Versuch #993: Die alte Frau
Es ist ein schöner Tag, wolkenlos, mit leuchtenden Farben und klarer Luft. Sie mag solche Tage. Früher, als sie jünger war, da wäre es ihr zu kühl gewesen, da mochte sie die Hitze, sie mochte das Gefühl von heißer, richtig heißer Luft im Gesicht. Das ließ sie die Kraft der Sonne spüren, ließ sie sich selbst lebendig fühlen. Und noch früher, als kleines Mädchen - ja, da mochte sie die Hitze auch, brauchte sie, um an den See zu gehen. Das war schön, als der See die einzig wichtige Rolle an einem Sommertag spielte. Jetzt ist sie eine alte Frau, mit Hitze kann sie nicht viel anfangen, die bringt ihren Kreislauf durcheinander. Sonnenschein und kühler Wind, das gefällt ihr jetzt viel besser. Im Park sitzen und die Pflanzen im Wind beobachten, auf der Bank zwischen Springbrunnen auf der einen Seite und Blumenbeeten auf der anderen, das macht sie wirklich gern.
Langsam läuft sie vorbei an den blühenden Stauden im großen bunten Blumenbeet, unter die noch jungen Linden, Linden, die jünger sind, als sie selbst, bis zum Springbrunnen. Das Wasser sprudelt heraus, in einem Strahl, einen halben Meter vielleicht, bevor es in die weiße steinerne Schale zurückfällt. Um den Springbrunnen herum wachsen auch Blumen, weiß und zartrosa, zärtlich und schüchter. Die Namen der Blumen kennt sie nicht, überhaupt kennt sie sich mit Blumen nicht aus, nur mit Gemüsesorten. Sie dreht eine Runde um dem Springbrunnen, hört das Wasser plätschern, hört den Wind mit den Lindenblättern spielen, läuft dann zurück auf den Weg, den sie gekommen ist, zu den Linden, zur Bank darunter. Dort bleibt sie sitzen, die Sonne trifft sie von rechts, die Sträucher wiegen sich im Wind, auch die weißen und gelben Wildblumen, die sich gegen den Rasen durchgesetzt haben, auch die hellgrünen Blätter, die der Allee und der Bank Schatten spenden.
So sitzt sie eine Stunde, manchmal länger, beobachtet die Amseln und Rotschwänze, beobachtet die Hunde und die Menschen, die die Leinen in den Händen halten, beobachtet, wie die Schatten sich verändern, während die Sonne höher steigt. Und wenn sie nicht mehr will, steht sie auf, geht zurück zu den Stauden, einmal um das Blumenbeet zurück, und dann nach Hause, in die große, leere Wohnung.












