In Dibling gibt es keine einzige Strasse, weil die indische Regierung in Dörfern mit weniger als 500 Menschen keine Strasse baut - es lohnt sich halt nicht. Dibling ist im Winter für fünf Monate komplett eingeschneit. Es gibt dann keine Arbeit für die Menschen. Was tun? Die Menschen sitzen in den Stuben, stricken und trinken massenweise Chhang. Ob das eine erheiternde oder deprimierende Vorstellung ist? Es kommt darauf an, wen man fragt. In Dibling, 3'840 Meter über Meer, ist die Sonneneinstrahlung so stark, dass den alten Menschen konstant die Augen tränen. Wer es sich leisten kann, trägt eine riesige Sonnenbrille. In Dibling sind die Leute entweder ganz jung oder ganz alt. Wer kann, geht in die Stadt. In die Stadt gehen heisst hier: Zwei Tage lang zu Fuss über einen Fünftausender wandern, der auch mitten im Sommer zugeschneit werden kann. Auf der anderen Seite des Berges warten dann noch einmal zwei Tage Autofahrt über eine haarsträubende Landstrasse. Und dann ist man irgendeinmal in der Stadt, die eigentlich eher ein Dorf ist. Dibling ist das abgelegenste Dorf in ganz Ladakh, einer Region, die nicht gerade am Nabel der Welt liegt. Sämtliche Dinge, die die Menschen nicht selbst produzieren können, werden einmal pro Jahr mit dem Helikopter angeliefert. An den Wänden der Stuben in Dibling hängen Poster, die mehr als nur Poster sind. Es sind kleine Sehnsuchtsmaschinen, Fenster nach aussen in die weite Welt: Taj Mahal, Goa, der Vierwaldstättersee. Aber wieso auch in die weite Welt gehen, wenn das Gute doch so nahe liegt. In Dibling ist das Leben eben nicht nur hart und abgeschieden, es ist auch so pur wie das Wasser im Bergbach. Über diesen Bergbach führt eine Brücke, über die jetzt zwei Frauen gehen. Die Frauen kehren zurück von der Arbeit auf dem Feld. Sie haben zwei Yaks im Schlepptau, die Tiere sind massiv und störrisch, sie sehen aus wie Tiere aus einer längst vergangenen Zeit.