Liberalismus/Individualismus vs. Bolschewismus/Kollektivismus
Wie kann man nur, heißt es, zwei Systeme mit einander vergleichen, von denen das eine kriminell war, das andere dagegen – trotz dieser Einwände – den Menschen große Freiheit und institutionalisierten Schutz bietet? Ryszard Legutkos Antwort ist in seinem Buch “Der Dämon der Demokratie” sehr einfach: “Wie fundamental auch die Unterschiede zwischen den beiden Systemen auch sein mögen, es ist vollkommen legitim danach zu fragen, wieso es Ähnlichkeiten gibt, warum sie so tiefgreifend sind und immer stärker werden.”
Zählen wir zunächst einmal die Gemeinsamkeiten auf und halte wir uns dabei vor Augen, dass es um Tendenzen geht, die sich in den westlichen Gesellschaften zeigen und die noch lange nicht am Ende sind. Sowohl der Kommunismus als auch die liberale Demokratie deklarieren sich zu Befreiern der Menschheit; erheben die Gleichheit zum gesellschaftlichen Leitbild; erklären sich zur besten Gesellschaftsform aller Zeiten; glauben, das Mandat der Geschichte zu besitzen; haben ein ökonomistisches Menschenbild; sind modernitätsgläubig und vergöttern die Technik; sind universalistisch und greifen nach der ganzen Welt; erklären sich für alternativlos; kriminalisieren und pathologisieren ihre Gegner; führen einen ständigen Kampf gegen “Abweichler”; sind atheistisch, kultur- und traditionsfern; greifen massiv ins Privatleben der Menschen ein; bekämpfen die traditionelle Familie und “Geschlechterrollen”; verachten die Religion; wollen sämtliche Menschen in ihrem Machtbereich sozialisieren; beherrschen die Köpfe der Menschen durch das Bildungsmonopol, durch Propaganda und Medien; bespitzeln und kontrollieren die Bürger; erzeugen einen enormen Konformitätsdruck; erheben die Mittelmäßigkeit zum Leitbild; streben einen durch sozialen Druck und “social engeneering” erzeugten Einheitsmenschentypus an; erklären existentielle Probleme zu sozialen und geben vor, das politische Know-how zu besitzen, sie zu lösen; verachten und verteufeln die Vergangenheit; erklären sich für multikulturalistisch; stehen immer erst am Anfang einer glorreichen Entwicklung, deren Ziel die Eingeweihten kennen, das die Massen aber am Ende schon begreifen werden.
Man wird einräumen müssen, dass verschiedene westliche Staaten bei den einzelnen Aspekten verschieden weit vorangeschritten sind und dass die Gesellschaften immer noch hinreichend ausdifferenziert sind, um zugleich auch den Widerspruch gegen die genannten Tendenzen zu erzeugen, aber als Großtrend scheinen sie mir eindeutig zu herrschen. Der Steuerstaats- und Umverteilungssozialismus auf restmarktwirtschaftlicher Grundlage wächst, die Reglementierungen und Freiheitseinschränkungen nehmen täglich zu, aus freien Bürgern werden angeleitete Untertanen, Ersatzreligionen beherrschen das Denken. Der Bürger kann in einer liberalen Demokratie wie der deutschen längst kein staatlich unbehelligtes Leben mehr führen. Der Staat – die “Gesellschaft” – rückt einem unentwegt auf die Pelle: über Steuern, Propaganda, elektronische Überwachung, Medien, Schule, Universität, berufliches Umfeld, Nudging (Du sollst nicht zu viel Fleisch essen, deine Organe spenden, mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren, Frauen keine Komplimente machen, für Afrika spenden, Flüchtlinge integrieren, den Nazi von nebenan melden, Heizkosten sparen, nicht die falschen Bücher lesen, nicht zu den falschen Veranstaltungen gehen, nicht die falschen Kleidermarken tragen, andere Kulturen, Sitten und Religionen tolerieren, keine Waffen besitzen, deine eigene Ethnie und Kultur kritisch hinterfragen etc pp.). Der Gleichheitswahn macht die Menschen immer aggressiver. Der katholische Geistliche soll heiraten dürfen. Der Adlige soll seine Herkunft verleugnen und das “von” ablegen. Die Frau soll Mann (Soldat, Boxer, Polizist) sein dürfen. Der Schwule soll Kinder bekommen dürfen. Der Dumme soll studieren dürfen. Der Afrikaner soll über Nacht Europäer geworden sein dürfen (umgekehrt geht das aber nicht!). Jeder soll zu Deutschland gehören dürfen.
Sowohl der Kommunismus als auch die liberale Demokratie erwiesen sich als große Vereinheitlicher, die ihren Anhängern vorschreiben, wie sie denken, was sie tun, wie sie etwas bewerten und welche Sprache sie benutzen sollen. Beide hatten jeweils eigene Glaubenssätze und Modelle vom idealen Bürger", schreibt Legutko. Das politische System durchdringe bei beiden alle Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens. “Nicht nur der Staat und die Wirtschaft sollten liberal, demokratisch oder liberal-demokratisch werden, sondern die ganze Gesellschaft, Ethik, Sitten, Familie, Kirche, Schulen und Universitäten, Gemeinden, Organisationen, Kultur und auch die menschlichen Gefühle und Wünsche. Menschen, Strukturen und Ideen außerhalb des liberal-demokratischen Musters galten als überholt, rückwärtsgewandt und nutzlos, aber zugleich auch als extrem gefährlich als Überreste des alten autoritären Systems.
- Michael Klonovsky