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Design und D.I.Y. im Spannungsfeld von Selbermachen und SelbstermĂ€chtigung â Heute: Mit Kartoffelsalat
âD.I.Y. has been stolen [...]. A plague veiled in the ideal of empowerment is sweeping our nation, leaving in its wake neighborhoods scarred by crappy home improvement, families destroyed by badly cooked gourmet meals, and scores and heaps of barely used tools, leftover supplies, and unfinished projects. [âŠ] Those corporations who promote D.I.Y. have co-opted our spirited movement by the same name, transforming an idealistic, anti-consuming, proindependent, pro-active ethos into an opportunity to shop. [...] D.I.Y. used to mean [âŠ] starting oneâs own revolution through words and actions. Now it means going into debt at mega-stores, consuming more and more materials manufactured overseas, raping the earth, destroying forests, creating garbage, and mucking up our lives with badly fixed toilets, [...] ill-fitting sweaters, [âŠ] and ugly mosaics. [...] D.D.I.Y. means working with friends, hiring a professional, consuming wisely and conscientiously, and providing for ourselves while working with others. [âŠ] Our new ethos of D.D.I.Y. asks us to reclaim creativity in order to retreat from the corporate food chain and to embrace frugality, common sense, common property, and skill-sharing. D.D.I.Y. compels us to invest in people instead of material. [âŠ] D.D.I.Y. is the new D.I.Y. [...] un-commoditized, barter-based, community crazed, and liberating. [...]â
___________________________
Lisa Anne Auerbach: i love to we. d. d. i. y.. Don't Do It Yourself. In: Journal of Aestehtikcs and Protest, Nr. 6,Los Angeles 2008, S.59-61, http://www.joaap.org/6/lovetowe/lisa.html! Mara Recklies bezweifelt die Nichtkommerzialisierbarkeit von Gegenbewegungen in ihrer Rezension zu Auerbachs Pamphlet anlÀsslich der Eröffnung desDaWandaConcept Stores: http://www.designkritik.dk/designliteratur-lisa-anne-auerbach-dont-do-it-yourself ___________________________
Ich dachte mir, wenn es schon ums Selbermachen geht, platziere ich im copy&paste erstmal ein langes Zitat an den Anfang meiner AusfĂŒhrungen. Etwas Finger spreizen, ratz fatz, und schon steht ein fĂŒnftel meines Vortrags. So dachte ich mir zumindest: Einfach machen! Meine AusfĂŒhrung stĂŒtze ich auf diskursanalytischer und praxeografischer Empirieauswertung. Mit der Analyse formeller, informeller sowie struktureller Ebenen werde ich DIY als Alltagspraxis und Design als Berufspraxis, das eigene Machen und berufliches Handeln relational analysieren und beschreiben. Welches Spannungsfeld von Selbermachen zu SelbstermĂ€chtigung ergibt sich daraus? Was ist von einer vermeintlichen Produktionserneuerung durch 'Digital Fabrication' zu erwarten? Was hat ein 3D-Drucker damit zu tun? Und was Vernetzung und Vergemeinschaftung?
___________________________ Die gleichnamige Themenreihe des Onlinemagazins Stylepark sei ergÀnzend empfohlen: http://www.stylepark.com/de/beitraege/digital-fabrication ___________________________
Dazu werde ich Ihnen reichlich Variationen von Kartoffelsalat reichen. Warum? Ganz einfach: Er ist sowohl ein D.I.Y. als auch ein Industrieprodukt. Die meisten von Ihnen haben mehr Bezug zu ihm als zu 3D-Druck. Ich habe Kartoffelsalat bereits digitalisiert. Und:
VORSPEISE nach Brigitte-DiÀt
Also, wenn das mal kein stĂ€rkehaltiges Argument ist! Aber wer ist eigentlich diese Lisa Anne Auerbach? Amerikanerin, Strick-Kunstaktivistin und KĂŒnstlerin. Und sie macht z.B. solche Cheerleader-Kleidchen, wie wir sie wĂ€hrend des Auszugs aus ihren Pamphlet gesehen haben. Auerbachs Ruf nach dem 'D.D.I.Y.' hat aus heutiger Perspektive Bedeutungs-Schnittmengen mit Ăkonomien des Teilens wie 'Sharing', 'Share Economy', 'Collaborative Production & Consumption', 'Commons' oder 'Peer-2-Peer' - Im besten Fall umfasst es auch strukturelle Organisationsprinzipien des Zusammenlebens. Ihr geht es um gegenseitige WertschĂ€tzung der FĂ€hig- und Fertigkeiten, sowie die daraus resultierende ProduktionsqualitĂ€t, die nicht mehr in das Material, sondern den Menschen investiert. In der gegenseitigen Vernetzung und Kompetenzanerkennung liegt nach ihrem Ermessen das Potential zur SelbstermĂ€chtigung von den Logiken des globalen Neoliberalismus. Das System Kapitalismus beruht auf der Interdependenz von Konsum und Erwerbsarbeit. Design ist darin fĂŒr eine Ă€sthetische Ausdifferenzierung der Warenwelt zustĂ€ndig, damit mehr Konsum entstehen kann. In diesem Kontext resultiert berufliche Anerkennung im Design aus einem ökonomischen Verwertungsanspruch des Entwurfs, der durch Konsumbilanzen und/oder mediale Aufmerksamkeit bestĂ€tigt wird. Beschleunigte Konsumfrequenz erzeugt man durch:
die Taktung technischer Innovationsfrequenzen
modischem Verfall
und materiellem VerschleiĂ
___________________________ Zu geplanter Obsolezens vgl.: http://www.murks-nein-danke.de sowie Lothar KĂŒhne: Gegenstand und Raum,Verlag der Kunst 1981. ___________________________ Ăffnet man gedanklich die gesellschaftlichen Bedingungen, könnte Anerkennung von Beruflichkeit und die zugrundeliegenden Begehren von und an Designer*innen gesellschaftlich neu ausgehandelt werden. Das Begehren könnte sich vom Stil des Werkes zur Art des Handelns verschieben, â von der industriellen zur sozialen Innovation. In dieser Prognose spiegelt sich auch Auerbachs Forderung wider.
âKonkurrenz vs. SolidaritĂ€t, lineare und technologiegetriebene Verbesserung vs. reflexive Prozesse des kollektiven Experimentierens, geniale Erfinder sowie Sieger des Innovationskampfes vs. heterogene Netzwerke und hybride Akteurskonstellationen und letztlich Expertenwissen vs. Erfahrungsdialog.â Cordula Kropp (2013)
ERSTER GANG Vergesellschaftende Modelle
Man kann mit Modellen etwas erproben, die gesellschaftliche Reproduktion des Modells durch Verbreitung sichern, aber auch VerÀnderungen verhandeln. Seit dem 18. Jahrhundert und im Zuge des Deutschen Idealismus bildete das Leitbild des Industriekapitalismus und seiner Prinzipien geschlechtlich differenzierte Modellwelten, die unsere Vorstellungen von Lebensweisen begleiten:
Die Puppenstube als Modell fĂŒr Haushalten & hĂ€usliche FĂŒrsorge
Die Modelleisenbahn zur Inszenierung von technischer MobilitÀt, spielerischer GeschÀftigkeit und spekulativen Fortschritt
Puppenstuben gibt es seit dem 16. Jahrhundert als SchaustĂŒcke und Ă€hnlich wie Modelleisenbahn seit dem 18. Jahrhundert als Spielzeug und Hobby. Diese produzierten Unterschiede erneuern und bestĂ€tigen sich im Akt des Konsums dieser Modellwelten, die gekauft werden und deren Anerkennung auf Wohlstand und Besitz beruht. Frei nach Max Weber kann diese Dichotomie als objektivierter Stellvertreter eines Formats kapitalistischer GeschĂ€ftigkeit: Die drei Formatierungen des âGeist des Kapitalismusâ nach Max Weber: a) Haushalt und Betrieb sowie damit das Private und Ăffentliche werden getrennt. BerufstĂ€tigkeit erhĂ€lt dadurch einen gesteigerten Wert. b) Effizienzsteigerung und KontinuitĂ€t zwecks strukturelle Gewinnmaximierung dient der rationalen Betriebsorganisation. c) BuchfĂŒhrung dokumentiert Kompetenz und Ausschöpfung zĂ€hlbarer Erfolgsgeschichte.
Die Anerkennung betrieblichen Wirtschaftens durch Einzelprofite benötigt die gleichzeitige Verkennung aller reproduktiven Leistungen(Ressourcen, Arbeitskraft, âŠ) im Systems.
Ich wage gar die These, dass die Reproduktion dieser Ordnung in den Weltkriegen vernachlĂ€ssigt wurde und die geprĂ€gten Modell-Lebewelten ab den 1950er Jahren als Inszenierung im Alltag wieder aufgenommen wurden. Der kapitalistische Vorteil besticht durch wesentlich mehr zu erwartende Kaufakte. Mit dem Aufschwung der Wirtschaftswunderjahre konnte auch der Konsum wachsen. Eine intermediale ĂberfĂŒhrung zunĂ€chst in Fernsehshows, spĂ€ter in Onlineformate stachelt die Reproduktion dieser Modellwelten weiter an. WĂ€hrend die Modellwelten des 18. Jahrhunderts zunehmend Schwierigkeiten haben auf dem Markt zu bestehen, erfreuen sich Modelleditionen bekannter Hersteller (vgl. dazu z.B. auch die Vitra-Design-Kollektion 1:10) oder auch ein zunehmend gegenderter Alltagskonsum (vgl. zur Kritik Pinkstinks oder auch Birgit Weller; Katharina KrĂ€mer: Du Tarzan Ich Jane â You Tarzan Me Jane. Gender Codes im Design â Gender codes in design, Blumhardt 2012.) Da ArbeitsplĂ€tze zunehmend digitalisiert werden, findet hĂ€ndisches Machen wieder gesteigerten Zuspruch und verwendet abermals die tradierter Modell. Das Selbermachen soll hier. Mit Auerbach könnte man sagen: Das GefĂŒhl der Selbstwirksamkeit soll im Akt des Selbermachens vorgetĂ€uscht werden, wĂ€hrend man die ökonomische Machtordnung im Konsum des Bedarfsmaterials bestĂ€tigt und eine Emanzipation durch Produktionsautonomie gerade dadurch ausbleibt.
ZWEITER GANG Lisa-Anne Auerbachs d.d.I.y zu Besuch im Baumarkt
Nun behauptet Auerbach, dass DIY in Amerika ein riesiger Konsummarkt sei! Schaut man sich Branchenreporte an, trifft dies fĂŒr Deutschland zu. Die Geschichte der BaumĂ€rkte beginnt mit Bauhaus, 1960; Hornbach, 1968; Obi.1970. Mittlerweile gibt es in Deutschland fast 4500 BaumĂ€rkte. Der Umsatz der Bau- und HeimwerkermĂ€rkte in Deutschland betrĂ€gt etwa 18 Milliarden Euro, siehe: http://de.statista.com/statistik/daten/studie/5090/umfrage/umsatzentwicklung-der-baumaerkte-seit-1998[15.11.2014], die UmsĂ€tze einzelner deutscher Baumarktketten von 2008 bis 20014, siehe: http://de.statista.com/statistik/daten/studie/153270/umfrage/umsatz-von-baumaerkten-in-deutschland-seit-2008 [15.11.2014]. Der Verband der Handelsbetriebe fĂŒr Heimwerken, Bauen und GĂ€rtnern, BHBwurde 1974 gegrĂŒndet. Aussagen: â40 Jahre operative Exzellenz, BHB lĂ€dt DIY-Branche zum 15. Internationalen Baumarktkongress am 3.+4.12.2014.â âSeit den AnfĂ€ngen ist der relevante deutsche Markt auf 44 Mrd. Euro gewachsen. Die Branche beschĂ€ftigt in Deutschland rd. 480.000 Menschen.â âKonsumverhalten im DIY-Markt: [âŠ] Haus und Wohnung sind den BundesbĂŒrgern besonders wichtig und sie fokussieren ihre Ausgaben verstĂ€rkt auf diese Bereiche. Und da viele HĂ€user in Deutschland inzwischen in die Jahre gekommen sind, lautet das Motto: Sanieren, verschönern und dabei sparen.â WeiterfĂŒhrende Informationen: http://www.bhb.org/presse/meldungen-bhb/deutscher-baumarkthandel-1-bis-3-quartal-2014-aktive-handelsunternehmen-erzielen-umsatzzuwachs.html ErgĂ€nzt wird die Branche durch Hobbymodellbau: Revellwurde 1956 gegrĂŒndet. âAnfang der 1970er Jahre erreichte die PopularitĂ€t des Plastikmodellbaus und damit der Umsatz von Revell einen Höhepunkt. Das Bausatzprogramm war entsprechend umfangreich. Revellwar der WeltmarktfĂŒhrer [...]. 1976 erreichte der Umsatz mit Plastikmodellbauprodukten bei Revell seinen danach in inflationsbereinigten Zahlen nie mehr erreichten Höchststand (34 Millionen Dollar nach Wert 1976).â, http://de.wikipedia.org/wiki/Revell Garten-, Bastel- und Dekorationsbedarf sowie Miniaturen: 1:10 Modelle von Designklassikern erfreuen sich zunehmender Beliebtheit als hochpreisige Sammelobjekte im Puppenstubenformat: http://www.designikonen.de/index.php/cat/c63_Miniaturen.html.
DIY ist also auch im deutschsprachigen Raum ein riesiger Konsummarkt! Kann man DIY ethnografisch differenzierter betrachten? Auerbach Ă€uĂert die radikale Kritik, dass die scheinbare Handlungsautonomie durch Machen den tatsĂ€chlichen Autonomieanspruch auf SelbstermĂ€chtigung verkennt. D.I.Y. bestĂ€tige die neoliberale Konsumkultur im Kaufakt der Produktionsmitteln und Materialien. Dies bestĂ€tigt sich zwar in der Aufarbeitung der ökonomischen Profite auch in Deutschland, doch Auerbachs Polemik, dass keinerlei kulturelle Wertschöpfung stattfinde, wenn dem Selbermachen keine Produktionskompetenz zugrunde liege, verkennt den prozesshaften AnnĂ€herungsversuch, der mit dem Wunsch verbunden ist, sich Erfahrungen im Umgang mit Kulturtechniken anzueignen. Sie als Prozesse der Selbsterfahrung, Selbstempfindung und Bewusstmachung der eigenen Handlungskompetenzen zu sehen und die eigenen Fertigkeiten an ihnen zu schulen, bzw. deren Prinzipien und benötigten FĂ€higkeiten zu verstehen. Oder auch die eigenen FĂ€higkeiten dafĂŒr zu entdecken.
Das DIY lediglich MĂŒll produziere, entspricht ihrer auf handwerkliche VirtuositĂ€t ausgerichteten Sichtweise, die man durchaus als kulturalistisch kritisieren kann: Kulturelle Produktionen grenzen sich fĂŒr Auerbach vom Selbermachen durch souverĂ€ne und autonome Handlungskompetenz mittels Wissen und FĂ€higkeiten des Einzelnen im jeweiligen Verfahren des Produzierens ab. Der Materialeinsatz rechtfertigt sich durch kulturelle Wertschöpfung. Hier richtet sich ihr Blick sehr stark auf die Kompetenz des einzelnen Individuums, dass mittels seiner spezifischen FĂ€higkeiten, die Grundlage fĂŒr weiteren Austausch erzeugen kann. Dieses Anrecht wird bei ihr mittels VirtuositĂ€t gerechtfertigt und scheint dieser Kritik zu viel Werk anzuhaften. Richten wir weitere Blickwinkel auf Motivationen von Bastlerinnen und Verfahrensdifferenzen im Basteln. Begrifflichkeiten und ihre Unterschiede fĂŒrs Selbermachen und Basteln
Claude LĂ©vi-Strauss Begriff der 'Bricolage' definiert Basteln ein Konstruktionsspiel, dessen Handlungsraum sich zwar systemisch beschrĂ€nkt, dafĂŒr aber lediglich durch das Zurechtkomme mit dem Vorhandenen geregelt wird â sei es nun Wissen, Person, Produktionsmittel oder Material. Der Reiz liegt in einer cleveren Lösung des Problems und das Risiko im Scheitern. Es ist vorrangig ein Experimentierraum, dem ein Sammeln, Umdeuten, Reparieren und Erproben zugrunde liegt.
Ich arbeitete vor einigen Jahren drei unterschiedliche AnsprĂŒche im Basteln heraus:
'convenience': konsumieren Bastelprodukte, wie Spaghetti Napoli im Selbstmachset von Miracoli, KĂ€sekuchen-Bausatz von Dr.Oetker, Die Selbstbauidee von Toom oder Obi mitsamt Zuschnittservice, das neue IKEA-Möbel sowie dekorative Individualisierungsaccessoires aller Art. Sie streben ein sicheres Ergebnis an! DafĂŒr kauft man in den meisten FĂ€llen Ausgangsmaterialien fĂŒr sicheres Gelingen. Sie wollen souverĂ€n den Prozess des Selbermachens in einem Objekt meistern. (individualisierende Produktion/Prosumieren) Sie sind in Faltschachteln, TĂŒtchen oder anderen Verpackungseinheiten als Komplett-Set zu erwerben!
'advanced': Nehmen Anleitungen als Vorlage und variieren sie mit Eigensinn. Sie streben eine individualisierte Ausdrucksform und souverĂ€ne AusfĂŒhrung der verwendeten Produktionstechnologien und -verfahren an und wollen dafĂŒr wohlwollend bestĂ€tigt werden. Sowohl der Grad der Kommerzialisierung von verwendeten Materialien als auch der Frequenzbedarf fĂŒr Anerkennung durch produzierte Objekte kann sehr stark variieren, ebenso die Kompetenzbreite und spezifische Kompetenz. (Möglichkeiten Produktion anzupassen/Produsage mit Anleitungen aus Internet, Aufbauanleitung oder Gebrauchseinweisung)
'progressive': Sehen sich als systemkritische Expert*innen und Entwickler*innen. Sie bestĂ€tigen darin ihren Wunsch, der Bevormundung von kommerzialisiertem Wissenseigentum clevere Alternativen gegenĂŒber zu stellen. Diese Haltung erfordert allerdings hohes Fachwissen, praktische FĂ€higkeiten, spezifische Kompetenzen. HierfĂŒr ist eine gröĂere Vernetzung von Einzelkompetenzen im Sinne eines Projekts nötig, die stark auf Austausch von Wissen und Erfahrung untereinander, agieren miteinander und ein gemeinsames Ziel sowie Koordination angewiesen ist. Bei komplexeren Produktionsmitteln sind hier z.B. GemeingĂŒter oder eine kollektive Infrastruktur nötig. Vgl. hierzu heute Nachmittag auch Andrea Vetters Vortrag (Alternative Produktion/Prototyping)
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Vgl. hierzu ausfĂŒhrlicher: Eva Kristin Stein: Freak out! Reflexives Design zwischen Industriechauvinismus und Amour fou,in: Neuwerk, Zeitschrift fĂŒr Designwissenschaft, formâ+âzweck 2010. ___________________________
Insgesamt kann es eine Typfrage sein, ob der Einzelne seine Anerkennung aus dem Ergebnis(Projektziel oder Werk) oder aus der Anerkennung im Prozess(hĂ€ndisches Machen, Flow als entwicklungsbetonter Handlungsrausch, spezifische FĂ€higkeit fĂŒr bestimmte Kulturtechniken). Die englischen Begriffe DIY und Maker tauchten in Deutschland mit der Entwicklung von Vertriebsplattformen und digitalen Produktionstechniken auf. Das liegt etwa 10 Jahre zurĂŒck. DIY bezeichnet wie Basteln auch eine Alltagspraxis, die demokratisch offen ist. Der Wissenszugang erfolgt meist durch Wissensweitergabe mittels medialer oder persönlicher Anleitung. Der einzelne nĂ€hert sich den geforderten FĂ€higkeiten und Fertigkeiten an. Der oder die AusfĂŒhrende möchten sich dadurch entweder von KonsumabhĂ€ngigkeit befreien oder die eigene kreative Selbstverwirklichung im Sinne des Reckwitzschen KreativitĂ€tsdispositivs inszenieren. DIY ist auf kein Verfahren festgelegt, appelliert aber durchaus aggressiver an das Selbermachen, als es etwa ein spielerischer Begriff wie Basteln tut.
Maker benutzen bevorzugt Digital Fabrication' zur Produktion ihres Selbstgemachten. Sie stehen tendenziell in Tradition des Modellbaus, eignen sich gerne Wissen im Umgang mit technischen GerĂ€ten an und haben ein Faible fĂŒr technische Spielereien oder Fantasy-Figuren. Der technische Zugang zu innovativer Technik spielt hierbei die entscheidenden Rolle, mehr als das Ergebnis. Plattformen ĂŒberregionaler MarktplĂ€tze fĂŒr Waren aus Produktionspraktiken des Selbermachens:
Etsy: âBuy from creative people who care about quality and craftsmanship.â, âEtsy is a marketplace where people around the world connect, both online and offline, to make, sell and buy unique goods. The heart and soul of Etsy is our global community: the creative entrepreneurs who use Etsy to sell what they make or curate, the shoppers looking for things they canât find anywhere else, the manufacturers who partner with Etsy sellers to help them grow, and the Etsy employees who maintain and nurture our marketplace.â Quelle: http://www.etsy.com
DaWanda: âDaWanda - Einzigartiges von Designern und Kreativenâ, âEröffne noch heute Deinen Shop und mach Deine Leidenschaft zum Beruf!â, âDaWanda ist der Online-Marktplatz fĂŒr Einzigartiges, Unikate und Selbstgemachtes. In insgesamt ĂŒber 230.000 DaWanda-Shops bieten Dir kreative Menschen mit Liebe gefertigte Produkte an. Bei DaWanda kannst Du Produkte auf Deine besonderen Vorstellungen hin anpassen oder speziell fĂŒr Dich anfertigen lassen.â Quelle: http://de.dawanda.com
Diese Plattformen dienen dem Verkauf von Selbstgemachtem. und gehen daher in eine erste Konkurrenz zu Beruflichkeit. Ein Erwerb daraus wird zumindest in Betracht gezogen. Weil das Verkaufen von Selbstgemachtem nicht unnötig Zeit kosten soll, mĂŒssen solche Shops leicht zu bedienen und verwalten sein. In der hĂ€ufig gleichförmigen Masse ein Alleinstellungsmerkmal fĂŒr sich zu entwickeln verlangt ein eindeutiges Differenzierungspotential oder eine performative Inszenierung von Aufmerksamkeitsökonomie um nicht in der gleichförmigen Masse Ă€hnlicher Konkurrenz zu versickern. Die angebotenen Produkte und deren Inszenierungen lassen hĂ€ufig bereits RĂŒckschlĂŒsse auf die Produktionsweise zu: Basteln, Heimarbeit, Kunst- oder Designhandwerk sowie kleinauflagigen Designeditionen stehen nebeneinander. Die erzeugte ProduktĂ€sthetik resultiert aus individuellen Fertigkeiten, finanziellen InvestitionskapazitĂ€ten, materiellen ZugĂ€ngen und der persönlichen Haltung zu Produkt und Produktionsweise. Berufe und ihre kulturellen Kapitalien spielen hier weniger eine Rolle, da der Kaufakt als Anerkennungspraxis fungiert. Die ErgĂ€nzung des Shops durch einen Blog, der die ProduktionsĂ€sthetik dokumentiert Die ReprĂ€sentation des Selbermachens macht es als Verfahren sichtbar. Die Glaubhaftigkeit wird bestĂ€tigt und schafft Vertrauen. Das Selbstbild des Selbermachers wird mittels seines inszenierten Lifestyles reprĂ€sentiert. Produkte, die eine DIY-Ăsthetik auf etsy oderDaWandaverwenden, sehen sich mit dem Problem der intentionalisierten Entwurfsabschöpfung konfrontiert: Denn diese Ăsthetik empfiehlt sich ja genau der Nachahmung und Individualisierung. HerstellungsqualitĂ€t, exklusive Bezugsquellen fĂŒr Ausgangsmaterialien (z.B. Texilmuster, gebrauchte Bohlen) oder die Verwendung exklusiver Produktionstechniken (z.B. alte Web- oder Drucktechnik) rechtfertigen hingegen ExklusivitĂ€t.
DRITTER GANG Plattformen fĂŒr Ă€sthetische Vernetzung
Diese Bild- und Lifestyleinszenierungen können zudem auf Portalen wie Pinterest oder Instagramweiterreichende Wirkung entfalten, indem sie zunĂ€chst verschlagwortet werden und dadurch eine thematische BĂŒndelung möglich wird. Mittels Repostings und Herzensbekundungen wird Anerkennung relational vergeben und erzeugt damit eine relational vielfĂ€ltige Ă€sthetische Vergleichbarkeit und Vernetzung. Persönliche KreativitĂ€t und erlesenen Lifestyle in den Diskurs zu inszenieren, ist hier vorderstes Ziel. Geteilte Anerkennung wird an den Bildbewertungen ablesbar. Auf diesen Plattformen verschwimmen berufliche, ökonomische, selbst-inszenierende, prekĂ€re, bestĂ€tigende, aber auch zeitvertreibende oder tĂ€tigkeitsliebende Intentionen zu einem Ă€sthetischen Konsum. In dieser UnschĂ€rfe tummeln sich auch Designer*innen mit unterschiedlichsten privaten oder beruflichen Absichten. Selbermachen und SelbstermĂ€chtigung im Designberuf WĂ€hrend ich bis hierhin vor allem die Alltagspraktiken und ihre mediale Inszenierung thematisiert habe, wende ich mich nun den Berufspraktiken im Design zu. Hierbei gehe ich von zwei grundsĂ€tzlichen Motivationen des Selbermachens aus: entweder um mehr Einfluss auf die Ergebnisse, Prozesse und Beziehungen ausĂŒben zu können oder um mangelndes Investitionskapital durch Eigenleistungen zu kompensieren. Hier zeigt sich die DualitĂ€t von Subjektivierungspraktiken im Wirtschaften und prekĂ€rem Unternehmertum. WĂ€hrend D.I.Y. als hĂ€ndische Alltagspraxis den subjektiven Anforderungen genĂŒgen muss, ist Design als wirtschaftende Berufspraxis kultureller Produktion einer ökonomischen Verwertbarkeit ausgesetzt. Zwar mĂŒssen BerufsverstĂ€ndnis und ErwerbstĂ€tigkeit nicht immer einhergehen und tun dies in kĂŒnstlerischen Berufen hĂ€ufig auch nicht, als 'art moyen', die sich als Disziplin der Gestaltung von Alltagskultur widmet - und im Kontext einer kapitalistischen Gesellschaftsordnung - stark durch die Resonanz des neoliberal organisierten Massenmarktes bestimmt wird. Innerhalb dieser Bewertungslogik entscheiden AbsatzmĂ€rkte und mediale Aufmerksamkeitökonomie ĂŒber die Bewertung. Die staatliche Institutionalisierung der Kutur- und Kreativwirtschaft verstĂ€rkt diese Fokussierung auf ökonomische Anerkennung. Beispielsweise bietet die auserwĂ€hlte Teilhabe bei den Kultur- und Kreativpiloten die Chance, Kontakte des Plattform-Netzwerks fĂŒr sich und das Unternehmenskonzept zu begeistern und dadurch marktfĂ€hige und profitable GeschĂ€ftsbeziehungen aufzubauen.
âJedes Unternehmen ist eigenstĂ€ndiges Kunstwerkâ http://kultur-kreativpiloten.de/auszeichnung
Und es ist ganz klar: ⊠wenn es sich ökonomisch rentiert!
Der Fortbestand eines Unternehmens, ob es durch das Netzwerk aufgefangen wird, wie es Veranstaltungen reprĂ€sentativ fĂŒr sich nutzen kann und welche Coachings ihm zugedacht werden, legitimiert sich in der ökonomischen Bilanzierung bzw. Wirtschaftlichkeit. Die kulturell geprĂ€gte, berufliche Praxis mit qualitativem Anspruch und strukturellen Anforderungen liegt dabei im eigenen Ermessen bzw. in den eigenen Kompetenzen und LeistungskrĂ€ften.
Fakt ist aber: Ob und in welchem MaĂe gewerkliche, digitalisierte, organisatorische oder geistige TĂ€tigkeiten ausgeĂŒbt werden? Welche Ermessensaushandlungen, Fertigkeitsaneignungen, Alleinstellungsmerkmale und welchen Wissensaustausch sie enthalten, Ich muss aktuell darauf nicht eingehen, denn dies ist nicht von politischem Interesse! Den kulturellen Anspruch und das damit einhergehende Risiko trĂ€gt bislang das unternehmerische Selbst im Sinne Bröcklings alleine. Es ist fĂŒr die Wertausschöpfung seiner KreativitĂ€t als ökonomische Ressource und seine kulturellen ProduktionskrĂ€fte selbst verantwortlich. Der Markt wird es ja richten! Oder die ausgereifte Idee geschwind von handlungsmĂ€chtigen Konzernen in effiziente Marktformen ĂŒberfĂŒhrt, sofern sich nicht in der Produktionsweise selbst, der gewĂ€hlten Infra- oder Vertriebsstruktur eine spezifische OriginalitĂ€t herausarbeiten lĂ€sst. Gesucht wird also ein Projekt in der Fassung von Boltanski/Chiapello, das sich nicht in den Massenmarkt konvertieren lĂ€sst, aber dennoch mit diesem ökonomischen Umsatz seine kulturelle Reproduktion sichert. Wer klein anfĂ€ngt und wenig Produktionskapital hat, vielleicht nicht mal viele Referenzen zu bieten hat, kann seine Sachen ja genauso geschwind wie der Heimwerker von nebenan auf etsyund dawandastellen. Hier tummeln sich dann designgewerkliche Projekte von unternehmerischen Design*innen aber auch die Experimentierlabore, der vom TagesgeschĂ€ft gelangweilten, die mittels digitaler Produktion EinzelstĂŒcke oder Kleinserien mal auf dem Markt testen können.
Weshalb machen Designer*innen das?
ein wenig fĂŒr das eigene Ego
ein bisschen, um zeitgemÀà zu wirken
um direkte Reaktionen von KĂ€ufer*innen zu bekommen
die eigene Kreativ-Persönlichkeit mit was chicem bewerben zu können
oder im besten Falle ein Diskurs-Objekt zu platzieren,
das wiederum als PR- und Werbeinstrument fĂŒr die eigene Dienstleistung taugt.
Mediale Aufmerksamkeitsökonomie FĂŒr die strahlenden Beziehungssieger*innen, ist die mediale PrĂ€senz aber auch ökonomisch spĂŒrbar und beruht auf dem sozialen Kapital, das letztlich scheinbar aus dem kulturellen resultiert, aber in den meisten FĂ€llen auf dem umgekehrten Prinzip beruht: Das soziale Kapital produziert das kulturelle Kapital, in dem es symbolischen Wertschöpfungsraum zur VerfĂŒgung stellt. Produce on demand! Eigenen Ăsthetik bildet sich heraus. Die digitale Produktion war fĂŒr den Mittelstandsgeldbeutel erschwinglich geworden! Die Absolvent*innen beherrschten die Programme, um die QualitĂ€t der nötigen DatensĂ€tze zu erstellen. Seither lĂ€uft die Debatte um Rechten an Produktionsdaten, offene und modulare DatensĂ€tze, digitale Dingdatenbanken, situative und parametrische Individualisierungen. Doch wer finanziert das Ganze? Wie verĂ€ndert sich darin die Rolle des Designers bzw. der Designerin? Bleiben die DatensĂ€tze und damit das Wissen daran in betriebswirtschaftlichen Strukturen gebunden? Creative Common Rights, Lizenzen, Standardisierungen, algorithmische Programmierung, EndgerĂ€tekompatibilitĂ€t, Proks und Froks und Labs und Workshops... Der Weitergang ist offen!
Die erste Debatte um 'Open Design' feuerte Ronan Kadushin ab ca. 2004 in den Fachmedien an. Seine bislang bereitgestellten DatensĂ€tze sprechen fĂŒr sich: Die Einzelleistung erzeugt nur niederkomplexe offene Produkte, die hinterher exzentrisch individualisiert werden können. Die Erarbeitung komplexer Daten, funktioniert wohl nur in interdisziplinĂ€ren Projekten mit Experten. Kollaborative Digitalisierung zur digitalen Werkschöpfung von GemeingĂŒtern.Das weitverbreitete Individualunternehmertum in der Branche ist dabei eher hinderlich.Rechtsformen braucht es aber eigentlich auch nicht, nur gute VertrĂ€ge, um gegen individuelle AnsprĂŒche gefeit zu sein. So lange kein gröĂerer Rahmen diese Produktionsbedingungen schafft, bleibt die Hoffnung auf kollektiven Altruismus oder die ökonomische Wertabschöpfung der DatensĂ€tze durch Einzelne.
Crowdsourcende Plattformen wie Hartz-4-Möbel, die ihre Anleitungen, den Selbermacher*innen zur VerfĂŒgung stellen, können indes auch nur als ehrenamtliches Projekte ökonomisch funktionieren. Hier steht vor allem die PerformativitĂ€t zur Bunderneuerung im Fokus: die ihre Potenz sich im Abruf von Teilhabe bestĂ€tigt. Dazu muss das Gefolge jedoch kontinuierlich gepflegt und unterhalten werden, performative Aktionsbekundungen mĂŒssen die Zielgruppe erreichen und mittels InteraktionenverstĂ€rkt werden, um darin das potentiell hohe soziale und symbolisches Kapital zu bestĂ€tigen.
DIY trifft Designer*innen Wenn auf der einen Seite DIY nicht konsumieren soll und auf der anderen Seite, viele Designer*innen im fragilen selber Produzieren keine Anerkennung finden, könnte man sie nicht einfach zusammenbringen und sie gemeinsam, hĂ€ndisch und sozial interagierend neue Modelle und EntwĂŒrfe diskutieren lassen? Thematische Workshops, in denen Dinge selbst gestaltet werden, und in denen eine praktische Wissensweitergabe stattfindet nehmen an Orten wie z.B. in BetahĂ€usern oderFabLabszu. Dies kann man als ein erstes marktfĂ€higes Anzeichen Erbeuten, dass entweder viele Anbieter*innen ein Interesse daran bekunden, es Fördergelder dafĂŒr gibt oder tatsĂ€chlich die Nachfrage wĂ€chst. Eine Weiterentwicklung zu konvivialen Techniken (Illich), der prosumierenden (Toffler) Produktionsbeteiligung oder der Gestaltungsbeteiligung mittels Produsage (Bruns) sind dabei zur Zeit allenfalls Hetropien von kritischen Eliten. Diese Prinzipien können innerhalb der herrschenden neoliberaler Bewertungslogik meist nur konsumsteigernd ausgefĂŒhrt werden. Deshalb findet man diese Prinzipien vor allem da vor, wo sie individualisierungsfĂ€hige VarianzrĂ€ume. WĂ€hrend Smartphones z.B. einer Frequenz- taktung unterliegen und mit ihnen die smarten, begleitenden Hardwaretools, werden auch Apps immer mehr zu mitteln, sich innerhalb des GerĂ€tes zu individualisieren und regelmĂ€Ăig eine angemessene Ausstattung zu konsumieren. Zudem ermöglichen bspw. Digitaldrucktechniken die zwar standardisierten, aber dennoch breit variierbaren Möglichkeiten zur Individualisierung von Massenprodukten wie z.B. beim Balea-Duschgeldesigner, Tassen, Brettchen. Im Bereich der Werbestrategien sind solche Verfahren im TagesgeschĂ€ft angekommen. Dezentralisierte Werbestrategien mittels Wettbewerben, Spielen auf der StraĂe oder viralen Strategien per Facebook sind dabei wahrscheinlich erst der Anfang dieser Inklusionsverfahren.
VIERTER GANG SelbstermÀchtigung durch digitale Produktion?
Doch was hat es mit neuen Formen des Produzierens eigentlich auf sich? In der öffentliche Debatte darĂŒber werden als neue Produktionstechnologien computergestĂŒtzte Fabrikationstechniken verstanden, denen eine digitale Datenerstellung vorangegangen sein muss. Diese Daten können spĂ€ter Daten-Bibliotheken bilden, auf deren Grundlage sie individualisiert und an spezifische Anforderungen angepasst werden können: 'Customization' kann auf Grundlage von digitaler Datenerfassungen erfolgen, z.B. mittels 3D-Scans von KörpermaĂen, und eine passgenaue Anpassungen von StĂŒhlen, Kleidung, Prothesen usw. ermöglichen. Zum einen kann dies durch eine generativ, algorithmisch angelegte Konstruktionsdatei umgesetzt werden, z.B. in Grasshopper. Zum anderen können Daten und Prozesse als Anleitung aufbereitet werden, um eine individuelle Anpassung von Daten zu erleichtern. Durch die Digitalisierung der Daten ist der Datensatz des Objekts losgelöst von der Produktionskompetenz, sofern die ProduktionsstĂ€tte reproduzierbar ist.
________________ Vgl. hierzu auch die Datenaustauschplattform http://www.thingiverse.com, die freie Daten fĂŒr denMakerbot sammelt (der wiederum eine Open-Source-Entwicklung war, die zu einem Unternehmen wurde. Wie sich das GerĂ€t dadurch verĂ€ndert hat, wĂ€re eine weitere Analyse. ________________
CAD-basierte Produktionstechnologien verlegen den handwerklichen Fokus von körperlichen und prozesshaften hin zu technischen und prozessualen FĂ€higkeiten. Zwar entfallen spezifisch handwerkliche Berufskenntnisse in der Bearbeitung, dafĂŒr werden aber sowohl prĂ€zise Datenerstellungen als auch souverĂ€ner Umgang mit den jeweiligen ProduktausgabegerĂ€ten verlangt. Hier können Verfahrensschritte zwar dezentralisiert werden, aber nur auf Grundlage von Wissen und Organisation. Produktionsprozesse öffnen sich damit nicht fĂŒr jede*n. Berufliche FĂ€higkeiten, spezifisches Wissen und prozessuale Kenntnisse begrĂŒnden Organisationsstrukturen und Zugangsvoraussetzungen. Wie Wertschöpfung in solch einem System Anerkennung findet, ist dabei rechtlich noch verhandlungsoffen. Eine Ablösung von Entwicklungsarbeit aus Betriebsstrukturen erscheint bei vielen EntwĂŒrfen jedoch denkbar und durch intrinsische, kollektivierende Projektorganisation kompensierbar. Eine Trennung in Entwurf, Datenspeicher, generative Anpassung und ProduktionsstĂ€tten ist damit möglich. Was es mit geteilten ProduktionsrĂ€umen auf sich hat, fasst die Einleitung zur 5. Ausgabe der Peerproduction in KĂŒrze zusammen: Offene WerkstĂ€tten sind nicht neu. In Fab Labs geht es nicht im Technologien. Sharing passiert nicht. Hackerspaces sind nicht offen. Technologie ist nicht neutral. Hackerspaces lösen keine Probleme. Fab Labs sind nicht der Boden fĂŒr Innovationen. Mit RepaircafĂ©s ergĂ€nze ich diese AufzĂ€hlung. Sie sind Anlaufstellen, um einer Konsumtaktung zu entkommen. http://peerproduction.net/issues/issue-5-shared-machine-shops
FĂNFTER GANG LĂ€uft wie gedruckt
In den Debatten um kĂŒnftige Produktion oder Industrie 4.0 wird gerne der 3D-Drucker als Symbol des Systemwandels in der Produktion prĂ€sentiert, der eigentlich eine Erneuerung der industriellen Produktion durch die Erweiterung um CAD-basierte Fertigungsmaschinen beinhaltet. In wenigen Jahren wĂŒrden 3D-Drucker in jedem Haushalt stehen, wird behauptet. Doch betrachtet man die Technologie genauer, erscheint das abwegig. Wer von Ihnen hat schon einmal 3D gedruckt und was ist das ĂŒberhaupt? Unser Bild davon ist sicherlich zutiefst mit dem 'Replikator' aus Star Trek verbunden: Captain Picard druckt sich damit sowohl seinen geliebten Earl-Grey-Tee als auch Ersatzteile fĂŒr das Raumschiff oder Kleidung aus. In der RealitĂ€t ist sowohl die Bezeichnung als das Ausmalen der Fiktion ungenau, denn es beinhaltet bislang eine Verfahrensvielfalt, deren Gemeinsamkeit lediglich in der digitalisierten Datenschnittstelle liegt. Als Drucktechnologien gelten dabei alle additiven Produktionstechnologienwie z.B. Lasersinthern, Stereolithographie, Extruder. Dem gegenĂŒber gibt es aber auch subtrahierende Produktionstechnologien, wie u.a. CNC-FrĂ€se, Wasserstrahlen oder Laserschnitt. Beide Technologien arbeiten mit digitalen DatensĂ€tzen. Dadurch werden sie fĂŒr Individualanfertigungen und Kleinauflagen sinnvoll. FĂŒr gröĂere Produktionsmengen sind sie unrentabel und qualitativ minderwertig z.B. im Vergleich zu Spritzguss.
Die dezentrale Individualproduktion bietet zwar Emanzipationspotential aus der Vormundschaft industrieller Massenproduktion und ihrer kapitalistischen Verwertungsmuster, jedoch nur, wenn die Organisationsstrukturen dies ermöglichen und das nötige Fachwissen verfĂŒgbar ist. Eine Autonomie durch solch ein GerĂ€t verlangt spezifisches Wissen und komplexe Prozesskenntnisse, ansonsten produziert man vornehmlich MĂŒll. http://twistedsifter.com/2013/08/when-3d-printing-goes-wrong
Das gröĂte Potential liegt daher bei Bauteilen fĂŒr komplexe Spezialanwendungen und einer validierbaren Entwicklung sowie die Möglichkeiten zur unabhĂ€ngiger Reparatur und Verbesserung. DafĂŒr werden aber nicht eigene ProduktionskapazitĂ€ten sondern lediglich ZugĂ€nge zu diesen benötigt. http://www.shapeways.com. Dies ermöglicht aber auch kleinen und unabhĂ€ngigen Entwicklungsgruppen einen Zugang zu Verfahren des Prototypings.
SECHSTER GANG & SIEBTER GANG Noch mehr Kartoffelsalat
Denn ich unterstelle an dieser Stelle: hinter dem Symbol des 3D-Druckens verbirgt sich das Prinzip des Prototypings. In seiner Bedeutungstiefe steht es fĂŒr eine neue Sichtweise auf Produktion. Nicht mehr das Ergebnis zĂ€hlt, sondern das Elaborieren und Miteinander-in-(aus)-Handlung-Treten als âpermanent betaâ. Prototyping ist auf digitale Produktionstechnologien zur Umsetzung nicht angewiesen. Es ist ein Modell zur Diskussion von Differenzen, das jederzeit ĂŒberarbeitet, weiterentwickelt, variiert und in Frage gestellt werden kann. Hier werden Gedanken zu EntwĂŒrfen materialisiert, um sie spezifisch zu erproben â der Prototyp ist ein Kompetenzkompromiss zu einem bestimmten Zeitpunkt.
Jörg Petruschat beschreibt es so: âDas Prototyping externalisiert derart individuell veranlagte ErkenntnisvorgĂ€nge. Das Schöne daran ist: Das Prototyping funktioniert â anders als die Zeichnung, die vom strichartigen Auftauchen innerer Bilder lebt â auch als eine kollektive Veranstaltung, weil der Prototyp individuelle Erkenntnisakte am Objekt zentriert und darin materiell vermittelt. Damit aber das Miteinander individueller Erkenntnisakte im Prototyping theoretisch abgebildet werden kann, bedarf es reines produktiven Begriffs vom entwerferischen Handeln fĂŒr das Ineinander geistiger und materieller VorgĂ€nge und ein Verstehen der Ă€sthetischen Dimension daran und darin.â
Bei komplexen Entwicklungen kann der Prototype die Aushandlungsbasis zwischen verschiedenen Fachdisziplinensein, die - jenseits von Deutungshoheiten - an ihm eine gemeinsame Sprache und Praxis diskutierenkönnen. Diesen kollektiven Charakterbezeichnet er dann auch als 'Common Prototyping'. Jörg Petruschat: Common Prototyping, 2013, online: http://www.petruschat.com Am Ende treffen sich dann also doch noch alle gewagten Thesen mit ihren Erzeuger*innen zum Hacken, SĂ€hen und Vergemeinschaften von eigenen Ideen zu einer gemeinsamen Vorstellung, jenseits oller Puppenstuben und maroder Modelleisenbahnen, hin zu einem chicen neuen gemeinschaftlichen Beta-Kit-Koffer. Vergemeinschaftung zur SelbstermĂ€chtigung stĂŒnde als Verfahren jederzeit und auch unterwegs zur VerfĂŒgung.
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