Man kann sich vermutlich eine ganze Reihe hĂŒbscher Theorien ausdenken, die einem als ErklĂ€rung fĂŒr den eigenen, stetig voranschreitenden RĂŒckzug aus der Mitmenschlichkeit angenehm genug scheinen wollen. Ich bin auf diesem RĂŒckzug mittlerweile so weit fortgeschritten, dass ich zeitweise schon an eine grundlegendere Störung meiner Persönlichkeit dachte. Und damit mag ich gar nicht so sehr daneben gelegen haben, aber nein, das allein ist es nicht. Immerhin, ich beginne langsam es zu verstehen. Nun war ich ohnehin nie ein AltersgemĂ€Ăer, ebenso wenig wie ich zeitgemÀà bin, doch das Trennende zwischen mir und den Menschen diesseits und jenseits des Blickfelds, dieses Trennende liegt in einem Entwicklungsvorgang, den so sonst wohl allenfalls Sterbende und Strafgefangene durchlaufen haben können und mĂŒssen. Dieser Vorgang, man möchte ihn Autopsie nennen, ist in der Tat so etwas wie die innere Leichenschau am lebenden Subjekt; also bei sich selbst!
Und nein, sich selbst im Spiegel zu betrachten, das zĂ€hlt nicht! Sondern es geht dabei darum, sich selbst so schonungslos von innen her auseinander zu nehmen, bis letztlich selbst die Sezierbestecke zu schartig werden, um die noch tiefer verborgenen LebenslĂŒgen ganz und gar freizulegen, und mit ihnen all die Abartigkeiten und Schuldigkeiten, die erfĂŒllten Verbrechen und die verfehlten Verantwortungen. Es ist dieser Vorgang, bei dem man sich die Schminke mit Schmiergelpapier aus dem Gesicht wischt, bei dem man sich hĂ€uten muss, um sich ganz zu entkleiden und zu dem man erst jahrelang genĂŒgend Uran angereichert haben muss, um sich dann selbst in seinem atomaren Zerfall erfahren zu können.
Ich verspreche, das ist kein Weg, der zu Erfolg und Erleuchtung fĂŒhrt, oder der zur Steigerung des GefĂŒhls von persönlichem LebensglĂŒck gut geeignet wĂ€re. Aber es ist ein Weg, der in eine tiefer verstandene Freiheit fĂŒhrt. Eine wortlose Freiheit. Und wer diesen Weg erstmal hinter sich hat, der braucht keinen Gradmesser mehr, um Worte halbwegs sicher in ihr passgerechtes MaĂ an Verlogenheit schĂ€tzen zu können. Sondern du, der du autopsiert bist, du bist der Grad, aber du weiĂt, du behĂ€ltst nur das Messer. Â