Kants Ansatz, Betrachter von Kunst zu thematisieren und mit diesen ästhetische Urteile ins Zentrum zu rücken, ist innerhalb des Essays dennoch von Interesse. Bezug genommen werden kann auf die Kunstkritik und das Umgangsverhalten von Menschen, künstlerischen Produkten gegenüber. Besonders aufgefallen ist Kant, dass ein typisches Urteil, das Bild / der Text / die Musik ... sei schön, allgemein ausfällt, obgleich es lediglich auf subjektiver Einschätzung beruht. Zwar lassen sich heute, vor allem durch Experten aus wissenschaftlichen Fachdisziplinen, Erläuterungen und Begründungen geben, dies alleine würde jedoch eine Verallgemeinerung nicht rechtfertigen können. Die Urteile blieben auch in solchen Fällen Urteile von spezifischen Menschen und würden merklich differieren.
Man könnte nun einwenden, dass alle Urteile auf subjektiven Einschätzungen beruhen, auch z.B. im Hinblick auf die Frage, ob ein mathematischer Beweis, der auf den ersten Blick allgemein formuliert ist, praktisch jedoch keine Differenzierung in subjektiv und allgemein erlaubt, somit indifferent wäre, als gültig anzuerkennen sei. Es ließe sich sogar noch einen Schritt weitergehen und fragen, wenn es ohnehin nur subjektive Urteile gibt, wofür benötige ich dann die Annahme eines Subjekts mitsamt der Charakterisierung, eine Einschätzung sei subjektiv. Kann ich mir die eingefangene Redundanz nicht einfach sparen?
Damit entfiele Kants besondere, paradox anmutende Charakterisierung des ästhetischen Urteils als subjektiv und allgemein. Es ließe sich konkreter von Urteilen sprechen, die z.B. aus emotionaler Überwältigung oder aus fachlicher Dominanz entstehen, eventuell lediglich aus umgangssprachlicher Gewohnheit. Der Ausdruck als auch die Gründe wären derart unterschiedlich, dass eine nähere Bezeichnung der Sprachform kaum möglich wäre. Eine empirische Untersuchung würde meiner Ansicht nach die Anzahl von Ausdrucksbedeutungen und Gründen noch erheblich anwachsen lassen.
Die Sprachform wird dadurch nicht uninteressant, ihre systematische Stellung ändert sich jedoch. Sie böte nicht mehr den Ausgang für die Frage, ob Menschen allgemeine Geschmacksurteile zuzutrauen seien, sondern für eine Frage über die bedeutende Vielfalt und die Motivationen. Einschränkend ist freilich zu betonen, dass die Antworten nicht nur im Hinblick auf Betrachter, sondern auch je nach Kunstprodukt differieren können. Man begäbe sich in ein psychologisches Labyrinth, das im Ergebnis kaum mehr als Unterschiedlichkeiten aufzeigen würde, sogar von Tagesstimmungen der Probanden abhängen könnte.
Wenn die Urteilsform letztlich nur historisch und zur systematischen Abgrenzung dienen kann, sachlich nicht weiterhilft, ist es vielleicht ratsamer, über Kriterien zu sprechen, Kriterien, die ästhetische Einschätzungen erlauben. Doch Autonomie als Kriterium in der Produktion gibt nicht viel Konkretes her, das verwertbar wäre.
Fassbarer ist vielleicht das gute Buch, das im Literaturbetrieb befürwortet wird und mit einem guten Essen zu vergleichen wäre. Es würde jedoch leicht im gutbürgerlichen Treteimer landen. Nicht weil es schlecht wäre. Wegen des sonderbaren Kriteriums. Gut und schlecht sind zwar, so könnte man meinen, konkrete, dennoch nichtssagende Vokabeln, mit welcher Emphase sie auch vorgetragen werden.
In der Kunst spielen Relationen eine herausragende Rolle. Ob innerhalb formaler Entwicklungen, wie in der Musik, oder mit Bezug auf Form und Sache, wie in der Literatur, auch innerhalb einer komplexeren Sachlage, zudem in Relation zur Gesellschaft, eventuell sogar in Relation zu einer Wissenschaft oder zur Philosophie. Einfache Urteile wie schön oder gut nehmen darauf kaum Rücksicht. Mich interessiert die Angemessenheit der im Kunstprodukt einbezogenen als auch möglichen Relationen. Der Begriff ist nicht abhängig von einer künstlerisch beanspruchten Autonomie, lässt sich auch gegenüber anderen Ausrichtungen verwenden. Der Begriff bleibt offen genug, um nicht einer Ausrichtung zu unterliegen, derart offen, dass auch Autonomie berücksichtigt werden kann.
Angemessenheit als Kriterium ist mir bislang nur in wissenschaftlichen oder philosophischen Kontexten begegnet. Sie auf künstlerische Produkte zu beziehen, trifft auf Differierendes. Ästhetische Angemessenheit steht in Frage, keine allgemeine. Eine allgemeine sehe ich nicht. Übrigens: auch eine Revolution kann ästhetisch angemessen sein.
// Der vierteilige Essay "Jenseits des Absoluten" bietet eine Vorausschau auf die im Herbst erscheinende Publikation "Analytische Belletristik", hg. v. Mark Ammern, AutorenVerlag Matern.
[Der erste Teil: Jenseits des Absoluten]
[Der zweite Teil: Wegen Schiss]
[Der dritte Teil: Die Wahl]