Etwa 2000
Elektrisierende Nachbarschaft
FĂŒr kurze Zeit wohne ich mit meiner Frau in einem bezaubernden, aber auch ganz schön unpraktischen HĂ€uschen. Das (damals) groĂe Textilunternehmen unserer Stadt hat diese ReihenhĂ€uschen Mitte des 19. Jahrhunderts fĂŒr die Arbeiter gebaut, als man noch andere Vorstellungen von Platzbedarf, Schallisolierung und PrivatsphĂ€re hatte.
Der Nachbarschafts-Kuschelfaktor beschrĂ€nkt sich, wie wir feststellen mĂŒssen, nicht auf akustische und visuelle NĂ€he, sondern hat auch eine elektrische Komponente. Eines Tages kommt nĂ€mlich der (sehr freundliche) Nachbar zur Linken, druckst ein wenig herum, und rĂŒckt schlieĂlich damit heraus, dass er und seine Frau unter der Dusche manchmal - jedoch nicht immer - elektrische SchlĂ€ge bekommen.
Da wir unser HĂ€uschen (wie fast alle Nachbarn) mit viel Eigenleistung hergerichtet haben, schlĂ€gt mein schlechtes Gewissen sofort wild aus, auch wenn ich mir die Sache nicht erklĂ€ren kann. Ich gehe mit dem Nachbarn durch unser Haus, und wir schalten alle möglichen elektrischen Verbraucher an und aus, wĂ€hrend drĂŒben seine Frau mit dem Handy unter der Dusche steht und sagt, ob sie was spĂŒrt*. Wir finden nichts.
Richtig erleichtert bin ich jedoch erst, als spĂ€ter am gleichen Abend die tatsĂ€chliche Ursache des PhĂ€nomens gefunden wird. Schuld ist der Nachbar zu unserer Rechten, dessen selbst installierte AuĂenbeleuchtung das BalkongelĂ€nder der gesamten HĂ€userreihe unter Strom setzt, der dann - glĂŒcklicherweise nur zum Teil - den Weg zurĂŒck in die Erde durch die nachbarliche Dusche findet.
(Tilman Otter)
* Erst Jahre spÀter kommt mir in den Sinn, dass dies wohl kaum die vom VDE empfohlene Art ist, solche Probleme anzugehen















