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When I go quiet it’s because I’ve been in my studio retouching work for three upcoming shows @pridephotoaward @offbratislava and @photois.rael - also been laughing and crying as I’ve had time to read many interviews that have finally been transcribed and translated in the past months. The audio/text element has become so important and is enriching the work beautifully. Me and my fab intern Charlie have thus reworked the audio archive ... keeping this #artistarchive organized! Not an easy task haha. 📸🎞🌈 #inthestudio #audioarchive #analogphotography #intersectionality #samelove #natpu #india #indianmen . . . . . . . . . . . . . #marcleclef #artistlife #artist #curator #portraitphotography #fineartphotography #contemporaryphotography #newphotography #queerartist #gay #dosti #gaydesi #documentaryphotography #artcollector #research #120film #visualart #filmphotography #contax645 #documentaryphotography #photobook (at Brooklyn, New York) https://www.instagram.com/p/B3b_idPlxpo/?igshid=1309zwsbjozfo
Been a bit since I bought new #cassettes 44 year old archive got me windin, threadin, splicin. Gonna have to throw away perfectly good tape and reload because I couldn’t find empty shells with screws. Maxell still the best box! Where’s my pencils at? #junkyardskills #audioarchive #transferallday #demag #cleanheads
image: “the audioarchive archivists are heroes” - anon
(the mod heartily agrees!)
Übertragungen des ›Adornosounds‹
Zu Klaues Theoriesamplings im Besonderen und dieser Ödnis im Allgemeinen
Viel zu lange Kritik an der mittlerweile wohl üblichen Form, kritische Theorie im Feuilleton von linken Wochenzeitschriften oder in irgendwelchen Blogs zu betreiben. Wer sich nicht mit den recht allgemein gehaltenen Überlegungen aufhalten will, der gehe doch zum Untertitel Von Beschneidung, Bescheidenheit und anderen Schnitten über, dort wird es am Besonderen vollzogen werden, was angedacht ist. Es geht dabei um Klaues »Wird es einen Mitschnitt geben?« und warum dieser Text Ausdruck jener prozessierenden Albernheit ist.
Überschüssige Einleitung zu den virtuellen ›Archiven‹
Meine letzten Überlegungen kreisten darum, dass gerade in virtuellen Diskussionen einem recht häufig die Geste begegnet, dass man eigentlich etwas Besseres zu tun hätte, aber man sich dazu äußern müsse, die Augen schon rollend, entnervt: kurz, polemisch, apodiktisch. Trifft diese Haltung auf Widerspruch, so findet sich dagegen ein anderer, wohl eingeübter Zug: Im Virtuellen könne man das eigentlich nicht diskutieren. Darum kürze man die Gedankengänge ab, aus keinem anderen Grund. Man fühlt sich so legitimiert, ›unmissverständlich‹ Partei zu ergreifen.
Die Geste der Verachtung, der virtuellen Abgrenzung vom Anderen ist dafür notwendig, wenn man in Kürze den eigenen Standpunkt illuminieren will. Dies sind äußerst prekäre Haltungen, die sich so artikulieren: Ihr bloßes Setzen des ›Wahrhaftigen‹ ist äußerst anfällig für Widerlegungen. Daher gehört das abrupte Verlassen der virtuellen Diskussion ebenso dazu wie das Ignorieren oder die abwehrenden Haltungen: Dass man dies doch nicht so ernst gemeint habe oder eben diese Form daran Schuld sei, dass man so missverstanden worden wäre. Man habe dies so flüchtig dahingeschrieben, während man es doch eigentlich viel besser wüsste – wenn man erst einmal im ›Realen‹ monologisieren könnte oder eine ganze papierene Abhandlung darüber verfasst hätte (und dann kommt freilich die Ausrede, dass man dazu nur leider jetzt keine Zeit habe, aber bald).
Es ist eine sehr traditionelle Verschiedensetzung, die hier gebraucht wird: Das Virtuelle ist das Uneigentliche, eine zu vernachlässigende Form, in der nichts wirklich entschieden werde. Dort tobten sich bloß die Omnipotenzphantasien von Jünglingen und andere Zusammenrottungen der Lumpenintellektuellen aus, man könne diesem Treiben ruhig fernbleiben. Die tatsächliche, ›reale‹ Diskussion oder Schrift sei das ganz Andere, die eigentliche Form. Man könnte dann auch sagen, dass das Virtuelle bloß die Reproduktion des ›Realen‹ sei, der stets das schon längst verloren gegangen, was eigentlich im Reden oder Schreiben noch gegenwärtig sei, was es zu einem Besseren oder Schöneren mache. Kurz um: Angesichts der Wirklichkeit des Virtuellen in den alltäglichen Lebensvollzügen kultiviert man eine Haltung der Selbstverachtung, wenn man so denkt. Denn zum nicht-virtuellen, anregenden Schreiben kommen diese Polemiker eher selten, auch wenn ihre virtuelle Produktivität nicht zu erlahmen scheint.
Das Virtuelle, sei es das Forum, der Kommentar, der Bei- oder Eintrag, all diese Formen sind freilich mit kulturindustriellen oder spektakulären Formen vermittelt. Gerade die, die mit Verachtung dem Virtuellen begegnen, es als ›Uneigentliches‹ kritisieren, als reduktionistische Form, in der sich die Überschüsse des ›Realen‹ verlören, vollziehen dies selbst im Virtuellen – ihre Rede ist spektakulär, wenn sie mit großem Getöse das Virtuelle und seine Zumutungen weit von sich weist. Die Reflexion darüber wird meist gar nicht angestrebt. Ihre ›Kritiken‹ gleichen eher dem Bekunden eines gewissen Unbehagens, was eben einen Standpunkt in der Mannigfaltigkeit des Virtuellen markiert, aber nicht die vernünftige Widerlegung des Anderen ist – und dem ist nachgeordnet, ob es sich nun tatsächlich im Virtuellen oder im ›Realen‹ vollzieht, ob es nun auf einem Blog oder in einem Buch veröffentlicht wurde, ob es auch gegen den Willen des Autors dann doch im virtuellen Audioarchiv erschien oder er seine Aussagen zitiert in irgendwelchen threads wiederfindet.
Diese ›Kritik‹, um die es uns hier geht, ist auch auf keine vernünftige Widerlegung des Gegners angewiesen, weil sie einer ›Logik‹ der Aufmerksamkeit verpflichtet, die aus kulturindustriellen Praxen wohl bekannt ist: Man will seine Zugehörigkeit bekunden, die Grenzen zum Anderen deutlich und beinahe unmissverständlich ziehen, um wieder einmal zu proklamieren, dass man sich im Gegensatz zum Gegenwärtigen, Hegemonialen oder falschen Ganzen befinde. Vielleicht diagnostizieren diese ›Kritiken‹ so gerne den Verfall von Individuum oder Theorien, weil sie von der Angst geplagt sind, dass dieser Verfall sie schon längst heimgesucht hat: das altbekannte Tun der verfolgenden Unschuld, der Externalisierung, der Projektion. Eine panische Abgrenzung gegenüber dem Anderen ist festzustellen, gerade wenn dieses Andere einem irgendwie nah oder ähnlich sein könnte. Diese ›Kritiker‹ meiden daher auch die Selbstreflexion (haben sie sich schon jemals revidiert? Einen Beitrag im Audioarchiv gelöscht, nachträglich Texte geändert? Peinliche Erinnerungen mögen dies sein), auch wenn sie notwendig wäre, um ihren Behauptungen Geltung zu verschaffen.
Um den Anderen so entsprechend zu verachten, müsste man sein Tun so von diesem anderen, verfallen(d)en Tun unterscheiden, dass es sich eben nicht mehr als das reine Andere des Verfalls darstellen kann. Ein Unterscheiden bedeutet nach Hegel stets ein Selbst-Unterscheiden, d.h. die Bestimmung des Verhältnis vom Selben und Anderen im Selben (Rimbaud brachte das eine Moment dieses Verhältnisses mal auf das Bonmot, dass das Ich ja ein Anderer sei). Wenn man also diese Unreinheit annehmen müsste, dass man doch nicht so grundverschieden von den Anderen ist, dann hätte man vieles zu reflektieren: Man hätte dann vielleicht schon einmal panisch einen Vortrag im Audioarchiv gesucht oder zöge vielleicht keinen geringen narzisstischen Gewinn daraus, dass man wieder seine eigene Stimme im Audioarchiv vernähme. Solche notwendigen Möglichkeiten des alltäglichen Lebensvollzugs, solche ›Differenzierungen‹ müssen diese ›Kritiker‹ nicht bedenken. Ihnen geht es auch weniger um die Angemessenheit von Urteilen: Sie wollen aufreizen, beleidigen, verachten, bloßstellen, das tun, was man vornehmlich bei virtuellen Diskussionen eben so tut (die Polemiken all der Grabenkämpfe des Marxismus mögen die historisch bedeutsamen Ahnen jener Schlammschlachten marginalisierter Gruppen in irgendwelchen Szeneforen oder bei Facebook sein). Warum muss es denn auch immer um Wahrheit, Vernunft, all diese philosophischen Spitzfindigkeiten gehen?
Nein, es geht vielmehr um eine ›Logik‹ der Aufmerksamkeit. Mit ›Logik‹ meine ich hier nicht, dass dieses Ringen irgendwie vernünftig ist, sondern dass es gewisse Regelmäßigkeiten aufweist, die bestimmte allgemeine Aussagen über dieses Tun ermöglichen. Besonders traurig ist es, dass man eine solche ›Logik‹ auch in Kreisen erkennen kann, die sich zum Erbe kritischer Theorie bekennen. Die Vehemenz und Verachtung, die sich in ihren virtuellen oder ›realen‹ Mitteilungen ausdrückt, sagt viel über die Prekarität ihrer Gedankengänge oder Schreibversuche aus: Vermutlich müssen sie deshalb all die Verirrungen, Abweichungen und Fehlinterpretationen so vehement verfolgen, weil sie nur so sich dem ›gewiss‹ werden, dass sie nicht bloß eine von vielen ›virtuellen‹ Erscheinungen, sondern die ›reale‹ Erscheinung kritischer Theorie im Hier und Jetzt, im Reden und im Schreiben sind. Sie brauchen diese Abgrenzungen gegen das Andere, weil sie unbewusst darum wissen, wie begrenzt ihr Verstehen all dieser Sätze ist, die uns als kritische Theorie überliefert wurden.
Kritische Theorie als Erfrischung für die Müden und Erwachsenen
Diese ›Logik‹ der Aufmerksamkeit funktioniert dergestalt, dass man einen Gegenstand aufgreift, der sich gerade einer gewissen Beliebtheit in den Zusammenhängen derer erfreut, die sich auch irgendwie zur kritischen Theorie oder zur gesellschaftlichen Emanzipation überhaupt bekennen. Da in einer solchen ›Logik‹ die bestimmte Negation meist mit der bestimmten Kränkung des Anderen konfudiert wird, es eben bei einer schlichten Verneinung des Anderen bleibt, bedarf es eines bestimmten Tons, eines bestimmten Jargons, um irgendwie zu vermitteln, dass man doch die eigentliche kritische Theorie vertrete. Es geht in diesen Schriften nicht um die dialektische Darstellung, inwiefern sich der jeweilige Gegenstand im Widerspruch vollzieht, sondern um die Behauptung, als ob die eigene Position auf diese gesellschaftlichen Widersprüche schauen könnte, so dass man souverän über diesen Gegenstand, die Anderen verfüge. Ja, die Anderen mögen vom Verfall betroffen sei, man selbst hält sich aber wacker im Anderen. So klingt es, wenn man wie Adorno sprechen will, aber leider nicht so schreibt.
Es sind vor allem Gegenstände der alltäglichen Lebensvollzüge, die zu solchen Verschiedensetzungen anregen: Man schreibt über das Fahrradfahren, den Gebrauch von Audioarchiven, akademischen Titeln, Tourismus in Berlin, Gentrifizierung, die schulische Erziehung und hat eine Melancholie darüber habituiert, dass doch die individuelle Erfahrung im Jahre 2014 nicht mehr möglich, alles im Verfall begriffen sei und man nur erahnen könne, wie Adorno zu solchen Wahrheiten gekommen sei, wie man sie jetzt doch noch verstehen könne, da man doch selbst irgendwie auch davon betroffen sein müsste, wenn man so allgemein von der individuellen oder lebendigen Erfahrung spricht, die längst ver- oder zerfallen sei.
Im Grund genommen müssen sich diese Schreiber von diesem Verfall ausnehmen, denn sie können diesen Verfall in seinen unterschiedlichsten Spielarten noch ›kritisieren‹ (das alte Problem: Wie weise ich den normativen Maßstab meines Urteilens aus, wenn mein Tun gerade behauptet, dass dieser normative Maßstab nicht mehr gültig sei?). Dass solche Schreibversuche nicht damit anheben, das Verhältnis von gesellschaftlich vermittelter individueller Erfahrung und der Arbeit am Begriff zu klären, liegt wohl daran, dass sie den Adorno’schen Begriff des essayistischen Schreibens so verstanden haben, dass man ja nun nicht mehr systematisch etwas umständlich darstellen müsse. Man schreibt so, wie es das Unbehagen an der eigenen Ohnmacht vorschreibt.
Die Adorno’sche Unterscheidung von systematischem und systemischem Philosophieren ist ihnen nicht mehr geläufig, sie versuchen sich in ihrem Ton den Essays oder Aphorismen der Minima Moralia einfach ähnlich zu machen, um dieses Werk selbst als »letztes Wort kritischen Denkens« zu stilisieren, damit ihre Anhängerschaft noch gewichtiger erscheint. Wenn es schon mit den Begriffen nicht so recht sich denkt, dann gebraucht man eben Pathos und malt den Gegner in grellsten Farben.
Wer dies jedoch kritisiert, macht sich auch verdächtig: Tut er dies nur, um für sich Aufmerksamkeit zu erregen? Schließlich behauptet er ja, dass diese Formen ihren Gegenstand nicht treffen, in gewisser Weise unwirklich sind, ergo vernünftig nur dadurch werden, dass man sie bestimmt negiert. Ich will also diese ›Logik‹ so kritisieren, dass ich mein Schreiben ihr anähnle – der alte Trick immanenter Kritik. Ergo: Natürlich geht es auch hier um eine bestimmte Ökonomie der Aufmerksamkeit, aber durch unser Schreiben muss deutlich werden, warum diese ›Logik‹ sich dem Scheitern zu stark exponiert, überhaupt nicht recht gelingen kann.
Die Gegenstände für eine solche ›Logik‹ der Aufmerksamkeit, des Bescheidwissens und der Rechthaberei sollten so gewählt werden, dass eine gewisse Menge von Personen ähnlich dies so fühlt. Ich spreche hier bewusst vom ›Fühlen‹, weil diese Texte selten mit vernünftigen Bestimmungen aufwarten, die ihr Urteil bewahrheiten könnten. Im Grunde sind sie beliebig, da sie sich auf das Behaupten beschränken, sie proklamieren Verschiedensetzungen, weil sie sich nicht durch ihre Gegenstände irritieren lassen, sondern eben verurteilen, aber nicht urteilen wollen – möglicherweise gar können.
Solche Texte sind Ausdruck jener Schwierigkeiten, sich nach Abschluss des Studiums und nach der Einkehr ins wie auch immer prekäre Berufsleben mit ›Theorie‹ oder ›Kritik‹ weiterhin beschäftigen zu wollen: Zu systematischen Rekonstruktionen reicht es nicht mehr hin, aber man kann zumindest seine Befindlichkeit in diesen Texten wiederfinden. Sie vermitteln eine Ahnung davon, dass man doch auf der richtigen Seite steht. Sie sind Mitschnitte aus jenem Sermon der Befindlichkeit, der der an Irrwegen reichen Praxis der Lesekreise oder Seminare überdrüssig ist, der schon ›weiß‹, wie man nun eigentlich Adorno oder Marx zu verstehen habe. Die also keine Fragen oder Dialoge mehr wünschen, sondern dass es mal einer so sagt: Kurz und knapp, unmissverständlich benennt, was richtig und was falsch ist, der also nicht so stark mit irgendwelchen Herleitungen einem die Zeit stiehlt, sondern pointiert das eigene Unbehagen noch einmal wiederholt.
Und das Wesentliche daran darf nicht vergessen werden: Der die Grenze gegenüber den Renegaten oder anderen ›Gierigen‹ deutlich zieht, diesen uneigentlichen ›Kritischen Theoretikern‹; denn vermutlich haben sich nicht wenige darüber erregt, dass die eigene Timeline oder das eigene Dashboard von Links in Audioarchive zugemüllt wird, man sich beim Durchstöbern einiger Archive etwas downgeloadet hatte, aber man doch nicht dazu kam, es sich in Gänze anzuhören, oder man zu viele solcher Vorträge schon hörte, ohne den erhofften Erkenntnisgewinn. All diese mögen sich angesprochen fühlen, bedächtig mit dem Kopf nicken, wenn sie diese Zeilen lesen, die darstellen, dass man nur so tun muss, als ob man eine Arbeit am Begriff vollzöge, wenn man sein Lamento über die »Audioarchivierung des Geistes« oder über irgendeinen anderen Gegenstand anstimmt, der gerade in einer linken Szene dieses Landes thematisch wurde und zirkuliert.
Diese Haltung kommt momentan bei gewissen Autoren besonders zur Geltung, einen aus dieser Menge findet man häufiger als Referenz, wenn es um diese Sorte feuilletonistischer Kulturkritik geht. Die Texte von Magnus Klaue wirken wie der Mitschnitt eines umfassenderen Monologs, der stets aufs Neue seine Trauer um die »verschenkte Gelegenheit« ausdrückt, dass man doch eigentlich eine Arbeit am Begriff vollziehen wollte, aber dann doch wieder nicht dazukam. Der Klang, der Gebrauch bestimmter Vokabeln, wenn man nur nicht so genau lauschte, könnte einen denken lassen, hier täte jemand Entscheidendes oder Wohlüberlegtes, was alle aufrechten Kritiker anginge. Ja, diese Kritiker und ihre Virtualität, ihre Archive und Streitereien – wer wollte darüber schon wieder etwas Längeres schreiben, lesen oder gar hören? Habe wir uns nicht schon zu lange damit aufgehalten? Reichte nicht ein Trennungsstrich? –
Ich werde recht nah am vorliegenden Text rekonstruieren, so dass ich etwas Zeit und Raum in Anspruch nehme. Man mag mir also verzeihen, dass ich so kleinschrittig vorgehe, anstatt in ein, zwei Sätzen zu erledigen, wie es bei solchen Kritikern üblich ist. Aber ein Sonntag, die kleine Pause zwischen den arbeitsreichen Wochen, ach, welche altherrenhaften Sätze fielen mir nun ein, um diese infantile Idiosynkrasie zu rechtfertigen. Aber lassen wir dies, wer dies liest, der liest es eben – wer nicht, der liest eben etwas Besseres.
Vom Beschnittensein, Bescheidenheit und anderen Schnitten
Weil sich die Texte Magnus Klaues besonders im Virtuellen einer gewissen Beliebheit erfreuen, ist es vielleicht von Interesse, wenn man sie einmal genauer in Bezug auf ihre Angemessenheit untersucht. Es geht also nicht um den einen Denker und Schreiber, das Individuum namens Magnus Klaue, sondern um die Frage, wie solche Texte irgendwie als legitimer Ausdruck einer Kritik im Sinne kritischer Theorie verstanden werden können.
Jener Text, »Wird es einen Mitschnitt geben?« (Jungle World Nr. 45, 6. November 2014), nimmt den roten Faden jenes Beschauens der alltäglichen Missgeschicke wieder auf, die einem so widerfahren können, wenn man seine Praxis der Theorie vornehmlich in marginalen und sich wechselseitig verachtenden Gruppen vollzog. Es sind meist Gegenstände einer Kulturkritik, die sich besonders im Virtuellen entfaltet, weil in ihm gegenwärtig verhandelt wird, wie ein gutes Leben zu führen ist, wie man sich kleidet, welchen Stil man nun wählt, wie man schreibt oder spricht – all dies ist dort zu erfahren, meist sogar früher als in anderen Vollzügen des ›Realen‹.
Aber so einfach ist es doch nicht. Denken wir genau nach, so müsste uns auffallen, dass dem ›Realen‹ noch etwas anhaftet, was das Virtuelle längst schon verloren hat. Klaue klärt uns darüber auf, welche Gewalt, welche Wahrhaftigkeit noch heute der Stimme, selbst längst Verstorbener noch eignet, wenn man noch wirklich des Lauschens mächtig – auch wenn sie virtualisiert, endlos reproduziert wurde auf irgendwelchen CDs oder DvDs, ja selbst wenn man sie vermutlich in einem Audioarchiv vernommen hat:
»Die Stimme des Dichters oder Denkers wiederum hat gegenüber ihrer schriftlichen Fixierung einen Überschuss, der in das Gelesene einwandert. Wer die Stimme Theodor W. Adornos in seinen Radiovorträgen gehört hat, wird sie allem von ihm Geschriebenen ablauschen. Und das esoterisch Doktrinäre von Martin Heideggers Denken versteht besser, wer das tautologische Raunen seines Vortrags kennt.«
Das klingt doch nach verständigen, fachmännischen Aussagen, die leider höchstens Geschmacksurteilen gleichen. Durch die Stimme wandere etwas in das Gelesene ein: Wenn man also nicht auf das Audioarchiv zurückgreift, wenn man also nicht die Stimme des »Dichters oder Denkers« hören kann, dann kann etwas nicht ins Gelesene einwandern – um im Bild zu bleiben: Der stumme Text ist wie eine Mauer, die nur für die Stimme des echten Autors durchlässig ist. Das sind sehr traditionelle Ansichten zur Stimme oder zum originalen Autor, die in der Philosophie seit Mitte der 1950er Jahre im Mittelpunkt der Kontroversen um Mentalismus und Phonozentrismus stehen, aber warum sollte sich Klaue darum scheren? Vermutlich ist seine Leserschaft in Unkenntnis darüber, wie der Autor selbst.
Und seine Ausführungen zeugen doch auch von sehr einfachen Denkvorgängen: Wer einmal Adorno gehört habe, der höre stets beim Lesen diese Stimme, bei allem, was der Mann geschrieben hat (und da Klaue nie den leibhaftigen Adorno vortragend vernommen hat: Daran müssen wohl Audioarchive schuld sein oder CDs oder Hörspielkassetten!). Entweder liegt hier eine ganz besondere Qualität eines Denkers vor, die in ihrer begrifflichen Unterbestimmtheit eher der Werbung für eine Ware ähnelt, oder ein klassischer Fall von Überidentifikation: Es mag vielleicht durch bestimmte Betonungen gewisser Wendungen oder Begriffe das Verstehen von Gedankengängen erleichtert werden, wenn man Adorno so sprechen hört. Wenn es aber tatsächlich auf den »Nachvollzug des Gedankens« ankäme, was Klaue irgendwann später behauptet, dann hilft uns die bloße Stimme nicht weiter. Dann bedarf es eines Denkens, was mit der Stimme des Anderen etwas denkt, aber nicht einfach mit dieser Stimme identisch geworden ist, die also die Stimme nicht so beim Lesen hörte, als brächte sie uns unmittelbar als Stimme dem Begreifen des Textes näher, als könnte sie uns bloß durch dieses Vorlesen verstehen lassen (immer wieder diese altbekannte Sicherheit des Epigonen in der unvollendeten Lektüre, die aus Klaues Sätzen spricht).
Ist diese Stimme allerdings mit dem Gelesenen vermittelt, dann müsste man vielleicht sogar denken, dass uns die stets im Gehörgang vorrätige Stimme Adornos täuschen könnte, vielleicht sogar etwas Anderes uns vermittelt, was seine nicht als »›Originaltondokument‹« überlieferten Schriften so sagen. Dann könnte es sogar so sein, dass uns diese Stimme eine merkwürdige Nähe, ein Verstehen glauben lässt, was die nicht so sprechende Schrift uns versagt, die uns um den Mythos bringt, dass im Sprechen das wahre Verstehen sei, während die Schrift doch so reich an Missverständnissen wäre. Wir könnten an der Schrift uns dem gewahr werden, dass Sprechen oder Sprache überhaupt nicht einfach die Übermittlung eines festen Inhaltes in einer bestimmten Form, sondern ein miteinandergeteiltes Tun ist: Ich verstehe den Anderen nur, wenn ich ihn auch missverstehe, wenn ich selbst etwas mit dem Gehörten, vielmehr: dem Gelesenen tue, es eben nicht einfach aufnehme oder empfange.
Dann hilft es uns eben nicht weiter, wenn wir mit dem einen Namen die gute Stimme, die wahre Erkenntnis verbinden, mit dem anderen Namen aber die schlechte Stimme, die die unwahre Erkenntnis nur verstärkt. Man müsste also begründet darlegen, nicht etwa was Adorno meinte, sondern was dieser Text zu bestimmten begrifflichen oder wirklichen Problemen zu sagen hat – vollkommen gleich, ob er uns nun im Sprechen oder in der Schrift gegenwärtig ist.
Sonst ist es eben eine bloße Parteinahme, kein vernünftiges Parteiergreifen, wenn getreu eines Standpunktdenkens behauptet wird, dass man die Heidegger’sche Philosophie »besser« verstünde, wenn man dem »tautologische[n] Raunen seines Vortrags« nur lauschte. Solche Formen unmittelbarer Erkenntnis oder der Petitio Principii dürften esoterischen Dogmatikern oder anderen Halbgebildeten vertraut sein, eine Arbeit am Begriff ist dies keineswegs. Wer davon spricht, am Stil des Sprechens eines Vortragenden könne er dessen Philosophieren »besser« beurteilen – der hat wohl vergessen, dass er dafür keine Begründung darlegte, sondern hoffte, dass dies dem Leser schon irgendwie evident erschien. Nur leider ist dies Klaues große Stilfigur.
Aber wer könnte dies auch solchen Schreibern wie Klaue zumuten, die eben in einer gewissen Frequenz Texte schreiben müssen, die davon leben, die unter der Herausgeberschaft von Augstein oder anderen Kollektiven vielleicht zu leiden haben, die nur etwas Würze ins Feuilleton bringen wollen? Könnte man ihnen es Übel nehmen? Nein, warum denn? Adorno pflegte in solchen Fällen folgende Anekdote zu erzählen: Gustav Mahler habe einstmals mit Passion Dostojewski gelesen und als er dies »bei einem Ausflug mit Schönberg und dessen Schülern« gestanden hätte, habe Webern »die heroisch schüchterne Antwort« gegeben: »Entschuldigen Sie, Herr Direktor, aber wir haben den Strindberg« (in: Ontologie und Dialektik, S. 9). Nichts Anderes tut Klaue, wenn er aus der Stimme Heideggers eine doch umfassende Behauptung über dessen Werk tätigt. Das mag ein typischer, ein alltäglicher Vorgang im Feuilleton, im Chatroom oder im Oberseminar sein – es ist eben ein ordinäres Standpunktdenken, was sich zur Abwechslung einmal als kritische Theorie ausgibt.
Bescheiden wie Klaue nun einmal ist, muss er diese Verschiedensetzung von Adornos und Heideggers Stimme direkt als »Erkenntnisgewinn« ausweisen, der sich deutlich von »der Gier nach ›Mitschnitten‹ noch der popeligsten öffentlichen Äußerung der jeweiligen Lieblingsvortragenden« abhebe, »wie sie insbesondere in linken Politikkreisen seit einigen Jahren grassiert«. Vielleicht müssen wir Klaue selbst bedauern, der all diese Emails als lästig empfand, die ihn stets wieder erreichten, ob denn nun dieser oder jener Vortrag zum kritischen Weißsein oder zu Adornos letztem Enkel ›mitgeschnitten‹ worden sei. Das sind freilich merkwürdige Anfragen, denn wer will dies auch noch hören, wo es doch soviel von ihm zu lesen gibt? Es gibt viel, was für dieses individuelle Schicksal spricht:
»Vielmehr vermischt sich in dieser Gier die Verehrung des ›Originaltondokuments‹, die sich nicht mehr nur posthum austobt, mit dem präpotenten Bedürfnis, auch solcher Ereignisse, bei denen man nicht dabei war, so schnell wie möglich habhaft zu werden, sie gleichsam nachzuerleben und sich so verfügbar zu machen. Je weniger geschieht, das sich zu erleben lohnt, desto größer wird die Angst, etwas zu verpassen. Das Bedürfnis, durch akustisches Nachholen eines verpassten Vortrags zu Einsichten zu gelangen, die andernfalls nicht zu gewinnen wären, erhält dadurch einen ebenso autoritätssüchtigen wie anmaßenden Zug.«
Wer nun aufmerksam das Originalschriftdokument Klaues zu Rate zieht, wird sich vermutlich fragen, wie die »Verehrung des ›Originaltondokuments‹« von jenem Umstand zu unterscheiden ist, dass man nach Klaue stets Adornos Stimme vernehme, wenn man dessen Schriften lese – aber dieses »lese« ist noch zu schwach: Diese Schriften sprechen dann mit der Stimme Adornos zu einem, weil man dessen Stimme schon einmal technisch reproduziert vernommen hat! Was für ein Geist muss es sein, der mit dem Namen Adornos wirkt!
Jemand, der sogar behauptet, dass durch die Stimme etwas in den Text einwandere, was ohne diese Stimme nicht hereingelassen werde – spricht daraus dann nicht eine gewisse Verehrung der Stimme? Gehört es nicht zur Verehrung irgendwelcher Individuen notwendig dazu, dass wir das Verehrte nicht so genau fassen können, so dass uns Klaue eben nicht sagt, wie sich dies vollzieht, was daran der Erkenntnisgewinn sein soll, weil es eben stets auch irrational ist, der ›Logik‹ der Identifikation folgt? Das ist doch wirkliche, scheue Verehrung – so wie eben der Pennäler seinen Lehrer verehrt und es kontingent war, dass er genau diesen Lehrer vorgesetzt bekam und sich auch noch zu ihm bekannte. Ob nun dieser Lehrer der wahrhafte Lehrer ist, dass muss unser Pennäler gar nicht wissen, schließlich geht er nur einmal zur Schule. Es ist zwar das Gegenteil von Verehrung, aber in der Form des Vollzugs ist es damit identisch, was Klaue Heideggers ›Originaltondokumenten‹ entgegenbringt, nur bezogen auf den Umstand, dass er dessen Stimme ebenso verachtet, wie dessen Schriften selbst.
Aus diesen geistlosen Schnellschlüssen mag die »Gier« sprechen (wenn man dies so nennen mag), dass man alle möglichen Denker eben gemäß individueller Vorlieben in gewissen Schubladen versenkt. Der Lieblingslehrer muss nun einmal mit den Anekdoten von den bösen Paukern ummantelt werden, damit er wirklich der liebste oder »Herzensmensch« ist. Aber täuschen wir uns nicht, diese Behauptungen stehen ja nicht alleine da, denn uns bleibt auch Folgendes unklar: Warum sollte es ein »präpotentes Bedürfnis« sein, wenn man durch irgendwelche Ereignisse einen Vortrag nicht hören konnte, diesen dann doch aufgezeichnet hören möchte – weil heute eben weniger Erlebenswürdiges geschehe? Ja, jetzt müssen wir einwenden, dass Klaue eben nicht solche Notleidenden geißelte, sondern eben die Gierigen – aber wie schwammig, wie grenzüberschreitend, wie übergriffig ist denn bitte schön Gier?
Nimmt man dies ernst, was Klaue da behauptet, dann muss es wohl sein präpotentes Bedürfnis selbst sein, was Adorno und Heidegger so verschieden setzte – schließlich ist nicht vernünftig ausgewiesen, was diese Behauptung von der anderen Behauptung unterscheidet, dass die »Gier« nach mitgeschnittenen Beiträgen von »Asozialität«, »präpotentem Bedürfnis« und von anderen Regressionen zeuge, die mit diesen jungdeutschen Vokabeln bestimmt werden. Die Nutzung dieser Vokabeln ist gemäß der oben beschriebenen ›Logik‹ der Aufmerksamkeit, da sie andere Standpunktdenker zum Missverstehen anreizt.
Wir können nach der Lektüre des Originalschriftdokuments von Klaue nichts anderes tun, als ihn so zu verstehen, dass solche beliebigen, d.h. nicht begründeten Urteile eben von keiner begrifflichen Potenz zeugen, aber von dem Bedürfnis, dass man gern so täte, als ob man solcher Urteilspraxis mächtig wäre. Man tut also so, als ob da etwas dem Aufgeschriebensein Würdiges formuliert worden wäre. Und ein Paradebeispiel für diese Verstiegenheit sind Klaues Ausflüge in die Geschichtsphilosophie, die in seinen Texte als stets wiederholte Verurteilungen verstreut zu finden sind. Sie ließen sich auf folgenden, überidentifizierten Nenner bringen: Heute ist alles schlimmer, als es noch zu Adornos Lebzeiten oder in Adornos Lebensvollzügen war. Er zeugte ja auch keine Kinder, weil er die Nichtanschlussfähigkeit seiner Theorie demonstrieren wollte, wie Klaue einstmals aus dem Nähkästchen plauderte (und selbst darüber musste ich mich auslassen).
Erzählungen vom Verfall und der Unvernunft der Anderen
Aber warum geschieht denn heutzutage immer weniger, was sich zu erleben lohnt? Wie will man denn so vom jeweiligen individuellen Lebensvollzug abstrahieren, dass man dies so von allen individuellen Lebensvollzügen behaupten könnte, so als ob sie verständige, subsumierbare Schemata wären? Wenn Klaue von einem »autoritätssüchtigen wie anmaßenden Zug« spricht, dann meint er vermutlich damit in erster Linie sein Schreiben, was einfach behaupten kann, dass eben immer weniger Erlebenswürdiges geschähe – und dies mag ja auf sein Leben durchwegs zutreffen. Aber warum sollte man dies einfach so glauben, wie man eine Erzählung glaubt? Weil Klaue es eben nicht begrifflich darstellt. Ist nicht dann durch sein Schreiben gefordert, dass man seiner Autorität und Anmaßung einfach glaubt? Man muss es wohl auch so fühlen wie der Schreiber, dessen Stimme leider nicht mehr in dieses Originalschriftdokument einwanderte, um uns die Wahrhaftigkeit seiner Aussagen noch eindringlicher anklingen zu lassen.
Was für alberne begriffliche Spitzfindigkeiten wir bis dato ausbreiteten. Wir sind doch noch nicht wirklich zum Kern der Klaue’schen Dogmatik vorgedrungen, der doch daraus bestehen soll, dass es nicht die »Bilderflut« sei, über die sich alle wie das Wetter beklagen, nein, weit gefehlt, den Sündenpfuhl, den Hort des Übels behält doch Klaue allein starr im Blick: das Audioarchiv.
Die Klaue’sche Apodiktik soll zwar den durch das Audioarchiv Verwirrten Orientierung bieten, die guten von den bösen Stimmen trennen, aber seine einfachen Antworten erzeugen im Lesen, was sich um vernünftige Urteile schert, eben Fragen über Fragen. Es ist anzunehmen, dass es Klaue beim Lesen und Schreiben anders ergeht. Er kann darauf vertrauen, dass es schon gedruckt wird, dass es seine Leserschaft findet. Die Abneigung gegen das Philosophieren, d.h. das vernünftig urteilende Denken, ist nun einmal in solchen Kreisen weit verbreitet.
Klaue bietet uns stattdessen Lösungen an. Er klärt nun im Folgenden darüber auf, warum keiner dieser Gier nach dem Originaltondokument erliegen müsse. Das nun Folgende mutet fast wie Philosophieren an, ist aber dadurch geprägt, dass es Banalitäten recht schwer tönend verkünden muss. Sie bieten den Gehetzten Beruhigung und setzen die Audioarchivhörer dem ungeschmälerten Schimpf eines promovierten Literaturwissenschaftlers aus, der wohl einige Zeit in Hörsälen mit dem Vortragslauschen verbrachte – sprechen wir also ruhig von einem Experten für diese nichtvirtuellen Audioarchive. Er plädiert also dafür, dass man diese Gier der virtuellen Audioarchive nicht entfalten müsse – wie wahr gesprochen.
Denn selbst wenn man einen Vortrag nicht verpasse, so sei es von »glücklicher Fügung« abhängig, ob sich der »in Gegenwart des Denkenden entwickelte[..] Gedanke« auch einstelle. Eine glückliche Fügung muss es wohl auch sein, wenn man durch die Lektüre eines Textes Klaues etwas wirklich begreift; denn Klaue versucht uns verständlich zu machen, dass selbst wenn wir beim Vortrag anwesend sind, es passieren kann, dass wir nichts schnallen. Oh, was für ein Gedanke! Man könne sogar davon ausgehen, dass man »die Entwicklung eines Gedankens in Echtzeit […] erleb[t] und ihn trotzdem […] verpass[t]“ – und eine solche Binsenweisheit, die jeder Pennäler vermutlich schon aufsagen kann, ist dann doch für die Potenten reserviert: Das »weiß jeder, der hin und wieder vor Publikum spricht«. Und die, die nicht hin und wieder vor Publikum sprechen, die könnten es erahnen – hörten sie Adornos Stimme noch so beim Lesen wie der Autor selbst.
Auch Klaue wird sich vermutlich schon einmal selbst mitgeschnitten gehört oder etwas im Lesen seiner Texte mitgeschnitten haben, denn es soll manchmal geschehen, »dass der laut Denkende seinen Gedanken verpasst, der dann vom Zuhörer erwischt werden muss; vielleicht ist das die glücklichste aller Konstellationen der Erkenntnis«. Das klingt ja versöhnlich, so als ob Klaue sich selbst als Lesenden seiner Texte dächte, so als ob es an dem Gedanken selbst sei, dass ihn jemand erwischen muss, wo der Denkende selbst ihn offenkundig wie eine U-Bahn verpasst hat. Muss aber Klaue Texte oder Vorträge so miserabel durchdenken oder schreiben, nur weil er hofft, dass ihm einmal ein Zuhörer erklärt, wie man Adorno oder Marx vernünftig lesen könnte?
Seien wir vernünftig. Nehmen wir dies als durchwegs trefflichen Hinweis von Klaue, dass selbst Denken nur wirklich als gesellschaftliche Praxis in Sprache zu begreifen ist, eben als Dialog mit dem Anderen, der eben nicht in unserem Denken aufgeht – und dies ist weniger die »glücklichste aller Konstellationen«, sondern die angemessene, weil offene Modellierung individueller Lebensvollzüge, zu dem gewiss auch das Glück gehören mag. Nimmt man dies an, dann kann man zwar nicht mehr so erhaben über den Verfall von Individuen oder deren Erfahrung sprechen, aber man hätte zumindest mal einen vernünftigen Gedanken expliziert.
Doch was wäre Klaue, wenn er dies nicht direkt wieder durchstreichen müsste? Anstatt einmal dieses Verhältnis von Denken, Hören und Miteinandersprechen zu konstellieren, muss er rasch ein anderes Verhältnis anreißen: »die nie ganz zu tilgende Distanz zwischen Subjekt und Gedanke«. Freilich muss es wieder ein Modell sein, was eben bewusstseinsphilosophisch ein vereinzeltes ›Subjekt‹ mit einem ›Gedanken‹ denkt. Und dieses Verhältnis sei nun wesentlich durch Distanz bestimmt, da sie eben »nie ganz« zu tilgen ist. Diese behauptete Distanz nutzt er, um nun weiter zu behaupten, »dass die Tätigkeit des Denkenden eher darin bestand, ihn [den Gedanken] zu finden, als ihn zu hervorzubringen« – und weil Klaue stets die Übertreibung schätzt, muss selbstverständlich angefügt werden, dass dieser traditionelle Gedanke »jede triftige Erkenntnis begleitet.« Das ist recht paradoxal, wenn Klaue vorher setzt, dass ein Gedanke nur »möglich« durch »das je denkende Subjekt« sei.
Wenn man Klaues Setzungen in Bewegung setzte, dann gibt es gewiss die Möglichkeit, dieses Paradox aufzuheben. Man könnte aber auch darüber nachdenken, warum Klaue diese Paradoxie so in seinem Text stehen lässt, ohne sie vom recht scholastischen Gedanken darüber abzugrenzen, dass die Wahrheit etwas objektiv Feststehendes sei, was eben »entdeckt« werden müsste. Vielleicht hat Klaue in einem Vortrag oder in den Schriften Adornos schon einmal gelesen, dass Adorno stark gegen solche objektivistischen Wahrheitsbegriffe polemisiert – selbst in »›Originaltondokumenten‹«! Nehmen wir daher an, dass Klaue deshalb den Widerspruch eröffnet, weil er annimmt, dass der Vollzug des Denkens und der Gedanke gleichursprünglich seien – oder weil dies zu sehr nach Heidegger klingt: weil der Vollzug des Denkens und der Gedanke als dessen Resultat nur im Verhältnis zueinander zu begreifen sind.
Nehmen wir weiter an, dass Klaue damit ausdrücken will, dass etwas Wahres nun einmal etwas Allgemeines sein müsse, daher keine besondere individuelle Erfahrung oder esoterischer Zugang notwendig sei, um wahre Aussagen zu tätigen – nehmen wir dies mal als Explikation seiner Behauptung, dass stets eine Distanz zwischen Gedanke und (vereinzeltem) Subjekt bestehe. Man könnte ihn sogar so lesen, wenn wir jene »glücklichste aller Konstellationen der Erkenntnis« annähmen, dass Klaue vielleicht darauf hinweisen wollte, dass Wahrheit nur im Vollzug gesellschaftlicher Praxis gewesen sein wird, also im miteinandergeteilten Tun – das, was seit Marx eine wieder und wieder anzueignende Erkenntnis seiner Erben sein mag. Gut, er wählt etwas missverständlich die Metapher des Entdeckens, um Subjektives und Objektives verschieden zu setzen (weil er freilich mit der Kategorie des Absoluten nichts anfangen kann), aber vielleicht hätten wir im Dialog mit ihm, im Hinweis auf unser Bedenken ihm angemessenere Formulierungen entlocken können – vielleicht.
So ganz können wir uns dies aber nicht glauben, da er direkt diese nächste Behauptung aufgeschrieben hat: Während wahres Schreiben oder Hören die Distanz zum Gedanken einhalte (um die Privatheit, die Singularität eines jeden Gedankens besorgt, der doch nur im Denken dieser Gedanke ist, aber lassen wir das – dass Hegel oder Adorno Metaphern wie Arbeit oder Aneignung verwenden, um ein angemessenes Schreiben oder Denken zu bestimmen, davon muss Klaue nichts wissen), sei die »gegenwärtige Mittschnittgier sehr viel eher Resultat jener falschen Aufhebung von Distanz, wie sie von den ›sozialen Netzwerken‹ besorgt wird, die in Wahrheit die Asozialität organisieren und in denen sich die Bitte um ›Mitschnitte‹ besonders fordernd artikuliert.«
Bevor wir uns nun weiter den Text Klaues so zurechtlegen, dass mit ihm doch noch etwas Wahres zu sagen ist, kommt wieder dieses Selbstmitleid zum Tragen, was doch schwer erträglich ist: Oh, diese »Asozialität«, diese »besonders fordernd[e] Bitte um ›Mitschnitte‹«, diese böse Gier, die sich genau in dieser Virtualität artikuliert! Wie begründet Klaue, dass seine Aussagen über »soziale Netzwerke« und ihr Tun zutreffender sind als andere? Wie konnte ein so sensibler Denker sich dieser virtuellen Barbarei aussetzen, hat er sich dies in Selbsterfahrung erschlossen? Warum sollten wir diesen geißelnden Vokabeln glauben schenken, nach denen »von den ›sozialen Netzwerken‹« die »Asozialität« organisiert wird?
Gut, er mag seine individuellen Erfahrungen in der Virtualität gemacht, mag darunter gelitten haben, aber warum muss man dann so tun, als hätte man daraus einen besonderen Erkenntnisgewinn gezogen, wenn daraus nur der übliche ›Erkenntnisgewinn‹ spricht, der uns auch beim Lesen einer beliebigen Statusmeldung im entsprechenden Freundeskreis nur zu gut bekannt ist? Dass diese Virtualität, das Audioarchiv selbst dafür verantwortlich sei, dass in ihr sich die »Asozialität« organisiere (während aus Klaues Text die Barmherzigkeit spricht), dafür liefert Klaue leider keine Argumente, aber warum nicht einmal der Welt sein begriffslosen Leiden an ihr klagen? Wenn es auch doch andere genauso fühlen? Warum schreibt Klaue eigentlich nicht Gedichte?
Von gedankenloser Arbeit und anderer Restmüllverwertung
Ob es das Mitleid mit seinen Zuhörern ist oder sein Leiden an der Universität war, aber von der »geistige[n] Arbeit, die es bedeutet, oft über einstündigen Vorträgen von Anfang bis Ende zuzuhören«, davon ist in seinem Text wenig zu vernehmen. Irgendetwas behaupten, ohne dass es irgendwie am Gegenstand begründet ist, dass gemahnt an die »Leichtigkeit, mit der visuelle Massenkonsumenten sich durch Bilderfolgen von Freunden klicken, [und] scheint dabei weniger als Arbeit[,] denn als Absolvierung eines Geistes-Updates wahrgenommen zu werden, das den Kopf auf Höhe der Zeit bringt wie die regelmäßige Profilpflege den eigenen digitalen Charakterabklatsch«.
Ist dies nicht genau dasjenige, was Klaues Texten auszeichnet? Was sie für viele doch so kommensurabel macht, die mit dem Philosophieren nie sonderlich viel zu tun hatten, aber trotzdem irgendwie auf Adorno standen? Man muss doch sehr bitten, er hat sich viel genauer selbst gelesen:
»Dafür spricht jedenfalls die intellektuelle Restmüllproduktion, mit der die gierig eingeklagten Mitschnitte dann kommentiert zu werden pflegen und die sich in ihrer Mischung aus grundloser Meinung, ausgekotzter Befindlichkeit, zufälligen Bemerkungen über Referentenstimme und Aufnahmeakustik und sachfernen faits divers nicht von dem unterscheidet, was sich in entsprechenden Kommentarspalten sonst noch findet.«
Wenn man sich diese Aneinanderreihung von Behauptungen anschaut, die Klaue als Texte über einen wirklichen, nicht etwa bloß virtuellen, d.h. ausgedachten Gegenstand ausgibt, dann sind diese doch gar nicht besser zu beschreiben als eine »intellektuelle Restmüllproduktion«, die »in ihrer Mischung aus grundloser Meinung [heute ist viel weniger erlebenswürdig], ausgekotzter Befindlichkeit [diese Asozialität der Virtualität], zufälligen Bemerkungen über Referentenstimme und Aufnahmeakustik [wir erinnern uns an Klaues Betrachtungen über die Stimmen Heideggers und Adornos]« nicht viel mehr als ein Stimmungsaufheller für die Frustrierten und ewig in den Vorworten philosophischer Werke Steckengebliebenen sind – was hat denn Klaues Text mehr zu bieten?
Ach, da wäre noch der romantische, ganz tief raunende Satz, der nicht fehlen darf: »Jeder unmitgeschnitten [sic!] verklungene Vortrag, der auch nur in einem Einzigen eine vom Vortragenden nicht bemerkte und ihm nicht mitgeteilte wahrhafte Antwort hervorruft, ist mehr wert als solche ›Resonanz‹, über die sich nur freut, wer sich selbst zum kommunikativen Schalltrichter geworden ist.« Och, ist das schön! Und wenn der letzte Vortrag »unmitgeschnitten verklungen«, werdet ihr merken, dass man Vorträge eigentlich gar nicht aufzeichnen kann, sondern mitdenken muss und sogar so tief, dass die »mitgeteilte wahrhafte Antwort« dem Schweigen übergeben werden darf, weil sie so wahrhaft ist, dass sie gewiss »entdeckt« wird.
Das ist eine der großen Weisheiten eines virtuellen Hinterwäldlers. Wie denkt doch der die »Asozialität« und anderes »Grapschertum» beschimpfende Gedankenzwerg manchmal sensibel an den Einzigen, den »Herzensmensch« oder was er sonst noch so an Gesinnungskitsch zu bieten hat! Der seine Leserschaft eben bei Stange hält und sie davon träumen lässt, dass sie vielleicht der ›Einzige‹ seien – und die natürlich nicht nach dem nächsten Mitschnitt fragen, sondern dies erst einmal bei Facebook lancieren werden – sicher ist sicher. Wer redet oder schreibt schon gerne mit »kommunikativen Schalltrichter[n]«?
Verwischte Grenzen und impliziter Nonsens
Wo Klaue zielstrebig romantisch wird, dem unfassbaren Individuum still schweigend gedenkt, da muss selbstredend gemahnt werden, was sich da alles vermischen und verwischen könnte: »Die ständige Erweiterung der Audioarchive zeugt von der immer stärkeren Verwischung der Grenze zwischen Gesprochenem und Geschriebenem. Wie diese Grenze verläuft, ist bestimmend für die jeweilige Moral des Denkens. Dabei gibt es keine festen äußeren, aber bedeutsame implizite Normen.« Widersprüche setzt Klaue mit großer Hingabe. Er denkt vermutlich, dass so die Sache wirklich getroffen sei, weil bestimmt ein Leser kommen mag, der seine halbgaren Gedanken zu Ende denkt – oder die Leser andächtig werden, weil so tief gesprochen wird, dass man kaum weiß, was man von diesen schwammigen Behauptungen halten soll. Gegen Ende seiner Texte spürt Klaue häufig, dass da etwas fehlt. Es braucht also noch einmal die große Geste des Denkens, dass da eine »Grenze zwischen Gesprochenem und Geschriebenem« bestimmt werden soll, deren Überschreiten katastrophale Folgen haben wird und unabwendbar ist. Gerade wenn Klaues Reden auf Totalität geht oder er ein philosophisches Tun zeigen will, dann muss sein Ton apokalyptisch werden.
Einfache Frage: Aber warum ist dem so, dass Audioarchive diese Grenze verwischen? Warum muss man genau dieses Medium betrachten, wenn es um diese gefährlichen Verwischungen ginge und warum untergrüben sie die »jeweilige Moral des Denkens« (und da implizit Klaue ein Verfechter der Beliebigkeit ist, weiß wohl auch nur er, wie er die verschiedenen ›Moralen‹ des Denkens bestimmen kann, wo doch gut universalistisch von der Moral gesprochen wird)? Sind Klaue nun diese Audioarchive so wichtig, weil auch seine Stimme darin aufbewahrt ist, die dem armen Leser in die Lektüren einwandern könnte? Warum können diese Audioarchive, die bloße Reproduktionen des je besonderen Vortrags enthalten, eine solche Wirkmächtigkeit entfalten? Könnte es daran liegen, dass Klaue eben jener ›Logik‹ der Aufmerksamkeit folgt, wo eben gegen das gepöbelt werden muss, was sich in den entsprechenden Zusammenhängen einer gewissen Beliebtheit erfreut?
Grundlegender wäre zu fragen, ob nicht jedes Lesen ein solches Verwischen der Grenze ist, weil ich im Lesen mit meiner Stimme den Text des Anderen spreche – im Denken! Dieses fürchterlich alltägliche Phänomen, was einer »Mikrologie« (W. Benjamin – entscheidender Hinweis!), einem ›sensiblen Denken‹ nicht entgehen sollte, was jeder individuell erfährt, wenn er liest – wie könnte es einem Polemiker auffallen, der gegen Audioarchive aus Befindlichkeit hetzen möchte? Wir wollen diese diffizilen philosophischen Überlegungen überhaupt nicht weiter fortführen, sondern können sehr einfach auf die Derrida’sche Kritik der Husserl’schen Hypostasierung der Stimme verweisen (in: »Husserls Weg in die Geschichte am Leitfaden der Geometrie«), deren Schwundstufe in Klaues Text sicherlich zu betrauern ist.
Aber was wollen wir alles Klaue zumuten? Klaue ist doch für die Reinheit des Schreibens und des Sprechens, weil sie erst in ihrer Reinheit, ihrer ›Unverwischtheit‹, in ihrer ›Unmittgeschnittenheit‹ »ihren ›spezifischen Gehalt‹ gewönnen.« Würde er sich an einer dialektischen Darstellung versuchen, dann begriffe er gerade diese Verwischungen oder Vermischungen als Extreme, die zu konstellieren sind, um eine angemessene Unterscheidung vorzubereiten. Bei Klaue bleibt es eben bei einem präpotenten Abwägen des einen oder des anderen, was er zwar als »Unterschied« ausgibt, dabei aber vergisst, dass ein Unterscheiden mehr ist als die Zuordnung bestimmter Merkmale, so wie eben Klaue verfährt: Mündlichkeit sei dies, Schriftlichkeit jenes. Das ist bloß subsumierend: Ich ordne gewisse Vollzüge oder Merkmale bestimmten Schemata von Vollzügen zu. Das kann man machen, nur ist fraglich, welche Geltungen diese Zuordnungen für wirkliche Vollzüge haben.
Für Klaue ist dies nicht fraglich, er entwickelt es auch nicht, sondern setzt es einfach: So ist es, schließlich will er ja Audioarchive als Mischform verklagen, was die Vermischung seiner Setzungen befördere. Was nämlich abweicht von seinen Idealtypen ist eben Verfall. Allein an diesem Vorgehen, was einen schlichten Gegensatz konstruiert und den Verlauf dieser »Grenze« als »bestimmend für die jeweilige Moral des Denkens« ausweist, wird deutlich, wie wenig solche Vorgehensweisen etwas mit dem Vollziehen kritischer Theorie zu tun haben – denn offenkundig ist Klaue nicht bekannt, dass jede Grenze bereits überschritten ist, wenn sie bestimmt wurde, dass in diesem Bestimmen der Grenze, ist es ein wirkliches Unterscheiden, ein solches ›Verwischen‹ stattfinden muss.
Um es einmal kurz systematisch anzudenken: Ich lasse etwas unter etwas fallen, um es von etwas Anderem zu scheiden. Das Unterscheiden ist also das Bestimmen einer Einheit, die notwendig in sich mit dem Anderen vermittelt ist, die nie rein vom Anderem so verschieden ist, dass deren Vermischung oder Verwischung eine Gefahr für das Denken wäre, sondern es ist dessen notwendiger Vollzug, um das schlecht Abstrakte der Setzungen zu überwinden – kurzum: um überhaupt angemessen vom Verhältnis theoretischer Modellierung und wirklichem Gegenstand zu sprechen, so dass eben die dem Gegenstand äußerliche Setzung nicht zum Maßstab seiner Beurteilung wird.
Diese Verwirrtheit Klaues wird auch daran deutlich, dass er umstandslos eine Verwischung der Grenze zwischen begrifflich modellierten Vollzügen (Schreiben und Sprechen) mit einer »jeweiligen Moral des Denkens« identifiziert, wo wiederum fraglich ist, wie er dies leisten will. Dann gäbe es also für bestimmte Vollzüge wie das Schreiben oder Sprechen je eine bestimmte Moral. Merkwürdigerweise war Klaue bei dem Schreiben dieses Satzes unwohl, denn er fügt ja an, dass es »keine festen äußeren, aber bedeutsame implizite Normen« gäbe. Wir wollen nun nicht darauf eingehen, dass der Begriff der Moral nicht für partikulare Vollzüge reserviert werden kann und möchten Klaue auch keine Kritik des Begriffes der Moral oder der Ethik durch einen Begriff der Sittlichkeit zumuten – erst einmal wäre ja darüber nachzudenken, wie etwas eine Norm, die nicht fest und dem Gegenstand äußerlich ist, sondern irgendwie »implizit« sein soll. Man könnte also denken, Klaue wüsste, dass wenn etwas »fest« und dem Gegenstand äußerlich ist, dass es in Gefahr steht, dem Gegenstand nicht angemessen zu sein. Wenn aber etwas einem Tun implizit ist, dann ist es eben dem Tun nicht äußerlich, kann also für das Tun als solches keine Geltung für alle Verhältnisse dieses Tuns beanspruchen, wo dieses Tun etwa explizit in ein anderes Tun übergeht, wo sogar ein Tun durch unterschiedliche Hinsichten ein anderes Tun ist (es ist logisch vollkommen unproblematisch, beispielsweise ein Tun unterschiedlichen Gattungen oder höherstufigen Formen zuzuordnen, wenn ich angemessen meine Hinsichten expliziere). Und selbst wenn wir Klaues einfachen Gegensatz annehmen, dann muss diese »implizite Norm« mit demjenigen im Verhältnis gedacht werden, was von dieser Norm abweicht, um sich überhaupt als Norm dieses Tuns auszuweisen.
Wie aber selbst die Setzungen für das Schreiben und das Sprechen in Klaues Text scheitern, wollen wir kurz demonstrieren: »Wem das schriftliche Wort als verbindlichste Form des Denkens gilt, der mag die mündliche Äußerung mal als lebendigen Ausdruck des bereits schriftlich Fixierten, mal als Experiment verstehen, bei dem auch geäußert werden darf, was schriftlich verworfen, getilgt oder verändert wird.« Wenn das mündlich Geäußerte der Vortrag eines schriftlich Fixierten ist, dann ist doch fraglich, wie überhaupt eine solche Differenz ausgemacht werden kann, die es erlaubte, von einem Verwischen einer Grenze oder von impliziten Normen zu sprechen, da das mündlich Geäußerte sowohl Nach- wie Vorform des Schriftlichen in diesem Beispiel Klaues ist. Klaue selbst nutzt diese ›Vermischungen‹, um die vermeintliche Verschiedenheit zu bestimmen: Denn wenn das Geäußerte auch im schriftlichen Fixieren verändert wird, dann ist es eben nicht als ein illegitimes Verwischen der Grenze zwischen Geäußertem und Schriftlichem zu thematisieren, da es auch als das im Schriftlichen Veränderte ansprechbar ist – sonst nämlich würde noch nicht einmal Klaues Beispiel Sinn ergeben.
Klaue spricht bedeutungsschwer davon, dass »wer das lebendige Sprechen zum Publikum als unverzichtbar für Denken begreift«, der könne »die freie Rede als Ort für Gedanken erfahren, die in schriftlicher Form zugunsten des prononcierten Ausdruck verdrängt werden«. Und wer schon erfahren hat, was in schriftlicher Form für Unsinn so behauptet werden kann, der könnte sogar darauf kommen, dass man auch ohne Publikum den »pronocierten Ausdruck« in »freier Rede« schon einmal »entdeckt« hat, der einem druckreif erschien. Klaue stellt irgendwelche Setzungen auf, denen keine ausreichende Reflexion zuteil wurde, denn er verfolgt schließlich einen Zweck »in jedem Fall«: »Die Audioarchivierung des Denkens […] ist eher Symptom eines Zustands, in dem alles in freier Rede Geäußerte als Vorform eines Textes und jeder Text als Nachform der Rede oder als Vorform einer neuen, mithin jeder Gedanke a priori als vorläufig erscheint.«
Wäre es angesichts dieser Gedankenlosigkeit in Klaues Text nicht äußerst höflich, man spräche von diesem Text dergestalt: Er bestehe eben aus vorläufigen Gedanken? Auf was möchte Klaue verweisen, wenn es etwas Tragisches wäre, wenn ein Gedanke nicht auch vorläufig wäre? Dass es noch eine ewigliche Wahrheit gibt, die sich gerade eben in Klaues Text selbst mitteilte? Oder vielleicht gar, dass ein Ende seiner Textproduktion absehbar ist? Wenn er lernte, etwas zu begreifen?
»[A]lles in freier Rede Geäußerte« ist nur als Text begreifbar, kein Verstehen des Sprechens ist denkbar, was nicht dem Missverstehen ausgesetzt wäre. In traditioneller Philosophie hat man »in jedem Fall […] zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit ein[en] Unterschied« gesetzt, indem man das Sprechen als Vollzug annahm, der sich eben nicht so wie die Schrift dem Missverstehen exponierte, weil hier noch ein Sprecher dem Sorge tragen könne, dass der Inhalt auch angemessen vom Hörer aus der Form genommen worden wäre. So traditionell, wenn auch nicht philosophierend, ist auch Klaues Annahme, dass es ein Übel sei, dass durch die Audioarchive »alles in freier Rede Geäußerte als Vorform eines Textes und jeder Text als Nachform der Rede oder als Vorform einer neuen« erscheine. Ja, so ist es, so schlimm steht es um die Logik, dass der Begriff des Textes das Übergreifende in der Unterscheidung von Text und Rede ist, da er nicht von dem Mythos genährt wird, eine besondere Kraft der Stimme wandere in das Bedeutete ein und erlaubte unmittelbar ein (besseres) Verstehen. Jede Rede ist nur in der Form des Textes begreifbar, als etwas, was so zu verstehen ist, indem seine notwendige Möglichkeit das Missverstehen ist – nur so ist denkbar, dass ich etwas Anderes auch verstehe, was eben nicht in meinen Schemata oder Vorstellungen aufgeht, weil ich durch es meine anfänglichen Setzungen verändere – eine für Klaue ungeheure Vorstellung.
Doch wie so häufig ist der große Ankläger in seinem Tun geständig: Wieder ist es ein Widerspruch, von dem Klaue sogar behaupten muss, dass das eine dem anderen nicht widerspreche. Es steht also besonders schlimm um diese Behauptung: Durch die »Audioarchivierung des Denkens« werde nicht nur der ketzerische Gedanke verbreitet, dass jeder Gedanke auch vorläufig sei (z.B. widerlegt werden könnte), sondern »befördert« zugleich, »jeden noch so vorsichtigen und freundlichen Menschen auf alles und jedes festzulegen, was ihm jemals sprechenderweise unterlaufen ist.«
Warum drängt es sich beim Lesen dieses Satzes so sehr auf, zu glauben, man wüsste endlich die Triebkraft dieser Beschimpfung des Audioarchivs? Selbstverständlich müsste einem Unwohl sein, wenn man Klaue wäre, und Menschen erinnerten sich tatsächlich an all den Unsinn, der von ihm in Schrift und Rede überliefert ist. Natürlich darf man Klaue nicht darauf festlegen, ihm unterstellen, ihm ginge es irgendwie um Wahrheit, um ein Tun, was über Wirkliches vernünftig urteilt. Denn die Audioarchive sind für Klaue ein Grauen, »dank dessen man immer häufiger Leuten begegnet, die, was man wo, wann und wie einmal gesagt hat, exakter wissen, als man selbst es wissen will.« Und letztlich muss einmal wieder das subjektive Wollen Maßstab für die Beurteilung einer Handlung sein – »man« will es nicht wissen, darum ist es auch schändlich, dieses »man« gar zu fragen, es zu kritisieren oder um einen Mitschnitt zu bitten.
Aber das ist ja richtig: Warum sollte Klaue wissen wollen, was er schon alles geschrieben oder gesagt hat? Warum sollte er nicht die »glücklichste aller Konstellationen« scheuen wie der Stirner den Marx, dass er bis dato weder wahrhaft noch freundlich oder vorsichtig mit Gegenständen umging, so dass seine Aussagen eben nicht bloß als vorläufige Gedanken von jemand erschienen, der im weihevollen Ton von etwas spricht, von dem er doch wenig begriffen hat?
Wer wollte es all den Jünglingen Übel nehmen, die ihr Unbehagen in Klaues Texten wiederfanden, die an seinen Verurteilungen spürten, dass es hier jemand »der zur Weltgemeinschaft gewordenen Share Community« richtig besorgen könnte, jedoch ihnen unklar blieb, wie Klaue zu diesen Einsichten kam – und die nun nach Mittschnitten fragen. Es klingt doch fast so, als hätte Adorno einen wahrhaften Enkel gehabt, der eben dem Irren oder der Frage vollends abhold, der kleine Textfragmente fabriziert, so wie sie eben heute in all den Blogs und Foren üblich sind, der Bonmots wie Facebookstatusmeldungen erzeugte, der autoritär noch in das wahrhafte Sprechen, Schreiben und dessen Verfallsformen unterteilte, ohne begrifflich darzulegen, wie ihm sich diese Evidenzen in die Schrift gelegt hatten. Nun stehen aber diese Jünglinge verehrend vor diesen Schriftdokumenten, verpassten vielleicht den Vortrag, hatten sich darauf gefreut, weil nun endlich all die Fragen gestellt werden konnten, die in Klaues Texten nicht einmal aufkommen, sondern die mit dem Gestus der Selbstverständlichkeit immer in der Gefahr stehen, dass man beinahe schon ein Renegat wäre, wenn man noch nicht einmal dies verstanden hätte. Und selbstredend kann auch Klaue die Fragen dieser Jünglinge nicht beantworten. Er bekämpft ja an der »Audioarchivierung des Geistes« nur das, was er selbst sagt oder schreibt: Das begriffslose Unbehagen an der Wirklichkeit, was eben nicht begrifflich explizieren kann, warum es das Andere so verachtet. Es ist nun einmal dazu verurteilt, das Andere bloß als die Widerlegung seiner Selbst sich vorzustellen. Darin ist Klaue doch wahrhaft anachronistisch, Ausdruck jener Kinderkrankheit, dass man sich nicht mehr irren könne, dass es noch Fragen gäbe, dass man eben jene Avantgarde sei, die eben noch verachten dürfe, weil es eben wahr sei, was man sage und daher sei jede Beleidigung Ausdruck größter Vorsicht und Freundlichkeit, weil sie die absolute Anweisung zur Kurskorrektur wäre.
Wer aber so autoritär setzt, jedwede systematische Darlegung feindlich beäugt, weil sie mit dem falschen Ganzen fraternisieren könnte, der folgt eben jener ›Logik‹ der Aufmerksamkeit, dieser »endlose[n] Reihe rhetorischer Selbstpräsentationen«, weil man jenen »besten Bücher[n]« glaubte, »die einem die Lektüre schlechter ersparen«, die einen vielleicht darauf hätten bringen können, dass man selbst schlechte Texte produziert. Denn wie hätte man jene »Gier« nach dem Mitschnitt besser beschreiben können, als mit der Hybris des Jünglings: »[S]o genügt es mitunter, einem Menschen nur einmal wirklich zuzuhören, um alles zu verstehen« (so als ob Adorno uns wie ein Lebender durch das Audioarchiv erschiene). Darum muss auch Klaues Text so enden: »Wer sie [die Erkenntnis] nachholen möchte, hat sie schon versäumt«. Die Verurteilung des Anderen endet in tragischer Selbstverurteilung, wie es der Hybris klassischerweise widerfährt.

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