Der Fall Tesla: Wie Filterblasen das Value Investing verÀndern
Ich habe vor einiger Zeit einen Artikel gelesen, in dem der Tod des Value Investing prophezeit wurde (was zum Ende eines Bullenzyklus an der Börse nicht ungewöhnlich ist). Interessant war die BegrĂŒndung dafĂŒr: Dadurch, das Informationen durch das Internet einfach und zeitnah verfĂŒgbar sind und zahlreiche Quant-Algorithmen Unternehmens- und Börseninformationen flĂ€chendeckend durchforsten, sei die Wahrscheinlichkeit fĂŒr Fehlbewertungen im Markt deutlich gesunken, da sie unmittelbar aufgedeckt und korrigiert werden.
Ob das wirklich so stimmt, kann ich nicht beurteilen. Was ich in den letzten Monaten jedoch fasziniert beobachtet habe, das ein anderer Aspekt der Digitalisierung neue Optionen fĂŒr das Value Investing bietet: NĂ€mlich Filterblasen. Sehr anschaulich zu beobachten am Beispiel von Tesla.
Ich habe in den letzten Monaten sehr intensiv die Entwicklungen um Tesla Motors und vor allem die Diskussion in den sozialen Medien verfolgt. Dabei zeigt sich, das Tesla, das GeschÀftsmodell und die Person des CEOs Elon Musk hochgradig polarisieren. Und statt dass es einen gemeinsamen DIalog zwischen Optimisten und Pessimisten gibt, bilden sich zwei sehr ausgeprÀgte Lager aus, die in einer selbstverstÀrkenden Welt leben. Hier sind die Hauptakteure:
Lager 1: Die Tesla-Bullen
Die Tesla-Bullen (also Leute, die glauben, dass die Aktie aktuell unterbewertet ist), argumentieren wie folgt:
hohe Begeisterung der Kunden fĂŒr die Tesla-Fahrzeuge (hinsichtlich Performance & Ergonomie & Lifestyle Value), hohe Nachfrage (z.B. 420â000 Reservierungen fĂŒr Model 3)
Starke Produkt- und GeschÀftsmodell-Pipeline: Model Y, Semi Lastwagen, Solar-Dachziegel, PowerWall (Speicher), Mobility as a Service (mit selbstfahrenden Fahrzeugen)
Elon Musk ist ein Genie, das die Welt in eine nachhaltige Zukunft fĂŒhrt
Diese Argumente orientieren sich oft weniger an den Fundamentaldaten des GeschÀfts, sondern erzÀhlen eine konsistente, attraktive Geschichte.
Zu den prominenten Vertretern zÀhlen der Youtuber Galileo Russell, der Investment Advisor Ross Gerber (von Gerber-Kawasaki), Cathie Wood, CEO von Ark Invest (Kursziel: 4000 USD), um nur einige zu nennen.
Lager 2: Die Tesla-BĂ€ren
Anders sieht die Argumentation auf Seite der Tesla-BĂ€ren aus. Sie verweisen im wesentlichen auf negative Faktoren des aktuellen GeschĂ€fts und stellen die Qualifikation der FĂŒhrung in Frage:
Tesla hat viele versprochene Meilensteine nicht erreicht oder nur verspĂ€tet (ProfitabilitĂ€t, Produktionsziele Model 3, âŠ)
Zentrale Aussagen von CEO Elon Musk haben sich nicht bewahrheitet (keine Kapitalerhöhung notwendig; Finanzierung fĂŒr ein Delisting von Tesla ist gesichert, âŠ)
Die Bilanz von Tesla zeigt ein Unternehmen mit hohem Insolvenz-Risiko (hohe Verschuldung, kontinuierliche, steigende Verluste, negatives Working Capital, stark skalierende Fixkosten)
CEO Musk ist kein genialer Erfinder, sondern propagiert Konzepte, die bereits in der Vergangenheit betrachtet wurden, aber wegen fundamentaler MĂ€ngel in der Wirtschaftlichkeit verworfen wurden â und er hat keine Lösungen/Innovationen, die die mangelnde Wirtschaftlichkeit beheben
CEO Elon Musk zeigt erratisches Verhalten: Beleidigung des an der Rettung der thailĂ€ndischen FuĂballmannschaft beteiligten Briten als PĂ€dophilen, Ausweichen von Analystenfragen im Q1 Conference Call. Dieses Verhalten lĂ€sst schlieĂen, dass Elon Musk wesentliche Eigenschaften vermissen lĂ€sst, die zur FĂŒhrung eines GroĂunternehmens erforderlich sind
Tesla hat es trotz temporĂ€rer Alleinstellung nicht geschafft, ein profitables GeschĂ€ft zu etablieren â mit der jetzt auf den Markt kommenden Konkurrenz von Porsche, Audi & Mercedes wird der Wettbewerbsdruck noch hĂ€rter
Wesentliche Vertreter des BÀren-Lagers sind Mark B. Spiegel von Stanphyl Capital, ein anonymer Blogger namens MontanaSkeptic auf Twitter (Account gelöscht) und SeekingAlpha, der von Elon Musk mundtot gemacht wurde, und zahlreiche weitere.
Wie entstehen die Filterblasen?
Die Filterblasen beider Lager entstehen dadurch, dass sie sich in Kommunikationskreisen bewegen, die im wesentlichen nur die Information Gleichgesinnter weiterverbreiten (Confirmation bias) und dadurch bestehende Auffassungen immer weiter verstĂ€rken. Das passiert unter anderem dadurch, dass sie Informationsplattformen nutzen, die nur fĂŒr ihre Interessensgruppe interessant sind (wie z.B. im Fall der Bullen das Tesla Motor Forum, in dem sich vor allem Tesla-Besitzer, aber eben auch Tesla-Aktienbesitzer austauschen).
Aber selbst auf Plattformen wie Twitter existieren beide Gruppen fröhlich nebeneinander und bestĂ€rken sich in ihren Meinungen, in dem sie nur den Usern folgen, die ihre Weltsicht bestĂ€tigen. Auf Seite der Bullen fĂŒhrt dies zu einer Glorifizierung des Unternehmens, seiner Wachstumsperspektiven, der Produkte, und vor allem des CEOs Elon Musk. Im Lager der BĂ€ren wird das Unternehmen in den Bankrott geredet und der CEO als LĂŒgner und BetrĂŒger diffamiert.
Nun passiert es immer mal wieder, dass Leute die GemĂŒtlichkeit ihrer Filterblase verlassen (mĂŒssen) und erstaunt sind, was sie auf der anderen Seite des Zauns finden. Durch die extremen Positionen entsteht dann oft kein konstruktiver Dialog, sondern ein Prozess, der fĂŒr Bullen und BĂ€ren vergleichbar ablĂ€uft: Die prĂ€sentierten âFaktenâ der Gegenseite werden nicht geprĂŒft und ggf. hinterfragt, sondern es wird ĂŒber die Motive der Person spekuliert, die sie âin die Welt setztâ. Wahlweise wird der anderen Seite NaivitĂ€t/RealitĂ€tsverweigerung oder ein destruktives/betrĂŒgerisches Interesse unterstellt und die Aussage damit vermeintlich diskreditiert. In extremen FĂ€llen wird versucht, die andere Seite zum Schweigen zu bringen, indem diskreditierende andere Aussagen der Person recherchiert werden oder versucht wird, die reale IdentitĂ€t der Personen aufzudecken (was unter anderem bei MontanaSkeptic passiert ist). Keine dieser Auseinandersetzungen fĂŒhrt zu einer Anpassung des eigenen Standpunkts, sondern fĂŒhrt zu immer drastischeren Aussagen (vermutlich aus dem GefĂŒhl heraus, von der Gegenseite nicht gehört zu werden).
Was hat das Ganze nun mit Value Investing zu tun? Aus meiner Sicht sind folgende Dinge f+r einen Value Investor von Bedeutung in dieser Situation: Der Aktienkurs von Tesla reflektiert aktuell fast ausschlieĂlich die Perspektive des Bullenlagers (Price-to-Sales von 3,6 in einem kapitalintensiven GeschĂ€ft und trotz fehlender Skaleneffekte und steigendem Cash-burn). Optimistisch angenommen, der Fair Value wĂ€re der Durchschnitt zwischen dem aktuellen Kurs und der Position der moderaten BĂ€ren (Kursziel 50 USD auf Basis von Automotive OEM multiples inkl. deutlichen Umsatzwachstums), dann sind wir bei einem fairen Wert von 165 USD (-40% vs. heute). WĂ€re die Differenz auf der Longseite, könnte man einfach investieren und abwarten. Das Problem ist: Wir sind auf der Short-Seite, und dort spielt neben dem Kurs auch die Zeit gegen uns (da wir fĂŒr Optionen oder Optionsscheine quasi die Finanzierungskosten des GegengeschĂ€fts mittragen). Was uns also bei Tesla fehlt, ist der Katalyst, der eine der Filterblasen kollabieren lĂ€sst und zu einer rapiden Wertkorrektur fĂŒhrt. Die Vergangenheit hat bei Tesla gezeigt, dass viele der BĂ€ren schon seit Jahren vergeblich auf dieses Platzen der Bullen-Filterblase gesetzt und gewartet haben. Die unterliegende Story (unabhĂ€ngig vom Wahrheitsgehalt) ist also sehr robust gegen âRealitĂ€tsschocksâ ist. So haben zum Beispiel die AnkĂŒndigung, nie wieder eine Kapitalerhöhung zu brauchen (um es dann wenig spĂ€ter doch zu tun), oder Produkte anzukĂŒndigen, die nicht kommerziell möglich erscheinen (wie das 35â000 USD Model 3), die GlaubwĂŒrdigkeit Elon Musks im Lager der Bullen offenbar nicht beschĂ€digt.
Aus meiner Sicht gibt es nur drei Events, die das Platzen der Bullen-Filterblase verursachen könnten. Dies wÀren
Tesla meldet Konkurs an (Chapter 11/ Chapter 7)
Elon Musk verlÀsst das Unternehmen
Es findet eine Kapitalerhöhung deutlich unter dem aktuellen Kurs statt (z.B. ~ 200 USD)
Das erste Szenario halte ich nicht fĂŒr ausgeschlossen, ich glaube aber, dass eine Kombination von (2) und (3) wahrscheinlicher ist. Das Elon Musk das Unternehmen verlĂ€sst oder verlassen muss, könnte z.B. durch die aktuellen Ermittlungen der amerikanischen Börsenaufsicht SEC im Zusammenhang mit dem âGoing Private Tweetâ verursacht werden, der als Versuch gedeutet werden könnte, den Aktienkurs zu manipulieren. Gleichzeitig könnten auch das Board of Directors auf eine Ablösung drĂ€ngen, weil sie RegressansprĂŒche von AktionĂ€ren fĂŒrchten, falls das Verhalten Elon Musks zu VermögensschĂ€den fĂŒhrt. Aktuell scheint Tesla trotz prekĂ€rer Finanzlage (~1 Mrd USD Verlust pro Quartal, negatives Working Capital ~2.6 Mrd USD) jedoch keine Anstrengungen fĂŒr eine Kapitalerhöhungen zu unternehmen (die auch notwendig erscheint, um weiteres Wachstum des Produktportfolios sicherzustellen). Vermutlich findet man zum aktuellen Kurs von 280 USD keine ausreichende Kaufbereitschaft im Markt fĂŒr eine Kapitalerhöhung. Eine Kapitalerhöhung zu deutlich geringeren Kursen wĂŒrde jedoch vermutlich einen Margin Call bei Elon Musk auslösen, da er private Kredite von mehr als 600 Mio USD mit seinen Tesla-Aktien besichert hat. Nach Kalkulationen von ZeroHedge wĂŒrde dieser fĂ€llig bei einem Kurs von ca. 230 USD.
Das wesentliche Problem fĂŒr den Value Investor: Solche möglichen Ereignisse sind schwierig vorauszusagen (=Market Timing) â und wenn sie eintreten, wird die Korrektur des Kurses so schnell verlaufen, dass die Chance bereits weitgehend verpasst ist.
Die Antwort, die ich fĂŒr mich gefunden habe: Ich versuche, den Entwicklungen im Umfeld von Tesla sehr zeitnah zu folgen (z.B. ĂŒber Twitter), um ein GefĂŒhl dafĂŒr zu bekommen, wie sich die Lage akut verĂ€ndert und ob sich Zeichen einer Krise verstĂ€rken. Aktuell halte ich den Verlust zahlreicher FĂŒhrungskrĂ€fte, insbesondere im Finanzbereich (unter anderem CFO und CAO (Chief Accounting Officer, nach 4 Wochen!)) fĂŒr ein Signal, dass es bald Neuigkeiten geben wird, die eine KursverĂ€nderung herbeifĂŒhren können. DarĂŒber hinaus verwende ich nur Optionen und Optionsscheine mit hinreichender Laufzeit (bis ins Jahr 2020).
Generell glaube ich nicht, dass Tesla unweigerlich in die Insolvenz gehen wird. Meine EinschĂ€tzung ist, dass Tesla als Premium-Nischenanbieter fĂŒr hochpreisige Sportwagen eine ausreichend tragfĂ€hige Marke hat. Ausgehend von dieser Basis mĂŒssten sie ihren Fokus auf die Schwachstelle der elektrischen Fahrzeuge legen â die zu schweren und zu teuren Batterien, und hier auf Skaleneffekte der gesamten Industrie, und nicht den Alleingang setzen. Anstelle das Know-how fĂŒr die Produktion der Autos selbst aufzubauen, wĂ€re eine Partnerschaft mit Magna, die hier hinreichend Erfahrung als Auftragsfertiger haben, sicher der einfachere Weg und effizientere Weg. Ich befĂŒrchte leider, dass hier Elons BedĂŒrfnis, es den etablierten Spielern zu beweisen, dass sie es besser können, eher hinderlich als förderlich ist (und die aktuelle Situation mit verschuldet).
Ausgehend davon sehe ich einen fairen Wert der Aktie bei 40-80 USD unter der Voraussetzung, dass ein umsetzungsfokussierter CEO eingesetzt wird und Elon allenfalls als Chief Innovation Officer das Unternehmen weiter begleitet (Ich glaube, es geht aber auch ohne ihn). Im Bereich ElektromobilitĂ€t haben Tesla gezeigt, dass sie insbesondere im Bereich der Usability und im Bereich der Lebenszyklus-Updates recht stark sind (aber auch nicht uneinholbar). Die Powerwall erscheint mir kommerziell zu frĂŒh (da die Batteriekosten noch zu hoch sind) und zu wenig differenziert (wenn die Batterien gĂŒnstig genug sind, werden viele andere auch Produkte anbieten). Das Solardach ist offenbar weniger ausgereift als es dargestellt wurde, und technisch bin ich noch nicht ĂŒberzeugt, dass bei so klein fragmentierten Zellen der Aufwand des elektrischen Anschlusses nicht die Vorteile aufwiegt. Beim Semi (Truck) halte ich eine Lösung fĂŒr den Verteilerverkehr (Vans und kleine LKWs) fĂŒr den logischeren Markteintritt. Hyperloop und Boring Company (wenn auch nicht Teil von Tesla) lassen nicht erkennen wie die prohibitiv hohen Kosten von Tunnelbohren und Vakuum ĂŒberwunden werden sollen (die Ideen sind als solche nicht neu). Zusammenfassend halte ich alles auĂerhalb des AutomobilgeschĂ€fts fĂŒr gedanklich und kommerziell nicht hinreichend ausgereift, um ihm eine Erfolgschance nördlich von 5% einzurĂ€umen. Was bleibt: Ein defizitiĂ€rer Automobilbauer mit einem fĂŒr eine selektive Zielgruppe attraktiven Produkt.
Fazit: Filterblasen kreieren Fehlbepreisungen von Aktien â aber können auch deren Auflösung verhindern
Aus meiner Sicht bieten Filterblasen Gelegenheiten fĂŒr Value Investoren, da sie Differenzen zum Fair Value befördern â gleichzeitig können sie aber diese ebenfalls auf lange Zeit stabil halten, so dass Disziplin & Treue zur Investmenthypothese besonders gefordert sind. Insbesondere auf der Shortseite können sie sogar die ProfitabilitĂ€t des Investments drastisch reduzieren.
Disclaimer: Ich halte Finanzinstrumente (Optionsscheine, Optionen) auf Tesla, die von fallenden Kursen der Aktie profitieren. Die hier dargestellten ErlĂ€uterungen sind keine Investmentberatung und keine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf der genannten Finanzinstrumente. Das Handeln mit Wertpapieren kann zum Totalverlust des eingesetzten Kapitals fĂŒhren.
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