Liste: Die 25 besten Alben 2019
Schieben wir das übliche "Brennen muss die Liste!"-wird-niemals-untergehen-Gerede kurz beiseite, das nicht nur den späten Veröffentlichungszeitpunkt dieser Liste relativieren, sondern auch betonen, dass ich im vergangenen Jahr erst wenig neue Musik gehört habe, um dann doch viel mehr oder minder Relevantes aufzuarbeiten, sollte, um direkt diesen Punkt der verschleppten Genese zu fokussieren. Noch mehr als sonst habe ich nämlich Ende 2019 und Anfang 2020 Alben aus ersterem Jahr nachgeholt, mit all den Meinungen schon im Hinterkopf, recht schnell hintereinandergeschaltet, damit auch stets Gefahr laufend, Packendes nicht direkt zu erkennen und somit auch nicht in folgender Liste abzubilden, einfach weil die Auswahl mehrheitlich aus diesem Stadium stammt. Die Texte sind dann mit der Zeit gewachsen, sortiert haben es die vergangenen Wochen (und gezeigt haben sie nach dem ein oder anderen unsicheren Nachhören auch, dass die Liste im Großen und Ganzen schon richtig liegt). Gerade die Spitze stand und steht ohnehin sehr fest - insgesamt mal wieder ein gutes Jahr, was Pop-Musik angeht, aber das wisst ihr poptimistischen Fans von Brennen Muss Die Liste! ja sowieso. Hier nur nochmal zur Vergewisserung:
25. Die Goldenen Zitronen/More Than A Feeling
Wollen wir uns mal nicht direkt streiten, aber "More Than A Feeling" hatte doch eigentlich alles, um die Goldies unbeschadet aus dieser eher schwierigen Dekade rauszubringen. Vielleicht war es gerade das, was der Kritik vereinzelt sauer aufstieß, doch es ist nunmal so, dass die Hamburger Post-Punk-Theater-Gruppe hier alles, was auf "Who's Bad" in Fetzen rumhing, dramaturgisch schlüssig einwickelt, teils unhörbar verzieht, teils in Richtung Hit lotst, sich Albernheiten und Rückblicke gönnt und am Ende alles auf die Bühne schickt, um dort Schauprozess zu halten. Den einen ist es milde, den anderen restaurativ, und da mutet es fast unangenehm lebenswerkig und abkultend an, die Goldies nach einer Platzierung als Konzert und Song des Jahres auch hier noch unterzubringen und damit in bescheidenem Rahmen ein Triple zu gönnen. Vielleicht können wir dies aber auch leise feiern und alles Gute für die nächsten zehn Jahre wünschen.
24. Deutsche Laichen/Deutsche Laichen
Wo wir gerade ohnehin bei Punk aus Deutschland sind, sollte schnell noch Erwähnung finden, dass Deutsche Laichen auf ihrem Debüt all das plausibel machen, was ich an Punk aus Deutschland (und eigentlich überhaupt) nie so richtig verstanden habe. Was da nach dem bewusst sanften Einstieg kommt, ist nicht angenehm, und doch irgendwie wohlig. Ein warmer Tritt ins kalte Herz, eine Therapiedecke für die geplagte Seele.
23. James Blake/Assume Form
Wer an Listen schraubt, weiß, dass diese teils krude Dynamiken entwickeln. Ursprünglich stand an diesem Platz mal Vampire Weekends "Father Of The Bride", das ich eigentlich gerne mögen wollte, weil ich halt die Band und ihre Songs mag und gerne mal ein Auge zudrücke, wenn das Erlebnis schöner ist als die wirkliche Summe der Songs. Weil es mir aber nicht recht gelingen wollte, die fahrige Dramaturgieverweigerung trotz erneut hervorragender Stücke im Detail schönzuhören, steht hier nun James Blakes viertes Album, das ich wiederum eigentlich nicht mögen wollte. Zu schwer tue ich mir seit jeher mit Blake, der immer zu sehr zwischen Kunstlied und Banalität wandelt, um wirklich in Beschlag zu nehmen, und nun, ausgerechnet nach der hier zu Unrecht platzierten Fahrigkeit “The Colour In Everything”, dies: Ein Album, das den Neo-Piano-Autotune-Soul mit Trap kurzschließt, nebenbei auch sonst die richtigen neuen (Rosalía) und alten (André 3000) Gäste einlädt, dem üblichen Schwelgen eine Form gibt und all das "Assume Form" nennt. Ein Album also, das man niemandem wirklich anraten möchte, soll man nicht als vorgestriger Hipster durchgehen - dann eben doch lieber die versponnene neue Vampire Weekend, und so kommt wohl die Verknüpfung. Am Ende zählt aber eh nur, dass James Blake - urgh - hier wirklich zu Form findet, den Anschluss an die Gegenwart schafft, ohne dabei als Verlierer nach Hause zu gehen. Kein schlechter Schluss für den Klassenprimus von 2011.
22. Have A Nice Life/Sea of Worry
Have A Nice Life waren mal Darlings, dann haben sie sechs Jahre keine Platte gemacht, weswegen bei "The Unnatural World" 2014 sich in erster Linie erstmal alle freuten, diese Darlings wiederzuhaben, und erst dann in den endlosen Meeren fischen gingen um zu schauen, ob denn da, wo "Deathconciousness" so unergründlich tief schimmerte, wirklich noch mehr zu holen sein könnte. "Sea Of Worry" kommt nun nach weiteren fünf Jahren, setzt weit weniger auf angenehmen Nebel, muss aber eine wohl noch größere Legende übertrumpfen. Das gelingt gerade, weil die erste Hälfte so beharrlich ausschert, mit Post Punk aus dem Schatten tritt, zwischenzeitlich in die 70er-Schauerrock-Disco abtaucht, und am Ende dann doch wieder ausfasert, blöde in die Sterne guckt und Banalitäten in die Transzendenz pökelt. Etliche Fans haben sich daran verbrüht, aber anders könnte man sich ein gutes Album dieser Band ja auch kaum vorstellen.
21. Döll/Nie oder jetzt
Vielleicht sprechen wir an anderer Stelle nochmal drüber, aber 2019 war auch ein Jahr, in dem Rap sehr deutlich unter seinem eigenen Wachstum zerbröselte. Das zeigte sich nicht nur an den Entfernungen, die sich zwischen beharrlichen Comebacks, aus dem Boden sprießenden Trap-Lehrlingen, lang ersehnten Äußerungen ewiger Geheimtipps, Pop-gewordenen Soundentwürfen der 2010er Generation, noch poppigeren Wortmeldungen einer Fraktion, die beharrlich Deutungshoheit für sich beansprucht und all den - nennen wir es mal - Cloud Rap Auswüchsen, die in den Nischen blühten, ergaben, sondern es zeigte sich eben auch an der zunehmenden Irritation der Leute, die darüber berichten bzw. einen Statusbericht geben sollten. Was in den Magazinen gefeiert und dem Mainstream einst trotzig als Underground entgegengehalten wurde, schien nun weltfremd, lediglich noch einer krude-elitären Clique als Genre-Maßstab zu taugen; ein neuer Konsens war hingegen nicht absehbar, hatten die Redaktionen für den Mainstream doch so wenig übrig wie dieser sie zwecks Vermarktung noch brauchte. Zu spüren war diese Nervosität unter anderem auch in der Berichterstattung über Dölls eben lang ersehntes Debüt "Nie oder Jetzt", das im Grunde ein im Moment des Erscheinens schon mit Staub lasierter Klassiker ist, gerade weil die Produktion nicht einem alten Boom Bap auf den Leim geht. Es ist dennoch Rap-Musik in irgendeinem alten Sinn, die mit Samples und Druck von einem Leben erzählt, in dem Dinge schief gelaufen sind. Das ist mit Bedacht verfasst und wirkt auch schon ein bisschen großmeisterlich, ist es aber halt auch irgendwie.
20. Big Thief/U.F.O.F.
Es ist und bleibt das unwahrscheinliche Konsens-Album des Jahres, trotz aller Konkurrenz von links und rechts, und sei es nur, weil es die nach einhellig euphorischen Reviews hochgekochten Erwartungen geduldig in Fluffigkeit bettete und nur ab und an schaumschlug. "Jenni" sticht in dieser Disziplin hervor, eine schockgefrostete Flaumhymne, in der Adrienne Lenker spätestens voll zur Geltung kommen darf. Sie bauscht jeden noch so behäbigen Song der Hippe-Slacker-Kombo zum Schauerstück auf und findet darin zu einer Versponnenheit, die um die Rede vom Freak Folk kommt, weil Big Thief hier so beiläufig, so ziellos agieren, dass von etwas energetischem wie einem Revival zu sprechen vollends an der Sache vorbei ginge.
19. Lingua Ignota/Caligula
Schwer zu bezifferen, schwer zu bezeichnen, denn: Lingua Ignota greift auf "Caligula" umstandslos auf erlebte Traumata zu und rückt sie uns trotz aller Theatralik so nah, dass wir gar nicht wissen, wohin mit uns und eben dieser Musik. Aus Verzweiflung nannten Leute das Metal und trauten sich nur hinter vorgehaltener Hand, von etwaigen Längen zu sprechen, wohlwissend auch, das dieses Album hinter derartigen Kategorien agierte, gar nichts von Hits und Melodien und Wucht wissen wollte, sondern direkt in ein jenseits von Industrial, von Harter-Jungs-Attitüde und klassizistischem Nihilismus zielte. Wie gesagt, schwer, das alles. Aber damit nicht allein 2019 und ganz generell gute Musik zur Zeit.
18. Blood Incantation/Hidden History Of The Human Race
Auf dem Papier sieht "Hidden History Of The Human Race" wie ein Gag aus, weswegen am Ende des Jahres doch auch manche seufzend abwinkten: Klar, solider Prog-Death-Metal, aber irgendwie auch peinlich und als Konsensalbum dann doch ein wenig zu wenig wollend, um wirklich alle überzeugen zu können. In der Tat sind Blood Incantation nicht angetreten, eine Bewegung zu starten, dafür handelt aber immerhin ihr gesamtes Album davon, von A nach B zu kommen. Prog ist hier auch mal komplexes Poltern, vor allem aber Fortschritt im Songwriting, nicht im Kreis laufen, sondern immer weiter, dabei Slayer nutzen, psychedelisches Schwelgen wagen und am Ende doch alles kaputt hauen mit dem Totschläger-Genre Death Metal.
17. Chromatics/Closer To Grey
Erst schien es, als hätten die Chromatics gerade noch zur rechten Zeit ihr Versprechen eingelöst und das Album geliefert, nach dem alle seit "Kill For Love" gedürstet hatten. "Closer To Grey" war aber nicht nur dem Namen nach nicht "Dear Tommy", sondern auch musikalisch nicht als die Großtat angelegt, die viele sich nach der endlosen Wartezeit ausgemalt hatten. Ähnlich wie der zwischenzeitlich von der Band entfesselte, endlose Strom an Singles brilliert aber auch "Closer To Grey" als retromanisches Stickeralbum, das seine Kraft gerade aus dem Staffellauf zwischen aufgeschäumter Italo Disco, Camp-bewusstem Horrorfilm-Soundtrack und Familienfilm-Kitsch zieht und im Grunde bereits gewinnt, als es Disturbed den ohnehin Klischee gewordenen "Sound of Silence" aus den Krallen reißt. Es ist eine souveräne Lust am Experiment, die sich nicht in euphorischen Reviews und blitzartigen Hypes messen lassen mag, aber ein nachhaltig auf Kuscheltemperatur runtergekühltes Reservoir bietet.
16. Diiv/Deceiver
Diiv hören glich auch 2019 wieder dem Gefühl, zwei sich gegenüberliegende Fenster zu öffnen und den Luftzug als milde Urgewalt wirken zu lassen. Im Gegensatz zum kräftezehrenden Starschnitt-Gesamtkunstwerk-Irrsinn "Is The Is Are" vermittelte "Deceiver" jedoch das Gefühl eines aufgewühlten Runterkommens; die Gitarren wirbeln noch, allerdings in einer strikteren Struktur, begünstigt durch apathischen Gesang und trockenes Schlagzeug. Selbst wenn kurz mal die Tür knallt, wie in der Himmelfahrt "The Spark" oder dem Drama von "Blankenship", reißt der Zug doch nie ab, das nihilistisch-melodische Indierock Anti-Spektakel nimmt nie die Hände aus den Taschen und gewinnt damit, klar.
15. Peter Doherty & The Puta Madres/Peter Doherty & The Puta Madres
Was soll zu Pete Doherty im Jahr 2020 noch geschrieben werden, um irgendwen zu überzeugen? Der frühe Pop-Heldentod hat sich spätestens mit der Libertines-Reunion erledigt, nun bewegt sich der likely lad in Richtung Spätwerk, und wer am Schluss schon bei den Babyshambles nicht mehr wollte, wird sich wohl kaum von den Geräuschen überzeugen lassen, die Doherty weintrunken an südfranzösischen Stränden erzeugt. Für alle anderen ist der Zusammenschluss mit The Puta Madre hingegen ein Glücksgriff, in dessen Rahmen Doherty die melodieselige Kaputtgeklopptheit gefährlich Richtung Schnulze zieht, als Gruselkulisse nutzt oder einfach mit der Nase im Sand landet.
14. Rico Nasty & Kenny Beats/Anger Management
Auch aus anderen Genres sind sie bekannt, die seltenen, glücklichen Momente, in denen Performende und Produzierende sich genau dort treffen, wo sie einander gebraucht haben, ohne, dass es wer so richtig benennen konnte - aber im HipHop sind sie oft besonders fruchtbar, besonders markant. "Anger Management" ist das poröse, nervöse, aufgepumpte Ergebnis des Zusammentreffens von Rico Nasty und Kenny Beats, als gerade irgendwie Konsens war, Nasty könne nicht mehr gefährlicher klingen. Nun explodiert alles unter ihr, die Regler stehen auf dreidutzend, die Referenzen zerbersten, Bässe und Drums sind bloß noch Karikaturen, und Nasty scheitert daran freilich nicht, sondern kann erst wirklich zeigen, wozu sie in der Lage ist.
13. Matana Roberts/Coin Coin Chapter Four: Memphis
Matana Roberts unter dem Namen "Coin Coin" firmierende, auf zwölf Kapitel ausgelegte Spurensuche in der eigenen blutigen Familiengeschichte ist eines der ambitionierteren, aber auch wichtigsten und nicht zuletzt spannendsten Projekte der jüngeren Musikgeschichte. Der Reiz besteht neben der Qualität vor allem darin, dass Roberts die Reihe unaufgeregt und unvorhersehbar verfolgt, wodurch auch vollkommen undurchsichtig ist, ob das Projekt je wirklich zum Abschluss kommt. Teil vier lässt in jedem Fall hoffen, begibt sie sich hier doch wieder ca. auf jene Pfade, die der Erstling eröffnet hatte, was aber vor allem heißt, dass alles wild durcheinander geht, Erinnerungen, Instrumente, Jazz, Spoken Word, Ambient, Texturen auf links gezogen, Anekdoten über Distanz zugerufen werden. Auch das freilich Musik zur Zeit, nur seit gut zehn Jahren schon.
12. Otoboke Beaver/Itekoma Hits
Riot-Power-Pop-Punk aus Japan; egal aber auch, wichtig nur, dass kaum jemand Gitarrenmusik 2019 feuriger spielte als Otoboke Beaver. Atemlos hauen sie uns Refrains um die Ohren, poltern durch Songs mit wirren Vibes aus frühster Rockmusik, aber mit einer Dringlichkeit, die so eben nur im Moment zu erzeugen ist, und obendrein: Knallen wie im Hardcore, schiefe Refrains wie in Weirdo-Pop und Riffs, für die die Arctic Monkeys 2005 ihren Myspace-Account versetzt hätten.
11. Billie Eilish/When We All Fall Asleep Where Do We Go?
"When We All Fall Asleep Where Do We Go?" musste einiges aushalten, die durch Leftfield-Ästhetik geweckten Erwartungen, die präzise Wucht von "Bad Guy" und ganz schlicht freilich den mehr und mehr grassierenden Hype, der im Grunde ja gar nix gut tut was sich ein bisschen Mühe gibt, nicht wirklich alle abholen zu wollen. Und ja, erst wirkte manches ein bisschen fad, bis sich die Platte schließlich gerade aus ihrer Gefälligkeit heraus erschloss: "Xanny" bröckelt in den Tee, "You Should See Me In A Crown" japst, "Goodbye" kippt ins Wabern, "Bury A Friend" wurde schon an anderer Stelle auf ein Podest gehoben, und am Ende fächert sich Eilish so weit auf wie es geht, ohne den grundlegenden, somnambulen Pop-Goth zu verraten.
10. Petrol Girls/Cut & Stitch
"Cut & Stitch" lässt nicht locker. Der Opener "The Sound" ist ein knurrendes Biest, und heimlich freut man sich schon auf 40 Minuten Keifen und Treten, doch Petrol Girls leisten mehr, hangeln sich von Sound zu Sound, vage verzahnt, aber stets beweglich. Hardcore lehnt sich hier zurück und erzählt, wagt auch mal einen Refrain wie in "Big Mouth" und rüttelt sich immer wieder mit Breaks und Interludes durch, nur um sicher zu gehen. Ren Aldrige beweist oben auf eine Persönlichkeit, die ganze Bands füllen kann, und doch stemmt sie dieses Album nicht alleine, lässt sich vom Rest der Band auffangen, ohnehin: das Kollektiv durch sich sprechen. Man könnte die Sache auch anders angehen und sagen, dass "Cut & Stitch" ein wichtiges Album ist, und auch das wäre irgendwie richtig, klar! Aber die Inhalte, die Attitüde, all das zahlt ja gerade auf diesen ersten Eindruck ein, der hier eine stets aufs Neue euphorisierende und auch fordernde Platte repräsentiert.
9. 100 Gecs/1000 Gecs
Über “1000 Gecs” zu schreiben, ohne dabei über die 10er Jahre nachzudenken, verlangt eine nahezu übermenschliche Willensstärke, zu massiv lässt das Duo hier Sounds und Stile aufeinanderknallen, die wiederum selbst in den vergangenen zehn Jahren damit beschäftigt waren, Sounds und Stile aufeinander knallen zu lassen. Im über allem schwebenden Zucker erinnert das an Sleigh Bells, in der Aufstellung ohnehin an Duos, von denen wir hier schweigen wollen, die hier aber ohnehin aufgelöst sind in einer Art unentschlüsselbarer Hyperpräsenz. Anders: Das Debüt von 100 Gecs macht Kopfschmerzen und viel Spaß. Den Schmiss von PC Music muss man dabei ebenso aushalten wie die Drops von Skrillex und auch sowas wie die Excrementory Grindfuckers, aber halt in FunFunFun!!!
8. Ebow/K4L
Lange musste ich nicht mehr so kurz überlegen, hätte man mich nach meinem liebsten Rap-Album des Jahres gefragt. Und tatsächlich erwischte mich Ebow erstmal über die Ästhetik - den Namen kannte ich, den Diskurs irgendwie auch, aber wie locker der Titeltrack vorab durch Spotify zuckte, jene Alchemie vollbrachte, Strukturen zu bedienen und vollkommen egal erscheinen zu lassen, alles in einen Fluss zu bringen, das war und ist schlicht beeindruckend. Der Rest der Platte beißt da schon ein bisschen mehr, will manchmal aber auch einfach die blöde Drogenfresse aufsetzen, sich im Club zuknallen und all das zu einem irgendwie bedrückenden Abgesang machen, zu dem dann auch die identitätspolitischen Einsichten zählen. "K4L", das ist ausreichend dokumentiert worden, kann beim Hören auch ein ganz verschiedentliches Unbehagen auslösen, aber keines, das mit einem schlichten Grusel zu verwechseln ist - sondern eines, das belastet.
7. Xiu Xiu/Girl With A Basket Of Fruit
Heimlich kann ich es ja mal sagen: Xiu Xiu haben sich anscheinend einen Rhythmus ausgedacht, nach dem ein Album Spaß machen darf, während das nächste dann wieder komplett schlauchen muss. Das ist so wohl nicht ganz haltbar, aber wichtig ist ja vor allem, dass "Girl With A Basket Of Fruit" so weh tut, dass es mal wieder an den Rand der Karikatur geht. Genau dort sitzt Stewart aber am besten, wirft Kürbisse auf Mama und Papa, steigert den Titel zum unverständlichen Mantra, beschwört die Geister des Rassismus und all das so, dass ein Lachen im Halse stecken bleibt. Die Kritik war tendenziell ratlos, und doch wirkte das elfte Xiu-Xiu-Album, was auch immer man genau darunter zählt, weniger überzeichnet als "Angel Guts: Red Classroom", teils fast schamanisch, in jedem Fall - beängstigend. Und auch hier wieder nicht auf die Halloween-Art, trotz Kürbis.
6. Pijn & Conjurer/"Curse These Metal Hands"
Hören will man sie ja eigentlich nicht mehr, all die Bands die gut zehn Jahre zu spät noch immer darüber staunen, wie schön John Baizleys Melodien, wie ruchlos Kylesas Gepolter und wie bodenlos Mastodon den behäbig brodelnden Sludge neu gedacht haben. Was mal als neuer Metal gedacht war, hat sich in einen traurigen Haufen verwandelt, der aus Sumpfleichen Götzen macht. Umso erhebender war das Gefühl, als die beiden eigentlich ebenfalls eher tristen Label-Kollegen (dazu vielleicht in einem gar nicht mehr fernen, anderen Jahresrückblick mehr) Pijn und Conjurer gemeinsam die Vorhänge aufzogen und schauten, was aus den alten Ideen noch zu holen war. Mit Fokus, Sonnenschein und Gemeinschaftlichkeit, alles im Metal überhaupt gerne mal unter den Teppich gekehrt, gelang es ""Curse These Metal Hands"" zwar auch zu wirbeln und zu dehnen, aber ebenso abends am Feuer zu sitzen, nachdem alle über die Wiesen getollt sind und noch Batzen Dreck hinter den Ohren haben, in die nun die alten Geschichten rauschen.
5. Black Midi/Schlagenheim
Klar, sie sind eine klassische Band, zu der Brillen nach vorne geschoben werden, die erst anerkennende Facebook-Empfehlungen und dann besserwissende YouTube-Kommentare provozieren: Ohmeingottwennihrdasproggyfindetdanntestetmalwiediesesuperunbekanntebandtaktebrechenkann. Ja, das hätte seine Berechtigung, wenn Black Midi so staunen machten, doch hier läuft die Sache anders, und zwar mit Abfahrten, die allein mit krummen Takten nicht zu machen sind, mit Stimmen, die sich immer wieder ändern, so dass ich nach einer Featureliste suche, die es nicht gibt (oder?), während die Band so dicht zusammenhält, dass man eigentlich keine Angst haben muss, dass gleich alles ausleiert, ich mich aber trotzdem fürchte. Vages Deuten auf die Battles und ja, "Schlagenheim" hat Vorbilder, keine Frage. Aber es ist auch eine fiebrige Platte, eine streberhafte, aber keine verkrampfte Angelegenheit. Wie ein Haufen Musikschüler, die zum ersten Mal Nina Simone oder Can gehört haben und sich jetzt die Ärmel hochkrempeln.
4. Kim Gordon/No Home Record
Als die ersten Rezensionen eintrudelten, unkte es gleich wieder, in öffentlichen Gegenreaktionen und in mir, und irgendwo hat das ja auch eine Richtigkeit, denn Leute wie Kim Gordon können es nicht leicht haben, das ist ein Pop-Gesetz. Und es ist das Privileg nicht von Leuten wie, sondern in diesem Fall ganz konkret von Kim Gordon, mit diesen Gesetzen für ihr spätes Solo-Debüt einfach die Krachmaschinen poliert zu haben. Wie bei so vielen kreativen Doppelspitzen (worüber sich in einer Band mit Shelley und Ranaldo sicher streiten lässt, aber hier beugen wir uns mal den Pop-Phrasen und denken laut an Lennon/McCartney, Hetfield/Ulrich und Urlaub/Felsenheimer, während wir stumm Harrison, Hammett und González gedenken) schienen auch Thurston Moore und Kim Gordon nach dem Ende von Sonic Youth ihrer jeweiligen Kompetenz ohne Gegenpart ein wenig erlegen, weswegen Moore in eher klassischen Rock und Gordon als Teil von Body/Head in wohligen Krach driftete. Auch auf "No Home Record" lauert der Krach stets im Unterholz, nicht als drohende Schelle, sondern guter Kompagnon, der sich an den mal wummernden, mal versponnen und manchmal dann doch auch rockenden Songs reibt. Die wirkliche Magie liegt aber darin, wie sich die Platte von Songs zu Song häutet, Trap und Berliner Clubmusik und Garagenrock aufführt, ohne auszufasern, nicht zuletzt zusammengehalten von Gordons murmelnder Präsenz selbst.
3. Liturgy/H.A.Q.Q.
Erstmal war das neue Liturgy-Album Quatsch, weil die Geschichte der Band mit dem Abdriften in absonderliche, glitchy Electronica zu Ende erzählt schien. Black Metal hatte eh nie Bock auf die Manifeste, die Gitarren aus der Taschenrechnerhölle und Hunter Hunt-Hendrix Attitüde, also irgendwie konseqeunt, mit dem Soloprojekt Kel Valhall in die digitale Abstraktion zu gehen. "H.A.Q.Q." sitzt negativ gesprochen zwischen "Aesthetica" und "The Ark Work", drischt aber schon im überladenen Opener "Hajj" so entschlossen durch die eigene Überladung, die eigenen Referenzen hindurch, dass am Ende nur noch wirres Flöten über sachtem Klavier bleibt. Später kommt noch eine Art kaputtgerechnetes Cembalo dazu, eine Harfe, eine Art Quetschkommode und auch das alte Glockenspiel-Wirr-Warr, doch durchzogen eben immer wieder von Black Metal, der in den letzten zehn Jahren doch keinen Moment hingekriegt hat wie die Eröffnung von "Virginity" und der sowieso auch ohne das joggingbehoste Dribbeln von Greg Fox hier unangefochten vorgeführt wird, in Stücken jenseits von Gut (= Riffs) und Böse (= Ambientspielerei), wie ein alter Black Metal Freund es einst so treffend formulierte. Vor ein paar Jahren waren Liturgy eine dieser interessanten Neuerungen, heute sind sie ein Klassiker des Genres.
2. FKA Twigs/Magdalene
Ich wäre FKA Twigs nicht böse gewesen, hätte sie Dramaturgie ihrer Karriere auf dem Stand von 2015 belassen: Mit einigen starken EPs aufschlagen, ein (nahezu) perfektes Album liefern, dann mit einer durchkonzipierten EP die eigenen Möglichkeiten einmal konzentriert durchspielen und schließlich größtenteils versinken. Die Gründe für dieses Abtauchen dürfen hier im Dunkeln ruhen, denn "Magdalene" funktioniert auch ohne dieses (sonst immer willkommene) boulevardeske Raunen. Die Perfektion des Debüts lässt Twigs einfach liegen, kommt schon mit dem Opener "Thousand Eyes" nicht in die Gänge, der in Stimmen verharrt, mittelalterlich anmutet, sich zerfurcht, und zerfurcht trifft im Grunde auch den Rest, wo zwischendrin mal mit Future durchs Treppenhaus gestolpert und das wunderschöne "Sad Day" von einem dieser klobigen Synth-Sounds angeschossen wird, bis am Ende in "Cellophane" alles zur Ruhe kommen darf. Wo das Debüt von der behutsamen Variation einer Formel gezeichnet war, ist Twigs nun als Künstlerin noch immer erkennbar, hat sich aber eine neue Beweglichkeit erspielt, die nur mit ein bisschen Dreck zu haben ist. "Magdalene" hat es sich genau dort nicht minder perfekt eingerichtet.
1. Ariana Grande/thank u, next
Es war einer der quatschigeren Momente auf Ariana Grandes fünftem Soloalbum, der mich an ihm kleben ließ. Reingehört hatte ich im RB50, unterwegs nach Dortmund, ein bisschen aus Chronistenpflicht, ein bisschen, weil es leichte Unterhaltung nach einem Tag versprach (ich weiß nicht mehr, wie der Tag war, aber vermutlich irgendwie hart). Der Anfang rutschte irgendwie so durch, doch dann war da ein Sample, gefolgt von ein paar Trompeten-Stöße über Trap-Drums, und all das erinnerte mich an sowas wie "Tequilla", aber vollkommen ohne Scham. Es war das Lied "Bloodline", das nicht nur Peinliches zitierte, sondern eben diese seltene Art von Song war, der maximale Eingängigkeit versprüht, nichts Widerständiges an sich hat, und doch direkt in den Bann schlägt, nicht loslässt. Es war alles so rund und doch eben nicht mit einem Hören auserzählt, auch wegen Grandes Performance, die mit einer Leichtigkeit die Vorlagen des Beats zu nehmen schien, dass es eine helle Freude war. Von da aus hat sich der Rest entwickelt, Song für Song, und im Wesentlichen ist ja alles geschrieben worden, über Grandes Talent ebenso wie Blackfishing, über Materialismus und Emanzipation, über depperte Vorwürfe Mac Miller betreffend und die Zeilen, die den Gossip kontern oder befeuern, je nachdem, wie viel Macht man der Platte zugesteht. Es ist aber eben noch nicht geschrieben worden, dass ich mir schon lange nicht mehr bei einem Album so früh im Jahr so sicher war, dass es am Ende diesen ersten Platz ergattern würde ob der schlichten Größe, die "thank you, next" noch in den wackligeren Momenten verströmt. "Ghostin" ist so seicht, dass es fast gespenstisch ist, "7 Rings" hat auch wieder so eine blöde Referenz und klammert sich an Trap, fängt das Album nach dem stolpernden "In My Head" aber genau zur rechten Zeit wieder ein, "Needy" ist mit den Scheibenwischersynths sowieso nach der großen Disney-Eröffnung "Imagine" die bestmögliche Weiterführung eines Albums, das sich seiner so sicher ist, dass "Break Up With Your Boyfriend, I'm Bored" am Ende alles einfach wegwischen kann, und wenn wieder Leute von heute fehlenden Klassikern reden, von der Unmöglichkeit einer Karriere und sich atomisierendem Pop, dann möchte ich diesen Leuten dieses Album ins Gesicht reiben, es wahlweise aber auch einfach mit all den Leuten genießen, die ganz meiner Meinung sind, denn alles hat seine Richtigkeit, vor allem aber eben dies: Ariana Grande hat mit ihrem fünften Album ein Meisterwerk aufgenommen. Danke, bis demnächst.







