Es stellt sich die Frage, inwieweit eine höhere Anzahl von Embryonen tatsächlich eine Verbesserung der Schwangerschaftsraten nach sich zieht. Zuletzt 2013 wurden nach den strengen Kriterien der Cochrane Database Studien ausgewählt, die sich mit dieser Frage beschäftigten((Pandian Z, Marjoribanks J, Ozturk O, Serour G, Bhattacharya S
Number of embryos for transfer following in vitro fertilisation or intra-cytoplasmic sperm injection.
Cochrane Database Syst Rev. 2013 Jul 29;(7):CD003416. doi: 10.1002/14651858.CD003416.pub4.)).
Die Datenbasis der Analyse
Die Wissenschaftler fanden 14 Studien, die den Behandlungserfolg in Abhängigkeit von der Zahl transferierter Embryonen untersuchte und die Voraussetzungen für die Cochrane Analyse mitbrachten. Diese Studien beinhalteten die Daten von 2165 Frauen.
Zwei Embryonen verglichen mit wiederholtem Transfer von einem Embryo
In drei Studien wurde der Transfer von zwei (double embryo transfer ) mit den von einem (single embryo transfer ) verglichen. Eine Studie verglich zwei "frische" SETs mit einem DET und (naheliegender) zwei weitere Studien befassten sich mit den Ergebnissen von einem DET im Vergleich zu einem "frischen" SET und einem Kryotransfer (Letztlich also die kumulative Erfolgsrate pro Punktion).
Fasste man die Ergebnisse der drei Studien zusammen, fand sich kein signifikanter Unterschied zwischen den Ergebnissen nach einem DET oder nach wiederholtem Transfer von nur einem Embryo. Die Resultate der Studien lassen sich so zusammenfassen: Bei einer Frau mit einer Chance von 40% auf eine Lebendgeburt nach dem Transfer von zwei Embryonen beträgt die Wahrscheinlichkeit einer Geburt 30-42% nach wiederholtem Transfer nur eines Embryos. Natürlich war die Mehrlingsrate deutlich höher und zwar um den Faktor 30.
Ein Zyklus mit zwei Embryonen verglichen mit einem Zyklus mit einem Embryo
Es macht natürlich Sinn, den wiederholten Transfer von einem Embryo zu untersuchen, denn schließlich stellt die Stimulation und Punktion die größte Belastung dar. Aber wie der SET gegenüber dem DET abschneidet, wenn man sich nur den Punktionszyklus anschaut, wurde in 10 Studien untersucht. Bei zwei dieser Studien nach einem Blaststozystentransfer. Fasst man hier die Ergebnisse zusammen, dann ergibt sich eine fast doppelt so hohe Lebendgeburtenrate nach dem Transfer von zwei Embryonen. Hat eine Frau eine Lebendgeburtenrate von 40% zu erwarten, wenn man ihr zwei Embryonen transferiert, dann legen die Ergebnisse der Studienübersicht nahe, dass die gleiche Frau nach einem SET eine Chance von 20-30% hätte.
Und was ist mit drei Embryonen?
In anderen Ländern sind ja sogar mehr als drei Embryonen erlaubt, in Deutschland bis zu drei. Schauen wir uns noch einmal die Daten weiter oben an. Es gibt nur drei Altersgruppen (40, 43 und 45), bei denen ein dritter Embryo die Schwangerschaftsrate erhöht. Was sicher auch an den kleinen Fallzahlen in diesen Altersgruppen liegen kann. Aber die Cochrane-Analyse fasste auch hier Studien zusammen, die DETs mit Zyklen verglich, in denen drei oder vier Embryonen transferiert wurden. Um es kurz zu machen: Es gab keinen Vorteil im Hinblick auf die Lebendgeburtenrate, wenn man drei oder gar vier Embryonen einpflanzte. Und natürlich war die Mehrlingsrate deutlich höher.
© clipdealer.com Selbst Zwillinge stellen in der Schwangerschaft und unter der Geburt ein erhöhtes Risiko dar.
Wie viele Embryonen soll man denn nun zurückgeben?
Die Zusammenfassung der Ergebnisse:
Die kumulative Lebendgeburtenraten (LGR) nach Rückgabe eines Embryos - im Nichterfolgsfalle gefolgt vom Transfer eines zuvor eingefrorenen Embryos - wies keinen statistisch signifikanten Unterschied zur Lebendgeburtenrate nach dem Transfer von zwei "frischen" Embryonen auf.
Ebenfalls ergab sich kein Unterschied der LGR zwischen einem DET und zwei "frischen" SET in Folge.
Nicht überraschend ist (wenn man den Punkt 2 berücksichtigt), dass die Lebendgeburtenrate beim DET statistisch signifikant besser als bei SET ist (ungefähr doppelt so hoch)
Die Mehrlingsrate beim SET war natürlich sehr viel geringer (5% dessen, was beim DET an Mehrlingen auftrat)
Die LGR nach zwei Zyklen mit jeweils zwei Embryonen war nicht statistisch signifikant geringer als nach zwei Zyklen mit jeweils drei Embryonen
Die LGR nach drei Zyklen mit jeweils zwei Embryonen war nicht statistisch signifikant geringer als nach drei Zyklen mit jeweils drei Embryonen
Und wie so oft bei einer Studie die in der Cochrane Database veröffentlicht wird, stellt sich die Frage: "Und nun? Was sagt uns das?" Lassen wir es die Autoren der Studie noch einmal zusammenfassen:
Kumulative Schwangerschaftsrate ist bei Single Embryo Transfer gleich gut
In einem "frischen" IVF-Zyklus ist die Lebendgeburtenrate nach Transfer von zwei Embryonen (DET) signifikant höher als nach Transfer eines Embryos (SET). Zwei SET (egal, ob "frisch" oder zuvor eingefroren) führt zu einer gleich hohen kumulativen Schwangerschaftsrate wie ein DET. Die Mehrlingsrate war beim SET logischerweise geringer. Eine Punktion und wiederholter SET eingefrorener Embryonen scheint der zu empfehlende Weg der Zukunft, zumindest bei jungen Frauen mit einer guten Prognose.
Zusammenfassend: Mehr als zwei Embryonen braucht niemand, wie hier schon kürzlich ausführlich belegt. Den Transfer von einem einzelnen Embryo muss man sich erst einmal leisten können. Es entstehen zusätzliche Kosten durch das Einfrieren und Auftauen. Die Kosten sind in der Tat das Problem, weshalb der Single-Embryo-Transfer zu selten durchgeführt wird. Dabei wäre er gesundheitspolitisch mehr als ökonomisch und somit unterstützenswert:
Der "Single Embryo Transfer" ist kostenneutral
Aus Sicht des Staates rechnet sich dieses Konzept auch ökonomisch. Die Folgekosten einer Mehrlingsschwangerschaft sind aufgrund der Komplikationen (Frühgeburtlichkeit und Fehlbildungen) wesentlich höher und gehen ebenso zu Lasten des Sozialsystems. Die etwas reduzierte Wahrscheinlichkeit für eine Schwangerschaft pro Behandlung und der sich daraus ergebende Anstieg der Therapiezyklen wird durch die Reduktion der Folgekosten mehr als kompensiert((Gerris J, De Sutter P, De Neubourg D, Van Royen E, Vander Elst J, Mangelschots K, Vercruyssen M, Kok P, Elseviers M, Annemans L, Pauwels P, Dhont M.
A real-life prospective health economic study of elective single embryo transfer versus two-embryo transfer in first IVF/ICSI cycles.
Hum Reprod. 2004 Apr;19(4):917-23.))
Belgien unterstützt den SET und spart dabei
Das sogenannte "Belgische Rückerstattungsmodell", welches seit 2003 in unserem Nachbarland gilt, hat zu einer deutlichen Reduktion der Mehrlingsraten nach künstlicher Befruchtung geführt. Hier wird bei Frauen unter 37 Jahren in den ersten beiden Behandlungszyklen nur ein Embryo in die Gebärmutter eingepflanzt. Ist die Frau älter oder waren die ersten beiden Behandlungen erfolglos, werden zwei Embryonen transferiert. Insgesamt hat ein Paar jedoch Anspruch auf sechs vollständig bezahlte Behandlungszyklen und ist somit weitestgehend frei von finanziellem Druck.
Meine Frage an die politischen Entscheider ist daher seit 2003 die Gleiche. Warum zwingt man Paare weiterhin Zwillings- oder gar Drillingsschwangerschaften zu riskieren und entlastet sie nicht finanziell? Man erleichtert damit eine Entscheidung zugunsten ihrer eigenen und der Gesundheit und der ihrer Kinder?
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