Wir stehen also da, wiegen die Köpfe im Takt des Mickie-Krause-Hits, der aus den Boxen kräht, und gefallen uns sehr gut in diesem sozialen Schmelztiegel namens „Dingsbums-Wirt“, irgendwas. Da kommt Thomas zurück vom Tresen: „Ey, ihr glaubt es nicht. Mit dem Horsti habe ich zusammen im Sandkasten gesessen. Das ist ewig her und jetzt treffe ich den hier.“ Unsere Blicke folgen Thomas’ ausgestreckten Arm. Da stehen zwei Motorrad-Rocker und reden wild gestikulierend auf den Mann am Zapfhahn ein.
Gut, Hells Angels waren es nicht. Ihr Club ehrt im Namen keine feurige Unterwelt sondern eine beschauliche Bundesstraße. Das war auf Horstis Kutte nachzulesen - und auf der seines glatzköpfigen Kumpels mit dem Walrossbart. Keine Rocker der Kategorie “Zwangsprostitution und Drogenhandel” also, trotzdem wollte ich mit Horsti nicht in ein und demselben Verkehrsunfall verwickelt sein.
Und so drehen wir uns alle wieder um, schauen auf Thomas - diesen angegrauten Punk mit einigen alternativen Jahren in Frankfurt auf dem Buckel - schauen zurück zu Horsti, wieder zu Thomas und schenken ihm dann dieses Lächeln, das sagt: „Ja, genau. Wer’s glaubt.“ Und unsere Köpfe wiegen weiter im Krause-Takt.
Dabei fand ich die Vorstellung sehr schön. Da sitzen zwei Jungen in einem Münchner Sandkasten, bis sie zu groß und ihre Verhältnisse zu anders sind. Der eine macht später was mit Medien, der andere was mit einer Drehbank. Der Medienfuzzi geht alle Jubeljahre in eine Eckkneipe um abzuspannen, der andere jeden Abend um nach Hause zu kommen. Und dann treffen sie sich wieder, fallen sich in die Arme, plaudern los, als hätten sie eben erst das Sandförmchen weggelegt.
Mir könnte das passieren, glaube ich. Denn wenn ich drüber nachdenke, wen ich zu meinen besten Kumpels zähle, das sind immer Kerle, die anders sind als ich: schlauer, älter, linker, fußballversessener, atheistischer, abstinenter. Ich fand es schon immer spannender, mit Menschen zusammen zu sein, die anders denken als ich. Den Quatsch in meinem eigenen Kopf kenne ich ja zu Genüge.
Meine besten Freunde und ich haben nicht viel Kontakt. Manche von ihnen habe ich über Jahre nicht gesprochen. Das eine resultiert wohl aus dem anderen: Unsere Welten unterscheiden sich heute so sehr, da haben wir uns aus dem Auge verloren. Aber ich weiß, wenn ich anrufe, wird nicht lange lamentiert, wie lange wir uns nicht gesprochen hätten und dass doch eigentlich ich anrufen wollte und wie ich mir nur so lange habe Zeit lassen können damit.
Nein, da geht es: „Tach.“ - „Tach.“ - „Gestern Dortmund geseh’n?“
Echte Freundschaft braucht weder Gemeinsamkeit in den unwichtigen Dingen des Lebens noch viele Worte. “Trotzdem, ich muss den Kai unbedingt mal wieder anrufen.” Als ich das so bei mir denke, spüre ich eine Hand, die nach meiner Schulter fasst - wie ein Schrottplatzkran in einen Haufen Altmetall.
Ich drehe mich um und schaue in das selige Lächeln eines Rockers um die vierzig: „Servus, ich bin der Horsti. Thomas’ Freunde sind auch meine Freunde.“