âDie Frage, ob Kollektivstrafen gerecht sein können, stellt sich nicht. Sie kommt in keinem Gesetzbuch eines Rechtsstaates vor. Sie pervertieren den Rechtsgrundsatz, demzufolge einer Strafe eine Schuld vorausgehen muss.Â
Und der der unsĂ€gliche Satz "Lieber verhafte ich 1000 Unschuldige, als dass ich einen Schuldigen entkommen lasse", wird natĂŒrlich keinem demokratischen Politiker, sondern Stalins Geheimdienstchef zugeschrieben. Die Frage, die sich stellt, ist eine andere: Woran liegt es, dass die Kollektivstrafen-Unrechtssprechung auf so eine positive Resonanz trifft? Warum tönt es aus dem Volksmund unĂŒberhörbar: "Richtig so!"?
Weshalb gibt sich selbst einer der fĂŒhrenden Journalisten des Landes als Primitiv-Populist, der die Massenstrafe allen Ernstes mit den DumpfbackenbegrĂŒndungen "Eltern haften fĂŒr ihre Kinder" und "Wer nicht hören will, muss fĂŒhlen" rechtfertigt? Warum weist niemand darauf hin, dass das Sportrecht in Grundsatzfragen dem geltenden Recht untergeordnet ist? Frag nach bei Bosman" Oder in Wilhelmshaven, wo Zwangsabstieg und AusbildungsentschĂ€digungen kassiert wurden!
Die breite öffentliche Zustimmung zu Kollektivstrafen hat einen einfachen Grund. Diejenigen, die applaudieren, sind grundsĂ€tzlich nicht betroffen. Wenn vielleicht 2% aller Deutschen regelmĂ€Ăig ins Stadion gehen, dann sind halt 98% unbeteiligt. Sie glauben an die "neue Dimension" und finden jeden Aktionismus bei der Aufarbeitung der Geschehnisse richtig. Es trifft ja die anderen!
Kein BundesbĂŒrger wĂŒrde eine Kollektivstrafe akzeptieren, die ihn betrĂ€fe. Wenn nach dem zweiten Jochbeinbruch bei einer MaĂkrugschlĂ€gerei das Festzelt gerĂ€umt wĂŒrde, kĂ€me es bei allen friedliche Feiernden zur Eskalation. Trotz einer Verletzungsgefahr, die 25mal so hoch ist wie beim FuĂball, wurde noch nie ein Wiesn-Zelt dichtgemacht .Wenn die SechstklĂ€ssler in der Pause nicht auf den gesperrten Schulhof dĂŒrften, weil die Typen aus der Dreizehnten mit Drogen handeln, kĂ€me es zum Aufstand der Eltern. Undenkbar, dass alle FahrgĂ€ste den Bus verlassen mĂŒssen, weil einer AuslĂ€nder bepöbelt hat.
Der einzig öffentliche Raum einer Gesellschaft, in der die Menge fĂŒr individuelles Fehlverhalten verantwortlich gemacht wird, ist das Stadion. Zumal die Kameras dafĂŒr sorgen, dass jede Pyrofackel fĂŒr mehr Entsetzen sorgt, als eine nicht gefilmte MassenschlĂ€gerei im Wohngebiet. Es ist eine nĂŒchterne Erkenntnis, dass es immer und ĂŒberall zum Fehlverhalten Einzelner kommen kann. Und solange es in einer Gesellschaft Gewaltbereitschaft, Rassismus und Intoleranz gibt, werden sich diese PhĂ€nomene auch im Stadion wiederfinde. Keine noch so klarsichtige und engagierte Fan-Arbeit kann das verhindern.
Es wĂ€re zu wĂŒnschen, dass sich die Entscheider dieser Erkenntnis nicht verschlieĂen. Dass Fans und Vereine, die keine Schuld trifft, nicht zum Opfer eines hysterischen Zeitgeistes werden. Und es wĂ€re logisch, eines festzustellen: Wenn Kollektivstrafen zur Regel werden, ist der ultimative Beweis erbracht, dass die gewĂŒnschte pĂ€dagogische Wirkung auf wirklich jeden Einzelnen eine trĂŒgerische Hoffnung ist.â
         - Hans Georg im aktuellen Borussia-Mitgliedermagazin, 04.03.2017