Die Satellitenantennen wachsen an den Südseiten der Häuser
Ich habe ja anlässlich der Abschaltung von DVB-T schon in latent fernsehfeindlichen Erinnerungen gekramt. Tatsächlich verhält es sich aber so, dass meine Gattin nach reiflicher Überlegung darauf besteht, weiterhin ein Fernsehprogramm zu empfangen. Mediatheken, Livestreams und diverse Apps auf dem Fire-TV-Stick genügen nicht.
Wir verständigen uns darauf, lieber einmalig in Gerätschaften zu investieren, als zusätzlich zur Rundfunkgebühr weitere monatliche Kosten in Kauf zu nehmen. Diese würden sowohl für den Umstieg auf Kabelfernsehen, wie auch für den Empfang von Privatfernsehkanälen über DVB-T2 anfallen. Dass man für Privatsender bezahlt, heißt ja nicht, dass man dadurch die nervigen Werbeunterbrechungen loswürde.
Die Wahl fällt also auf eine Satellitenantenne samt Receiver. Wir haben immerhin einen Balkon, mit einigermaßen freier Sicht nach Süden. Bei Amazon bestellen wir eine Kombination aus rechteckiger Satellitenantenne – mehr Paneel als Schüssel –, Verbindungskabeln – passend zum Balkon in Weiß – und Receiver. Das Paket trifft zwei Tage nach der Abschaltung von DVB-T ein und die Stimmung ist bereits leicht angespannt.
Zwecks Montage konsultiere ich neben den Bedienungsanleitungen von Antenne und Empfänger auch das Internet. Mehrfach begegne ich dem Hinweis, man solle das von qualifiziertem Fachpersonal erledigen lassen, welchen ich schon in frühester Jugend als "mal sehen wie weit ich selbst komme, ohne etwas dauerhaft zu beschädigen" zu interpretieren gelernt habe. Zumindest für Technik, die nicht mit Starkstrom funktioniert oder mit mehr als 50 km/h am Straßenverkehr teilnimmt.
Immerhin passen auf Anhieb alle Steckerverbindungen, was ja bei Online-Bestellungen mehrerer Teile stets ein gewisses Risiko darstellt. Nun ist es erforderlich, die Antenne außen anzubringen und das Kabel zum Receiver im Wohnzimmer zu verlegen. Um weder Wand noch Balkontür perforieren zu müssen, habe ich ein eigens dafür vorgesehenes Flachbandkabel bestellt, das man durch die Fuge der Balkontür führen kann. Hierzu muss ich zwei Stücke Koaxialkabel mit Steckern versehen und es braucht einige Versuche, bis ich alle vier Stecker stabil montiert habe. Dafür lässt sich aber die Antenne mit der mitgelieferten Halterung auf Anhieb fest an der Balkonbrüstung verschrauben.
Nachdem alle Verbindungen hergestellt sind, besteht die nächste Aufgabe darin, die Antenne korrekt auf den Satelliten – in unserem Fall Astra 1 – auszurichten.* Die Schüssel muss dazu in allen drei Achsen relativ genau justiert werden. Die Gebrauchsanweisung enthält eine Tabelle mit den Werten für die gängigen Satelliten und eine lustige Auswahl deutscher Städte.
An den Fernseher angeschlossen bietet der Receiver ein umfangreiches Menü, das die Signalstärke anzeigt und so bei der Satellitensuche helfen soll. Freundlicherweise kann man alle drei Winkel an der Antenne separat mit je einer Schraube feststellen. Ich justiere also zunächst einmal die beiden Neigungswikel (Elevation und Skew) und widme mich dann der Himmelsrichtung (Azimuth).
Als kleine moralische Unterstützung lag der Satellitenantenne dafür ein Magnetkompass bei. Dieser erinnert mich irgendwie an Kindertage und kann daher getrost als "fünfmarkstückgroß" bezeichnet werden. Auf unserem Balkon, der hauptsächlich aus Stahl besteht, ist er leider wenig hilfreich. Etwas besser funktioniert die Kompassanzeige meines iPhones. Aber auch die schwankt um ein paar Grad, wenn ich das Telefon nicht waagerecht halte. Was nicht so einfach ist, da ich es auch immer nur mit einer Hand an die Antenne halten kann, die sich jetzt außenbords unseres Balkons im zweiten Stock befindet.
Letzten Endes verwende ich die Luftbildansicht von dishpointer.com und versuche die entsprechende Ecke des nächsten Gebäudes anzupeilen. In dieser Richtung schwenke ich dann langsam von links nach rechts und zurück und im Wohnzimmer muss die Gattin die Signalanzeige des Receivers beobachten und im richtigen Moment "Halt!" schreien.
Ich muss versuchen, die Antenne dann in genau dieser Position festzuschrauben und mit einigem Hin-und-her gelingt das auch. Der Vorgang erinnert stark an das Klischeebild aus den siebziger Jahren, in dem der Mann auf dem Dach die Fernsehantenne ausrichtet, während die Frau das empfangene Bild beobachtet, und beide sich dabei durch Rufen verständigen.
Wir haben jetzt also knapp tausend Fernsehkanäle zur Auswahl und könnten uns an Russia Today oder Al Jazeera erfreuen. Der spillerige Laubbaum, der in ca. 5 Metern Entfernung in direkter Sichtlinie zum Satelliten steht, scheint den Empfang nicht zu stören. Aber bei starkem Regen oder Wind reißt das Signal manchmal ab. Seit Anschaffung der Antenne haben wir übrigens vor allem mehrere Serienstaffeln per Amazon Prime Video und Netflix konsumiert.
* Beim Nachlesen stellt sich heraus, dass es mehrere Astra-Satelliten sind, die von der Position 19,2° Ost aus senden. Und ich lerne, was ein Friedhofsorbit ist.