Sehnsuchtsort
Marokko, Aglou
29° 80‘ 53.83 N, 9° 82‘ 84.90 W
Wir sind in der Nähe von Taroudant in Marokko, auf dem Weg nach Marrakesch. Ich habe mir den Magen verdorben oder das Klima nicht vertragen oder beides, jedenfalls ist mir ständig übel und ich habe Fieber. Wir überlegen ob es nicht besser wäre, etwas früher nach Hause zu fliegen und möchten die Fluggesellschaft kontaktieren. 1995 in Nordafrika bedeutete dies, zu einem der Telefonzentren in der Stadt laufen zu müssen.
Wir gehen früh los, um der großen Hitze zu entgehen, aber es ist auch früh morgens schon zu heiß. Erst neun Uhr und fast 43 Grad. Im Schatten. Die Straßen sind staubig, die Luft flimmert und die grelle Sonne grinst hämisch auf uns herab.
Wir schleppen uns schon bald dahin, der Weg ist weiter als ich dachte und ich bin erschöpft. Mein Freund spricht kein Wort französisch und ist besorgt weil er nicht einmal Hilfe für mich holen kann. Er hält Ausschau nach einem Taxi, als ein kleiner weißer Wagen neben uns hält. Der Fahrer spricht englisch, er sei Arzt und auf dem Weg zur Arbeit und bietet uns überschwänglich an, uns in die Stadt zu bringen.
Wir steigen ein und finden es gleich merkwürdig als er in die Richtung lenkt aus der er gerade gekommen ist. Extra für uns kehrt er um und begleitet uns sogar in einen kleinen Telefonladen? Bei der Lufthansa ist kein Durchkommen in der Hotline (hat sich in den letzten 25 Jahren nicht geändert) und wir sind etwas ratlos. Aber unser Fahrer ist immer noch da, er wohne gleich in der Nähe und wir könnten bei ihm warten und Tee trinken. Wir wundern uns, wollte er nicht zur Arbeit? Aber warum nicht, das ist vielleicht die marokkanische Höflichkeit und eine Gelegenheit, Leute kennenzulernen. Bei ihm angekommen führt er uns durch sein Haus, während seine Frau Tee bereitet. Mit großen Gesten reicht er uns Flaschen mit parfümiertem Wasser zum Händewaschen und reicht uns Gläser. Er redet und redet, während ich immer müder werde und am liebsten wieder ins Hotel möchte. Freundlich deuten wir an, dass wir jetzt gehen möchten. Er springt sofort auf und will uns fahren. Auf jeden Fall sollen wir abends wieder kommen zum Couscous essen. Überhaupt, wozu Hotel, wir könnten genauso gut bei ihm wohnen. Uns wird das alles zu viel, wir verabschieden uns mehrfach, sind froh wieder auf der Straße zu stehen, aber wir werden ihn nicht los. Er läuft uns nach, bis wir am Hotel ankommen. Er gibt auf, als wir versprechen, auf jeden Fall abends wieder zu kommen. Im Zimmer angekommen sind wir ratlos, ist das alles noch normal? Auf jeden Fall müssen wir diesen angeblichen Arzt loswerden und denken über einen Hotelwechsel nach.
Dann packen wir kurzentschlossen unsere Sachen, schnappen uns ein Taxi und fahren zurück nach Aglou ans Meer. Aglou ist ein Fischerort an der Atlantikküste, die Wüste reicht bis zum Strand und die Fischer leben in kleinen Felsgrotten. Wir haben dort bereits einige ruhige Tage verbracht in einem angemieteten „Bungalow“, was allerdings etwas hochgegriffen ist für einen kahlen Raum mit Stahlbett. Das angrenzende „Restaurant“ wird von zwei entspannten Marrokanern betrieben und von den einheimischen Fischern beliefert. Das anfängliche Unbehagen angesichts einer Frau die allein mit einem langhaarigen Hippie reist kann ich zerstreuen als ich für alle Spaghetti mit Tomatensoße koche.
„Now I know you are a good girl“, flüstert der Koch mir erleichtert zu und strahlt. Sie freuen sich ehrlich, als wir unerwartet wieder kommen und wir erzählen ihnen unser Erlebnis und fragen nach ihrer Einschätzung. Konnte der Mann wirklich Arzt sein? War sein Verhalten so üblich in Marokko? Die beiden denken nach. Lahsen meint schließlich: Normal sei das so nicht, aber Arzt könnte der schon sein. Vielleicht wollte der unsere Organe?
Auf meinen schockierten Blick hin zuckte er die Achseln. Kommt immer mal wieder vor, euch Rucksacktouristen vermisst doch keiner so schnell.
Marokko ist seit Mitte März praktisch abgeriegelt, der Flug- und Fährverkehr ist komplett eingestellt und man kann weder ein- noch ausreisen. Das Land hat einen der strengsten Lockdowns weltweit, der Notstand wurde ausgerufen und Ausgangssperren verhängt. Es gibt auch nur sehr wenige Ärzte, vor allem in Süden. Ich war damals übrigens noch bei einem solchen Arzt, aber das ist eine andere Geschichte.
Text + Foto: Ines Polter















