Impostor syndrom/Hochstaplersyndrom/Selbstbild
Ein Phänomen, das ich bei mir besonders in den letzten Jahren beobachtet habe, ist das Hochstaplersyndrom oder auf englisch impostor syndrom. Betroffene gehen davon aus, dass sie ihren Erfolg nicht wirklich verdienen oder jener nur auf Glück basiert. Ich habe dafür selbst noch keine Lösung gefunden, ich möchte aber meine Gedanken dazu gern teilen.
Man kann davon ausgehen, dass viele, besonders junge, Menschen davon betroffen sind. Ich denke, wir haben als Gesellschaft kein gutes Modell, wie wir mit Erfolg und Selbstwert umgehen. Erfolg und Selbstwert werden miteinander verbunden, und das auf sehr merkwürdige Art und Weise. Einerseits habe ich das Gefühl, meinen Wert zu verlieren, wenn ich nicht weiterhin Bestleistungen abliefere und Erfolge habe. Andererseits zähle ich manche Erfolge gar nicht als Erfolge, obwohl ich jedes Recht dazu hätte. Das sorgt natürlich dafür, dass ich ein immer schlechteres Bild von mir bekomme. Das wird an einem Beispiel wahrscheinlich klarer: In der diesjährigen Mathematikolympiade* hatte ich in der zweiten Stufe ein ziemlich gutes Ergebnis, besonders im Vergleich zu den Vorjahren. Anstatt ich über meinen Erfolg und meine Verbesserung zu freuen, war mein Gedanke allerdings sehr schnell, dass dieses Jahr die Aufgaben ja schon ganz schön leicht waren und dass es doch eigentlich andere gäbe, die bei der dritten Stufe viel bessere Chancen haben als ich. Dieses Jahr war die Zahl der Delegierten zur dritten Stufe durch die Pandemie auch noch besonders begrenzt, was mein schlechtes Gewissen noch größer gemacht hat. Offensichtlich bin ich auch noch Monate nach meiner Qualifikation dieses Denken nicht los.
Im letzten Jahr musste ich auch einige Misserfolge hinnehmen. Daraufhin habe ich es häufig hinterfragt, ob ich denn die Förderung, die ich angeboten bekomme, auch wirklich wert bin oder ob es gerechtfertigt ist, mich vor anderen als hochbegabt zu bezeichnen. Und darüber bin ich mir bis heute nicht sicher. Es hat mich dementsprechend viel Überwindung gekostet, diesen Blog zu starten, weil ich mich fragte, ob ich überhaupt qualifiziert bin, so über Hochbegabung zu sprechen und das auch als Alleinstellungsmerkmal zu sehen.
Gleichzeitig habe ich immer wieder die Befürchtung, dass Menschen mich für arrogant halten, wenn ich über meine Erfolge spreche. Tatsächlich habe ich da eher entgegengesetzte Erfahrungen gemacht. Ich habe oft auch mit ein paar Klassenkameraden über meine Leistungen, seien es einfach die Schulnoten oder Leistungen bei Wettbewerben, gesprochen und wie ich über meine eigene Leistung denke. Ich sehe dann selbst häufig meine Fehler und kommuniziere auch, dass ich mit meinen Leistungen so nicht ganz zufrieden bin. Dabei möchte ich das eigentlich ganz auf mich beziehen, da ich auch hohe Standards an mich selbst setze, und erwarte das überhaupt nicht von anderen. Man könnte sich jetzt fragen, ob das nicht ein ziemlich arroganter Gedanke ist. Der Reaktion meiner Klassenkameraden zu urteilen schon, die haben mich angeschaut und gesagt, dass ich mal nicht so jammern solle. Im Nachhinein kann ich das nachvollziehen. Wenn du am oberen Ende des Leistungsspektrums in einer Gruppe bist, ist es leicht zu sagen, dass man sich ja nicht mit den anderen Vergleichen sollte. Wenn man aber hört das andere mit eine Leistung unzufrieden sind, die für einen selbst großartig wäre, fühlt sich das wahrscheinlich sehr schlecht an, weil man ja nicht davon ausgehen will und sollte, dass man so wie so schlechter als der andere ist. Und der Mensch vergleicht sich gern. Und wir vergleichen uns am liebsten mit Menschen die besser, in welchem Kontext auch immer, sind.
Ich habe das Gefühl dazwischen balancieren zu müssen, zu mir und meinen Fähigkeiten zu stehen und nicht abzuheben und total arrogant zu werden. Denn es ist nicht so, dass ich nicht manchmal auch Höhenflüge habe, in denen ich fest davon ausgehe, das absolute Supergenie zu sein, das die Weltformel findet.
Was sollte kann man gegen dieses Dilemma jetzt tun? Ich denke, man versuchen, seinen Selbstwert nicht so sehr am letzten Erfolg oder Misserfolg fest zu machen. Das gelingt mir nicht immer gut, aber immer öfter. Zum Beispiel helfen mir Achtsamkeitsübungen oder Meditationen dabei, in dieser Hinsicht locker zu lassen. Außerdem gefällt mir folgende Idee, die ich letztens gehört habe**, sehr gut und entspannt mich: Bleib entspannt im Leben, es ist wahrscheinlich alles einigermaßen richtig, was du machst und es gehört zum Leben dazu manchmal einfach nur damit beschäftigt zu sein, die kleinen Hindernisse zu überwinden. Ein weiterer Ansatz ist, einfach zu beschließen, auf diesen Erfolg, egal ob klein oder groß, einfach mal stolz zu sein. Ein Lehrer hat zu mir mal gesagt, dass ich, wenn das nächste Mal so eine zweifelnde Stimme in meinem Kopf auftaucht, ich diese mal hernehmen soll und mir überlegen, was das eigentlich für ein Blödsinn ist, dass ich mir einrede nicht gut genug zu sein.
An dieses Thema knüpft vermutlich das Thema Ziele ganz gut an, und beim schreiben dieses Eintrages hatte ich dazu einige Ideen, das wird also wahrscheinlich bald auch hier erscheinen. Ich würde mich sehr über Feedback freuen und über Austausch, was andere zu diesem Thema denken.
* Die Mathematikolympiade ist ein Wettbewerb für Schüler im Klausurformat. Es gibt, zumindest in meinem Bundesland, die erste Runde an den Schulen, die zweite Runde als Ausscheid im Landkreis, die dritte Runde ist dann landesweit und wenn man dann noch das so genannte Landesseminar der besten im Landesausscheid durchläuft, kann man sich für die Bundesrunde qualifizieren.
** ich meine, die Idee stammt aus "Das Cafè am Rande der Welt" von John Strelecky












