Olaf-Levonen-Preis fĂĽr Antonia Forcht und Samira Keshani
Die Masterthesis „if“ erhielt nicht nur eine sehr gute Note, sondern sie wurde darüber hinaus mit dem Olaf-Levonen-Preis im Rahmen eines Festaktes an der HAWK Fakultät Gestaltung ausgezeichnet.
Prof. Stefan Wölwer erklärte in der Laudatio die Gründe:
„Sehr geehrte Damen und Herren, vor allem liebe Absolventinnen und Absolventen,Â
mit Ihrem erfolgreichen Designstudium haben sie sich bestens auf die kommenden Jahre vorbereitet. Es gibt einen riesigen Bedarf an gutem Design, wir mĂĽssen unsere Zukunft aktiv mitgestalten und Aufgaben gibt es ja genug, die Bachelor und Master-Ausstellung hier zeigt sehr gute Beispiele. Das sollte also alles bestens laufen, mit dem Berufsleben.
Wie sieht es aber mit der Zeit danach aus? Sind sie vorbereitet auf die Jahre, wenn Körper und Geist nicht mehr ganz so schnell unterwegs sind? Bei Ihnen ist es ja noch etwas hin, aber sprechen Sie mit Ihren Eltern, mit Ihrer Familie darĂĽber, wie diese später einmal gepflegt werden möchten? Das ist kein leichtes Thema, aber ein sehr wichtiges und eines der Megathemen unserer Zeit.Â
Der Philosoph Wolfgang Welsch wies bereits 1990 darauf hin, dass sich Design »zunehmend von der Objektgestaltung […] zur Rahmengestaltung[1]« verlagert. Es geht also, verkürzt gesagt, nicht mehr nur darum, für Oma einen bequemen Fernsehsessel zu gestalten, sondern darüber nachzudenken, wie ein würdiges Leben im Alter insgesamt aussehen sollte und welche Rahmenbedingungen dafür notwendig sind. Wie können Familien unterstützt werden? Woher wissen die Pflegekräfte, was Oma und Opa in ihrem Leben gerne gemacht haben, um sie optimal zu betreuen?
Die beiden Preisträgerinnen des Olaf-Levonen-Preises haben sich mit genau dieser Herausforderung, der Vorbereitung auf ein würdiges, selbstbestimmtes und individuelles Leben im Falle einer Pflegebedürftigkeit beschäftigt. Und dies taten sie in hervorragender Art und Weise. Das begann schon damit, dass sie sich zunächst intensiv mit der Formulierung der richtigen Fragestellung beschäftigten und viel Zeit in Pflegeheimen verbracht haben, um den Alltag dort erstmal kennenzulernen. Sie sprachen mit Betroffenen, mit Expertinnen und Experten und setzten die Methoden der Designforschung kompetent ein, um die Fragestellung zunächst im Sinne des Double Diamond Prozess erst einmal zu öffnen und alle Stakeholder mit einzubeziehen.
Sie haben sich eben nicht auf das, was wir als sogenannte Kreativität benennen, verlassen, denn dieser eigene kreative Korridor ist im Verhältnis zur Größe und Umfang der Aufgabenstellung oftmals ziemlich eingeschränkt. Vielmehr führte der von ihnen geführte methodische und gestalterische Prozess zu einem hervorragenden Ergebnis.
Dieses Ergebnis, bestehend aus materiellen und immateriellen Artefakten, beschreibt einen Service, der Pflegekräften, Familien, Freunden und vor allem Pflegebedürftigen dabei hilft, auch mit geistigen und körperlichen Einschränkungen ein gutes Leben zu führen. Der Service überwindet die Barrieren in unseren Köpfen, wenn es darum geht, sehr persönliche und emotionale Entscheidungen zu treffen.
Die beiden Preisträgerinnen sagen aber nicht, wie die Zukunft sein soll, denn das wäre ziemlich anmaßend. Vielmehr stellen sie eine mögliche Zukunft im Rahmen einer Design Fiction zur gemeinsamen Diskussion – bevor uns die Solutionisten aus dem Silicon Valley diese Zukunft ungefragt vor die Nase setzen.Der Philosoph und Physiker Prof. Armin Grundwald sagt: „Stattdessen müssen wir das Denken in Alternativen entwickeln: alternative Möglichkeiten statt alternativloser Anpassung. Dann wird Gestaltung möglich, sicher nicht in allen Bereichen und zu jedem Produkt, aber wenigstens in denen, die unsere Zukunft maßgeblich mitprägen. Ja, Gestaltung kann anstrengend sein, sicher anstrengender, als auf dem Sofa zu sitzen und darüber zu klagen, dass man ja doch nichts machen kann. Aber es lohnt sich. Wir können etwas tun, wir müssen es nur wollen.[2]“
Meine sehr geehrten Damen und Herren, die beiden Preisträgerinnen des Olaf-Levonen-Preises haben sich angestrengt und diese Anstrengung hat sich sehr gelohnt. Es ist eine hervorragende Arbeit und bitte applaudieren sie herzlich Antonia Forcht und Samira Keshani!
[1] Welsch, W.: Ästhetisches Denken, 8. Auflage 2017, Ditzingen 1990, S. 232.[2] Grundwald, A.: „Der unterlegene Mensch – Die Zukunft der Menschheit im Angesicht von Algorithmen, künstlicher Intelligenz und Robotern“, riva Verlag, München, 2019, S. 161