Als ich einmal etwas frĂŒher zum Meditationsunterricht in die Haftanstalt kam, wartete ein Gefangener auf mich, den ich zuvor noch nie gesehen hatte. Er war ein HĂŒne mit wildem Haar und Bart und jeder Menge TĂ€towierungen auf den Armen. Die Narben in seinem Gesicht verrieten mir, dass er schon so manchen Streit ausgefochten hatte. Er sah so Furcht erregend aus, dass ich mich fragte, warum ausgerechnet dieser Kerl das Meditieren erlernen wollte. Er war so gar nicht der Typ dafĂŒr. Aber darin hatte ich mich grĂŒndlich geirrt. Er erzĂ€hlte mir von einem Vorfall, den er ein paar Tage zuvor erlebt und der ihn höllisch erschreckt hatte. Mit starkem irischen Akzent erzĂ€hlte er mir von seiner Kindheit in den brennenden StraĂen von Belfast. Als SiebenjĂ€hriger war er zum ersten Mal Opfer einer Messerstecherei geworden. Ein Ă€lterer SchĂŒler, ein bekannter SchlĂ€ger, forderte ihn auf, das Geld herauszurĂŒcken, das er fĂŒrs Mittagessen von zu Hause mitgebracht hatte. Der kleine Junge weigerte sich. Der Ăltere zog ein langes Messer und stellte die Frage noch einmal. Der Kleine glaubte, dass der andere nur bluffte und lehnte wieder ab. Ein drittes Mal fragte der SchlĂ€ger nicht. Er trieb einfach das Messer in den Arm des SiebenjĂ€hrigen, zog es dann wieder heraus und ging ungerĂŒhrt davon. Der Mann erzĂ€hlte mir, dass er völlig geschockt das SchulgelĂ€nde verlieĂ und zum Haus seines Vaters in der Nachbarschaft rannte. Blut strömte seinen Arm hinunter. Sein arbeitsloser Vater sah sich die Wunde kurz an und ging dann mit seinem Sohn in die KĂŒche. Aber nicht etwa, um die Wunde zu verarzten. Der Vater zog eine Schublade auf, ergriff ein groĂes KĂŒchenmesser, drĂŒckte es seinem Sohn in die Hand und forderte ihn auf, zur Schule zurĂŒckzukehren und damit den anderen Jungen zu stechen. So war er erzogen worden. Wenn er nicht so groĂ und stark geworden wĂ€re, hĂ€tte er wahrscheinlich schon vor langem das Zeitliche gesegnet. Diese Haftanstalt war eine GefĂ€ngnis-Farm. HĂ€ftlinge mit kurzen Strafen und jene, die nach einer langen Freiheitsstrafe kurz vor der Entlassung standen, sollten dort auf das Leben danach vorbereitet werden. Einige erhielten damit die Gelegenheit, eine landwirtschaftliche Ausbildung zu absolvieren. AuĂerdem versorgte die Ernte dieser Farm alle GefĂ€ngnisse bei Perth mit Nahrungsmitteln, wodurch die Kosten niedrig gehalten werden konnten. Genau wie die australischen Bauern, die auĂer Getreide und GemĂŒse auch KĂŒhe, Schafe und Schweine zĂŒchten, hatte sich diese Farm ebenfalls auf all diese landwirtschaftlichen TĂ€tigkeiten verlegt. Aber im Gegensatz zu den anderen Farmen, betrieb dieser GefĂ€ngnisbauernhof auch seinen eigenen Schlachthof. Jeder HĂ€ftling musste einen Job auf der Farm ĂŒbernehmen. Es war nicht zu ĂŒbersehen, dass sich die Insassen um die Arbeit im Schlachthof rissen. Sie war vor allem bei den gewalttĂ€tigen MĂ€nnern Ă€uĂerst beliebt, die besonders gern die Arbeit des Abschlachtens verrichteten. Um diesen Job musste man regelrecht kĂ€mpfen. Der Mann beschrieb mir den Schlachthof. Es gab starke Gitter aus Edelstahl, die am Eingang weit auseinander gesetzt waren, aber innerhalb des GebĂ€udes immer nĂ€her zusammenliefen, bis sie so schmal waren, dass nur ein Tier hindurchpasste. Neben diesem schmalen Gang stand er als Schlachter mit seinem BolzenschussgerĂ€t auf einem Podest. KĂŒhe, Schweine oder Schafe wurden mit Hunden und Stöcken in den Edelstahl-Trichter getrieben. Er berichtete, dass alle Tiere schrien, jedes auf seine Weise, und jedes versuchte zu flĂŒchten. Die Tiere rochen den Tod, hörten den Tod, spĂŒrten den Tod. Wenn das Tier an dem Podest angelangt war, krĂŒmmte und wand es sich und stieĂ laute, klagende Töne aus. Obwohl ein Schuss aus seinem BolzenschussgerĂ€t einen riesigen Bullen auf der Stelle hĂ€tte töten können, stand kein Tier so still, dass er auf Anhieb genau zielen konnte. Also fiel der erste Schuss, um das Tier zu betĂ€uben und der zweite, um es zu töten. Ein Schuss zur BetĂ€ubung, ein Schuss zur Tötung. Ein Tier nach dem anderen. Jeden Tag aufs Neue. Der Ire wurde ziemlich aufgeregt, denn jetzt wollte er von dem Vorfall berichten, den er nur wenige Tage zuvor erlebt und der ihn so aus der Fassung gebracht hatte. Er begann zu fluchen und sagte wiederholt: »Es ist die Gott verdammte Wahrheit.« Er hatte Angst, dass ich ihm nicht glauben wĂŒrde. An jenem Tag brauchten die GefĂ€ngnisse nahe Perth Rindfleisch. Also wurden KĂŒhe geschlachtet. Ein Schuss zur BetĂ€ubung, ein Schuss zur Tötung. Er hatte schon eine groĂe Anzahl von Tieren erledigt, als eine Kuh auf eine Weise herankam, wie er es noch nie zuvor erlebt hatte. Diese Kuh war still. Sie schnaufte nicht einmal. Mit gesenktem Kopf nĂ€herte sie sich langsam dem Podest, ohne dass auch nur der geringste Druck auf sie ausgeĂŒbt werden musste. Am Ziel blieb sie ganz ruhig stehen. Sie tobte nicht, wand sich nicht, brĂŒllte nicht und versuchte auch nicht zu flĂŒchten. Auf einmal hob sie langsam den Kopf und starrte ihren Henker bewegungslos an. Der Ire hatte so etwas noch nie erlebt. Er war vollkommen verwirrt, konnte weder sein BolzenschussgerĂ€t auf die Kuh richten noch ihrem Blick ausweichen. Die Kuh schien direkt in sein Innerstes hineinzuschauen. Zeit und Raum waren fĂŒr ihn verschwunden. Er konnte mir nicht sagen, wie lange die Kuh diesen Blickkontakt aufrechterhielt, aber dann entdeckte er etwas, das ihn weitaus mehr erschĂŒtterte. Im linken Auge der Kuh, oberhalb des unteren Augenlids, begann sich Wasser zu sammeln. Es wurde immer mehr. Irgendwann lief das Auge ĂŒber und das Wasser tröpfelte heraus, rollte langsam ĂŒber ihre Wange und bildete eine glitzernde TrĂ€nenkette. LĂ€ngst verschlossene TĂŒren begannen sich in seinem Herzen zu öffnen. UnglĂ€ubig beobachtete er, dass jetzt auch das rechte Auge der Kuh nass wurde und sich dort so viel Wasser ansammelte, dass bald darauf ein zweiter TrĂ€nenstrom floss. Die Kuh weinte. Da brach der Mann zusammen. Er sagte mir, dass er sein BolzenschussgerĂ€t auf den Boden geworfen und den Wachen fluchend zugebrĂŒllt hatte, dass sie mit ihm tun könnten, was sie wollten, »ABER DIESE KUH WIRD NICHT STERBEN!« Er sagte mir, dass er jetzt Vegetarier sei. Die Geschichte stimmte. Andere HĂ€ftlinge der GefĂ€ngnis-Farm bezeugten sie mir gegenĂŒber. Die Kuh, die weinte, hatte einem der gewalttĂ€tigsten MĂ€nner gezeigt, was »mitfĂŒhlen« bedeutet.
Die Kuh, die weinte -Â Ajahn Brahm









