Melissa McDowell ist sechsundzwanzig und die Art Mensch, die in kleinen Momenten hängen bleibt. In halben Sätzen, in Blicken, die andere übersehen würden, in diesem kurzen Zögern, bevor jemand etwas sagt. Oder es eben nicht tut.
Früher hat sie sich darin oft verloren. Sie hat versucht, alles zu verstehen, allem eine Bedeutung zu geben, als würde die Welt sonst auseinanderfallen. Als müsste sie jedes Detail festhalten, bevor es verschwindet. Heute bleibt sie öfter stehen und lässt Dinge auf sich zukommen, ohne direkt eine Lösung, nein, alle Lösungen zu finden.
Sie denkt noch immer zu viel, fühlt zu tief, verliert sich manchmal in Möglichkeiten, die nie passiert sind oder passieren werden. Aber es ist nicht mehr dieses rastlose Kreisen wie früher. Eher ein kurzes Innehalten, ein kleiner Stop. Etwas Ruhigeres, mit dem Wissen, dass die Welt nicht sofort ins Wanken gerät, nur weil nicht alles einen klaren Platz hat.
Melissa trägt ihre Wärme nicht laut und offensiv nach draußen und ist genau deshalb schwer zu übersehen. Es ist diese Art von Nähe, die einfach da ist, ohne dass man es erklären kann. Wie ein Gedanke der hängen bleibt, auch wenn man ihn längst hätte vergessen können.
Sie glaubt noch immer an Menschen. Daran, dass in ihnen mehr steckt als das, was sie zeigen. Nur jagt sie ihnen nicht mehr ununterbrochen hinterher. Nicht, weil sie aufgehört hat zu hoffen, sondern weil sie gelernt hat, dass manches auch bleibt, wenn man es nicht festhält.
RPG-Account. Alle Beiträge entstehen meist im direkten Kontext zu Plays - somit keine realen Ereignisse, Texte und Gedanken!
Semi active und high selective. mdni/25+. German only. Kein Interesse an Smalltalk, ooc-Talk, Games + Challanges.
Weitere Infos zu Melissa: Steckbrief, ihre Lieblingsdinge & ihr Kleidungsstil
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"Also...", fing er vorsichtig an. "Ich glaube nicht, dass es sich lohnt Schrotti zu reparieren." Ronny musste zwangsläufig über den niedlichen Spitznamen grinsen, den die junge Frau für ihr Auto hatte. Es war immer schwer, diese Nachricht zu überbringen an Autobesitzer, die an ihren Babies hingen und ihr lautes Seufzen sprach Bände. "Ich mach dir einen guten Preis." Selbst Schrott ist teuer geworden heutzutage. "400 Dollar, wäre das ein Deal für dich?" (Neuseeland Dollar, ~200 Euro) Aber auch ein gutes Angebot seinerseits konnte sie wahrscheinlich nicht aufmuntern.
"Falls es ein kleiner Trost für dich ist, Schrotti landet nicht in der Presse. Ich habe schon eine Idee, wie ich ihn verwerten kann." Er deutete eine Geste an, in den restlichen Raum der Werkstatt, oder organisiertes Chaos konnte man diese Einrichtung wohl eher nennen. Zum Glück hatte ER die komplette Übersicht hier. Überall kleinere und größere von ihm angefangene Kunstprojekte tummelten sich im Großraum des Workshops. Skulpturen, Konstruktionen zum aufhängen für die Wand, Deko zum hinstellen. Alles aus Metallschrott.
Wieder musste Mel schlucken, einen weiteren Seufzer unterdrückte sie. Nachdem der Werkstattbetreiber ihr einen Preis genannt hatte, war es irgendwie so.. endgültig. Kein "mit ein bisschen Glück" und erst recht kein "war nur Spaß, natürlich bekomme ich den wieder hin". Er hatte versucht, ihr so schonend wie möglich die offensichtliche Nulllinie auf dem EKG zu zeigen. Es gab tatsächlich keine Hoffnung mehr für ihr erstes eigenes Auto, also nickte die Blondine langsam. "Immerhin muss ich den Schrottplatz nicht bezahlen.", lachte sie etwas verzweifelt. "Also ja, machen wir so." Dann jedoch hörte sie seine Worte. "Falls es ein kleiner Trost für dich ist, Schrotti landet nicht in der Presse." Kleine Falten tauchten auf Melissas Stirn auf. "Nicht?", hakte sie leise nach, als der Mechatroniker weiter in die Werkstatt deutete. "Ich habe schon eine Idee, wie ich ihn verwerten kann." - "Warte.. das hast du alles gemacht!?" Natürlich war Mel aufgefallen, dass hier nicht nur Autoteile rumlagen, sondern auch Dinge standen, wie eine Blume aus Metall und ein Seepferdchen aus.. Ja, aus was? War es mal eine Fahrradkette gewesen? Sie deutete auf eine angefangene Skulptur. "Du bist Künstler?" In ihrem Kopf hatte sie schon erste Motive für eine Kolumne entdeckt, aber sie hielt sich zurück. "Jetzt bin ich neugierig: Was wird Schrotti? Auch eine Blume?"
"This car seems like a total loss. I love a good challenge but I can't make any promises here." Ronan looked at this total wreck of a vehicle as if he felt sorry for it. Then lifted his gaze up to the other person. "I'd still buy it at scrap price, if you're interested."
Melissa hatte die Hände in den Hosentaschen und verlagerte ihr Gewicht von einem auf den anderen Fuß, sehr wohl ahnend, dass sie mit "Schrotti" eigentlich direkt zum Schrottplatz hätte fahren können. Trotzdem, ein winziger Hoffnungsschimmer war geblieben, schließlich begleitete dieses Auto sie schon seit etlichen Jahren und, der Name ließ es erahnen, war mit ihr durch viele Katastrophen gegangen. Jetzt sollte es also vorbei sein, nur weil so ein dämlicher Vollidiot ihr die Vorfahrt genommen hatte. "Also wirklich gar keine Chance mehr für Schrotti?", Mel verzog den Mund. "Für das Auto, meine ich..." Der Spitzname war ihr rausgerutscht, da sie so in Gedanken gesteckt hatte. Ein tiefes, von Herzen kommendes Seufzen entkam ihr. "An welchen Preis hättest du denn gedacht?"
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Es gibt Sätze, die im Internet erstaunlich schnell fallen. Einer davon lautet:
"Man darf ja gar nichts mehr sagen."
Meistens taucht er genau dann auf, wenn irgendwo eine Grenze gezogen wurde: ein Kommentar wurde gelöscht, ein Beitrag nicht freigeschaltet, eine Person ermahnt, eine Diskussion geschlossen. Und plötzlich steht ein großes Wort im Raum: Zensur.
Das klingt dramatisch. Irgendwie nach dunklen Hinterzimmern, verschlossenen Mündern und verbotenen Gedanken. In manchen Fällen ist der Vorwurf ernst zu nehmen. Natürlich gibt es Räume, in denen Kritik unterdrückt wird. Natürlich gibt es Moderation, die unfair, willkürlich oder machtbewusst eingesetzt wird. Wer online unterwegs ist, weiß, dass nicht jede Person mit Admin-Rechten automatisch eine demokratische Lichtgestalt ist. Aber nicht jede gelöschte Beleidigung ist ein Angriff auf die Meinungsfreiheit. Manchmal ist sie einfach nur Hausputz.
Netiquette klingt oft wie ein altmodisches Wort aus einer Zeit, in der das Internet noch Einwahltöne hatte und Menschen ihre E-Mail-Adressen mit ein bisschen zu viel Stolz auf Visitenkarten gedruckt haben. Dabei ist sie heute vielleicht wichtiger denn je (die Netiquette, nicht die E-Mail-Adresse!). Netiquette ist keine Dekoration am Eingang eines digitalen Raums - sie ist seine Hausordnung. Nicht, weil Höflichkeit wichtiger wäre als Meinung, sondern weil Meinung ohne ein Mindestmaß an Umgang oft nur noch Lärm ist.
Das Internet hat uns nicht davon befreit, miteinander umgehen zu müssen, es hat nur dafür gesorgt, dass wir es mit schlechterer Beleuchtung, weniger Blickkontakt und deutlich schnelleren Fingern tun. In einem Restaurant würden schließlich die wenigsten Menschen auf den Tisch steigen, Fremde anschreien und sich anschließend wundern, wenn sie gebeten werden zu gehen. Online passiert aber genau das erstaunlich oft. Nur dass der Tisch ein Kommentarbereich ist, das Anschreien in Großbuchstaben passiert und die Bitte zu gehen plötzlich als Unterdrückung der freien Rede verstanden wird.
Dabei ist der Unterschied eigentlich nicht so kompliziert...
Kritik ist: "Ich sehe das anders, weil..."
Hetze ist: "Du gehörst hier nicht hin."
Kritik kann unbequem sein, sie darf es sogar! Kritik muss nicht weichgespült, hübsch verpackt und mit einer Schleife versehen werden. Aber ein Angriff auf die Würde anderer Menschen wird nicht automatisch wertvoller, nur weil jemand ihn "ehrlich" nennt.
Ehrlichkeit ist kein Freifahrtschein für Grausamkeit.
Gute Moderation sollte deshalb nicht dazu dienen, alle Gespräche glatt und konfliktfrei zu machen, das wäre weder realistisch noch besonders gesund. Räume, in denen niemand widersprechen darf, sind nicht friedlich, sie sind nur leise. Der Sinn von Moderation ist nicht, Kritik zu verhindern, sondern dafür zu sorgen, dass Kritik nicht von persönlichen Angriffen, Hass oder Einschüchterung verschluckt wird. Denn ein unmoderierter Raum ist selten wirklich frei. Meistens gehört er irgendwann nur denen, die am längsten schreien können.
Das ist einer der Punkte, die in Diskussionen über Moderation oft vergessen werden. Wenn Regeln fehlen oder nicht durchgesetzt werden, entsteht nicht automatisch Offenheit. Häufig entsteht nur ein Klima, in dem sich die Lautesten, Rücksichtslosesten und Ausdauerndsten durchsetzen. Die anderen gehen. Nicht, weil sie keine Meinung haben, sondern weil sie keine Lust haben, jeden Gedanken erst durch ein Gewitter aus Spott, Abwertung oder Aggression tragen zu müssen.
Moderation schützt also nicht nur "empfindliche" Menschen, sie schützt das Gespräch selbst. Sie sorgt dafür, dass eine Person nicht niedergebrüllt wird, bevor sie überhaupt erklären konnte, was sie meint. Sie gibt Menschen eine Chance, sich zu beteiligen, ohne sich vorher innerlich für einen Boxkampf aufzuwärmen. Sie erinnert daran, dass digitale Räume nicht von allein freundlich, sicher oder fair bleiben - sie müssen gepflegt werden.
Und ja, Pflege bedeutet manchmal auch, Dinge zu entfernen. Das ist nicht immer angenehm, denn niemand bekommt gern eine Grenze gesetzt. Besonders nicht online, wo wir uns alle ein bisschen daran gewöhnt haben, unsere Meinung wie einen Einkaufswagen durch fremde Räume zu schieben und beleidigt zu sein, wenn jemand sagt, dass wir damit gerade Regale umfahren.
Aber zwischen "Du darfst das nicht denken" und "Du darfst hier niemanden entmenschlichen" liegt ein himmelweiter Unterschied. Einer, den wir online erstaunlich oft verlieren. Meinungsfreiheit bedeutet nicht, dass jeder private oder gemeinschaftliche Raum verpflichtet ist, jede Äußerung in jedem Tonfall stehen zu lassen. Ein Blog, ein Forum, ein Server, eine Community oder eine Kommentarspalte darf Regeln haben. Mehr noch: Wenn Menschen dort miteinander statt nur nebeneinander existieren sollen, brauchen sie Regeln.
Natürlich müssen diese Regeln nachvollziehbar sein. Gute Moderation lebt nicht von Launen, Lieblingspersonen oder stillen Machtspielen. Sie braucht klare Maßstäbe. Sie muss zwischen einem Fehler und einem Muster unterscheiden können, zwischen einer unglücklichen Formulierung und gezielter Provokation. Zwischen jemandem, der etwas lernen kann, und jemandem, der nur den nächsten Brand sucht. Und nicht jede Person, die etwas Falsches sagt, ist automatisch böswillig. Manchmal tippen Menschen schneller, als sie denken. Manchmal fehlt Kontext. Manchmal hat jemand einen schlechten Tag und schickt seine schlechte Laune ungebeten in die Öffentlichkeit. Eine gute Moderation kann darauf reagieren, ohne sofort den schwersten Hammer aus der digitalen Werkzeugkiste zu holen. Ein Hinweis kann reichen: eine Bitte um Umformulierung, eine Verwarnung, ein Gespräch.
Aber es gibt eben auch Momente, in denen ein Hinweis nicht reicht. Wenn aus Kritik Abwertung wird, wenn Menschen gezielt angegriffen werden, wenn Hass nicht aus Versehen passiert, sondern als Methode. Dann ist Moderation keine Überempfindlichkeit - dann ist sie Verantwortung!
Wer eine Grenze bekommt, wurde nicht automatisch mundtot gemacht. Manchmal wurde nur gesagt: So nicht. Das ist unbequem, aber wichtig. Denn Sprache ist nicht harmlos, nur weil sie auf einem Bildschirm steht. Worte verschwinden nicht folgenlos, sobald man den Tab schließt. Hinter Profilbildern, Avataren und Benutzernamen sitzen Menschen. Menschen mit Tagen, die ohnehin schwer genug sein können. Menschen, die nicht erst beweisen müssen, dass sie Schmerz empfinden, damit man ihnen mit einem Mindestmaß an Respekt begegnet.
Vielleicht ist genau das der Kern von Netiquette: die Erinnerung daran, dass ein digitaler Raum trotzdem ein menschlicher Raum ist. Er braucht keine ständige Harmonie, keine künstliche Freundlichkeit, keine Pflicht, immer einer Meinung zu sein. Aber er braucht Grenzen, damit Widerspruch nicht zur Waffe wird und Diskussion nicht zur Bühne für die werden, die am wenigsten Rücksicht nehmen.
Eine gut moderierte Community ist kein Raum, in dem niemand etwas sagen darf. Im besten Fall ist sie ein Raum, in dem mehr Menschen etwas sagen können, weil sie nicht vorher Angst haben müssen, dafür zerrissen zu werden.
Das ist kein Maulkorb. Das ist die Tür, die offen bleibt.
Thomas Miller übernimmt Kommunikation bei Williams Corporation
von Melissa McDowell
New York. Die Williams Corporation hat im Rahmen einer Pressekonferenz bekanntgegeben, dass Thomas R. Miller künftig die Position des Head of Corporate Communications übernehmen wird. In dieser Funktion soll Miller die interne und externe Kommunikation des Unternehmens verantworten und zugleich Malcom Williams in strategischen Kommunikationsfragen beratend begleiten.
Vorgestellt wurde die Personalentscheidung von CEO Vince Callahan, der betonte, dass Miller vor allem aufgrund seiner fachlichen Erfahrung ausgewählt worden sei. Der frühere Journalist bringt eine Perspektive mit, die für Unternehmenskommunikation besonders wertvoll sein kann: Er kennt nicht nur die Seite derer, die Antworten geben müssen, sondern auch die Seite derer, die Fragen stellen.
Gerade dieser Wechsel der Perspektive macht die Personalie interessant. Kommunikation ist in großen Unternehmen selten nur eine Frage passender Formulierungen. Sie beginnt oft weit vor einer Pressemitteilung. In internen Gesprächen, bei der Vorbereitung schwieriger Entscheidungen und in der Einschätzung, wie Aussagen in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden können. Dass Miller künftig auch beratend an der Seite von Malcom Williams stehen wird, deutet darauf hin, dass die Williams Corporation Kommunikation stärker als strategischen Bestandteil der Unternehmensführung versteht.
Während der Pressekonferenz wurde auch die private Verbindung zwischen Miller und Williams angesprochen. Miller ist Williams' Schwager, ein Umstand, der Fragen nach Nähe, Unabhängigkeit und professionellen Grenzen aufwirft. Callahan begegnete dem Thema sachlich und transparent: Die familiäre Verbindung sei bekannt, habe jedoch nicht den Ausschlag für die Besetzung gegeben. Entscheidend seien Millers berufliche Qualifikation, seine journalistische Erfahrung und sein Verständnis für öffentliche Kommunikation.
Dass diese Frage gestellt wurde, war erwartbar. Dass sie nicht ausgewichen wurde, war wichtig. Persönliche Verbindungen in beruflichen Strukturen sind nicht automatisch ein Problem - sie werden es vor allem dann, wenn sie verschwiegen oder nicht klar eingeordnet werden.
Miller selbst hielt sich während der Pressekonferenz eher im Hintergrund. Kein großer Auftritt, keine unnötige Inszenierung. Er wirkte ruhig, aufmerksam und zurückhaltend, vielleicht passend für jemanden, dessen künftige Aufgabe weniger darin bestehen dürfte, selbst im Mittelpunkt zu stehen, als andere auf öffentliche Wirkung, klare Worte und mögliche Fallstricke vorzubereiten.
Für Miller bedeutet die neue Position einen bemerkenswerten Rollenwechsel. Nach Jahren im Journalismus steht er nun auf der anderen Seite des Mikrofons. Künftig wird er nicht mehr selbst die unbequemen Fragen stellen, sondern mitverantwortlich dafür sein, dass ein Unternehmen gute, klare und belastbare Antworten findet.
Mit Thomas Miller setzt die Williams Corporation auf jemanden, der die Sprache der Presse kennt, ohne sie von außen erklären zu müssen - und der Malcom Williams künftig nicht nur kommunikativ begleiten, sondern auch kritisch beraten dürfte. Ob Miller diese Rolle nachhaltig prägen wird, wird sich in den kommenden Monaten zeigen. Der erste Eindruck aber ist der eines Unternehmens, das seine öffentliche Stimme bewusster aufstellen möchte.
Kolumne: Die dramatische Würde eines kaputten Regenschirms
von Melissa McDowell
Es gibt kaum etwas Würdevolleres als einen Menschen, der mit einem kaputten Regenschirm weiterläuft, als wäre nichts passiert.
Ich weiß, das klingt wie der Anfang einer sehr spezifischen Doktorarbeit über Alltagsdramen, aber hört mich an. An einem Regentag in Seoul sieht man Dinge. Nicht unbedingt große Dinge. Keine Offenbarungen, keine dramatischen Wendepunkte, keine Filmmomente mit Geigenmusik im Hintergrund. Eher kleine Szenen, die so beiläufig passieren, dass man sie beinahe übersieht. Und genau deshalb bleiben sie einem manchmal im Kopf hängen.
Zum Beispiel dieser Mann im dunklen Anzug, der mir morgens auf dem Weg zum Café entgegenkam. Er trug eine Laptoptasche, sehr glänzende Schuhe und den entschlossenen Gesichtsausdruck eines Menschen, der vermutlich schon drei Meetings vor acht Uhr überlebt hatte. Über seinem Kopf hielt er einen Regenschirm, der einmal ein Regenschirm gewesen sein musste, inzwischen aber eher wirkte wie eine beleidigte Fledermaus nach einem schlechten Tag.
Der Wind hatte ihn umgestülpt. Nicht ein bisschen, nicht charmant schief - sondern vollständig, dramatisch, fast künstlerischh. Der Schirm war keine Schutzvorrichtung mehr, sondern eine Satellitenschüssel für persönliche Niederlagen. Und dieser Mann? Er lief einfach weiter!
Rücken gerade, Blick nach vorn. Kein Zögern, kein sichtbarer Zweifel. Nur ein erwachsener Mensch, der beschlossen hatte, dass sein Regenschirm diese Runde vielleicht verloren hatte, er selbst aber nicht.
Ich bewunderte ihn sofort.
Nicht, weil ich glaube, dass man kaputte Dinge immer tapfer weitertragen sollte. Manchmal sollte man sie wegwerfen. Manchmal sollte man sie reparieren. Manchmal sollte man sie sehr würdevoll in den nächsten Mülleimer stopfen und so tun, als hätte man nie eine emotionale Bindung zu einem Stück Stoff auf Metallstäben aufgebaut.
Aber in diesem Moment hatte dieser Mann etwas beinahe Heldenhaftes. Nicht auf die große, laute Art. Eher auf die sehr menschliche Art, bei der man eigentlich nur versucht, pünktlich irgendwo anzukommen, obwohl das Universum einen gerade nass von der Seite anbrüllt.
Ein paar Straßen weiter sah ich ein Kind mit einem Regenschirm in Tierform. Ein Frosch 🐸, sehr passend meiner Meinung nach. Der Schirm war, soweit ich das beurteilen konnte, völlig intakt. Ein seltener Luxus an diesem Morgen. Seine Karriere als Schutzschild wurde allerdings dadurch erschwert, dass sein kleiner Besitzer ihn überall hinhielt, nur nicht über den eigenen Kopf.
Er wurde konzentriert über einen Gullideckel gehalten. Dann über eine Pfütze. Dann kurz vor das Gesicht, als wäre der Regen ein Publikum und der Schirm eine Bühne. Für ungefähr drei Sekunden beschützte er sehr gewissenhaft den linken Schuh. Der Kopf des Kindes wurde währenddessen vom Regen durchnässt, die Haare klebten am Kopf. Das Kind störte sich daran nicht. Es stapfte weiter, als sei der Sinn eines Regenschirms nicht, trocken zu bleiben, sondern herauszufinden, wie viele Dinge man theoretisch damit überdachen kann, bevor ein Erwachsener "Halt ihn doch bitte richtig!" ruft.
Und vielleicht hatte das Kind damit gar nicht so unrecht. Vielleicht sind Regenschirme für Kinder nicht in erster Linie praktische Gegenstände. Vielleicht sind sie kleine tragbare Dächer für Fantasie: mobile Burgen, bunte Pilze, Schutz für Steine, Schuhe und geheime Gedanken. Vielleicht ist es eine sehr erwachsene Fehlannahme, dass alles immer nur den Zweck erfüllen muss, für den es gekauft wurde.
Und dann kam die ältere Dame.
Ihr Regenschirm war alt, dunkel und nur noch an zwei Speichen sowie einer beachtlichen Menge Charakter befestigt. Er hing leicht schief, flatterte am Rand und machte bei jeder Windböe den Eindruck, als würde er förmlich um Erlösung betteln. Aber die Dame hielt ihn fest. Nicht hektisch, nicht verzweifelt. Eher mit der ruhigen Entschlossenheit einer Frau, die schon ganz andere Dinge überstanden hatte als billige Mechanik und Seitenwind.
Sie trug ihn nicht. Sie führte ihn.
Es war kein Kampf mehr zwischen Mensch und Schirm. Es war eine langjährige Beziehung mit Differenzen. Der Schirm hatte Mängel, die Dame hatte Geduld, und beide hatten offenbar beschlossen, den Rest des Weges gemeinsam zu schaffen, obwohl objektiv betrachtet keiner von beiden dafür besonders gut ausgestattet war.
Ich stand unter meinem eigenen, noch funktionierenden Regenschirm und fühlte mich plötzlich ein wenig überprivilegiert.
Denn ein kaputter Regenschirm ist natürlich keine Tragödie. Niemand schreibt Opern darüber (zumindest hoffe ich das). Und doch hat so ein Moment etwas persönlich Beleidigendes. Man hat ja an alles gedacht: man hat den Wetterbericht gesehen, den Schirm eingepackt, vielleicht sogar innerlich gelobt, wie erwachsen und vorbereitet man heute ist. Und dann kommt der Wind von der Seite und beweist, dass Vorbereitungen manchmal nur wie ein Regentropfen im Wind sind.
Das ist das Gemeine an kleinen Alltagsniederlagen: Sie sind zu klein, um wirklich schlimm zu sein, aber groß genug, um einen Tag kurz aus dem Konzept zu bringen. Ein kaputter Regenschirm, nasse Socken, kalter Kaffee, ein Bus, der einem vor der Nase wegfährt, obwohl man noch diesen einen dramatischen Laufschritt gemacht hat. Nichts davon zerstört ein Leben. Aber manchmal reicht es, um sich für fünf Minuten vom Universum persönlich verarscht zu fühlen.
Und vielleicht erkennt man den Charakter eines Menschen in solchen Momenten besser als in den großen. Nicht daran, ob ihr Schirm funktioniert, sondern daran, was sie tun, wenn er es nicht mehr tut.
Manche werden wütend, manche lachen, manche werfen ihn weg. Manche halten ihn weiter über den Kopf, obwohl er inzwischen eher eine abstrakte Skulptur über Kontrollverlust ist. Manche schützen damit ihren linken Schuh. Manche tun so, als wäre alles genau so geplant gewesen.
Ich glaube, wir alle laufen irgendwann mit Dingen weiter, die längst nicht mehr richtig funktionieren. Mit Plänen, Erwartungen, Routinen. Mit Sätzen wie "Geht schon" oder "Ist nicht so schlimm". Mit alten Versionen von uns selbst, die uns irgendwann einmal gut geschützt haben, inzwischen aber bei der kleinsten Windböe gefährlich knacken. Und natürlich kann man nicht ewig unter einem kaputten Schirm bleiben. Irgendwann wird man nass. Irgendwann sieht man albern aus. Irgendwann muss man zugeben, dass etwas, das einmal Schutz war, inzwischen nur noch Gewicht in der Hand ist.
Aber vielleicht liegt die Würde am Ende gar nicht darin, trocken anzukommen.
Vielleicht liegt sie darin, nach drei Straßen voller Regen, Wind und öffentlicher Demütigung trotzdem weiterzugehen - mit nassen Schuhen, einem kaputten Schirm und dem festen Entschluss, später so zu tun, als sei das alles genau so geplant gewesen.
Vielleicht sind wir alle manchmal dieser Mensch mit dem kaputten Regenschirm: ein bisschen verbogen, nicht mehr ganz funktional, aber noch immer bemüht, irgendetwas über uns zu halten, das wie Schutz aussieht.
Und vielleicht ist das schon genug für einen Regentag.
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