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11. Oktober, Teheran
Der Bus in die nächstgrössere Stadt fährt nicht um 8 Uhr, um 9 Uhr oder um 10 Uhr. Der Bus fährt dann, wenn alle Plätze besetzt sind. Doch der Bus, der nun bereits eine Weile im Dorfeingang von Masouleh steht, ist nicht voll besetzt. Eher knapp zur Hälfte. Der Buschauffeur stellt den Motor an. Dann steigt er wieder aus, diskutiert mit einem alten Mann, schaut hoch ins Dorf, vielleicht kommt da ja noch jemand, und steigt dann wieder ein. Der Bus fährt nun zwei Meter nach unten, dann ist wieder fertig. Der Chauffeur schaut in den Rückspiegel. Er hupt. Und stellt den Motor wieder ab. So geht das Spiel ein paar Minuten lang weiter, bis eine Passagieren lautstark protestiert: Abfahren! Der Chauffeur bellt zurück. Der chinesische Tourist vorne rechts wird langsam ein bisschen nervös. Und dann fährt der Bus tatsächlich ab in die nächstgrössere Stadt, wo ein anderer Bus wartet. Kurz vor dem Eindunkeln kommt der Bus in Teheran an. Neben dem Bus steht ein junges Paar: Eine Ingenieurin, ein Ingenieur, beide Mitte zwanzig, verheiratet. Der Vater holt sie gleich ab, sie fahren ins Stadtzentrum, im Auto hat es Platz für alle, die Taxifahrer sind Halsabschneider, wollt ihr mitfahren? Über die Motivation des Paars, zwei wildfremde Reisende einfach so anzusprechen und ins Auto einzuladen, kann nur spekuliert werden: Vielleicht ist es eine Mischung aus lokaler Gastfreundschaft (“Es ist unsere Pflicht, ausländischen Touristen zu helfen”) und übersteigertem Sicherheitsbewusstsein (“Trau nie einem Fremden”). Das Paar will wissen, in welches Hotel es denn gehen soll. Die Antwort: Keine Ahnung, irgendwo im Stadtzentrum. Das Paar spricht sich mit dem Vater auf Farsi ab und zwanzig Minuten später hält das Privat-Taxi auf einem Hügel im Norden der Stadt im Eingangsbereich des schicksten aller Fünfsternehotels der Stadt: Ein Hotel, das einmal zur Hilton-Gruppe gehörte. Dann kam die Revolution. Das junge Paar kommt mit, um die Preise zu verhandeln - und realisiert dann selbst, dass 200 Dollar pro Nacht für ein etwas in die Jahre gekommenes Luxushotel ein bisschen off limits ist. Nach einer kurzen Diskussion auf Farsi schlägt das Paar vor: Kommt doch heute Abend einfach einmal für eine Nacht zu uns nach Hause, es hat genügend Essen für alle. Auf dem Weg zur Wohnung im Norden der Stadt beginnt das, was immer beginnt, sobald man in diesem Land von wildfremden Menschen eingeladen wird: Ein sorgfältiges, gegenseitiges Herantasten. Was darf man sagen, was besser nicht? Darf man sagen, dass man nicht verheiratet ist? (In der Regel lautet die Antwort: Ja). Funktioniert in dieser Konstellation Sarkasmus? (In der Regel lautet die Antwort: Eher nicht) Beim Eintreten im Apartment im vierten Stock geht das Herantasten weiter: Ist es okay für den Besucher, der Mutter die Hand zum Gruss auszustrecken? (Nein, ist es nicht.) Ist es okay für die Besuchern, das Kopftuch abzuziehen? (Ja, ist es.) Im Fernsehen im Hintergrund läuft eine Kochsendung auf Farsi. Die Frauen tragen keinen Hijab, das Programm wurde im Ausland für Iraner aus der ganzen Welt produziert. Und es ist natürlich illegal. 95 Prozent der Iraner besitzen eine illegale Satellitenschüssel, sagt der Vater. Ab und zu gibt es eine Kontrolle. Dann kommen die Behörden und räumen die Satellitenschüsseln ab. Und am Abend stehen dann neue auf dem Dach. Während des Gesprächs stellt sich heraus, dass der jüngere Sohn viel religiöser ist als der Rest der Familie. Er ist auch derjenige, der überzeugt ist, dass das Fernsehprogramm im Hintergrund von Zionisten produziert wurde, um den Gottesstaat zu untergraben. Der Vater stellt den Sender um: Fussball. Iran spielt heute Abend gegen Südkorea. Das Stadion ist nur ein paar hundert Meter entfernt, es ist gerade Halbzeitpause. Man sieht einen Imam, der in der Mitte des Rasens ein trauriges Lied singt, die Fans sind ausnahmslos schwarz gekleidet, manche weinen. Der heutige Abend markiert den Höhepunkt von Ashura, der zehntägigen Trauerprozession für den verstorbenen Imam Hussein, einen Märtyrer der Schia. Nach dem Essen sagt das junge Paar: Kommt mit. Auch auf der Strasse in diesem schicken Stadtviertel im Norden Teherans tragen die Menschen schwarz. Auf einmal kommt ein Trauerumzug um die Ecke: Vier Männer trommeln, die anderen laufen ihnen hinterher und peitschen sich symbolisch selbst aus, um das Leid mit dem verstorbenen Imam zu teilen: Erst mit der rechten Hand über die rechte Schulter, dann mit der linken Hand über die linke Schulter. Der Umzug kommt näher. Der Bass der Trommeln ist jetzt so tief und schwer, dass links und rechts überall die Alarmanlagen der Autos losgehen.
8. Oktober, Ramsar
Ein paar hundert Meter hinter der Küste des Kaspischen Meers erstreckt sich eine majestätische grüne Hügelkette. Eigentlich gibt es keinen Grund, auf diese Hügelkette eine Gondelbahn zu bauen: Oben ist einfach ein dichter Wald, es gibt fast nichts zu sehen. In anderen Ländern würde man hier wohl nicht einmal eine Strasse hochbauen. Aber die Gondelbahn ist da. Und mit ihr ziemlich viele lokale Ausflügler. Zwischen der Bergstation und dem eigentlichen Gipfel wurde ein Weg zwischen die Bäume geteert - es sieht genauso lieblos aus, wie es klingt. An diesem Weg säumen sich Shisha-Cafés, Hamburger-Joints und Glacé-Stände. Aber vielleicht ist alles eher Kulisse, vielleicht kommen die jungen Paare nicht in erster Linie hierhin, um sich ab der Landschaft zu ergötzen, sondern weil ihnen der dichte Wald Schutz vor neugierigen Blicken spendet. Da sitzen die jungen Paare also auf ihren Picknickdecken, trinken Tee und machen massenhaft Fotos. Nicht von der Umgebung allerdings, sondern von sich selbst. Doch ehe man als Betrachter jetzt in eine kulturpessimistische Haltung verfällt, soll hier einmal dies gesagt sein: Vielleicht ist das Selfie in einem autoritären Regime nicht einfach eine leere Geste. Vielleicht ist das Selfie im Iran sogar eine der effektivsten Möglichkeiten der Selbstdarstellung.

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