Eine Hochzeitsrede
âWir vergessen, worum es hier geht.â Herausfordernd sieht mein Vater in die Menge. Vielleicht hĂ€tte ich ihm verbieten sollen, seine Rede selbst zu schreiben. Vielleicht hĂ€tte ich meiner Mutter erzĂ€hlen sollen, dass er plante, eine Rede zu halten. Sie hĂ€tte ihn bestimmt ein wenig zurĂŒckhalten können. Zumindest in dem, was er schrieb. Was er dann tatsĂ€chlich sagte, war sowieso nochmal etwas ganz anderes. Doch ich hatte diesen Pakt mit meinem Vater geschlossen, dass meine Mutter nicht immer alles zu wissen brauchte. Das war eindeutig gesĂŒnder fĂŒr sie und ihr armes, schwaches Herz. Jetzt aber wurde dieses ein wenig ĂŒberbeansprucht. Die Hochzeit der einzigen Tochter war ein besonderer Anlass, an dem alles mindestens perfekt sein musste (wĂ€hrend ich mich wĂ€hrend all des Planungschaos schon lange mit einem âkeine Katastropheâ glĂŒcklich schĂ€tzen wĂŒrde). Aber so war meine Mutter eben und jetzt saĂ sie da und warf mir unsichere â na gut: panische â Blicke zu. Doch das hier war meine Hochzeit und ich wollte ein wenig SpaĂ daran haben, wie mein Vater mit ausgestrecktem Finger hineinbohrte in die wunden Stellen, Salz hineinstreute mit gröĂtem VergnĂŒgen, um einen Teil unserer Verwandtschaft aufzuwecken. Bei unseren jĂ€hrlichen Familientreffen hörte ihm schon lĂ€ngst niemand mehr zu. Doch bei meiner Hochzeit mussten sie ihm zuhören. Das waren sie mir schuldig. Das zu verlangen war mein Recht als Braut. Und dieses Recht forderte ich jetzt ein mit strengen Blicken, wĂ€hrend ich körperlich zwar einige Meter von meinem Vater entfernt stand, mich geistig aber direkt an seiner Seite fĂŒhlte.
âDas hier ist nicht schon wieder eine Möglichkeit, sich gedankenlos die BĂ€uche vollzuschlagen, sich besinnungslos zu trinken, sich gewissenlos ĂŒber die anderen Betrunkenen lustig zu machen.â Sein Blick traf Onkel P. und Tante S., die gröĂten Unruhestifter auf jedem Familienfest. âDas hier ist nicht schon wieder eine Möglichkeit, nach GrĂŒnden zu suchen, um die eigene Verwandtschaft zu hassen.â Er machte eine dramatische Pause, in der er nur zu mir sah. âDas hier ist eine LiebeserklĂ€rung. Zwischen meiner Tochter und meinem neuen Sohn. Wer möchte denn heute noch irgendetwas die Chance geben, fĂŒr immer zu halten? Wir sind eine Wegwerfgesellschaft und ihr seid die schlimmsten Exemplare davon. Und trotzdem hat es jemand geschafft, diesem giftigen Umfeld zu trotzen. Es gibt hier, mitten unter euch, eine Person, die fĂŒr immer sagt und die an fĂŒr immer glaubt.â Auf dem Gesicht meiner Mutter spiegelte sich abwechselnd Entsetzen und EntzĂŒckung wider. Beide GefĂŒhle kĂ€mpften miteinander. Die TrĂ€nen gewannen.
âMeine Tochter ist jung und dumm.â Meinen empörten Blick ignorierte er. Er musste es nutzen, endlich all die Worte, die er sonst nicht loswerden durfte, aus sich hinauspurzeln zu lassen. âSie ist so verdammt jung und nur deswegen ist sie noch optimistisch genug, um zwischen all euch Pessimisten an etwas Gutes zu glauben. Sie hat sich nicht anstecken lassen vom Pessimismus, der unweigerlich mit dem Erwachsenwerden kommt. Sie hat sich nicht anstecken lassen von all eurer Lethargie. Sie alleine tut noch etwas, um die Welt besser zu machen. Etwas, das ihr schon lange verlernt habt. Erfolgreich verdrĂ€ngt. Doch sie allein tut es noch.â Er holte tief Luft und dann schwieg er. Angriffslustig hatte er sein Kinn nach vorn geschoben. So glatt rasiert war sein Gesicht schon lange nicht mehr gewesen. Jetzt wirkten seine Augenbrauen noch buschiger als sonst. Er hĂ€tte fast bedrohlich wirken können. Onkel P. fĂŒhlte sich berufen, die Stille zu durchbrechen. âUnd was bitte sollen wir tun? Wir alle hier haben schon geheiratet und ich bevorzuge Monogamie.â Immerhin hatte er den Anstand, mich entschuldigend anzusehen. Ich grinste. Die Rede hier war viel besser, als all die anderen langweiligen Hochzeitsreden, die ich mir schon hatte mit anhören mĂŒssen. âIch spreche doch nicht vom Heiraten.â, winkte mein Vater ab. Er hatte ihn nicht verlernt, diesen Tonfall, in dem er mit mir gesprochen hatte, als ich noch im Kindergarten gewesen war. âHeiraten kann jeder Idiot, solange er nur jemanden findet, der dumm genug ist, sich heiraten zu lassen.â Seine Mundwinkel zuckten, dann zwinkerte er meiner Mutter zu. Die Arme. âIch spreche doch nicht vom Heiraten.â, wiederholte er. Er machte eine erneute Pause, doch niemand tat ihm den Gefallen, nachzufragen, wovon er denn dann sprach. Also sagte er, ohne danach gefragt zu werden: âWovon ich spreche ist etwas viel GröĂeres. Heiraten kann jeder. Heiraten ist eine Geste, die zu einem Drama aufgebauscht wurde, sodass der Grund der Geste schon lĂ€ngst vergessen wurde. Es geht hier nicht um Essen, um Alkohol, auch nicht um gesungene Lieder in der Kirche oder GlĂŒckwĂŒnsche.â Jetzt sah er mich an und meinen Freund Mann. Und in seinen Augen konnte man plötzlich etwas glitzern sehen. NatĂŒrlich nur metaphorisch gesprochen. Mein Vater weinte nicht. Aber mit voller Inbrunst sagte er: âEs geht einzig und allein um die Liebe.â
- Felicitas Sturm












