2050 – ich bin dann 60 Jahre alt. Ich stelle mir vor, dass ich morgens nicht mehr so fix aus dem Bett komme und auch mit dem Fahrrad nicht mehr so schnell fahre. Jetzt ist die Anzahl der Leute, die mich überholen größer als die Anzahl derer, die ich hinter mir lasse. Aber das macht mir gar nicht viel aus. Ich bin entspannter, schaue mir die Menschen auf der Straße genauer an als früher, als ich immer nur von einem Punkt zum nächsten Punkt unterwegs war. Wenn ich Kinder sehe, erinnere ich mich an meine Kinder, wenn ich ein frisch verliebtes Pärchen Händchen haltend durch den Park schlendern sehe, muss ich an meine Beziehungen denken.
Trotzdem ist es nicht so, dass ich nur von Erinnerungen lebe, ich bin fit und gesund, arbeite noch, treffe meine Freunde und führe eine tolle Beziehung mit meinem Mann.
Er ist in der Türkei geboren, kam aber mit zehn Jahren nach Deutschland. Unsere Kinder hatten also das Glück, zweisprachig aufwachsen zu können. Wir sind beide nicht religiös, haben aber versucht, aus jeder Religion und Kultur das Beste zu vereinen und an unsere Kinder weiter zu geben.
Zusammen wohnen wir in einem Haus mit Garten, indem wir einen riesigen Sonnenschirm stehen haben. Vor kurzem haben wir uns auch einen Pool bauen lassen, sodass ich am Wochenende jetzt immer vor dem Frühstück ein paar Bahnen schwimmen kann. Wir haben drei Kinder, die aber schon alle ausgezogen sind und planen unsere dritte Hochzeit im Sommer. Wir haben uns entschieden, öfters zu heiraten – einfach weil es uns so viel Spaß macht und wir uns jedes Mal wieder zeigen wollen, wie sehr wir uns lieben. Der DJ ist schon bestellt, die Einladungen gehen morgen raus. Bei uns im Viertel, nicht zu weit weg vom Zentrum der Stadt, aber trotzdem nicht sehr hektisch, wohnen die meisten meiner Freunde. So kann man schnell mal auf einen Kaffee vorbei gehen.
Mir ist es wichtig, noch viel mit meinen Freunden zu unternehmen. Jetzt, wo die Kinder ausgezogen sind, hat man auch wieder Zeit für längere Reisen. Letzten Sommer war ich mit meinen Freundinnen im Urlaub. Als ich gehört habe, dass man dort am Strand auch gute Bedingungen für das Kite-Surfen hat, habe ich natürlich mein Board und den neongrünen Kite mitgenommen. Immer wenn ich im Neopren-Anzug aus dem Wasser komme, sehe ich die erstaunten Blicke der 20-jährigen. Dann muss ich innerlich lachen, der Stolz lässt mich mein Board einfacher tragen. Auch die Männer in unserem Alter gucken, ich weiß, dass ich mich, trotz meiner grauen Haare, noch gut blicken lassen kann. Natürlich habe ich schon ein paar Anti-Aging-Produkte ausprobiert, aber im Prinzip bin ich mit meinen Falten und der nicht mehr so straffen Haut zufrieden. An meinem Mann liebe ich die Lachfalten besonders. Und die Hände, an denen man sehen kann, dass er schon vieles gut angepackt hat.
Die Entscheidung, noch ein drittes Kind zu bekommen, ist mir nicht leicht gefallen. Ich liebe meinen Beruf und ich wollte meine (auch finanzielle) Unabhängigkeit nicht aufgeben. Auf der anderen Seite finde ich es wunderbar, Leben im Haus zu haben. So haben wir uns entschieden, dass wir beide gleich lang von unserer Arbeit pausieren und haben eine tolle Kinderfrau gefunden, der wir unsere Kinder, auch noch im jüngeren Alter, gerne überlassen haben. Der Trubel war toll, aber nun ist es auch schön, wieder etwas Zeit für sich selbst zu haben.
Ich freue mich immer sehr, wenn die Kinder uns besuchen kommen. Meine älteste Tochter ist schwanger. Es ist toll zu sehen, dass unsere Kinder nun ihre eigenen Familien gründen. Ich frage mich, ob ich mich anders fühlen werde, wenn ich Großmutter geworden bin.
Mein Leben ist also ganz „normal“ und langweilig, und trotzdem bin ich so glücklich mit dem was ich habe: meine Familie, meine Freunde, meine Arbeit und die Zeit, immer wieder neue Dinge zu lernen.