Madara Uchiha besucht einen Schrein, auch wenn sein Geist leer ist.
(Ehemaliger Titel)
Gekonnt warf sie ihre schneeweißen Haare zurück, dann entzündete sie die Kerze, die zwischen ihnen stand und atmete den Duft nach Lavendel tief ein. Er entspannte, machte sie fast ein wenig schläfrig. In ihrer Trance goss sie ihnen grünen Tee ein, dann stellte sie die Teekanne leise ab und verschränkte ihre Hände in ihrem Schoß. Die unzähligen silbernen Ketten und Ringe spürte sie kalt durch ihr ebenso silbernes Gewand.
Ihr Gegenüber schaute sie völlig unbeeindruckt über die Flammen hinweg an, dann seufzte er und beäugte kritisch die Flüssigkeit, die in seinem Becher schwamm.
"Seid gegrüßt, was kann ich für Euch tun?"
Er drehte das Porzellangefäß in seinen Händen, nahm es dann hoch und roch daran, stellte es ab und seufzte noch einmal.
"Da ist aber nichts drin, oder?"
"Das ist Kräutertee, aus den Jasminblüten, die unten am See-"
"Nein, ich meine Kräuter. Sind da Kräuter drin?"
Sie senkte ihren Blick und trank einen Schluck Tee.
"Wenn Ihr bewusstseinserweiternde Substanzen meint, nein, die sind da nicht drin.", erklärte sie schließlich, völlig unberührt.
Er zuckte mit den Schultern. "Schade eigentlich..."
"Nun, womit darf die Priesterin Euch behilflich sein?", ignorierte sie den letzten Satz gekonnt.
"Ach, das ist doch Schwachsinn!", zischte er und pustete daraufhin die Kerzen einfach aus. Nur noch spärlich fiel das letzte Abendlicht durch die opalweißen Vorhänge, dennoch konnte sie seinen entnervten Gesichtsausdruck deutlich ausmachen.
"Ihr wart es, der zu mir gekommen ist, hattet Ihr dabei keine Intention?", wollte sie, ehrlich verwirrt, wissen.
"Ich bin nur hier, damit man mich damit endlich in Ruhe lässt, also lasst uns diese Geschichte mit der Segnung hinter uns bringen, ja?"
Irritiert zündete sie die zartvioletten Kerzen, eine nach der anderen wieder an, löschte das Streichholz und legte es in die dafür vorgesehene Schale.
"Genau sowas macht Ihr doch, oder nicht?", fragte er etwas ungeduldig.
"Normalerweise mit Menschen, die an ihre Götter glauben...", erwiderte sie scharf. "Aber gut, Eure Priesterin- ich werde Euch segnen, wozu auch immer das gut sein mag..."
Resigniert zog sie ihr silbernes Gewand etwas enger und erhob sich dann von ihrem handbestickten Sitzkissen. "Wenn Ihr mir bitte folgen würdet..."
"Ihr glaubt aber nicht wirklich daran, oder?"
Unbeirrt fuhr sie damit fort, seine Hände mit Jasminöl zu benetzen, ein unabdingbares Ritual der Segnung.
Eigentlich hatte sie ihn gebeten die Augen zu schließen, aber so wie es schon, war ihre Bitte auf taube Ohren gestoßen.
Angespannt lag er auf den silbernen Tüchern und beobachtete jede einzelne ihrer Bewegungen. Sie saß neben dem Mann, auf Knien, seine rechte Hand auf ihrem Schoß.
"Woran soll ich nicht glauben?"
„An diese Götter." Er machte eine ausschweifende Handbewegung, als er das sagte.
„An was glaubt Ihr?", fragte sie zurück.
Sie verkniff sich jeglichen Kommentar und bemühte sich, beide ihrer Augenbrauen da zu lassen, wo sie hingehörten. Die Geschichten, die sie über ihn gehört hatte, sprachen dafür, hierüber nicht zu diskutieren.
„Also, bin ich nun gesegnet?"
„Seid Ihr denn entspannt?"
Er schaute sie an, als hätte er diesen Begriff noch nie gehört. Dieses Mal konnte sie ein Seufzen nicht unterdrücken.
„Darf ich Euch um etwas bitten?"
„Kommt drauf an." Er runzelte die Stirn.
Sie nahm seinen Arm von ihrem Schoß und platzierte ihn neben seinem Körper auf den Tüchern. „Lasst Euch darauf ein. Für, sagen wir... fünf Minuten. Danach könnt Ihr mir gern sagen, was Ihr davon haltet, aber gebt mir wenigstens eine Chance."
„Also schön." Natürlich ignorierte er ihre Anweisungen und verschränkte die Arme vor der Brust. Und schmierte sich das Öl in die Kleidung. „Fünf Minuten. Nicht mehr."
Zufrieden nicke sie. In spätestens fünf Minuten würde er endlich gehen. Sie glaubte kaum, dass sie ihn kriegte, wenn er nicht daran glaubte, aber es sollte ihr egal sein. Vielleicht hätte sie wirklich was in seinen Tee tun sollen...
„Dann schließt Eure Augen." Dieses Mal auch wirklich. „Und atmet tief ein und aus."
Leise kniete sie sich an sein Kopfende, bedacht sich nicht auf seine Haare zu setzen. Vorsichtig strich sie ihm ein paar schwarze Strähnen aus seiner Stirn, dann legte sie ihm ihre Hand über seine Augen. „Denkt an was Schönes, Madara Uchiha."
Wie schwarzer Nebel empfing sie eine so unnatürliche Dunkelheit, wie sie sie selten gesehen hatte. Kein einziger Gedanke, kein Gefühl. Es war so still, dass sie nur noch ihre eigenen hören konnte. Sie wusste nicht ob es ihr hier gefiel oder ob es sie wahnsinnig machte. Wahrscheinlich von beidem ein bisschen.
Sie wäre sehr überrascht gewesen, wenn sie einfach so Zugriff auf Madara Uchihas tiefstes Inneres bekommen hätte, aber er schien ihr gar nicht zu vertrauen. Wahrscheinlich war er sich nicht bewusst, dass er sich gerade vor ihr schützte, wahrscheinlich reichte sein Misstrauen ihr gegenüber aus um seinen Geist vollständig vor ihr zu verbergen.
Aber er war es doch, der zu ihr gekommen war...
Nur weil er musste? Wie hatte er das gemeint?
Ihr Hals fühlte sich so an, als würde man ihr die Luft zum Atmen nehmen. Es war heiß und stickig und gleichzeitig war ihr so kalt, als würde es tief in ihr anfangen zu frieren. Sie liebte es, sie hasste es. Sie erstickte und doch wollte sie mehr.
Sie sollte sich zurückziehen bevor es sie vollständig einnahm. Oder er was merkte.
Langsam ließ sie ihr Chakra zurück in ihre eigenen Hände fließen, dann strich sie ihm ein letztes Mal über die Stirn.
„Wie fühlt Ihr Euch?", fragte sie, sobald sie sicher sein konnte, dass ihre Stimme nicht mehr zitterte. Er durfte es auf keinen Fall merken.
„Unverändert.", sagte er knapp. Wahrscheinlich war das das erste Mal, dass sie ihm in beide Augen schauen konnte, jetzt wo sie so über ihm saß. Wahrscheinlich war es auch das letzte Mal.
Ein wenig zu bedauern, eine so starke Barriere hatte sie selten gesehen, doch es war wie es war.
„Nun das ist besser, als wenn Ihr Euch schlechter fühlen würdet.", seufzte sie. Sie nahm sich selbst etwas vom Öl und verrieb es in ihren Handflächen, ihre Hände waren eiskalt.
„Und andere fühlen sich hier nach wirklich besser?"
„Normalerweise ja. Aber die glauben auch daran."
Er selbst sieht fast sogar schlechter aus als vorher. Erschöpft setzt er sich auf, wobei er meine helfende Hand beiseite schiebt.
„Eure fünf Minuten sind um, ich bevorzuge es, nicht angefasst zu werden."
Während sie das stumm zur Kenntnis nahm, streckte er seinen Rücken durch, fuhr sich durch die Haare, und stand dann auf.
„Ich würde auf Wiedersehen sagen, aber das wäre zu viel des Guten... Ich finde allein raus." Ein letztes Mal bedachte er sie mit einem abschätzigen Blick.
Sie hätte ihm wirklich Kräuter in seinen verdammten Tee tun sollen...
Es war spät, als sie den Schrein verließ, einen Beutel gefüllt mit Spenden sicher unter ihrer schneeweißen Robe.
Ihr glaubt aber nicht wirklich daran, oder?
Sie war sich sicher, sie glaubte nicht mehr an die Götter, seit dem ihre Mutter gegangen war. Aber sie glaubte an ein warmes Bett und etwas zu essen. Und daran, dass ihre Fähigkeiten nur dann sicher wären, wenn alle anderen glaubten, es sei ein Geschenk der Götter.
Madara Uchiha hatte vielleicht gut geraten, sie aber nicht durchschaut. Mochte sein, dass er sie für eine Spinnerin hielt, aber was hatte das schon für eine Bedeutung? Sie beide würden sich nie wieder sehen.
Zwar beschlich ihn das leise Gefühl, über ihn wurde gesprochen, doch gerade hatte er keine Zeit um sich darüber Sorgen zu machen. Zu viel davon hatte er heute Nachmittag in diesem Schrein verschwendet. Es gab noch viel zu tun. Dinge von heute, Dinge die er bereits letzte Woche vom Tisch hätte haben sollen und morgen früh gleich eine Konferenz. Es war nicht die erste Nacht, die er durcharbeitete und definitiv nicht die letzte.
Müde blickte er aus dem Fenster hinter sich, raus in den tiefschwarzen Nachthimmel. Um sich wachzuhalten, wechselte er oft zwischen Schreibtisch und Fußboden hin und her und gerade saß er im Schneidersitz auf den Tatamimatten, um sich herum ein winziges Chaos aus Federn, Tinte und Papierrollen. Und er war wieder so furchtbar müde.
Doch schlafen half nicht, das wusste er. Madara Uchiha hatte seit dem Tag, an dem er seinen Vater beerdigt hatte, nicht mehr richtig geschlafen. Wann immer er sich hinlegte, tat er kein Auge zu. Oder wälzte sich bloß hin und her. Oder nickte für ein paar Minuten ein nur um schweißgebadet wieder hochzuschrecken. Also konnte er es genauso gut lassen und stattdessen arbeiten. Und wenn er nicht arbeitete, dann stand er auf dem Trainingsplatz. Er war ein Krieger, ein Shinobi, er würde das noch sehr lange durchhalten können.
Und während am anderen Ende des Waldes, nicht weit vom Uchihadorf ein weißhaariges, junges Mädchen zu Bett ging, lehnte Madara Uchiha sich mit seinem Rücken an seinen Schreibtisch und wagte es kurz die Augen zu schließen. Und öffnete sie nicht einmal, als sein jüngerer Bruder ungefragt in sein Arbeitszimmer stürmte.