Ăthiopien - Teil drei: Von Auftritt, Ambivalenz und Abschied
Der groĂe Tag fĂŒr uns war gekommen. Donnerstag, der 26.02.2015. An dem Tag sollte das groĂe Konzert in Mekelle stattfinden. Man hörte immer mal wieder von bis zu 10.000 erwarteten Zuschauern. Wir glaubten das noch nicht so ganz. Im Vorfeld war das Konzert ein gefĂŒhltes Dutzend Mal von dem Platz vor dem Monument in Mekelle in das danebenliegende Konzerthaus und wieder zurĂŒck verlegt worden, weil es erst Probleme mit der BĂŒhne gab, dann doch wieder nicht, dann Probleme mit dem Wind, dann wieder nicht und so weiter. Jetzt aber war Stand der Dinge: Wir spielen Open Air. Das freute uns, denn in dem Konzertsaal hĂ€tten ânurâ ca. 1500 Personen Platz gehabt und die Gefahr war groĂ, dass dann viele Zuschauer vor verschlossenen TĂŒren hĂ€tten stehen mĂŒssen. Der Werbe-Aufwand fĂŒr das Konzert war im Vorfeld jedenfalls riesig. Das Gesundheitsministerium hatte Fernsehwerbung geschaltet, die Uni Mekele hatte die Printwerbung finanziert und ĂŒberall in der Stadt hingen Plakate von dem Konzert. Es ist ein sehr seltsames aber auch schönes GefĂŒhl, durch eine vollkommen fremde Stadt wie Mekelle zu laufen, 6000km von der Heimat entfernt und plötzlich mitten in der Stadt an einem Wellblechzaun sein Foto zu entdecken. Oder an einer Hauswand. Irre. Jedenfalls war wohl davon auszugehen, dass viele der knapp 200.000 Einwohner Mekelles von dem Konzert wussten und vor allem viele Studenten zu dem Konzert kommen wĂŒrden.
Den Vormittag verbrachten wir im Hotel, bauten die Instrumente wieder zusammen, improvisierten mit der ausgeliehenen Schlagzeug-Hardware, um irgendwie alle Instrumente befestigen zu können und stimmten die Instrumente. Gegen 15:30 ging es dann los in Richtung KonzertgelĂ€nde. Am Tor zu dem GelĂ€nde war erstmal Schluss, die Soldaten, die das GelĂ€nde bewachten, lieĂen uns nicht rein und auch unser Fahrer konnte sie nicht davon ĂŒberzeugen, dass er den Bus voll mit den Hauptakteuren dieses Abends hatte. Wenn man jetzt mit deutscher Ungeduld an die Sache herangehen wĂŒrde, hĂ€tte man sich darĂŒber aufregen können, warum die Soldaten denn nicht Bescheid wussten und dass wir Zeit fĂŒr den Soundcheck verlieren wĂŒrden. Man lernt in Ăthiopien aber relativ schnell, dass die Dinge dort oft etwas anders laufen. Nicht unbedingt schlechter, einfach nur ein wenig langsamer und entspannter. Man muss nur ein bisschen warten, irgendwann klĂ€rt sich die Angelegenheit auf. In unserem Fall kam nach zehn Minuten der Veranstalter zum Tor, sprach kurz mit den Soldaten und schon durften wir passieren.
Die BĂŒhne war, naja, sagen wir mal ungewöhnlich konstruiert. Aber abgesehen von ein paar offenen Stromkabeln und unbefestigten Traversen ziemlich schön, groĂ und hoch. Nach unserem Soundcheck â der eine Meisterleistung in Teamarbeit war, weil der Mischer hinter den Boxen stand und per Handzeichen mit einem von uns, der dann vor den Boxen auf dem Platz stand, kommunizieren musste â begann sich der Platz zu fĂŒllen. ZunĂ€chst setzten sich alle Menschen auf eine tribĂŒnenĂ€hnliche Treppe am Ende des Platzes. SpĂ€ter fĂŒllte sich auch der Innenraum. WĂ€hrend wir staunend beobachteten, wie immer mehr Menschen auf den Platz strömten, gaben Basti und Janik zwischendurch ein Interview mit dem Ăthiopischen Fernsehen. Irgendwann waren tatsĂ€chlich schĂ€tzungsweise 6000 Menschen auf dem Platz und das Konzert begann. Es spielten Herencia Latina und ScherbeKontraBass, der Circus Tigray trat auf, ebenso wie eine Band, die traditionelle Ă€thiopische Musik spielte. WĂ€hrenddessen wurden Joscha und ich vom Veranstalter zum Eingangstor gefĂŒhrt, weil er uns zeigen wollte, dass dort immer noch weitere Menschen warteten, die die Soldaten aber aus SicherheitsgrĂŒnden nicht mehr auf den Platz lassen wollten. Generell hatten die Soldaten Angst, die groĂe Menschenmasse nicht kontrollieren zu können und lieĂen die Leute deshalb nicht nahe an die BĂŒhne, was dazu fĂŒhrte, dass vor der BĂŒhne ein surreal anmutender, freier, halbrunder Raum ohne Menschen war und dann in 10m Entfernung erst die Zuschauer.
Als wir schlieĂlich gegen 21:30 auf die BĂŒhne gingen, waren viele Zuschauer schon wieder nach Hause gegangen, es standen aber immer noch 2000 bis 3000 Leute vor der BĂŒhne. Also mehr als genug. Der Veranstalter gab uns in Anbetracht der geringeren Zuschauerzahl die Erlaubnis, die Leute bis vor die BĂŒhne zu holen. Soweit kamen wir aber gar nicht. Kaum hatten wir die ersten Töne gespielt, stĂŒrmten die Leute â viele Kinder und junge Erwachsene â auf die BĂŒhne zu und der Platz verwandelte sich in eine groĂe TanzflĂ€che. In solchen Momenten versteht man, warum Musik eine universelle Sprache ist, die auf der ganzen Welt verstanden wird. Da kommen sieben Typen aus ânem Kaff im Ruhrgebiet, basteln dort in ânem Keller an irgendwelchen Songs und spielen diese dann in einer fremden Stadt, auf einem fremden Kontinent. Und die Leute feiern es. Ich glaube ich spreche fĂŒr uns alle, wenn ich sage, dass uns das sehr glĂŒcklich macht.
Nach dem Konzert zufrieden und verschwitzt Shakehands mit den Zuschauern, Instrumente Packen, zurĂŒck zum Hotel, essen, St. George, Bett.
Ausschlafen war auf dieser Reise nicht eingeplant (gut so!). Am Freitag, dem letzten vollstÀndigen Tag unserer Reise, stand morgens zunÀchst ein Krankenhausbesuch auf dem Plan. Wir fuhren zum UniversitÀtskrankenhaus von Mekelle und besichtigten mit unserer Reisegruppe das GelÀnde und die GebÀude.
Da war sie wieder, diese Ambivalenz. Auf der einen Seite hat das Krankenhaus moderne, funktionierende GerĂ€te und Einrichtungen, wie eine Wasseraufbereitungsanlage, eine Anlage zur Sauerstoffgewinnung, ein Herzkathederlabor, Intensivstation (âEtiopia-Witten ICUâ), geruchlose Kompost-Toiletten fĂŒr die Studentenwohnheime etc.
Auf der anderen Seite ist so ein scheinbar banales Thema wie mangelnde Hygiene eines der Hauptprobleme. Viele RĂ€ume, GerĂ€te und medizinische Utensilien sind nicht sauber und steril. Man hat manchmal das GefĂŒhl, der Blumengarten vor dem Krankenhaus wĂŒrde besser gepflegt, als einige KrankenhausrĂ€ume. Nicht selten sieht man Blut oder andere KörperflĂŒssigkeiten auf dem Boden der Flure. Der gesamte KrankenhausmĂŒll (von Plastikbeuteln, bis zu OperationsabfĂ€llen) wird in einem Backsteinofen auf dem GelĂ€nde verbrannt, auĂerdem gibt es offene AbwasserkanĂ€le.
Wir verlieĂen dieses Krankenhaus mit einem bedrĂŒckten GefĂŒhl. Ernsthaft krank werden, sollte man hier nicht â das war der Gedanke, der mir im Kopf herum schwirrte, als wir das GelĂ€nde verlieĂen. Umso wichtiger, dass die Arbeit, die Etiopia-Witten in dem Krankenhaus leistet, weiter FrĂŒchte trĂ€gt.
Als nĂ€chstes statteten wir einer Schule in Mekelle einen Besuch ab und sahen uns in kĂŒrzester Zeit umringt von Schulkindern, die unbedingt alle fotografiert werden wollten. Wir alberten ein bisschen mit ihnen herum, Joscha spielte etwas auf dem Berimbau vor, Basti sang mit ihnen FrĂšre Jaques in Lautsprache und schnell waren die bedrĂŒckenden Krankenhaus-Bilder nicht mehr prĂ€sent. ZurĂŒck zum Hotel ging es dann auf der LadeflĂ€che eines Pick-Ups. Jammerschade, dass das in Deutschland nicht erlaubt ist.
Wir hatten keine Lust auf Spaghetti im Hotel, deshalb machten wir uns zum Mittagessen auf die Suche nach einem Burger-Laden in Mekelle. Wir hielten das fĂŒr eine gute Idee. Als die Burger vor uns standen, viel uns ein, dass uns zwecks Magen-Darm-InfektionsprĂ€vention davon abgeraten wurde, rohes GemĂŒse und Hackfleisch zu essen. Zu spĂ€t. Jetzt stand der Burger vor uns, roch lecker und schmeckte auch gut. Bis einer entdeckte, dass der KĂ€se grĂŒn-weiĂ-pelzig-schimmelig war. Dann verging uns der Appetit, wir hatten aber schon fast aufgegessen. Also blieb uns nichts anderes ĂŒbrig, als der Dinge zu harren, die da kommen wĂŒrden. Es kam nichts, vielleicht war es ein Edel-Schimmel.
Nachmittags besuchten wir mit den anderen Musikern zusammen einige Musik-Studenten der Uni Mekelle, erzĂ€hlten von uns und unseren Instrumenten und gaben einen kurzen Workshop. AnschlieĂend konnten wir mit den Studenten reden. Sie berichteten, dass manche von ihnen keinen Lehrer fĂŒr ihr Instrument haben und dass sie deshalb seit mehreren Semestern auf eigene Faust ĂŒben mĂŒssen. AuĂerdem fehle es an Instrumenten.
Wir luden die Studenten ein am Abend mit uns essen zu gehen. Wir waren mit der gesamten Reisegruppe in einem Restaurant auf einem HĂŒgel am Stadtrand von Mekelle, von dessen Dachterrasse man auf die Stadt blicken konnte. Es war unser letzter Abend in Mekelle und so langsam machte sich Melancholie darĂŒber breit, dass wir am nĂ€chsten Tag die Stadt und das Land wieder verlassen mussten. Es gab ein letztes Mal Injera, diese verdammt leckeren Saucen (immer fragen, ob die spicy sind, denn spicy heiĂt dann meistens auch wirklich spicy), Fleisch, Reis, GemĂŒse usw. Nach dem Essen wurde musiziert und der Direktor der Uni Mekelle ĂŒberreichte uns kleine Abschiedsgeschenke. Dann gingâs zurĂŒck ins Hotel.
Ăber den weiteren Abend im Hotel, respektive der Hotelbar, kann ich nur so viel sagen, dass es mit St. George, Ouzo (Anmerkung an mich selber: Warum Ouzo??), schiefem Gesang, schlechten TrinksprĂŒchen, (mehr oder weniger freiwillig) tanzenden Hotelangestellten und der erfolglosen Suche nach âder Partyâ um vier Uhr Nachts auf den von streunenden Hunderudeln bevölkerten StraĂen von Mekelle zu tun hatte.
Der letzte (halbe) Tag in Mekelle, wir nutzten ihn nochmal fĂŒr eine letzte Tour in die Stadt, schnappten uns ein Bajaj (blaues, dreirĂ€driges Taxi, wie ein Tuk Tuk) und fuhren zum Markt. Bajaj-Fahren ist super, die Teile klingen wie ein RasenmĂ€her, wirken unglaublich klapprig, die Bajaj-Fahrer schlĂ€ngeln sich damit aber geschickt durch den Verkehr zwischen Autos, Menschen und Eselkarren hindurch und man kommt sehr gĂŒnstig und schnell an sein Ziel. AuĂerdem stehen die in Mekelle an jeder Ecke, man braucht sich ĂŒberhaupt keine Gedanken ĂŒber die RĂŒckfahrt zu machen, sondern schnappt sich einfach das NĂ€chstbeste.
Der Markt war erstaunlich leer, vermutlich weil wir mittags unterwegs waren. Wir schlenderten ein wenig herum, kauften typisch Ă€thiopische TĂŒcher und genossen die EindrĂŒcke und GerĂŒche von Kaffee und GewĂŒrzen. Zum Mittagessen nochmal Pizza in der Karibu-Bar und dann mussten wir uns wohl oder ĂŒbel damit auseinandersetzen, dass wir unseren Kram packen und nach Hause fliegen mussten.
RĂŒckreise. Vorbei an bewaffneten Flughafen-Bewachern, ewiges Anstehen fĂŒr die Passkontrolle (die Dame musste nur unsere Ausweisnummer notieren und brauchte dafĂŒr ungelogen 5 Minuten pro Nase!), hinein in das von Basti so geliebte Propellerflugzeug nach Addis Abeba.
Am Flughafen in Addis wurden wir noch mit Kaffee versorgt und dann begann auch dort wieder die ewig nervige Prozedur aus Eingangskontrolle, Warten, Kofferkontrolle, Warten, Check-In, Warten, Passkontrolle, Warten, HandgepÀckkontrolle, Warten. Zu unserer Freude hatte unser Flieger VerspÀtung und musste zusÀtzlich in Rom zwischenlanden, weil eine andere Maschine von Addis nach Rom ausgefallen war.
Beim Fliegen lĂ€uft die Zeit irgendwie anders, Abendessen gabâs um halb vier Nachts im Flieger und Schlaf fast gar nicht. Irgendwann morgens kamen wir in Frankfurt an und hatten schlechte Laune. Das Wetter war scheiĂe (Nebel und 2°C), alles sah langweilig, grau und deutsch aus, die ankommenden FluggĂ€ste wurden direkt von Bundespolizeibeamten begutachtet und nach lupenreinem Racial Profiling in âdie sehen deutsch aus, die dĂŒrfen gehenâ und âbestimmt Terroristen, warten Sie mal kurz, wir wĂŒrden gerne Ihren Ausweis sehenâ unterteilt. Die KofferrĂŒckgabe dauerte Ewigkeiten (das lief in Addis und in Mekelle deutlich besser) und irgendwie hatte ich das GefĂŒhl hier falsch zu sein. AuĂerdem fuhr unser ICE in ein paar Minuten los und wir mussten durch den Flughafen hetzen. Wer schon mal im Frankfurter Flughafen war, wird wissen, was es bedeutet âeben schnellâ zum Bahnhof zu rennen. Es gleicht einem Marathon.
Im ICE zurĂŒck ins Ruhrgebiet in einem seltsamen Zustand, den ich in Folge des Schlafmangels als wachkomaĂ€hnlich beschreiben wĂŒrde, Ankommen in Bochum, Verabschiedung von der liebgewonnenen Reisegruppe, RĂŒckfahrt nach Hause. Da waren wir also wieder in unserem ârichtigenâ Leben, zurĂŒck aus diesem wahnsinns Trip, den wahrscheinlich niemand von uns je vergessen wird und den ich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht wirklich realisieren konnte.
Ich möchte an dieser Stelle nochmal dem Verein Etiopia-Witten danken, allen voran Ahmedin und Marina (und Kurt, der uns ĂŒberhaupt erst ins Spiel gebracht hat), dass wir unseren bescheidenen Teil zum Kulturaustausch zwischen Ăthiopien und Deutschland beitragen konnten und dass wir dadurch um eine wirklich beeindruckende Erfahrung reicher werden konnten. Ich glaube wir haben uns alle vor der Reise fĂŒr ziemlich aufgeklĂ€rt und vorurteilslos gehalten, eine Reise wie diese lehrt einen aber, dass auch wir verschrobene Klischee-Bilder im Kopf hatten, die vor Ort ganz schnell entkrĂ€ftet wurden und einem im Nachhinein dumm vorkommen und die klar machen, warum der Austausch zwischen den LĂ€ndern und Kulturen so wichtig ist. Wir haben jedenfalls Land und Leute lieben gelernt und wir werden nicht zögern wieder dort hinzufliegen, wenn sich die Möglichkeit bietet.