Zwei Aserbaidschaner sterben in russischem Polizeigewahrsam. Bestraft Moskau die Diaspora für die unbotmäßige Politik des aserbaidschanische
Akute Krise in den russisch-aserbaidschanischen Beziehungen: Nach einer nächtlichen Razzia in Jekaterinburg Ende vergangener Woche starben zwei Männer aserbaidschanischer Nationalität im Gewahrsam der russischen Polizei oder des Geheimdiensts. Angehörige sprechen von Brutalität, Folter und Misshandlungen.
Die Reaktionen in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku fallen unmissverständlich aus. Im dortigen Außenministerium spricht man von „ethnisch motivierter Gewalt“. Russisch-aserbaidschanische Kulturveranstaltungen – Konzerte, Theateraufführungen, Ausstellungen, Festivals – wurden verboten, diplomatische Treffen abgesagt.
Auch das russische Narrativ stellt auf die Nationalität ab. Seitens der Untersuchungsbehörde war die Rede von der „Festnahme einer ethnischen Bande“; 50 Personen seien in Gewahrsam genommen worden.
Bei den Verstorbenen soll es sich um Brüder handeln, Angehörige einer einflussreichen Familie der aserbaidschanischen Diaspora. Dieser Umstand könnte von Bedeutung sein. Demnach hätte sich die Razzia nicht unbedingt gegen das Heer der aserbaidschanischen „Gastarbeiter“ gerichtet – vielleicht war ja bewusst der reiche (und in Baku einflussreiche) Teil der Diaspora gemeint.
Sind die Razzia und die Toten von Jekaterinburg ein Signal an die aserbaidschanisch-russischen Oligarchen, in Baku für eine prorussischere Politik zu werben? Oder stecken russische Unternehmer dahinter, die sich für den Fall eines Bruchs zwischen Russland und Aserbaidschan hohe Profite ausrechnen? Sollte Aserbaidschan in Ungnade fallen, gibt es zahllose Möglichkeiten, sich am Vermögen seiner Staatsbürger zu bereichern – ähnlich wie in anderen Fällen „unfreundlicher Staaten“ seit Beginn des Ukrainekriegs.
In Baku wird der Vorfall ernst genommen. Außerdem verlangt der Ehrenkodex des Orients nach gesichtswahrender Gegenwehr. Am Montag, unter großem Polizeiaufgebot, wurde das aserbaidschanische Büro der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Sputnik durchsucht. Zwei Mitarbeiter wurden festgenommen. Der daraufhin vom russischen Außenministerium einbestellte aserbaidschanische Botschafter protestierte, so das Außenministerium in Baku, „gegen die Ermordung und Verletzung unserer Landsleute in Jekaterinburg“ sowie gegen die „Anwendung von Folter und erniedrigender Behandlung durch russische Strafverfolgungsbehörden“. Wie immer der Tod der zwei Aserbaidschaner in Jekaterinburg einzuordnen sein wird – er gehört in den Kontext nachhaltiger Veränderungen im eurasischen Kräfte-Parallelogramm. Schon steht die Frage im Raum: Verliert Russland mit Aserbaidschan auch den letzten strategischen Partner südlich des Kaukasus-Hauptkamms? Georgien ist schon lange auf Abstand gegangen, und in Armenien ist man seit der ausgebliebenen russischen Unterstützung für die Separatisten in Bergkarabach 2020 ebenfalls desillusioniert.
Die russische Expertin Tatjana Stanowaja spricht von der „sinkenden geopolitischen Bedeutung des postsowjetischen Raums“ als direkter Folge des Krieges mit der Ukraine. Das werde „natürlich schwerwiegende langfristige Folgen“ haben, die offensichtlich nicht zugunsten Russlands seien: „Aber heute möchte der Kreml darüber nicht wirklich nachdenken, und außerdem reichen die Ressourcen nicht aus, um an mehreren Fronten zu kämpfen.“ Historiker werden dereinst die Gesetzmäßigkeiten erkennen. Schon die Sowjetunion war mit dem ererbten Kolonialreich überfordert. Bis zum Einmarsch in die Ukraine konnte das neue Russland immerhin noch „Soft Power“ in den Südkaukasus und nach Zentralasien projizieren. Mittlerweile muss der Moskauer Staat selbst im ostslawischen Europa um Macht und Einfluss kämpfen. Im Südkaukasus kommt ein weiterer Aspekt hinzu. Die Länder Georgien und Armenien sahen in Russland, in verschiedenen Phasen ihrer Geschichte, immer wieder auch die christliche Schutzmacht. Das muslimische Aserbaidschan hingegen, das in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum Russischen Kaiserreich kam, hat Russland nur als Kolonialmacht erlebt. 35 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion haben sich die geopolitischen Rahmenbedingungen verändert. Die Türkei und Aserbaidschan, beide wirtschaftlich gestärkt, sind zusammengerückt. Es war der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan, der mit seiner Unterstützung 2020 und 2023 dafür sorgte, dass Aserbaidschan seine jahrzehntelang abtrünnige Provinz Karabach zurückerobern konnte.
Im Osten bietet die von China initiierte Neue Seidenstraße – in Sonderheit deren mittlerer Korridor – ein Füllhorn an Perspektiven; hinzu kommt der europäische Hunger nach Energierohstoffen aus nicht-russischen Quellen. Experten sehen Aserbaidschan im Konflikt mit Russland daher auch am längeren Hebel – zumal Russland für den im Aufbau begriffenen eurasischen Nord-Süd-Korridor durch Aserbaidschan und den Iran nach Indien auf das Land am Kaspischen Meer angewiesen ist. Aserbaidschan wird zum Knotenpunkt eurasischer Konnektivität. Das erklärt die Selbstgewissheit, mit der sich Baku den Herausforderungen im Verhältnis zu Russland stellt. So hat der aserbaidschanische Präsident Ilham Alijew aus seiner Enttäuschung über Wladimir Putins Reaktion auf den versehentlichen Abschuss eines aserbaidschanischen Passagierflugzeugs durch russische Artillerie im Dezember 2024 kein Hehl gemacht. Alijew blieb auch den Feierlichkeiten zum 80-jährigen Kriegsende im Mai in Moskau fern. Damit bleibt als Schwachstelle die Diaspora in Russland. Laut Zensus leben dort gut 600.000 Aserbaidschaner – die wahre Zahl wird bei über einer Million liegen. Das wären rund zehn Prozent der Bevölkerung im Mutterland. Damit sind schon die Gastarbeiter allein ein potenzielles Druckmittel – Russland wird nicht zögern, es einzusetzen. Hinzu kommen die Aserbaidschaner, die es in Russland zu nicht geringem Reichtum gebracht haben. Wenn die Razzia in Jekaterinburg keine eigenmächtige Aktion lokaler Größen war (was nie auszuschließen ist), wird man sie in Baku als Warnschuss aus Moskau verstehen.













