Runder Tisch mit FĂŒhrungskrĂ€ften der Feuerwehr
Runder Tisch mit den FĂŒhrungskrĂ€ften der Freiwilligen Feuerwehr und des Landratsamtes
"Weniger chillen, sondern zur Feuerwehr"
Im Wandel der Zeit verĂ€ndern sich viele Dinge. Manchmal ist man direkt betroffen, anderes hingegen bekommt man kaum mit. Vieles davon wollen wir aber auch nicht sehen. War frĂŒher alles besser? Bringt die Zukunft nur Gutes? Wir haben uns mit Menschen unterhalten, deren Wirken und Handeln das Erscheinungsbild eines Ortes prĂ€gt. Doch auch die Freiwilligen Feuerwehren stehen in ihrem Tun und Handeln vor groĂen VerĂ€nderungen. Nicht nur die seit Jahren rĂŒcklĂ€ufige Entwicklung bei den aktiven Mitgliederzahlen stellt die Verantwortlichen vor Probleme. Die drei Kommandanten der Feuerwehren auf der Schönbuchlichtung gaben Auskunft ĂŒber ein schwieriges Ehrenamt mit einer enormen Belastung. Der Kreisbrandmeister des Landkreises Böblingen betrachtete die Situation hingegen aus Behördensicht.
Wie gestaltet sich bei Ihnen die aktuelle Personalsituation?
Markus Schimpf (Gesamtkommandant Weil im Schönbuch): Derzeit haben wir 83 Aktive im Dienst, zudem eine Jugendfeuerwehr sowie eine Kinderfeuerwehr. Neben der Abteilung Weil im Schönbuch gehören noch die Abteilungen Neuweiler und Breitenstein zur Gesamtwehr.
Albrecht Schmid (Kommandant Holzgerlingen): Wir haben im Moment 73 Aktive, der höchste Personalstand ĂŒberhaupt. Wir haben allerdings keine Jugendabteilungen, allerdings auch keine Nachwuchssorgen. Wir sind hier auf der âInsel der GlĂŒckseligenâ was unsere aktiven Kameraden an geht. Dennoch ist die Fluktuation gröĂer geworden. Das liegt sicherlich an den beruflichen und schulischen Situationen.
Thomas Rebmann (Kommandant Schönaich): Wir haben im Moment 53 Aktive bei uns. Der Ăbertritt von unserer Jugendfeuerwehr in den aktiven Dienst ist sehr hoch. Wir verlieren dennoch einige Leute auf Grund von Beruf und Studium. Eine groĂe Rolle dabei spielen die verschĂ€rften Bedingungen im Berufsleben. Der Druck und die PrĂ€senzzeit bei den Arbeitgebern ist gröĂer geworden. Somit wird die Freizeit einfach weniger.Â
Guido Plischek (Kreisbrandmeister): Die besondere Situation in Holzgerlingen ist schon einzigartig. Dort haben die Arbeitgeber eine hohe Bereitschaft, die Mitarbeiter fĂŒr die EinsĂ€tze bei der Feuerwehr freizustellen. In anderen Orten ist diese Bereitschaft leider nicht vorhanden. Das ist im ganzen Kreis schon thematisiert worden. Eine starke Feuerwehr ist allerdings enorm wichtig. Ein Landkreis kann sehr attraktiv sein, wenn er ein starkes Feuerwehrwesen hat.
Wie sieht die Zusammenarbeit der einzelnen Feuerwehren aus, kocht hier jeder seine eigene Suppe?
Albrecht Schmid: Wir fĂŒhren jĂ€hrlich eine gemeinsame Ăbung durch, das klappt hervorragend. Die Zusammenarbeit ist permanent vorhanden. Auch mit Schönaich kooperieren wir und unter- stĂŒtzen die Kameraden bei der TagesverfĂŒgbarkeit und rĂŒcken zusammen aus.
Thomas Rebmann: Diese Zusammenarbeit besteht seit 18 Jahren. Es war damals schon an der Zeit hier nicht nur um den eigenen Kirchturm zu denken. Die Frage war: Wie können wir uns stĂ€rker und effektiver machen zur Schadensabwehr der BĂŒrger. Dazu gehört auch die neue Alarmierungsverordnung, welche demnĂ€chst umgesetzt wird.
Guido Plischek): Diese neue AusrĂŒckeverordnung schafft die Grundlage fĂŒr eine dezidierte Alarmierung der Feuerwehr. Zu einem Fahrzeugbrand rĂŒcken dann nur die benötigten Einheiten aus, die wir brauchen. Nicht zu viel und nicht zu wenig. Schonend mit den Ressourcen umgehen ist dabei entscheidend. Das war ein langer Weg bis zu dieser engen Zusammenarbeit. Darum beneiden uns inzwischen auch andere Landkreise.
Stichwort Nachwuchs. Hier klagen die Feuerwehren schon seit langem ĂŒber eine zu geringe Bereitschaft der Jugendlichen. Wie sehen Sie das unter dem Hintergrund der vielen Möglichkeiten bei der FreizeitbeschĂ€ftigung?
Markus Schimpf: NatĂŒrlich hat es die PC- und Computerspiele frĂŒher auch gegeben. Ich denke, wichtig ist die Bindung an die Feuerwehr. Oft beginnt diese schon in der Familie. Auch bei uns in Weil im Schönbuch gibt es Familien mit einem sehr hohen Anteil an Freiwilligen Feuerwehrleuten. Schwierig ist nach wie vor die berufliche Beanspruchung der Kameraden, sowie die schulischen Anforderungen der Jugendlichen. Das war frĂŒher definitiv anders. Da blieb mehr Zeit fĂŒr die Feuerwehr.
Thomas Rebmann: FrĂŒher war die Feuerwehr in der PrioritĂ€t ganz weit oben, trotz Schule, Ausbildung, Beruf und sonstigem FreizeitspaĂ. Heute ist man bei der Feuerwehr, allerdings nicht mehr mit diesem Enthusiasmus.
Guido Plischek: Das hat auch was mit dem gesellschaftlichen Wandel zu tun. Der Leistungsgedanke muss wieder kommen. Wir verhĂ€tscheln ein wenig, wie ich finde. Die Freiwilligen Feuer wehren ĂŒben behördliche Aufgaben aus, mĂŒssen sich mit Leid und Tod auseinandersetzen. Das geht nicht wenn man einer SpaĂgesellschaft angehört.
Wie sehen Sie die Zukunft der Freiwilligen Feuerwehr?
Thomas Rebmann: Da ist keine genaue Prognose möglich. Es wird immer Leute geben, die die Feuerwehr am Laufen halten. Wie genau dann die Struktur aussehen wird, kann ich nicht sagen. Eine pauschale Aussage ist daher nicht möglich. Das wird von Region zu Region vielleicht unterschiedlich gehandhabt werden. Momentan ist die Situation sicherlich nicht optimal, dennoch glaube ich, dass es wieder besser wird und wir mehr Mitglieder bekommen. Ich setze auf die MÀnner und Frauen, die sich die Feuerwehr auf die Fahnen geschrieben haben.
Markus Schimpf: Es wird mittelfristig noch so laufen wie bisher, langfristig jedoch wird sich das Feuerwehrwesen Àndern. Die Zeiten werden nicht besser. Die Mitgliederzahlen gehen stetig runter. Irgendwann können wir das nicht mehr abfangen, auch nicht durch die Hilfe der Feuerwehren untereinander. Ich vermute, es wird dann eine Berufsfeuerwehr geben, die durch Freiwillige ergÀnzt wird.
Albrecht Schmid: Ich sehe die Zukunft nicht so schwarz. Es wird immer weitergehen, auch wenn es Höhen und Tiefen gibt. Bei uns in Holzgerlingen geht das schon 150 Jahre so. Es wird immer junge Leute geben. Diese mĂŒssen wir begeistern. Weniger chillen und abhĂ€ngen, sondern auf zur Feuerwehr. Ich bin optimistisch!
Guido Plischek: Diese Frage zu beantworten ist nicht leicht. Wir mĂŒssen uns auf verschiedene Varianten vorbereiten. Sofern die Entwicklung gleich bleibt prognostiziere ich StĂŒtzpunktwehren, die tagsĂŒber von mehreren Gemeinden gemeinsam finanziert werden. Abends und am Wochenende werden dann die Freiwilligen wieder ihren Dienst leisten können. Bei der TagesverfĂŒgbarkeit haben wir hier im Landkreis gröĂte Probleme, dennoch mĂŒssen wir die Sicherheit der Menschen gewĂ€hrleisten. Das ist aber AbhĂ€ngigkeit von der politischen Entwicklung. Wir haben hier in Baden-WĂŒrttemberg die Feuerschutzsteuer. Diese ist sehr wichtig fĂŒr den Erhalt der Feuerwehren. Die Frage wird kĂŒnftig schon sein, ob jede Gemeinde ihre eigene Feuerwehr unterhalten kann. Auch die Entscheidungen auf EU Ebene werden unsere kĂŒnftige Struktur beeinflussen.
Wie stark greift dieses Ehrenamt in ihren privaten Bereich ein?
Thomas Rebmann (Kommandant seit 18 Jahren): Ich trage immer Verantwortung. Egal was ich tue, auch wenn ich privat im Ort unterwegs bin. Zudem stehe ich 365 Tage im Jahr zur VerfĂŒgung. Auch wenn ich einen Musical-Besuch geplant habe, kann immer der Alarm losgehen. Das war es dann mit dem MusicalâŠ. Die HĂ€ufigkeit der Termine ist schon enorm. Ich bin sehr froh, dass meine Frau das Ganze mittrĂ€gt, unsere Frauen sind die wahren Helden.
Albrecht Schmid (Kommandant seit 9 Jahren): Freizeit hat man sehr wenig, da immer der Funk losgehen kann. Man benötigt ein Riesenpaket an Idealismus, sowie eine sehr verstĂ€ndliche Frau und Familie. StĂ€ndig fallen Termine an zu denen man erscheinen muss. Die innere körperliche Anspannung ist auch enorm, denn ich habe die Verantwortung fĂŒr meine Leute. Auch die seelische Belastung ist vorhanden, denn wir erleben bei unseren EinsĂ€tzen teilweise schreckliche Dinge, das geht an keinem spurlos vorĂŒber.
Markus Schimpf (Gesamt-Kommandant seit 3 Jahren, davor 5 Jahre Abteilungskommandant): Ohne eine Frau oder Partnerin, die das alles mittrĂ€gt braucht man gar nicht erst anfangen. Jede Woche fallen an vier oder fĂŒnf Tagen Termine an. Wenn wir etwas planen, hoffen wir einfach, dass nichts passiert und der Alarm still bleibt damit wir das Geplante in Ruhe erleben können.
Das GesprĂ€ch fĂŒhrte Markus Schwarz
Der Kommentar von Markus Schwarz:
Klar, fast jeder Junge wollte einmal zur Feuerwehr, auch ich. Mit offenem Mund und fast freudigem Erregen schaute man als Steppke den Autos mit Feuerwehrleuten hinterher, die mit Blaulicht und lautem TatĂŒ-Tata durch die StraĂen fuhren, um in Heldenmanier Menschen aus brennenden GebĂ€uden zu retten. Doch wie sieht der Alltag der Feuerwehrleute  - betrachtet mit Erwachsenenaugen - tatsĂ€chlich aus?
Wie groĂ ist der Aufschrei, wenn Frauen bei ihren EinstellungsgesprĂ€chen nach ihrem Kinderwunsch gefragt werden? Doch wie viele Feuerwehrleute verheimlichen in BewerbungsgesprĂ€chen ihr Ehrenamt weil sie befĂŒrchten mĂŒssen bei Kollegen und Vorgesetzten auf UnverstĂ€ndnis zu stoĂen? Wenn der Alarm ĂŒber den Pieper kommt, geht es jedoch meist um Menschenleben, nicht um ein Hobby.
Verfolgt man die Diskussionen ĂŒber die Notwendigkeit eines neues Fahrzeuges hört man, wenn auch oft nur hinter vorgehaltener Hand, leise Kritik. Lieber sollte man das Geld in den Ausbau von KindertagesstĂ€tten stecken oder den Sportplatz sanieren. Jede Gruppe einer Gemeinde hat sicherlich aus ihrem Blickwinkel betrachtet die richtigen Argumente fĂŒr ihre Belange. Doch nĂ€her betrachtet geben auch EU-Richtlinien die Investition in harmonisierte Feuerwehrtechnik vor. Eine technisch optimal ausgerĂŒstete Feuerwehr geht uns alle an, spĂ€testens im Brandfall.Â
Feuer kann in Bruchteilen von Sekunden unglaubliches Leid anrichten. Die Gefahr von UnfĂ€llen, Notsituationen und andere Katastrophen ist latent vorhanden. Gut wenn man die Feuerwehr nicht braucht, noch besser wenn diese im Einsatzfall optimal ausgerĂŒstet ihre Arbeit tun kann.Â
Blickt man einmal hinter die Kulissen der Feuerwehrlandschaft tut sich da Ăberraschendes und Erhellendes auf. Da bekommt ein Kommandant jĂ€hrlich eine AufwandsentschĂ€digung, die gerade einmal die Handykosten deckt. Die oftmals erdrĂŒckende Verantwortung fĂŒr die zu rettenden Menschenleben und Kameraden im Einsatz lastet schwer auf ihren Schultern. 365 Tage im Jahr und 24 Stunden am Tag. Auch wenn die Frauen und MĂ€nner ihren Weg in der Feuerwehr freiwillig gehen. Sie gehen diesen auch fĂŒr uns und fĂŒr unsere Sicherheit. Daran sollten wir denken. (mac)