Der Borderliner weist extrem widersprĂŒchliche
Verhaltensweisen und ĂŒberaus rasch wechselnde
Stimmungsbilder auf. Hat er soeben
noch lethargisch, ja nahezu autistisch gewirkt,
kann er schon im nÀchsten Moment ein impulsives
oder gar exzessives Verhalten an den Tag
legen. Borderliner demonstrieren in kurzen
AbstÀnden sowohl eine Neigung zu emotionalen
AusbrĂŒchen als auch den Hang zur völligen
ZurĂŒckgezogenheit und zu vollstĂ€ndigem Verstummen.
Dabei offenbaren sich charakterliche
WidersprĂŒchlichkeit, emotionale Sprunghaftigkeit
und mangelnde Impulskontrolle, die
den Borderliner stÀndig zwischen ZustÀnden
emotionaler BetÀubung einerseits und Momenten
gröĂter AufgewĂŒhltheit andererseits pendeln
lassen.
Demnach kann der BorderlinePatient
als der Anti-Aristoteliker unter den psychisch
Gestörten betrachtet werden: Eine âgoldene
Mitteâ kennt er nicht. Vielmehr liegt ein
anhaltend instabiles, inkonsistentes und durch
Abspaltung bis zur Unkenntlichkeit desintegriertes
Selbstbild vor, das so deutlich schizoide
ZĂŒge aufweist, daĂ es seinen Mitmenschen
nicht selten so vorkommt, als lebte der Borderliner
in mehreren Welten zugleich.
Besonders augenfĂ€llig ist seine âAls obâ-Persönlichkeit.
Auf einen relativ integrierten Charakter
wirken Borderliner hĂ€ufig âunwirklichâ
und âinauthentischâ, so als ob sie alles, selbst
ihre GefĂŒhle, bloĂ simulierten. Die BorderlinerPerson
kann den Anblick des Vollmonds bewundern,
ohne wirklich etwas dabei zu empfinden;
sie mag demonstrativ genĂŒĂlich ein exotisches
Essen verköstigen, ohne wirklich etwas zu
schmecken; sie wird den Eindruck erwecken,
den sexuellen Verkehr zu genieĂen, ohne wirklich
von ihm berĂŒhrt zu sein. Es ist davon auszugehen,
daĂ Borderliner die Kunst, anderen Menschen
etwas vorzuspielen, bis zur Perfektion steigern
können. Die Tatsache, daà man geneigt sein
mag, im jeweils eigenen sozialen Umfeld auf
Anhieb keine Person ausfindig zu machen, auf
die diese Beschreibung zutreffen wĂŒrde, kann
auf die Tatsache zurĂŒckzufĂŒhren sein, daĂ der
Borderliner oftmals deshalb nicht als solcher zu
erkennen ist, weil er tendenziell ein âTotalsimulantâ
ist, der im BewuĂtsein der eigenen
sozialen UnvertrÀglichkeit soziale VertrÀglichkeit
zu inszenieren vermag.
Besonders gravierend wirkt sich die âAls
obâ-Persönlichkeit des Borderliners auf sein
intimes Nahfeld aus. Eine wahrhaftige Orientierung
an moralischen GefĂŒhlen der Liebe,
Freundschaft, Gerechtigkeit oder auch SolidaritÀt
ist beim Borderliner kaum anzutreffen. Da
er zu echten und stabilen moralischen Bindungen
gar nicht fĂ€hig ist, aber dennoch genau weiĂ,
was seine Mitmenschen von ihm erwarten, hat
er gelernt, sich diesen gegenĂŒber so zu verhalten,
als ob er moralische Orientierungen vorzuweisen
hÀtte. In dieser Hinsicht hat der Borderliner
als Inbegriff der Scheinheiligkeit zu
gelten. Hinter jeder seiner vermeintlich moralischen
Regungen und Handlungen verbirgt sich
eine radikale Selbstbezogenheit. Er ist ein Soziopath
durch und durch.
DarĂŒber hinaus ist im intimen Nahfeld des
Borderliners die Beobachtung zu machen, daĂ
er seine Mitmenschen entweder zu idealisieren
oder aber gÀnzlich zu entwerten geneigt ist. Der
fundamentale Konflikt des Borderliners stellt
sich aus dessen Binnenperspektive wie folgt dar:
âIch liebe die AbhĂ€ngigkeit, aber ich hasse sie
auch.â Entsprechend wirkt der Borderliner auf
andere Personen entweder distanzlos oder aber
abwesend. Auch hier erweist er sich als AntiAristoteliker.
Da der Borderliner eine âgesundeâ
Grenze zwischen dem eigenen Selbst und
dem Selbst des jeweils Anderen gar nicht auszumachen
vermag â eine Grenze, der er sich
langsam zu nÀhern, von der er sich dann aber
auch wieder behutsam zu entfernen vermochte
â, sieht er sich beinahe stĂ€ndig gezwungen,
derartige Grenzen kĂŒnstlich zu markieren, nur
um sie dann allerdings gleich wieder zu ĂŒberspringen:
Entweder er zieht sich ganz in sich
zurĂŒck oder aber er verschmilzt mit der idealisierten
Imago seines GegenĂŒbers. Entsprechend
können sich beim Borderliner gröĂte AnhĂ€nglichkeit
und Leidenschaft fortwĂ€hrend mit ĂŒbermĂ€Ăiger
Wut und streitsĂŒchtigem Verhalten
abwechseln.
Im Laufe des Lebens manifestiert sich ein
ĂŒberaus charakteristisches Muster von zwar
instabilen, aber Ă€uĂerst intensiven bzw. extremen
Beziehungen. Einerseits kann sich beim
Borderliner das nahezu verzweifeltes BemĂŒhen
bemerkbar machen, ein reales oder bloĂ imaginiertes
Verlassenwerden zu verhindern, andererseits
stöĂt er seine engsten Bezugspersonen
immer wieder auf verletzende Weise zurĂŒck,
sobald diese ihm âzuâ nahe kommen. Die FĂ€higkeit
zu anhaltenden und authentischen Beziehungen
ist nicht bloà gestört, sondern schlichtweg
nicht vorhanden.
Entsprechend lebt der
Borderliner mit seinen unmittelbaren Bezugspersonen
permanent in einer Art widerstrebenden
FĂŒgung: Erhöht sein GegenĂŒber den IntimitĂ€tsdruck,
tritt der Borderliner den RĂŒckzug
an. Zieht sich der jeweils Andere zurĂŒck, beginnt
der Borderliner zu klammern. Dieser
scheint das Wechselspiel von Zuwendung und
AbstoĂung regelrecht zu brauchen, und je stĂ€rker
die Beziehung auseinandertreibt, desto inniger
seine psychophysische Verflechtung.
Das Paradox des Borderliners lautet demnach:
Mit jedem neuen Grenzziehungsversuch
löst sich die Grenze weiter auf. Sein stÀndiges
Schwanken lĂ€Ăt jene Demarkationslinien, angesichts
deren er sich selbst als ein eigenstÀndiges
Individuum und den Anderen als Anderen
zu erfahren vermochte, gÀnzlich unscharf werden.
Insofern kann das Borderline-Syndrom als
das pathologische Sinnbild des Scheiterns
wechselseitiger Anerkennungsbeziehungen gedeutet
werden, wie sie heute, im AnschluĂ an
Hegel, in philosophischen Theorien der IntersubjektivitÀt
erlÀutert werden.
Die sogenannte
Herr-Knecht-Dialektik, die von Hegel einst
in dessen PhÀnomenologie des Geistes auf so
unnachahmliche, aber auch dunkle Weise rekonstruiert
worden ist, verstetigt sich beim Borderliner
zu einem kurzschluĂhaften RegreĂ aus
aktiver ĂberwĂ€ltigung und passiver Unterwerfung,
durch den sein gesamtes Umfeld auf Spannung
gehalten wird, solange es nicht auf Totalabstand
geht.
Aus anamnetischer bzw. lebensgeschichtlicher
Perspektive muĂ angenommen werden,
daĂ der Borderliner in entscheidenden Phasen
frĂŒhester Kindheit nicht bloĂ mangelnde Zuwendung,
sondern zudem ein Klima subtiler
oder gar offener Aggression erfahren hat. Vermutlich
wĂ€chst der Borderliner bereits im Mutterleib als âFremdkörper im Fremdkörperâ und
damit âin einer Kampfzone heranâ.
Derart frĂŒhe Formen der Ablehnung rĂŒcken manches bis
heute medizinisch-psychologisch ungeklÀrte
PhÀnomen in ein gÀnzlich neues Licht; in jedem
Fall aber kann aus entwicklungspsychologischer
Perspektive der von Hegel konstatierte
âKampf auf Leben und Todâ auf seine lebensgeschichtlichen
Wurzeln zurĂŒckgefĂŒhrt werden.
SpÀtestens mit Blick auf das nachgeburtliche
VersorgungsverhÀltnis von Mutter und Kind
dĂŒrfte inzwischen auĂer Zweifel stehen, daĂ
die Frage, ob der erwachsene Mensch wahrhaftige
Beziehungen der Anerkennung wird ausbilden
können, die von wechselseitiger Zuneigung
und WertschĂ€tzung getragen sind, maĂ-
geblich davon abhÀngen wird, ob er in seiner
eigenen Kindheit entsprechende Erfahrungen
reziproker Zuwendung hat sammeln können.
Genau dies ist bei Borderlinern nicht der Fall.
Das Selbst des Borderliners ist auf âhalber Strekkeâ
stehengeblieben: In Momenten der Ablö-
sung, in denen das Kind auf das Vertrauen seiner
Bezugspersonen angewiesen gewesen wÀre,
hat es wiederholt Liebesentzug, KĂ€lte oder gar
Aggression erfahren. Das Kind macht die radikal
widersprĂŒchliche Erfahrung einer âgutenâ
Mutter der Verschmelzung und einer âbösenâ
Mutter der AbstoĂung. Es weiĂ nicht, âob vor
oder zurĂŒckâ, d.h. ob es in der Verschmelzung
verbleiben oder gÀnzlich in Ablösung gehen
soll, und es lÀuft Gefahr, genau an diesem Widerspruch
zu zerreiĂen.
Als âLösungâ des
Konfliktes bietet sich dem Kind allein die Möglichkeit,
diesen Ă€uĂeren Widerspruch zu verinnerlichen
und das eigene Ich in gute und böse
Anteile aufzuspalten. Fortan zwischen SehnsĂŒchten
der AbhÀngigkeit und der UnabhÀngigkeit
pendelnd, verbleibt, nach Art einer
KompromiĂbildung, eine fundamentale âIchSchwĂ€cheâ,
die sowohl der Vermeidung von
Individuation als auch der Verhinderung von
NĂ€he dient. Von einem integrierten Selbst wird
spÀtestens von da an keine Rede mehr sein können.
Der Borderliner nimmt die durchlebten
WidersprĂŒche in sich auf, um sie fĂŒr den Rest
seines Lebens zu reproduzieren. Die Spaltung
der eigenen Persönlichkeit und die Unmöglichkeit
einer diesbezĂŒglichen Versöhnung lassen
den Borderliner dauerhaft in Desintegration
verweilen. Somit muĂ das Borderline-Syndrom
als Reaktionsweise auf ein frĂŒhes Scheitern von Anerkennungsbeziehungen gedeutet werden, in
denen sich IdentitĂ€tsgrenzen, die fĂŒreinander
durchlÀssig wÀren, nie haben ausbilden können.
borderline-syndrom und spÀtmoderne.