Äthiopien – Teil eins: Drei Tage Addis Abeba.
20.02.2015 - 23.02.2015
Wir sind zurück aus Äthiopien. Starke Konzerte und eine wirklich eindrucksvolle Reise liegen hinter uns.
Jetzt sind wir gerade dabei, die Eindrücke und Erlebnisse einzuordnen, denn:
Zwei Reisetage entfernen den Menschen – und gar den jungen, im Leben noch wenig fest wurzelnden Menschen – seiner Alltagswelt, all dem, was er seine Pflichten, Interessen, Sorgen, Aussichten nannte, viel mehr, als er sich auf der [...]Fahrt zum Bahnhof wohl träumen ließ.
Irgendwie stimmt das. Trotzdem und deswegen versuche ich die ersten drei Tage unserer Reise in adäquate, kurz gefasste Worte zu binden. Ich ahne schon, es bleibt bei dem Versuch.
Die meisten von uns hatten ihre Klausurphase hinter sich, den Stift fallen gelassen und fanden sich dann schon im ICE nach Frankfurt wieder.
Dass wir diese Reise antreten, haben wir vielleicht deshalb erst so wirklich in den Sitzen der EthiopianAirlines Maschine realisiert.
Wir waren auf Einladung des Wittener Vereins Ethiopia-Witten e.V. gemeinsam mit einer fast 40-köpfigen Reisegruppe aus – in erste Linie – Ärzten, auch Lehrerinnen und anderen Musikern, auf dem Weg nach Addis Abeba, was die erste Station der Reise werden sollte.
Ankunft am Freitag morgen – nach acht Stunden Flug – trocken und angenehm warm, Frühstück im Hotel, ein paar Stunden Schlaf und dann direkt die erste Besprechung für das Konzert am Sonntag.
Danach gab es bereits die erste Tour in die Stadt. Die Hauptstadt, drei Millionen sollen hier leben, scheint sich in einem schnellen Wandel zu befinden. Überall wird gebaut, was jetzt noch wie eine Bauruine aussah, wird in einem Jahr wahrscheinlich das nächste Banken-Hochhaus oder die nächste perfekte Shopping-Mall sein.
Zeit funktioniert in Äthiopien offenbar anders.
Ganz grundsätzlich*, genauso aber auch im Alltag: Ich fand es sehr angenehm, dass Verzögerungen im Stundenbereich mit einer selbstverständlichen Gelassenheit begegnet werden. Auch der Straßenverkehr in Addis folgt manchmal seinen eigenen Regeln, aber es fahren alle sehr aufmerksam, beinahe langsam.
Während unserer Tour am ersten Tag machen wir einige Stopps, blickten von einem Berg auf die riesige Stadt, tranken Kaffee – aber nachhaltig beeindruckt hat mich der Besuch eines Museums.
Ich hatte zuvor nur eine vage Vorstellung von einer Militärdiktatur bis 1991 in Äthiopien. In diesem Museum wurde mir aber durch die Führung eines Zeitzeugen, welcher selbst inhaftiert und dessen Bruder ermordet worden war, sehr intensiv und bedrückend – wenn auch nur ansatzweise – deutlich, in welchen unbegreiflichen Dimensionen es von 1977 bis 1991 zu Folter und Massenmorden gekommen war.
Diese Ausstellung zum „Roten Terror“ war einschüchternd persönlich gestaltet. In einem der letzten Räume der Führung waren an den Wänden in hohen Glasvitrinen große Mengen nicht identifizierter Gebeine aus aufgedeckten Massengräbern sortiert und ausgestellt.
Der ehemalige Diktator Mengistu lebt bis heute straffrei in Simbabwe.
(Human Rights Watch Bericht 1999)
Abends haben wir äthiopisch gegessen, zu traditionell abessinischer Musik. Danach haben wir den Fendika Live-Club besucht und sehr lange zur Musik des DJs auf den Konzertbeginn gewartet – selbst für äthiopische Verhältnisse. Der harte Kern (Jonas, Janik und ich) ist lange genug dort geblieben, absolut die richtige Entscheidung, um dann das Konzert von „Munit and Jörg“ anzuhören. Funkige Gitarre mit souligem englischen und amharischen Gesang – richtig geil!
Samstag, Frühstück mit Injera und Rührei, morgens – wie schon am Vorabend – im Park unserer Hotelanlage unsere Alfaias zusammengebaut, alles vom Flug noch in Einzelteilen.
Nach einem Konzert von Munit und Jörg (schon das Zweite, so gut sind die!) am Nachmittag hatten wir das erste Mal die Gelegenheit, alleine (also wir zu siebt) zu Fuß durch die Stadt zu laufen. Grob aus dem Gedächtnis haben wir uns den Weg zurück zum Hotel ersucht und haben unterwegs sehr viele Leute getroffen.
Schon am ersten Tag hatte man es vermeintlich raus, Leute, die einfach mit einem quatschen wollen von denen zu unterscheiden, die einem dabei irgendwas verkaufen wollen.
Ich habe mich dann aber dabei ertappt, dass ich zunächst jemanden auf der Straße abwimmeln wollte, der dann tatsächlich nur mit uns ein Gespräch führen wollte. Das fand ich ziemlich schade.
Benjamin und Janik haben die Zeit auf den Straßen genutzt, um Videos und Fotos zu machen.
Janik hatte die Ehre, die Ver-Leica von Paul Ripke mitnehmen zu dürfen – eine sehr schöne Kamera auf Wanderschaft.
Abends haben wir einen Baum gefällt und ein Berimbau geschnitzt.
Immer wieder zwischendurch haben sich viele tolle Gespräche mit unseren Mitreisenden ergeben.
Ich war sehr begeistert davon, wie viele nette, freundliche und warmherzige Menschen in der großen Gruppe mit uns unterwegs waren.
Da das hier nur der erste Teil des Blogs sein soll, übergebe ich an die Jungs, all diese tollen Leute nochmal gesondert zu loben.
Sonntag, für uns ungewohnt vertraut. Instrumente packen, Location angucken, Soundcheck.
Im Innenhof einer Mall war eine Bühne für das Charity-Festival für „Women for Life“ aufgebaut. Die Organisation setzt sich gegen die Müttersterblichkeit bei Geburten ein.
Im Line-Up waren unsere mitgereisten Kollegen aus Deutschland und Frankreich „Herencia Latina“ und „SCHERBEkontraBASS“, „Munit and Jörg“ und als Headliner die „Dawid Band“ aus Addis.
Wir mussten lange auf unsere Show warten – aber zum einen war das bereits normal – und zum anderen bei deutschen Festivals oft nicht anders. Durch einen kurzfristigen Tausch spielten wir unser Konzert direkt nach Munit und Jörg – und waren überwältigt!
Der Sound war super, wir hatten Bock, die Leute waren in richtig guter Stimmung, während unserer Show wurde es langsam dunkel und anschließend mussten wir für wirklich viele Fotos posieren.
Sachen eingepackt, noch ein bisschen zu Dawids Funksounds abgeshaked und mit allen gemeinsam zurück ins Hotel.
Women for Life hat während des ganzen Konzertabends 300 neue Mitglieder gewonnen! Wir sind glücklich.
Am nächsten Tag sollte es per Inlandsflug nördlich nach Mekelle gehen.
Joscha
*Wie wir später herausgefunden haben, gibt es sogar eine eigene Art die Stunden zu zählen – und im Moment ist dort das Jahr 2007. Und Juni.








