Die Sonne geht unter
Ich schaue aus dem Fenster. Die Sonne geht unter.
Ich schaue zurück auf den Bildschirm. Sitze am PC, der in 3 Tagen kaputt gehen wird. Werde mir wohl einen neuen kaufen müssen, sonst gäbe es zu wenig Profit, zu wenig Handel, zu wenig Konjunktur. Außerdem, ist mein PC schon zu alt, zu alt für diese schnelllebige Zeit. Man muss immer auf dem neuesten Stand sein, innovativ, modern. Das ist nun mal der Geist des Kapitalismus.
Egal, noch läuft ja alles.
Ich lasse meinen Blick auf den Fernseher abweichen. Dort laufen derweil Dauerwerbesendungen, Dauerproblemübererstattungen, unpopullistische Propaganda, Prominente-Dokusoaps, Alliterationsanhäufungen und andere Belanglosigkeiten.
Egal, mache ich halt den Fernseher aus und surfe im Internet, gucke Youtube.
YouTube, ein Portal der deutschen Jugend. Doch, Jungend heißt heute oft: Coolness, Beautywahn und Proletismus. Jung zu sein, heißt heute, Lifestyle-Ideologie zu leben Möbel beim Steuerhinterzieher zu kaufen, und ständig und überall und sogar auf dem Klo Für Freunde, Feinde und Geheimdienste auf Facebook und Whatsapp erreichbar zu sein.
Und so wundert es Wenige, dass nun auch bei Youtube, die gleiche gleichgültige Eintönigkeit mehr und mehr einkehrt. Productplacement, zu Deutsch: „Werbung“, Pranks, 50 Facts about me, Kommentare kommentieren und Let's Play bla of death Folge 715.
Und klar, Videospiele sind Unterhaltung, können ablenken und abregen. Doch Videospiele sind auch Kunst. Nicht nur irgendeine. Die Vereinigung aus Bild, Ton und Text kann mittels vielen Farben mittels tausend Tönen, mittels weisen Worten unser Innerstes berühren und beleuchten und dabei eine ganze Philosophie entzünden.
Es gibt viele gute Spiele, die sich mit den Problemen des Individuums unserer Zeit auseinander setzen, doch wie viele Videospiele beschäftigen sich mit den Problemen einer ganzen Gesellschaft, unserer Gesellschaft?
Hat sich das Wohl der Masse dem Wohl des Einzelnen unterzuordnen? Doch, das ist gut, muss gut sein, denn das ist nun mal der Geist des Kapitalismus.
Der Geist des Kapitalismus: Innovation durch renditeorientierte Forschung, Patentrechte, die jeglichen Wettbewerb blockieren. Freie Märkte, mit nur einem Stand. Freihandel, der ganze Staaten versklavt. Leistungsorientierte Arbeit des kleinen Mannes für die leistungslosen Einkommen der großen Tiere. Viel Billiglohn, wenige Millionäre. Viel geheuchelte Demokratie und wenige maskierte Machthaber. Hohe Aktienkurse, viel Spekulation, viel mehr Platz für freien Fall.
Der Kapitalismus, eine Erfindung des 19.Jahrhunderts, ist zukunftsweisend. Die Zukunft, das sind Zeitarbeit, Nebenjob, prekäre Arbeitsverhältnisse und Neoliberalismus, das, wo die Wirtschaft frei und der Mensch gefangen ist, das, wo der Mensch sich dem Kapital anpasst. Der Kapitalismus, ein Kind vergangener Tage, ein Kind des 18. bzw. 19 Jahrhunderts, ist schon ganz schön in die Jahre gekommen.
Doch gibt es, außer ihm und dem Kommunismus keine andere Wirtschafts- und Gesellschaftsform. Es wäre auch utopisch, eine neue, dritte große Ordnung für das 21. Jahrhundert zu verlangen. Das wäre nicht zeitgemäß. Lieber ein marodes System beibehalten!
Und überhaupt, solche Gedanken und Erkenntnisse sind uncool sind nicht mainstream, sind zu nonkonform und zu kompliziert für den ach so dummen Normalo. Dies alles zu erkennen ist einfach, einfach zu anstrengend für die Masse. Der harte Alltag ist Anstrengung genug.
Und so schaue ich Abends aus dem Fenster. Leute gehen auf Party, schießen sich ab. Leute suchen fiktive Monster mit ihren Handys. Leute leben virtuelle Leben. Solange sie glücklich sind, gerne! Solange sie so abschalten können, bitte! Jeder muss mal abschalten. Nur ausschalten, sollte man sich dabei nicht.
Denn, wer sich ausschaltet, wem wirklich alles egal wird, bei wem Faulheit und Unmündigkeit, Apathie und Politikverdrossenheit sich gegenseitig zum Sieg verhelfen,
wer selbst nicht mal mehr das Spiel sieht, bei dem er mitspielt, der braucht sich im Nachhinein nicht zu beschweren, dass er verloren hat.
Und so schaue ich, wie die Landschaft langsam in seltsamer Abendröte versinkt. Und warte darauf, dass die Menschen, die schon längst im dunklen Schatten stehen, über die nächtliche Kälte zu klagen beginnen.
10.08.2016











